„Wir müssen diese Jurysitzung drastisch überdenken“

Jedes Jahr kommt eine internationale ExpertInnen-Jury nach Linz, um bei mehrtägigen Gesprächen gemeinsam die Goldenen Nicas der Medienkunst zu küren. Erstmals in der Geschichte des Prix Ars Electronica werden sich die JurorInnen von ihren Home-Offices aus treffen.

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Die weltweiten Schutzmaßnahmen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, haben auch Auswirkungen auf den Prix Ars Electronica. Das Anfang Mai 2020 geplante Jury-Wochenende, an dem ExpertInnen ihres Fachs nach Linz gereist wären, um die PreisträgerInnen des heurigen Jahres auszuwählen, wird komplett in die Online-Welt verlagert. Das ist nicht nur eine neue Herausforderung für die teilnehmenden JurorInnen, sondern auch eine für Emiko Ogawa und ihr Team, das in den vergangenen Wochen intensiv an dieser Umstellung gearbeitet hat.

Emiko, wie sieht der Plan für das Jury-Wochenende Anfang Mai 2020 aus?

Emiko Ogawa: Wir haben uns entschieden, die Jury-Gespräche, die normalerweise hier bei uns in Linz stattgefunden hätten, nicht auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, sondern im bereits geplanten Zeitraum online mit mehreren Telekonferenzen abzuhalten. Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, schließlich hatten wir ja bereits alle Unterkünfte und Flüge für die JurorInnen gebucht.

Das Prix Ars Electronica Jury Wochenende Anfang Mai ist ein wichtiges Ereignis für den gesamten Jahresplan der Ars Electronica, die Entscheidungen der Jury können wir deshalb nicht verschieben. Von 1. bis 3. Mai 2020 werden nun jeweils fünf JurorInnen aus vier Kategorien online zusammenkommen und die besten Medienkunstarbeiten aus den Bereichen Computeranimation, Digital Communities, Interactive Art + und u19 – CREATE YOUR WORLD küren. Zeitgleich werden auch die GewinnerInnen des STARTS Prize 2020 gewählt, dessen Jury ebenfalls an diesem Wochenende online aufeinandertrifft.

Die JurorInnen haben schon jetzt Zugriff auf die Einreichungen der KünstlerInnen und arbeiten derzeit an der Vorselektion. Da wir auch heuer wieder eine große Zahl an Einreichungen hatten, versuchen sie schon zuvor, die Anzahl der zur Diskussion stehenden Einreichungen gemeinsam zu reduzieren, um dann ab dem 1. Mai in intensive Gesprächsrunden einsteigen zu können.

Letztes Jahr bei der Prix-Jury in Linz Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Bei der Gelegenheit möchte ich mich bei den teilnehmenden KünstlerInnen bedanken, die ihre Arbeiten heuer zum Prix Ars Electronica eingereicht haben. Den Einreichschluss haben wir ja um zwei Wochen verlängert und der 16. März 2020 war dann unglücklicherweise genau der Zeitpunkt, an dem wir bereits auf der ganzen Welt mit den drastischen Veränderungen der Coronavirus-Pandemie zu kämpfen hatten. Für viele muss es sehr schwer gewesen sein, sich gerade in dieser Phase zu bewerben, aber sie haben sich wirklich bemüht, vielen Dank dafür!

Zurück zum Jury-Wochenende. Wird die Online-Diskussionen der JurorInnen anders ablaufen als die bisherigen „Offline-Diskussionen“ vor Ort? Kann man das schon sagen?

Emiko Ogawa: Ja, das Problem sind die Zeitzonen. Beim Prix Ars Electronica nehmen JurorInnen aus aller Welt teil. Eine Person lebt zum Beispiel in Südkorea und muss jetzt nachts um 23 Uhr in die Diskussion einsteigen, während die andere Person aus Kalifornien gerade aufgestanden ist und sich um 7 Uhr in der Früh Lokalzeit einklinkt. Das ist eigentlich der zentrale Punkt, warum wir das „analoge“ Jurymeeting nicht einfach so in die digitale Welt verschieben können. Und wir müssen dabei versuchen, die gewohnte Qualität dieser Jurysitzung beizubehalten.

Drei Tage stehen uns insgesamt zur Entscheidungsfindung zur Verfügung und durch diese verschiedenen Zeitzonen sind das täglich maximal drei Stunden reine Diskussionszeit. Dank dem Engagement der JurorInnen – dafür möchte ich mich hiermit auch nochmal sehr herzlich bedanken – bin ich optimistisch, dass wir die Situation gemeinsam meistern werden. Sie sind hochmotiviert, vor ihnen liegt eine intensive Arbeit und sie versuchen wirklich, sich dieser Herausforderung gemeinsam mit unserem Team zu stellen.

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Impressionen des Jury-Wochenendes 2019, als sich die JurorInnen noch persönlich trafen…

Man kann also sagen, dass das Jahr 2020 mehr Vorbereitungsarbeit braucht als bisher…

Emiko Ogawa: Genau, wir müssen uns mehr der Offline-Zeit zunutze machen. Ein normales Jury-Wochenende hat bisher so ausgesehen, dass wir uns alle physisch hier in Linz im Ars Electronica Center getroffen haben. Jede Kategorie hatte ihren eigenen Raum mit einem großen Screen und die JurorInnen haben sich gemeinsam die eingereichten Projekte durchgesehen und gleichzeitig darüber diskutiert. Das macht in diesem Jahr so keinen Sinn. Wir versuchen, uns auf die Online-Diskussion zu konzentrieren, die JurorInnen sehen sich die Einreichungen schon vorher selbst an.

Das bedeutet aber auch, dass im Vergleich zum Vorjahr einiges anders sein wird. Wenn man nur an die eingereichten Virtual-Reality-Projekte in der Kategorie Computeranimation denkt – nicht jedes Jurymitglied kann diese „zuhause“ auf die gleiche Weise erleben. Es gibt auch unterschiedliche Bildschirmgrößen – wer hat schon eine große Kinoleinwand mit einer schönen Auflösung zuhause? Es sind nicht wir, die das technische Equipment vor Ort zur Verfügung stellen, sondern die JurorInnen müssen mit ihrer persönlichen Ausstattung auskommen.

Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Wie geht es deinem Team bei dieser Umstellung?

Emiko Ogawa: Bei den Jurysitzungen in den vergangenen Jahren hier in Linz haben wir sehr viel Erfahrung sammeln können. Wir wissen grundsätzlich, wie der Ablauf strukturiert ist, wir wissen, was wir im Vorfeld vorbereiten können. Auf dieses Knowhow können wir jetzt aber Großteils leider nicht mehr zurückgreifen.

„Am Anfang war mir nicht klar, wie viele Änderungen es hier braucht. Wir müssen die Jurysitzung drastisch überdenken und gleichzeitig die Qualität in dieser Form der Online-Kommunikation halten. Wie gesagt, durch die verschiedenen Zeitzonen sind die tatsächlichen Diskussionen viel kürzer als bisher. Das Gleichgewicht dabei zu halten ist eine große Herausforderung.“

Zuerst mussten wir uns gemeinsam mit unserem Technik-Team für ein passendes Telekonferenzsystem entscheiden, das wir für die Jurysitzung verwenden. Wir haben wirklich zahlreiche Tools ausprobiert und intensiv für unsere Bedürfnisse getestet. Selbst diese Auswahl des zentralen Kommunikationstools hat viel Zeit gebraucht. Natürlich kannten wir schon vorher eine Menge an Online-Tools, aber es ist ein Unterschied, ob man sich eine Stunde lang online trifft oder ein ganzes Jury-Wochenende in die Online-Welt verlagert.

Eines der vielen Home Offices, hier von Emiko Ogawa

Neben einer passenden Telekonferenz-Software und unserer bestehenden Einreichdatenbank brauchen wir auch weitere Tools wie beispielweise ein Whiteboard, wo alle JurorInnen Notizen machen und diese gemeinsam in der Jurysitzung strukturieren können. Für jede Kategorie wird es von uns eine Betreuerin oder einen Betreuer geben, die/der die Jury-Tage moderiert und die Entscheidungen dokumentiert. Wir sind immer noch dabei, all das vorzubereiten und zu testen, und wir diskutieren sorgfältig mit den Jurymitgliedern darüber, wie wir die neue Online-Jury effektiver gestalten können.

Wie haben die JurorInnen auf diese Umstellung reagiert?

Emiko Ogawa: Unmittelbar nach der verlängerten Einreichfrist am 16. März 2020, als die Coronavirus-Pandemie immer mehr Teile der Welt erreichte und wir begannen, von unserem Home-Office aus zu arbeiten, wurde die Möglichkeit einer neu strukturierten Telekonferenz-Jurysitzung intensiv diskutiert, wir führten erste Tests durch und fragten dann auch alle Jurymitglieder, ob sie Teil dieser neuen Form einer Online-Jury sein konnten. Fast alle JurorInnen stimmten überein und zeigten eindeutig Verständnis für diese neue Situation.

Was für mich persönlich sehr schade ist, dass dieses soziale Beisammensein heuer nicht mehr in gewohnter Weise stattfinden kann. Bisher haben wir ja die JurorInnen des Prix Ars Electronica zu uns nach Linz eingeladen, ein Rahmenprogramm zusammengestellt und uns bei einem gemeinsamen Abendessen im Ars Electronica Center oft erstmals persönlich kennengelernt. Auch die JurorInnen, die in jeder Kategorie jedes Jahr aufs Neue zusammengestellt werden, haben sich hier untereinander vorgestellt.

Diese Vorstellungsrunde haben wir jetzt bereits online gemacht – insgesamt fünf Mal, für jede Kategorie des Prix Ars Electronica und für den STARTS Prize. Dieses kurze Heraustreten aus der Fachdiskussion und die informellen Kaffeegespräche waren bisher sehr wichtig für uns alle – wir als Organisatoren sollten die JurorInnen nicht nur darin unterstützen, online effektiv zu sein, sondern auch darin, sich wohl zu fühlen, auch wenn sie vor ihren Bildschirmen im eigenen Home-Office sitzen. Ich hoffe, das gelingt uns auch im Jahr 2020.

Wie sieht der weitere Fahrplan nach dem Jury-Wochenende aus?

Emiko Ogawa: Die Jurysitzungen finden ja außerhalb der Öffentlichkeit statt. Wir werden nach den finalen Entscheidungen wie immer zuerst die GewinnerInnen informieren und die notwendigen Informationen zu den Projekten einholen. Im Juni werden wir dann die PreisträgerInnen bei einer Pressekonferenz präsentieren. Wie wir dann die KünstlerInnen und ihre Arbeiten präsentieren, das ist noch nicht ganz klar – das kommt darauf an, in welcher Form das Ars Electronica Festival stattfinden wird. Wir werden da sehr kreativ sein müssen!