Die ethische Dimension Künstlicher Intelligenz: Eine Residency mit Weitblick

Künstliche Intelligenz gehört zu den Top Themen unserer Zeit – es bleibt nicht einer intellektuellen Elite vorbehalten, sondern dringt bis an die Stammtische vor. So wie es unsere Lebenswelt beeinflussen wird, sollte sich auch jedeR bemüßigt fühlen, mitzureden und mitzuentscheiden. Am besten in Edinburgh und Linz!

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Um Künstliche Intelligenz in seinen gesamten Auswirkungen zu betrachten, müssen auch soziale und ethische Fragen bedacht werden. Das European ARTificial Intelligence Lab bietet mit der nunmehr zweiten Residency im Rahmen des Programms Unterstützung bei der Schaffung bedeutender künstlerischer Werke. Zum Thema „Entanglements – fair, moral and transparent AI“ wird nach KünstlerInnen und Künstlern gesucht, die neue, interdisziplinäre Konzepte zu KI entwickeln. Wir haben mit Drew Hemment, Künstler, Forscher und Designer am Edinburgh Futures Institute, gesprochen.

Drew Hemment @ Expert Workshop on AIxCulture, Credit: Jürgen Grünwald

Warum ist es wichtig, sich gerade jetzt mit Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen?

Drew Hemment: Es ist dringend geboten, die sozialen und ethischen Folgen der Verflechtungen zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz anzugehen. Gleichzeitig wächst das Interesse der Künstlerinnen und Künstler an Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen als Werkzeug und Thema ihrer Arbeit. In dieser Residency bieten wir die Möglichkeit, sich mit den wirklich wichtigen wissenschaftlichen Konzepten und den grundlegenden ethischen Herausforderungen auseinanderzusetzen, die die KI zu einem so interessanten Gebiet machen.

Wir sehen heute tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft, die durch autonome Systeme verursacht werden. Diese Systeme sind selten transparent und für den Menschen oft unverständlich, was zu Bedrohungen für wichtige Werte führt – wie Fairness, Moral und Transparenz. Wir müssen uns daher eine faire, moralische und transparente Zukunft für die KI erdenken und die Verflechtungen zwischen Menschen, Maschinen und Situationen anerkennen. Wir sind daran interessiert, wie die Zusammenarbeit zwischen Kunst und Wissenschaft neue Perspektiven auf die KI eröffnen und es KünstlerInnen ermöglichen kann, neue Dimensionen in ihrer künstlerischen Praxis zu schaffen.

Die KI ist derzeit sehr stark im Zeitgeist verankert. Wir tun unser Bestes das auszublenden, denn wenn das Getöse nachlässt, können wir mit der eigentlichen Arbeit fortfahren. Wir stehen vor Herausforderungen, die in den kommenden Jahren von entscheidender Bedeutung sein werden, und suchen Menschen, die sich intensiv mit diesen Themen befassen wollen.
Wir haben über das Residencythema für Leonardo geschrieben, und es gibt auch eine Themenerklärung online.

Ai Da Robot Artist, Oxfordians, Aidan Keller, Lucy Seal Credit: tom mesic

Edinburgh ist eines der führenden Zentren Europas für Datenwissenschaft und Bildung im Bereich der künstlichen Intelligenz, Forschung und Innovation…. Hier findet auch das berühmteste Kunstfestival der Welt statt. Welche Pläne gibt es für das Edinburgh Futures Institute – mit welchen Themen und Projekten beschäftigen Sie sich derzeit?

Drew Hemment: Edinburgh ist seit Anfang der 1960er Jahre ein Zentrum für KI-Forschung, nach Stanford das zweitgrößte. Das Edinburgh Festival feiert bald sein 75-jähriges Bestehen.
Das Edinburgh Futures Institute wurde gegründet, um Herausforderungen und Krisen der Gesellschaft zu begegnen, schafft neue Verbindungen und bringt Menschen und Organisationen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammen, um an dringenden ökologischen, demokratischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und technologischen Anliegen zu arbeiten.

In zwei Jahren werden sich die Türen zu unserem neuen Zuhause, der restaurierten Old Royal Infirmary öffnen, das einst das Zuhause von Florence Nightingale war. Es ist eine Gelegenheit für eines der beliebtesten Gebäude Edinburghs, ein neues Leben zu führen. Das „Experiential AI“-Programm am Edinburgh Futures Institute bietet KünstlerInnen Zugang zu führenden KI-WissenschaftlerInnen und EthikerInnen sowie zu den weltberühmten Festivals von Edinburgh als Labor für das Testen von Ideen mit Publikum. „Experiential AI“ verbindet Kunst, Wissenschaft und Ethik von KI und ist eine fantastische Gelegenheit für KünstlerInnen, ihre Praxis zu erweitern und zu vertiefen. Im Moment sind wir eine kleine Gruppe von ForscherInnen an der Universität mit einigen guten Freunden. Die Residency ist eines unserer ersten Projekte, ebenso wie eine Einzelausstellung mit Werken des Künstlers Jake Elwes, die ich diesen Sommer für Edinburgh kuratiert habe. Ich arbeite auch am GROW Observatorium, einem von mir geleiteten H2020 Bürgerobservatorium. Unsere „Experiential AI“-Gruppe besteht auch aus MitarbeiterInnen der University of Edinburgh Informatics, des Bayes Centre, des Edinburgh College of Art und des Heriot-Watt Robotarium.

Das Edinburgh International Festival ist ein Partner in dieser Residency, und es gibt andere große Festivals in der Stadt, mit denen wir in den kommenden Jahren zusammenarbeiten werden.
Es sind all diese Einflüsse, die mich nach Edinburgh gebracht haben – es gibt keinen besseren Ort, um an Zukunftsprojekten, Festivals und KI zu arbeiten.

Drew Hemment @ Experiantial AI, Credit: Jürgen Grünwald

Welche Infrastruktur erwartet KünstlerInnen am Edinburgh Futures Institute der University of Edinburgh? Was können sie während ihres Aufenthaltes tun?

Drew Hemment: Wir haben hart daran gearbeitet, dies zu einer hervorragenden Gelegenheit für einen Künstler/eine Künstlerin zu machen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Die AILab Residency beinhaltet ein Finanzpaket von € 15.000 – der/die KünstlerIn verbringt Zeit mit uns in Edinburgh und im Futurelab in Linz. In Edinburgh haben wir uns im letzten Jahr bemüht, die wirklich interessanten KI-WissenschaftlerInnen und EthikerInnen zu engagieren. Das bedeutet, dass der/die Künstlerin kommt, um eine Gemeinschaft vorzufinden, die von der Möglichkeit einer Zusammenarbeit begeistert ist. Das maschinelle Lernen ist sehr spezialisiert, und der/die KünstlerIn hat Zugang zu führenden Persönlichkeiten auf diesem Gebiet, und wenn er/sie sich mit dem Robotarium beschäftigen möchte, wird er/sie auch dort technische Unterstützung erhalten.

Eine der Einschränkungen im Rahmen von Residencies sind fehlende Kapazitäten für die Entwicklung der Arbeit – diese Produktionszeit gibt es in diesem Fall im Futurelab. Zudem haben wir in Edinburgh zusätzliche Mittel aufgebracht, um zur Entwicklerzeit beim EPCC beizutragen, die Konzepte in operative Systeme umwandeln. Dies ist eine begrenzte Ressource, kann aber helfen, eine Arbeit hervorzubringen.
Wir haben auch das Edinburgh International Festival als Partner in die Residency aufgenommen. Es ist von zentraler Bedeutung, dass die Stadt zwischen den Festivals ein Programm für Forschung und experimentelle Arbeit schafft. Es ist also schön, sie an unserer ersten Residency zu beteiligen.

Doing nothing with AI, Emanuel Gollob Credit: Jürgen Grünwald

Zu guter Letzt: Welchen Rat möchten Sie den Menschen geben, die sich für die ARTificial Intelligence Lab Residency bewerben möchten?

Drew Hemment: Die wichtigste Frage, danke fürs Fragen! Die Residency ist eine fantastische Gelegenheit, sich mit Wissenschaft und Technologie hinter der KI auseinanderzusetzen und die wichtigsten ethischen und sozialen Anliegen wirklich zu verstehen. Es gibt eine Menge Missverständnisse und Fehlinformationen rund um den Themenkomplex – wenn Sie sich also ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen wollen, ist dieses Programm genau das Richtige für Sie. Denken Sie darüber nach, wie Ihre künstlerische Praxis und Forschung von dieser Gelegenheit profitieren könnte und geben Sie eine ehrliche Einschätzung ab, was Sie mitbringen und wie Sie davon profitieren können. Für das wirklich spezielle Thema Künstliche Intelligenz suchen wir jemanden, der mit uns auf eine Reise gehen kann, der echte Integrität und Fantasie mitbringt. Wir legen großen Wert darauf, innerhalb dieser Residency nicht ein fertig produziertes Stück zu erwarten. Die Forschungsergebnisse sind genauso, wenn nicht sogar als wichtiger zu bezeichnen. Aber wenn dabei eine fertige Arbeit herauskommt, ist das auch toll!

Diese spezielle Residency ist in Partnerschaft mit dem Edinburgh International Festival, dem Aushängeschild der Stadt. Sie sind hauptsächlich leistungsorientiert und haben daher angeboten, Prototypen in einer Live-Performance-Umgebung zu präsentieren. Ars Electronica kann Performance-Arbeiten oder Medieninstallationen präsentieren. Wir sind wirklich auf der Suche nach jemandem, der von der Interaktion mit der Wissenschaft hier profitieren kann. Wenn Sie nicht bereits informiert sind im Bereich maschinelles Lernen, sollten Sie in verwandten Technologiethemen sattelfest sein, um sinnvolle Gespräche führen zu können. Das Thema ist so gestaltet, dass es Menschen inspiriert, die sich entweder bereits mit den sozialen und ethischen Folgen von KI beschäftigen oder dies als neue Richtung in ihrer Arbeit untersuchen möchten. Wir wollen, dass dies ein sinnvoller Austausch zwischen Kunst und Wissenschaft ist. Durch diese Residency und andere Möglichkeiten wollen wir Beziehungen zu KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, IngenieurInnen, PhilosophInnen, PolitikerInnen und Unternehmen aufbauen, die sich um die Folgen und Möglichkeiten der KI kümmern.

Eine vollständige Erklärung zum Thema Residency finden Sie hier.
Um sich zu bewerben, besuchen Sie https://calls.ars.electronica.art/ailab/

Drew Hemment (UK) Dr. Drew Hemment ist Künstler, Designer und wissenschaftlicher Forscher. Er ist Stipendiat am Edinburgh Futures Institute der University of Edinburgh. Hemment vertritt die Experiential AI und ist Projektleiter des GROW Observatoriums, Gründer von FutureEverything und Mitglied des Editorial Board von Leonardo. Seine Arbeit wird mit dem Soil Award 2019 (Winner), dem STARTS Prize 2018 (Honorary Mention), Kantar Information Is Beautiful 2016 (Silver), dem Lever Prize 2010 (Winner), dem Prix Ars Electronica 2008 (Honorary Mention) ausgezeichnet.

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