ARTS2: Die Kunst des Programmierens

Die Campus-Ausstellung 2014 widmet sich diesmal den Arbeiten der belgischen Kunstakademie ARTS2 aus Mons, der Europäischen Kulturhauptstadt 2015. Im Interview stellen die Professoren Michel Cleempoel und François Zajéga das multidisziplinäre Studium „Digital Arts“ genauer vor.

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„Teddy Fear“ ist der Titel eines der Computerspiele. Foto: Alison Godry

Es ist mittlerweile längst zur Tradition geworden, dass der Studiengang „Interface Cultures“ der Linzer Kunstuniversität zur Campus-Ausstellung lädt, in der nicht nur Arbeiten der eigenen Studierenden gezeigt werden, sondern seit zehn Jahren auch jedes Mal Werke von Partneruniversitäten außerhalb Österreichs ihren Platz finden. Während des Festival Ars Electronica 2014 von 4. bis 8. September 2014 finden in den Räumlichkeiten der Kunstuniversität am Linzer Hauptplatz diesmal die Medienkunstwerke der StudentInnen aus dem belgischen Mons ihren Platz, der Europäischen Kulturhauptstadt 2015. „ARTS² – École supérieure des Arts“ präsentiert mit der Ausstellung „Programmer ou être programmé“ 20 Arbeiten aus dem Fachbereich „Digital Arts“, den die Kuratoren und Professoren Michel Cleempoel und François Zajéga in diesem Interview nun näher vorstellen. Kunst und Wissenschaft sind dabei untrennbar miteinander verbunden; das Programmieren von Medienkunst kommt dabei nicht zuletzt, sondern wird schon von Beginn an mitbedacht.

Was ist das Besondere an ARTS²?

François Zajéga: Bevor ARTS² vor zwei Jahren gegründet wurde, gab es drei unterschiedliche Bereiche – Visual Arts, Musik und Theater. Diese wurden damals in eine Kunstakademie zusammengeführt. Mit anderen Bereichen zu arbeiten war für uns eine gute Chance, vor allem im Bereich der „Digital Arts“. Das ist auch das, was diese Einrichtung so besonders macht in Belgien: Alle drei Bereiche teilen dieselbe Infrastruktur.

Arsène Lone, ein Flash-Spiel von Gaël Maistriau (BE), Foto: Gaël Maistriau

Sie lehren im Fachbereich „Digital Arts“ an der ARTS² – worauf legen Sie besonderen Wert?

Michel Cleempoel: Der Fachbereich Digital Arts ist dem Bereich Visual Arts zugeordnet und besteht nun seit zehn Jahren. Es ist ein universitätsähnliches Bachelor-Studium, das drei Jahre lang dauert. Hier lernen die StudentInnen alle technischen und kreativen Prozesse kennen. Darauf kann ein zweijähriges Masterstudium folgen, bei dem die StudentInnen ihre eigenen Arbeiten entwickeln und die gelernten Techniken dabei anwenden. Hier liegt der Fokus auf der künstlerischen Qualität, der experimentellen Dimension und der Eigenständigkeit bei der Forschungsarbeit. ARTS² ist die einzige Bildungseinrichtung im französischen Teil von Belgien, die den Fachbereich Digital Art beinhaltet, bei dem das Programmieren über alle Jahre berücksichtigt wird. Der Fachbereich Digital Arts geht ein auf digitale Medien wie Grafik, Bilder, Web, Animation, Programmierung, Video, 3-D, Sound, und so weiter. Wir legen einen besonderen Wert auf Kreativität und Interdisziplinarität, aber das ist enger gemeint als das, was man als „Neue Medien“ bezeichnet. Der Kern des Studiums basiert nämlich auf Programmierung. Zum Beispiel produzieren wir nicht nur Videos, wir versuchen auch interaktive Videoinstallationen zu machen – nicht nur Videos also, die passiv betrachtet werden können. Der Unterricht beinhaltet auch eine ethische Dimension über Technologie und Gesellschaft.

Wir möchten, dass unsere StudentInnen fähig sind, digitale Technologien als verantwortungsvolle BürgerInnen zu nutzen.

Floating Island ist eine interaktive Installation für Augen und Ohren, Foto: Sophie Delafontaine, Allison Godry, Cédric Lambot

Was können wir zur Campus-Ausstellung während des Festivals erwarten?

François Zajéga: Der Titel unserer Ausstellung lautet im Englischen “To program not to be programmed”. Die wörtliche Übersetzung von “Programmer ou être programmé” aus dem Französischen macht darauf aufmerksam, dass wir unsere Werkzeuge beherrschen sollen, auch das Schreiben von Programmcode, und dass wir uns nicht von ihnen versklaven lassen sollen. Das bedeutet, dass StudentInnen das Programmieren als übliches Werkzeug betrachten. Es ist nicht etwas Optionales, das erst am Ende eines Prozesses dazukommen kann. Bei jedem Schritt, den sie machen, müssen sie die Programmierung im Hinterkopf behalten. Natürlich ist es wichtig, die Adobe Creative Suite zu lernen, aber sie werden auch ermutigt, ihre eigenen Tools zu entwickeln.

In der Ausstellung zeigen wir verschiedene interaktive Videoinstallationen und Visuals. Es wird auch elektronische Geräte geben, die mit Arduino-Boards entwickelt wurden. Natürlich haben wir auch einige Spiele mit dabei. Der Hauptteil, den wir zeigen, ist mit der Programmiersprache Processing entwickelt worden. Wenn wir das Programmieren lernen, bevorzugen wir einen Open-Source-Ansatz, der hauptsächlich auf Processing basiert. Zum Beispiel: Einer unserer Studenten ist fasziniert von Sprache und verwendet eine künstliche Stimme, um automatisierte Poesie zu erzeugen. Zwei der interaktiven Installationen, die wir zeigen, sind gemeinsam mit unserer Fachabteilung Elektroakustische Musik entstanden.

Die Arbeiten sind also die Ergebnisse des Studiums?

Michel Cleempoel: Fast alle Arbeiten, die wir bei der Campus-Ausstellung zeigen, bestehen aus Projekten, die in diesem Jahr entstanden sind – die StudentInnen arbeiteten ein oder zwei Monate an einem Projekt, um es zu finalisieren. Sie alle haben ihr Spezialgebiet und ihr eigenes Forschungsfeld. Und – zu guter Letzt – wählen sie ihr Thema selbst und bringen ihre persönlichen Projekte in die Master-Kurse mit ein. Der eine ist am Gaming interessiert, die andere arbeitet gerne mit Video oder automatisierter Elektronik. Wir begleiten sie bei ihrem Prozess und geben ihnen Ratschläge. Wir versuchen das Forschungsfeld so groß wie möglich aufzuziehen und organisieren während des Jahres mehrere Workshops. Das ist sehr effizient. Diese Workshops sind dazu gedacht, um ihnen Denkanstöße für ihre Arbeiten zu geben. Wir organisieren auch Sessions mit Numediart, ein Institut von UMONS (Universität Mons), um die Lücke zwischen Wissenschaft und der Welt der Kunst zu schließen.

Bei Umbra dreht sich alles um ein schüchternes Mädchen, Foto: Laura Maugeri

Und die StudentInnen kommen auch zum Festival…

François Zajéga: Zehn StudentInnen werden nach Linz während des Festival Ars Electronica 2014 kommen. Der Austausch mit anderen internationalen StudentInnen ist sehr wichtig. Natürlich wird es auch Treffen mit den StudentInnen der Interface Cultures von der Kunstuniversität Linz geben. Normalerweise reisen die StudentInnen nicht so viel hinaus aus Belgien. Das ist also eine gute Gelegenheit, um den Rest der Welt zu erkunden, professionelle Kontakte zu knüpfen und um mehr zu sein als nur TouristInnen. Es ist wirklich wichtig für die StudentInnen, zum Festival Ars Electronica kommen zu können.

In der europäischen Kultur ist es meist so, dass man zwischen Kunst und Wissenschaft unterscheidet. Für uns ist diese Trennung natürlich nicht wirklich wichtig, gerade für Digital Art – wir verwenden Technologie ja jeden Tag!

Deshalb kommen wir zur Ars Electronica, um etwas hier im französisch-sprachigen Belgien bewegen zu können. Wir werden nicht immer als Fachbereich für Kunst akzeptiert wie MalerInnen oder BilderhauerInnen, aber wir befinden uns am Schnittpunkt von Kunst, Technologie, Kommunikation, Grafikdesign, …

Wenn die StudentInnen mit ihrem Studium fertig sind – sind sie dann KünstlerInnen oder TechnikerInnen?

Michel Cleempoel: Technische KünstlerInnen beschreibt es sehr gut. Eine unserer Stärken in unserem Bereich ist, dass es Leute gibt, die zwischen Kunst und Technologie wählen können. Sie können entweder mehr als TechnikerInnen arbeiten oder eher als KünstlerInnen. Sie können wechseln. Wir wünschen uns, dass sie in beiden Bereichen gut sind, aber die StudentInnen können sich für ihre Seite entscheiden.

Die Ausstellung „Programmer ou être programmé“ ist von 4.9. bis 8.9.2014 in der Linzer Kunstuniversität am Hauptplatz während des Festival Ars Electronica 2014 zu sehen. Auf ars.electronica.art/c finden Sie weitere Programmpunkte des Festivals.