Das sind die Reisetipps zur Ars Electronica 2020

Der Ausgangspunkt: Kepler’s Garden in Linz, Österreich. Die Destinationen: 120 Orte rund um den Globus. Die Dauer der Reise: 9. bis 13. September 2020.

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Nicht trotz, sondern wegen Corona findet die Ars Electronica 2020 statt. Von 9. bis 13. September will das Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft schlicht wissen, was jetzt zu tun ist? Erstmals stellen wir diese schwierige Frage nicht nur in Linz, sondern an 120 Orten auf allen Kontinenten. Überall treffen wir Menschen, die mit friedlichen Mitteln gegen die Zerstörung unserer Umwelt kämpfen und gegen die Mächtigen aufbegehren, die zur Sprache bringen, was Millionen unter den Nägeln brennt, die fordern, dass sich die immer rasantere Technologieentwicklung an uns Menschen orientiert und nicht umgekehrt. Überall treffen wir Menschen, die an einer besseren Zukunft arbeiten. Wir treffen Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen und wollen wissen, wie sie sich unsere Zukunft vorstellen. Kommen Sie doch mit auf diese einmalige Reise um die Welt und erleben Sie Orte, an denen Sie bereits waren, auf ganz andere Weise. Bevor wir Ihnen diese Unternehmung schmackhaft machen und Ihnen nun die besten Reisetipps servieren, noch ein allgemeiner Hinweis, der uns sehr wichtig ist und zugleich erklärt, warum Ars Electronica dieses Jahr zum Reiseanbieter der anderen Art wird.

Kepler Hall, photo: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

„Stay Home – Stay Safe!“

Wenn Sie nicht in Österreich oder in einem an Österreich angrenzenden Land leben und arbeiten, kommen Sie im September nicht nach Linz. Das meinen wir ernst. Bleiben Sie zuhause und bleiben Sie gesund! Gehen und bleiben Sie von 9. bis 13. September stattdessen online und nutzen Sie die vielen neuen Möglichkeiten (mehr dazu an anderer Stelle), Präsentationen, Lectures, Performances und Konzerte an den 120 Festival-Locations in aller Welt mitzuerleben, zu kommentieren, zu diskutieren und sich mit anderen auszutauschen!

Wenn Sie aber nach Linz kommen und den hier erstmals inszenierten „Kepler’s Garden“ auf dem Campus der Johannes Kepler Universität besuchen wollen, freut uns das natürlich ebenfalls. In dem Fall beachten Sie aber bitte, dass Sie ihr Ticket unbedingt vorab und online buchen müssen. Um Ihren Festivalbesuch so sicher wie möglich zu gestalten, wollen wir jede Schlangen- und Gruppenbildung vor Ort vermeiden, weshalb es diesmal keine Ticket-Counter auf dem Festivalgelände geben wird. Darüber hinaus ersuchen wir Sie, Mindestabstände zu anderen Besucherinnen und Besuchern einzuhalten und einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Das war‘s auch schon, genug zum Thema Corona. Lassen Sie uns jetzt aufbrechen! Von Linz, Österreich gen Osten immer der Sonne entgegen, einmal um die ganze Welt! Los geht’s!

The Pangolin Scales, Thomas Faseth (AT), Harald Pretl (AT), Christoph Guger (AT), Anouk Wipprecht (NL), photo: Jeff Cacossa

Linz, Österreich: Schlendern durch „Kepler’s Garden“

Es ist die Liaison von Kunst und Wissenschaft, um die sich hier, in „Kepler’s Garden“, alles dreht. Inmitten alter Bäume und frisch gepflanzter Stauden spielen Kunstwerke auf unser Verhältnis zu Technologie und Natur an, gleich daneben, in modernen, markanten Gebäuden, die eben erst fertiggestellt wurden und nun zum ersten Mal zugänglich sind, zeigen die „Transformation Projects“ des Linz Institute of Technology auf visionäre und bisweilen augenzwinkernde Weise wie eine „Responsible Technology“ aussehen könnte, erkunden preisgekrönte Kooperationsprojekte neue Wege entlang der Schnittstelle von „Science, Technology and Arts“ – kurz STARTS – und hegt und pflegt das Kinder- und Jugendfestival der Ars Electronica, create your world, gleich einen ganzen „Garten voller Talente“. Kunst, Technologie, Wissenschaft, Kultur, Natur – Johannes Kepler hätte beim Besuch dieses von ihm inspirierten Gartens seine Freude gehabt.

Ljubljana, Slowenien: Investigative Kunst wider den Katastrophenkapitalismus

Ein Mensch, ein Hund, nebeneinander, beide in futuristische Diagnose-Wearables gehüllt, die jederzeit Herz- und Atemwegserkrankungen feststellen und Alarm schlagen können. Alle Daten, die diese Wearables messen, werden in einem Neuronalen Netzwerk gesammelt, das wiederum versucht, den Herzschlag des Menschen mit jenem des Hundes zu synchronisieren. Maja Smrekar – die Urheberin dieser künstlerischen Versuchsanordung – kritisiert die herrschenden Machtverhältnisse in puncto Technologieentwicklung und Datenhoheit. Technologien wie KI brauchen eine soziale Dimension und nicht nur die Wirtschaft, sondern vor allem die Zivilgesellschaft soll mitreden können, wenn es darum geht, wofür wir diese Systeme einsetzen wollen, meint die Künstlerin. Maja Smrekar und ihre slowenische Kolleg*innenschaft laden zum Ausflug in die Welt der investigativen Kunst wider den Katastrophenkapitalismus.

Stanger to the Trees, Kat Austen, Ars Electronica Garden Dubrovnik / Zagreb, KONTEJNER | bureau of contemporary art praxis, Quarantine

Zagreb/Dubrovnik, Kroatien: In der Quarantäne über Mensch und Natur nachdenken

Es ist ein wunderschönes Renaissance-Gebäude, in dem einst – welch Ironie –Pest- und Cholerainfizierte eingesperrt wurden und ihr unabwendbares Schicksal erleiden mussten. Im Hier und Heute ist die Quarantäne und ihre strikte Einhaltung ebenfalls wieder omnipräsent, weshalb Künstler*innen und Wissenschaftler*innen auch genau hier, in diesem Haus, nach unserem Verhältnis zur Natur fragen und ihre eigenen, visionären Erzählungen spinnen.

Draußen, in der Adria: Eintauchen in eine Welt jenseits unserer Wahrnehmung

Ein Urlaub am Meer steht bei den meisten von uns ganz oben auf der Sehnsuchtsliste. Was aus der Perspektive der Strandbesucher*innen aber stets so einladend blau und wunderschön aussieht, steht in Wahrheit meist schwer unter Druck: die Rede ist vom ozeanischen Ökosystem. Der „Adriatic Garden | aqua_forensic 2.0“ lädt zum Tauchgang in eine Welt jenseits unserer Wahrnehmung, sucht – und findet leider – eine Vielzahl chemischer Schadstoffe und untersucht, wie sich diese auf die Fauna und Flora der Adria auswirken. Es ist ein Trip zwischen Kunst, Wissenschaft und „Citizen-Science“, der uns Urlauber*innen das nächste Mal vielleicht anders aufs Meer hinausblicken lässt – wer weiß?

Bukarest, Rumänien: Nähe & Distanz – die künstlerische Aufarbeitung der Isolation

Willkommen auf einem brachliegenden Grundstück mitten in Bukarest, im Park der hiesigen Universität. Willkommen auf einer Bühne, auf der Forscher*innen und Künstler*innen interaktive Technologien in den Gefilden der darstellenden Kunst, der Medienkunst und des Spieldesigns zum recht innovativen Einsatz bringen. Alles dreht sich hier um soziale Nähe und gleichzeitige „Physical Distance“, alles dreht sich um Interaktion und Kommunikation in virtuellen Welten und „Distant Arts“. Es ist eine künstlerische Aufarbeitung der jüngsten Isolationserfahrungen, ein Erlebnistrip zwischen Nähe und Distanz, ein Ausflug in virtuelle Gefilde und zurück!

Datagarden 2020, Kyriaki Goni

Athen, Griechenland: Im Datengarten unter der Akropolis

Der multimediale „Data Garden“ von Onassis Stegi, ein Film, ein Sounddrama, digitale Spiele und mobile Apps von „HackAthens 2020“ – kalos irthate stin Athina! Aber Achtung: Wer hier verträumte Mittelmeer-Romantik sucht, bemüht besser Tripadvisor! Der Ars Electronica Garten zu Athen ist ein Datengarten, ein Ort, der fragt, ob, und wenn ja, wie wir unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, Körperkontakte, unser Sexualleben und unsere Träume neu erfinden können, inmitten einer Welt, die immer stärker durch Technologie vermittelt und geprägt wird? Wie unsere Körper re-konfiguriert werden können, in einer Ära, in der digitale Kommunikation alle Formen von Aktivität vermittelt, haptische Begegnungen immer seltener werden und die Trennung von beruflicher und privater Sphäre verschwindet? In Sichtweite von Zeugnissen einer großen Vergangenheit laden die Athener*innen von heute zur Gedankenreise in eine hoffentlich ebenfalls verheißungsvolle Zukunft!

Nikosia, Zypern: Vom Wachsen, Blühen und Verkümmern

Welche Anleihen können wir im digitalen Zeitalter von alten Gartenbautechniken wie beispielsweise dem Veredeln von Pflanzen nehmen? Folgen Sie der Einladung zypriotischer Künstler*innen in einen gemeinschaftlich gestalteten, virtuellen Garten, in dem alles zunächst wächst, dann blüht und schließlich wieder verkümmert. Erkunden Sie einen Raum, der eine alternative digitale Gemeinschaft propagiert und Sie Ihre ganz individuellen Erfahrungen machen lässt.

Moskau, Russland: Was Daten- und Mindsets miteinander zu tun haben

Immer mehr Prozesse unseres tagtäglichen Lebens werden digitalisiert. Ergebnis sind stets riesige Datensätze, die von Algorithmen analysiert und nach Mustern gescannt werden – in einer Geschwindigkeit und Dimension, die für unsere Wahrnehmung schlicht unzugänglich sind. Das Moskauer Kuratorinnen-Duo Helene Nikonole und Olga Vad lädt in den „Garden of Datasets vs. Mindsets“ und fragt nach den Grenzen zwischen digitalen und physischen Räumen und was die Implementierung algorithmischer Regelungs- und Steuerungswerkzeuge für eine postsowjetische Gesellschaft wie die russische bedeutet.

Value of Values, Maurice Benayoun

Hongkong, Chinesische Sonderverwaltungszone: Die Welt mit anderen Augen sehen

Eine Metropole an der Kreuzung von historischen, kulturellen und politischen Bruchlinien. Immer verschieben sich hier Kräfte und bewirken jedes Mal einen Ausbruch von Kreativität. Das Leben, die Kunst, die Wissenschaft und die Technologie werden in Form künstlerischer Projekte miteinander verknüpft, sie werden zu Lupen, Zerr-Brillen und Zeit-Teleskopen, durch die wir unsere Welt anders und neu sehen können. Zumindest für die vor Ort Anwesenden endet all das am Ende garantiert in einer Weinverkostung – à la Santé!

Seoul, Südkorea: Im Garten zwischen den Welten

Unser erstes Leben führen wir in der physischen Welt, unser zweites Leben in der virtuellen Welt und unser drittes Leben an einem Ort, an dem beide Sphären existieren. Unser reales Leben wird hier um virtuelle Aspekte und unser virtuelles Leben um reale Aspekte ergänzt. Technologie und Ökologie können an einem solchen Ort nicht länger getrennt voneinander, sondern müssen zusammengedacht werden. Kommen Sie mit in einen Garten, der seinen konzeptionellen Ursprung in der stark fortschreitenden Urbanisierung Südkoreas hat und sich als praktischer und zugleich metaphorischer Entwurf für die Zukunft versteht.

Tokio, Japan: Vergangenheit & Zukunft der Medienkunst im Technologieland Nr. 1

Willkommen im Technologie-Land Nr. 1, willkommen in einem der größten Ballungszentren der Welt, willkommen in Tokio! Es ist kein Zufall, dass hier eine Reihe der wichtigsten und innovativsten Medienkünstler*innen unserer Zeit lebt und arbeitet. Lassen Sie sich entführen in den virtuellen „Tokyo Garden“, in dem Sie diese Künstler*innen und ihre Wurzeln ebenso wie ihre Visionen für die Zukunft kennenlernen können.

Tokyo Garden, Terminal Slam

Melbourne, Australien: Down Under, neben der Linzer Nibelungenbrücke

Austria und Australia, Matthew Gardiner kennt beide sehr gut. Nach Jahren am Ars Electronica Futurelab in Linz lebt und arbeitet der Künstler nun wieder in Down Under. Via Augmented Reality lädt er Sie ein – egal in welcher Stadt und auf welchem Kontinent Sie auch gerade sein mögen – inmitten eines sehr österreichischen „Würstelstands“ in Ruhe Ihre Leberkäs-Semmel zu genießen. Derart gestärkt offeriert Ihnen Matthew anschließend ein von ihm entwickeltes künstlerisch-wissenschaftliches Tool-Kit, mit dem Sie bei Ihnen zuhause Ihren eigenen Origami-Roboter-Garten anlegen können.

Auckland, Neuseeland: Am Ende der einen und an der Türschwelle zur anderen Welt

Es ist die letzte Station vor dem großen Sprung über den Pazifik: Willkommen in Auckland, Neuseeland, willkommen im Garten „Aotearoa“. Großformatige Projektionswände und 3D-Projektionen schaffen hier einen einzigartigen Raum, in dem physische Artefakte und virtuelle Präsentationen wie Mozilla Hubs einander 1:1 ergänzen. Der gesamte Garten ist als bidirektionale Plattform konzipiert, auf der Sie Projekte von neuseeländischen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen genau wie Ars Electronica-Hubs aus dem Rest der virtuellen Welt kennenlernen können. Ob Online oder vor Ort – tauchen Sie ein, in den „Garten Aotearoa“, erleben Sie Performances, sehen Sie prototypische Installationen, besuchen Sie Ateliers und Forschungseinrichtungen, erkunden Sie neuseeländische Kulturstätten und streifen Sie durch außergewöhnliche Landschaften.

Bevor es nun über den Pazifik, hinüber in die „Neue Welt“ geht, halten wir kurz inne und holen Luft. So viele Menschen, so viele Ideen, so viel Inspiration, so viel ungebrochener Optimismus. Von Linz in Österreich bis nach Auckland in Neuseeland. Freuen Sie sich auf den zweiten Teil der Reise, die uns nach Nord- und Südamerika, Afrika und wieder zurück nach Europa führen wird. Wir sehen uns! Und bis dahin: Besuchen Sie unsere Festival Website, um sich auf dem Laufenden zu halten und folgen Sie unseren Social Media Kanälen.