Das Museum schläft nie

Das Ars Electronica Center ist momentan zwar geschlossen, verwaist ist es aber nicht: Wir haben einen Kollegen bei seiner Arbeit im Museum der Zukunft begleitet, einen Roboter von innen gesehen und erfahren, wie 3D-Druck in der Coronakrise helfen kann.

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Seit 13. März ist das Ars Electronica Center wegen der Coronakrise behördlich geschlossen. Wo sich üblicherweise kleine und große BesucherInnen tummeln und sich mit unseren InfotrainerInnen über die Auswirkungen neuer Technologien auf unser Leben unterhalten, ist es zur Zeit daher ungewohnt still. Ganz verwaist ist es dennoch nicht, im Linzer Museum der Zukunft. Einer, der auch dieser Tage immer wieder hier anzutreffen ist, ist zum Beispiel unser Kollege Thomas Schwarz. Wir haben im Ars Electronica Center vorbeigeschaut und ihn – unter Einhaltung des aktuell gebotenen Sicherheitsabstandes – gefragt, womit er dieser Tage so beschäftigt ist.

Foyer, photo: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

Wir starten unsere Tour ganz am Anfang, im Foyer, wo während des regulären Museumsbetriebs emsiges Treiben herrscht, BesucherInnen ihre Tickets erwerben, sich mittels großer Screens über die verschiedenen Angebote und Programmpunkte informieren oder auf den Einlass zur nächsten Deep Space 8K Präsentation warten.

Staircase, photo: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

Unser Weg führt uns dann gleich in die 1.000 Quadratmeter große Main Gallery, die neben der Ausstellung „Understanding AI“ auch die Exhibitions „Global Shift“, „Neuro-Bionik“ und das Machine Learning Studio beherbergt.

Es ist hier nicht nur stiller als gewöhnlich, sondern auch ein wenig dunkler, denn es leuchten nicht an allen Ecken und Enden Bildschirme. Plötzlich gehen die Lichter aber an…

Main Gallery, photo: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

… und Thomas Schwarz taucht auf. Seit 2015 arbeitet er im Ars Electronica Center, angefangen hat er als Infotrainer. „Seit gut einem Jahr bin ich in der Museumstechnik aktiv und hab seither auch die Themenverantwortung für das neue Machine Learning Studio übernommen, ein sehr vielseitiger Job.“ Heute ist er damit beschäftigt, „SEER“, den beliebten Roboter, der den emotionalen Ausdruck des Betrachtenden nachahmt, zu reparieren. Danach steht noch die Wartung des Kunstwerks „ObOrO“ auf dem Plan. Zu guter Letzt wird er uns noch verraten, wie das FabLab des Ars Electronica Center einen kleinen Beitrag zur Bekämpfung des Coronavirus leistet. Aber lest selbst:

Was machst du da gerade, bei „Oboro“?

Thomas Schwarz: Die Türme können über Seilzüge sehr leicht bewegt werden, damit sie hin und herschwanken können. Die mit Angelschnüren ausgestatteten Seilzüge reißen aber immer wieder und müssen wieder neu in die Motoren eingespannt werden. Die LED-Dioden wurden auch wieder richtig eingestellt, sodass sich das System in der Früh automatisch einschalten kann. Wir haben jetzt mehr Zeit, uns mechanischen Problemen zu widmen, wo wir uns hingegen während des regulären Museumsbetriebs zumeist mit Software-Problemen auseinandersetzen und erst an Montagen, an denen das Museum geschlossen ist, bleibt Zeit zur Behebung der Hardware-Probleme.“

ObOrO, Ryo Kishi (JP), photo: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

Was ist das eigentlich für ein Gefühl, in einem beinahe menschenleeren Ars Electronica Center zu arbeiten?

Thomas Schwarz: Das Ars Electronica Center ist für mich ein wunderbarer Ort, an dem ich einfach gerne Zeit verbringe. Weil ja gerade keine BesucherInnen herkommen dürfen, bleibt uns jetzt klarerweise mehr Zeit, an gewissen Projekten und Verbesserungen zu arbeiten. Sonst geht das eigentlich immer nur an Montagen, wenn das Museum geschlossen ist. Es ist jetzt leichter, sich in Ruhe mit manchen Dingen näher auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite vermisse ich schon sehr den Austausch mit den KollegInnen, den BesucherInnen aus aller Welt, den Trubel, der normalerweise hier herrscht und den abwechslungsreichen Arbeitsalltag im Allgemeinen.

„Es ist jetzt leichter, sich in Ruhe mit manchen Dingen näher auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite vermisse ich schon sehr den Austausch mit den KollegInnen, den BesucherInnen aus aller Welt, den Trubel, der normalerweise hier herrscht und den abwechslungsreichen Arbeitsalltag im Allgemeinen.“

Als Techtrainer bist du ja auch ständig in Kontakt mit den BesucherInnen. Die können dir ja nicht nur beim Reparieren von diversen Robotern zuschauen, sondern dich auch mit auftauchenden Fragen löchern, oder?

Thomas Schwarz: Es ist oft sehr spannend, wenn BesucherInnen mit tiefer gehenden Fragestellungen auf einen zukommen und man ihnen dann auch zeigen kann, woran man da gerade arbeitet oder was man da gerade entwickelt. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie inspiriert viele BesucherInnen von dem sind, was wir hier machen. Und wie einfach wir ihnen oft auch die Angst nehmen können, etwas aus dem KI-Bereich selbst auszuprobieren.

An welchen Projekten arbeitet ihr gerade?

Thomas Schwarz: SEER zum Beispiel, der hat ein leicht hängendes Augenlied, das wir bislang noch nicht beheben konnten. Da bin ich jetzt dabei, mir das Grundproblem näher anzusehen, um ihn in weiterer Folge wieder besser präsentieren zu können. Das Ziel meiner Reparatur ist es, jedes kleinste Detail wieder auf Vordermann zu bringen, kleine Servomotoren auszutauschen, insgesamt sind hier 12 Stück verbaut. Es kann sein, dass diese im Laufe der Zeit durchbrennen oder kaputt werden, die gehören dann aus- und wieder eingebaut, was bei den ebenfalls in SEER verbauten Seilzügen eine große Herausforderung ist. Der Künstler war im Sommer drei Tage lang hier und hat an SEER gearbeitet um einige kleinere Probleme zu lösen, ist da aber selbst auch vor Schwierigkeiten gestanden. Wir können da also nicht immer auf Anleitungen der KünstlerInnen zurückgreifen, sondern müssen selber Wege finden, um etwas zu reparieren und uns das selbst erarbeiten.

SEER: Simulative Emotional Expression Robot, Takayuki Todo (JP), photo: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

Was macht ihr sonst noch?

Thomas Schwarz: Im Maschine Learning Studio arbeiten wir an Weiterentwicklungen. Die Interfaces der selbstfahrenden Autos wollen wir zum Beispiel noch ein wenig einfacher, sprich benutzerInnenfreundlicher, gestalten. Da geschieht aber auch viel von zuhause aus. Hier vor Ort sind derzeit nur ganz wenige KollegInnen, die in den unterschiedlichen Stockwerken an ihren Projekten arbeiten.

Was machen denn die TechtrainerInnen, die derzeit zuhause arbeiten?

Thomas Schwarz: Ein Kollege hat ein Donkey Car aus dem Machine Learning Studio zuhause, um ihm etwas ganz Bestimmtes beizubringen. Es geht um benutzerInnenfreundlichere Interfaces, um in der Ausstellung das Auto zu starten, den Autopiloten einzustellen, die Kameradarstellung zu verbessern. Wir möchten es ermöglichen, dass man, nachdem man so ein Auto trainiert hat, automatisiert das dabei entstandene Video erhält, auf dem angezeigt wird, was für das selbstfahrende Auto eigentlich relevant ist, was erkannt wird, was dem Auto hilft, sich auf der Strecke zu halten. Es ist oft spannend zu sehen, dass es nicht nur die Linien auf der Rennstrecke sind, die sich auf das Verhalten des Autos auswirken, sondern welche Einflüsse andere Faktoren wie Bildschirme oder die Schuhe von BesucherInnen auf das Auto ausüben.

Ich hab‘ gehört, dass du derzeit Gesichtsschilder am 3D-Drucker fertigst – eine gute Idee in der derzeitigen Situation. Was braucht man jetzt alles, dass man zu einem fertigen Gesichtsschutz kommt? Woraus besteht der genau, welche Schritte sind für die Fertigung notwendig?

Thomas Schwarz: Das wichtigste sind natürlich die 3D-Drucker, von denen wir fünf Exemplare im Haus haben, die einsatzbereit sind. Als Schutzfolie für den Gesichtsschutz verwenden wir hier eine Laminierfolie, die bei uns von einem Lasercutter geschnitten wird, die könnte aber auch mit einer Schere zugeschnitten werden. Wir drucken hier mit PET-Filament, das gute hygienische Eigenschaften hat. Das ganze Teil besteht eben aus einem Laminat-Schild, das vom Laserdrucker ausgeschnitten wird und einer Kopfhalterung, die vom 3D-Drucker erzeugt wird. Es gibt für die Gesichtsschilder zwei verschiedene Varianten, eine etwas größere und eine kleinere. Es ist noch zu erwähnen, dass es sich hier um das Protective Faceshield des Unternehmens Prusa handelt, die sich das ausgedacht haben. Von dieser tschechischen Research Firma stammen auch unsere 3D-Drucker.

Wie hast du denn überhaupt von dieser Entwicklung erfahren?

Thomas Schwarz: Ich hab‘ selber einer 3D-Drucker von dieser Firma zuhause und bin deshalb über deren Entwicklungen am Laufenden und hab‘ halt schon sehr bald gesucht, welche Möglichkeiten es gibt, einen 3D-Drucker in unserer derzeitigen Situation einzusetzen. Prusa selbst hat eine Druckerfarm mit 1.000 3D-Printern, die jetzt auf die Produktion von solchen Masken umgestellt wurde. Die erstellten Exemplare kommen bereits in der Tschechischen Republik zum Einsatz.

Slicer-Programm, Photo: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

Was sehen wir denn hier genau auf diesem Bildschirm?

Thomas Schwarz: Da sind wir jetzt in einem sogenannten Slicer-Programm, das ein 3D-Modell in die verschiedenen Schichten für den Drucker umwandelt. Hier ist jetzt schon das Modell einer Schutzmaske zu sehen, das dann an den 3D-Printer geschickt wird. Der 3D-Druck für das kleinere Exemplar kommt, wenn man die Materialkosten berechnet, auf etwas mehr als 80 Cent, die größere Variante auf rund 1,30 Euro. Der Druckvorgang dauert zwischen zwei Stunden zwei Minuten und zwei Stunden 50 Minuten.

Thomas Schwarz arbeitet seit 2015 im Ars Electronica Center, die ersten vier Jahre arbeitete er als Infotrainer. Seit gut einem Jahr ist er in der Museumstechnik aktiv und hat seither auch die Themenverantwortung für das Machine Learning Studio übernommen. Nebenbei schreibt er gerade an seiner Masterarbeit an der Kunstuniversität Linz, außerdem ist er als freischaffender Filmemacher, Kameramann und Medienkünstler aktiv.