Dr. Manuela Macedonia im Interview

Dr. Manuela Macedonia ist regelmäßig als Vortragende im Ars Electronica Center und ist verantwortlich für die Reihe "Gehirn für Alle". Wie sie zu dem Thema gekommen ist, was in den nächsten Wochen und Monaten zu sehen sein wird, verrät sie im Interview.

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Credit: Max-Planck-Institut für Kognitations- und Neurowissenschaften Leipzig

Dr. Manuela Macedonia ist regelmäßig als Vortragende im Ars Electronica Center und ist verantwortlich für die Reihe „Gehirn für Alle“. Wie sie zu dem Thema gekommen ist, was in den nächsten Wochen und Monaten zu sehen sein wird, verrät sie im Interview.

Wie ist Ihre Faszination in Richtung Gehirn entstanden, wie hat sie sich entwickelt?

Ich bin Linguistin. Wie Sprache im Gehirn funktioniert, hat mich immer interessiert. Als ich Anfang der Achtziger studierte, beschränkte sich die Forschung in diesem Bereich gerade auf die verschiedenen Arten von Aphasie, also von Sprachverlust nach einer Gehirnverletzung. Und diese Forschung war im medizinischen Bereich angesiedelt. Man musste Medizin studieren, um an Elektroenzephalographie-Geräte heran zu kommen. Es gab damals noch keine kognitiven Neurowissenschaften, die untersuchten, wie der Mensch denkt, lernt, fühlt…

Die kognitive Neurowissenschaft konnte sich erst durch das Aufkommen der Computer entwickeln: Jegliche Methode, die diese Disziplin verwendet, basiert auf statistischer Datenverarbeitung. Eine funktionelle Magnetresonanztomographie ist kein Foto des menschlichen Geistes. Der Tomograph erzeugt riesige Mengen von Daten, die verarbeitet werden müssen, damit man Hypothesen verifizieren kann. Unsere Computer erledigen komplexe statistische Analysen in wenigen Stunden. Früher rechneten Wissenschaftler Wochen und Wochen an einem Experiment.

Also musste ich mich mit meiner Faszination für das Gehirn nach dem Diplom einige Jahre gedulden, bis die kognitiven Neurowissenschaften entstanden. Ende der neunziger Jahre schrieb ich meine Dissertation bei Prof. Dr. Klimesch, einem international anerkannten Gedächtnisspezialisten an der Universität Salzburg. Ich bekam Antworten auf meine Hypothesen, aber durch diese Auseinandersetzung entstanden noch mehr Fragen. Danach war es klar, dass mich mein Weg in die Grundlagenforschung führen würde. Ich hatte das Glück, Prof. Angela Friederici, Direktorin des Max-Planck-Institutes für Neurowissenschaften Leipzig, mein Forschungsvorhaben präsentieren zu dürfen. Ein zehnminütiges Gespräch reichte, um sie zu überzeugen. Sie fragte bloß „Wann wollen Sie anfangen?“ Und so ging ich nach Leipzig und für mich tat sich dort ein ganzes „Universum“ auf, das mich nicht mehr losgelassen hat.


Auf dem Bild ist der Premotorcortex zu sehen, der für die Koordinierung der Bewegungen des Körpers verantwortlich ist.

Werden die Erkenntnisse der Neurowissenschaften Einfluss auf Bildung oder Gesellschaft haben?

Selbstverständlich! Sie haben schon Einfluss in viele Bereiche unserer Gesellschaft gewonnen, aber für meinen Geschmack noch zu wenig. Manche Interessensgruppen meinen, die Neurowissenschaft sei etwas, das im Forschungszentrum stattfindet und dort zu bleiben hat. Diese Leute haben leider noch nicht verstanden, wie wertvoll dieses Wissen in seiner praktischen Umsetzung für uns alle ist. Vor allem im Bereich Bildung sehe ich die Notwendigkeit momentan ganz klar, neurowissenschaftliches Wissen in die Aus- und Fortbildung von Pädagoginnen und Pädagogen zu transferieren. Lehrerinnen und Lehrer verändern das Gehirn der Menschen, die sie begleiten. Sie können durch ihr Wirken diese Menschen zu Höchstleistungen führen, sie glücklich und zu erfolgreichen Mitgliedern unserer Gesellschaft machen. Zu wissen, wie das Gehirn funktioniert, bedeutet für Pädagoginnen und Pädagogen, dass sie ihre Werkzeuge optimal einsetzen, Lernprozesse bewusst einleiten und gekonnt steuern können. Ich hoffe, dass die Zeiten der Thesen und Antithesen – ob eine Methode gut oder schlecht ist – bald vorbei sind. Viel zu lange hantiert man schon mit Trial-and-Error-Verfahren, vor allem dort, wo Error praktiziert wird, ist es mit Verlust von Ressourcen für den einzelnen Menschen aber auch für die Gesellschaft verbunden. Schade für die vielen Chancen, die verloren gehen, schade, wenn man aus dem Kopf junger Leute weniger macht, als man machen könnte.

Was können wir von Ihrem Vortrag „Der Einfluss von Musik auf das Gehirn“ erwarten?

Zunächst gehe ich auf die Netzwerke ein, die im Gehirn für die Wahrnehmung verschiedener Aspekte von Musik zuständig sind und, inwiefern Expertise diese Wahrnehmung verändern kann. Mechanismen des Musizierens kommen danach zur Sprache. Interessant für Musikliebhaber wird auch der Bereich der Emotion in Bezug auf Musik sein: Warum können wir bei einem Musikstück weinen oder glücklich sein oder uns an einen Menschen erinnern? Last but not least sind Inhalt des Vortrages auch sogenannte Transfereffekte von Musik auf andere Bereiche, vor allem warum Musizieren Menschen kognitiv leistungsfähiger macht.

Welche Vorträge werden in den nächsten Wochen folgen?

Am 15. November behandle ich das Thema Legasthenie aus neurowissenschaftlicher Sicht: Unterschiede in der Anatomie und Funktion der Gehirne von Menschen, die Legasthenie haben. Es handelt sich um ca. 7% der Bevölkerung, dieses Problem betrifft also durchaus viele Menschen. Ich möchte das Publikum davon überzeugen, dass unsere Gesellschaft ausgerechnet zu diesem Thema neurowissenschaftliches Wissen verwerten kann und von esoterischen pseudotherapeutischen Ansätzen Abstand nehmen sollte. Ich werde auch kurz über die Neuigkeiten in der Szene berichten: Anfang November bin ich in Leipzig auf einer Konferenz, in der die Forschungsarbeit von zwei sehr namhaften Arbeitsgruppen präsentiert wird. Sie haben sich zu einem Großprojekt zusammen geschlossen, um alle Facetten der Legasthenie zu erkunden und Therapieansätze zu entwickeln (mehr dazu http://www.cbs.mpg.de/press/news/01-12)

„Gehirn für alle – Der Einfluss von Musik auf das Gehirn“ ist am 18.10.2012 um 18:30 Uhr im Ars Electronica Center zu sehen.