STEAM Imaging: Wenn Kunst und Wissenschaft zusammenkommen

WissenschaftlerInnen, SchülerInnen und eine Künstlerin zusammenzubringen, dabei disziplinäre Grenzen zu überwinden, flexible Formen des Lernen und Zusammenarbeitens zu entdecken und den Umgang mit neuen Technologien zu stärken, das waren die Ziele des Artist-in-Residence-Projekts STEAM Imaging. Bianka Hofmann, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei Fraunhofer MEVIS, zieht im Interview ihre Bilanz.

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Wie hat es funktioniert, Kunst und Wissenschaft ein Stück weit näher zu bringen? Wie unterscheiden sich deren Zugänge, was hat gut funktioniert und wo gibt es Verbesserungsmöglichkeiten? Bianka Hofmann hat „STEAM Imaging“, ein Projekt von Fraunhofer MEVIS und Ars Electronica, das im Rahmen des European Digital Art and Science Networks mit der Künsterlin Yen Tzu Chang im Jahr 2017 realisiert wurde, entworfen und gemeinsam mit der MEVIS Wissenschaftlerin Sabrina Haase umgesetzt. Am 5. Juni 2018 lädt nun die Fraunhofer-Gesellschaft in der Reihe „Art meets Science“ zu einem Diskussionsabend über die Komplexität in Kunst und Medizin und die möglichen Folgen der technologischen Entwicklung ein, bei dem die Künstlerin Yen Tzu Chang ihre daraus entstandene Performance „Whose Scalpel“ präsentiert. Wir haben mit Bianka Hofmann über den Verlauf des Projekts gesprochen.

Fraunhofer MEVIS hat erstmals eine Residency einer Künstlerin in ihrer Einrichtung in Bremen ermöglicht. Welche Erfahrungen haben diese Zusammenarbeit geprägt?

Bianka Hofmann: Wir haben uns außerordentlich gefreut, als die Ars Electronica kurzfristig in das Projekt einstieg und das Konzept mit uns umsetzte. Sie haben die Residency dahingehend erst ermöglicht: Wir hatten einen engen Zeitplan und waren auf eine professionelle Betreuung bei der Auswahl der Künstlerin bzw. des Künstlers angewiesen. Wir sind dankbar, dass die Ars ihre Expertise und ihr Netzwerk – ausgedrückt durch Vorschläge und Einreichungsanforderungen an KünstlerInnen – einbrachte. Das war wertvoll und führte uns zu der außergewöhnlichen jungen Künstlerin Yen Tzu Chang, die in diesem Pilotprojekt ausgewählt wurde. Wir fanden es zielführend, dass die Auswahl gemeinsam von Ars Electronica und von Fraunhofer MEVIS getroffen wurde. Bemerkenswert ist auch, dass sich die Ars Electronica auf unsere Version eines zweitägigen SchülerInnenworkshops einließ, der im Rahmen der International Talent School Bremen stattfand. Sie unterstützte uns, Kontakte mit einer Schulklasse vor Ort in Linz zu knüpfen.

Allerdings haben wir auch festgestellt, dass eine präzisere Rollenverteilung der beteiligten TeammitgliederInnen auf Seiten Fraunhofer MEVIS und Ars Electronica wichtig gewesen wäre, insbesondere um die verschiedenen Arbeitskulturen und Erwartungen seitens Künstlerin, Organisationen und beteiligten WissenschaftlerInnen abzugleichen. Eine Herausforderung war natürlich auch, Rahmenbedingungen von einem Festival mit jenen einer anwendungsbezogenen wissenschaftlichen Einrichtung, die in den engen Zeitplänen von Industriezulieferungen arbeitet, zusammen zu bringen.

Workshop

Der SchülerInnen-Workshop im Ars Electronica Center Linz. Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Sie haben den SchülerInnen-Workshop, dessen Entwicklung Bestandteil der Residency war (von STEM to STEAM), extern evaluiert. Was würden Sie anders machen?

Bianka Hofmann: Hands-On-Projekte im Sinne von „Maker Spaces“ für die nächste Generation haben bei Fraunhofer MEVIS eine lange Tradition. Doch haben wir für die gegenseitigen Lehr- und Lernprozesse zwischen WissenschaftlerInnen und Künstlerin nicht ausreichend Zeit eingeplant. Wir sind froh in Yen Tzu Chang eine „Kollegin auf Zeit“ gehabt zu haben, die zu allem bereit war – sowie die MEVIS-KollegInnen, deren Engagement herausragend war. Wir würden zukünftig von Anfang an aktiv LehrerInnen der Klassen, mit denen wir arbeiten, einbinden, um uns besser an die spezifischen SchülerInnengruppen anzupassen und die Anknüpfungspunkte vorzubereiten.

Grundsätzlich ist uns klar geworden, dass wir in unseren STEM-Workshops bereits eine ganze Menge Schnittstellen mit der Kunst hatten. Das konnten wir jetzt weiter ausbauen: So haben wir die Software, die wir für den SchülerInnenworkshop nutzen und die eine reduzierte Version der Plattform MeVisLab ist, für den Linzer Workshop webbasiert aufbereitet. In einem weiteren Schritt haben wir gemeinsam mit der Künstlerin Hannah Klatt die Trainingsmaterialien bearbeitet, eingebunden und mit einer Tonspur ergänzt. Wir testen im Sommer das erste Mal diesen Workshop namens „Inside Insight“ als zweieinhalbstündiges Onlineseminar in englischer Sprache. Es wäre schön, zukünftig mit ExpertInnen die Entstehung von Innovationen und die kreativen Interaktionen zwischen WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen und weiteren Akteuren wie SchülernInnen psychologisch, soziologisch und kognitiv weitergehend zu untersuchen, um neue Wege in der akademischen Ausbildung auszuloten.

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Wie unterscheiden sich eigentlich die Herangehens- und Arbeitsweisen von Yen Tzu Chang und den MEVISWissenschaftlerInnen?

Bianka Hofmann: Yen Tzu hatte während ihrer Zeit neben der absoluten Offenheit für die Fachthemen eine beobachtende und fast ethnologische Herangehensweise an alle Situationen – was bedeutete, dass sie sich zurückzog, bis sie ihre Schlüsse ausgereift waren, um dann aus neuem Winkel auf die Situation und uns WissenschaftlerInnen zuzugehen. Zudem ist Yen offen für wissenschaftliches Denken. Sie kombinierte das mit ihren vielfältigen künstlerischen Fähigkeiten und kam mit Vorschlägen, die wir durch die Themenauswahl gar nicht eingeplant hatten. Abhängig vom Projekt wechseln die Arbeitsweisen bei MEVIS von strukturiert und geplant hin zu iterativ und kreativ, nähern sich so also teilweise der Arbeitsweise von Yen an. Der vorhandene Lösungsraum ist bei Yen aber sicherlich größer. Da haben sich die norddeutsche und die taiwanesische Kultur und die Geschlechterrollen in diesen Kulturen in der Zusammenarbeit wahrscheinlich mehr bemerkbar gemacht.

Welche Rückmeldungen kamen seitens der involvierten WissenschaftlerInnen?

Bianka Hofmann: Sehr positive. Die Leiterin des Schülerworkshops, Sabrina Haase, fühlte sich von der frischen und selbstbewussten Herangehensweise der SchülerInnen inspiriert. In ihrem Alltag als angewandte Wissenschaftlerin ist sie sehr zielstrebig, die Zusammenarbeit mit einer Künstlerin hat sie motiviert zukünftig auch einen Blick auf andere Fachdisziplinen zu werfen. Und Yen Tzu Chang sagte, dass STEAM-Projekte wie dieses eine große Chance für junge Menschen seien, mit Medienkunst in Kontakt zu kommen und ihre Bedeutung besser einzuschätzen. Durch ihren ersten STEAM-Workshop mit Sabrina Haase verstand sie besser, wie man eine Gruppe leitet und was die SchülerInnen in den Workshops brauchen. Es war wie ein Auslöser, der sie begeisterte neue Bildungsansätze in der Technik- und Kunstvermittlung zu erarbeiten. Jetzt entwickelt sie mit FreundInnen in einer Sozialagentur Workshops und interaktive Geräte für Kinder und Jugendliche.

Ein Baustein der Residency waren ethische Diskussionen der Künstlerin mit den Schülern wie auch mit den Wissenschaftlern. Die ethische Auseinandersetzung mit den für uns relevanten Themen gab es auch schon vorher – nun gab es einen Grund, sich zu treffen und zu beginnen an einem verstetigten Format zu arbeiten.

Yen Tzu Chang in Bremen

Die Künstlerin Yen Tzu Chang im MR-Labor. Credit: Fraunhofer MEVIS

Wie würden Sie nach diesen Erfahrungen die Rolle von Organisationen wie Fraunhofer MEVIS in der Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft definieren? Und welchen Stellenwert hat ein solches Projekt?

Bianka Hofmann: Fraunhofer MEVIS hat konkrete Expertise, wie Auditory Guidance im Operationsaal, Segmentierung des Herzen, das Maschinelle Lernen, um einige zu nennen, wie die Entwicklerplattform MeVisLab oder die anatomische wie die dynamische Bildgebung des Herzens und des Blutflusses für die Künstlerin zur Verfügung gestellt. Fraunhofer an sich kommt eine besondere Bedeutung durch seine Gemeinnützigkeit zu. Mich interessiert die Frage, worin sich diese Gemeinnützigkeit zeigt. Kooperationen mit KünstlerInnen erweitern hier unsere Möglichkeiten. Neben Residencies, in denen KünstlerInnen aktiv in die F&E neuer Technologien einbezogen werden, loten Pilotprojekte wie „STEAM Imaging“, das auf intergenerationelles und disziplinübergreifendes Lernen abzielte, experimentell aus, wie solche Räume konzipiert und verankert werden. Berufsfelder für KünstlerInnen können neu gedacht und geöffnet werden. Eine nachhaltige Verzahnung unserer medizintechnischen Forschung mit den Fragen darüber, wie wir die Gesellschaft hier zukünftig aktiv gestalten wollen wird u. a. möglich, wenn wir die junge Generation mitwirken lassen. Dabei wollen wir das kreative Potenzial individueller nutzen, Begabungen und Talente erkennen und fördern.

Wissenschaftliche Organisationen wie Fraunhofer können Plattformen einrichten, um frühzeitig die Auswirkungen neuer technologischer Entwicklungen zu vermitteln, und die Diskussion über Chancen und Risiken in die Breite tragen. Mit einem Aufbrechen der Wissenssilos können permanente Lernumgebungen für viele Akteure der Gesellschaft geschaffen werden. Letztlich geht es um einen partizipativen Prozess, in dem technologische Expertise kontextualisiert und mit der Kunst, mit sozialen Realitäten, und den von uns gelebten und angestrebten Werten in Beziehung gesetzt wird. Auch die Forschung und Entwicklung wird geöffnet durch neue Fähigkeiten, Perspektiven und Lebensrealitäten, die KünstlerInnen einbringen. Bei der Entwicklung neuer Technologien tragen die KünstlerInnen neben ästhetischen Dimensionen, Design und Handwerk auch Erfahrungen im Prozess des Erfindens und ihre Intuition bei. Aufgrund der immer kürzer und komplexer werdenden Innovationszyklen in der F&E ist die Fähigkeit sich in unterschiedlichen Lösungsräumen bewegen zu können eine Schlüsselkompetenz. Organisationen wie die Ars Electronica werden zunehmend relevanter auch als Partner für Institutionen der angewandten Wissenschaften.

Bianka Hofmann ist Produzentin neuartiger Projekte in der Wissenschaftskommunikation am Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS. Sie bezieht Menschen frühzeitig in neue wissenschaftliche Themen und zukünftige Technologien ein. Durch interaktive und künstlerische Ansätze (von STEM bis STEAM) fördert sie das öffentliche Verständnis für die Auswirkungen von Wissenschaft und Technologie auf die Gesellschaft. Seit über 15 Jahren entwickelt sie Inhalte und Formate für die Wissenschaftskommunikation, wie ein Artist-in-Residence-Projekt, Kurzfilme, interaktive Ausstellungen, eine Kinderuniversität, Lehrerfortbildungsprojekte, und Familienprogramme. Bianka Hofmann entwickelt Kommunikationskonzepte, die Menschen ermutigen, sich zu engagieren und ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Sie arbeitet als Leiterin der Unternehmenskommunikation bei Fraunhofer MEVIS. Kontakt: bianka.hofmann@mevis.fraunhofer.de, Twitter: @jadeshiro