Gastbeitrag: Künstliche Intelligenz – Die nächste Herausforderung

Nach seinem Besuch des Ars Electronica Festival spricht Roberto Viola, Generaldirektor der DG CONNECT (Directorate General of Communication, Networks, Content and Technology) der Europäischen Kommission, in diesem Gastbeitrag darüber, wie wichtig es ist, die Kunst in die Weiterentwicklung der KI-Technologie einzubeziehen.

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Ich hatte Gelegenheit, über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz (KI) nachzudenken, als ich kürzlich an einer sehr interessanten Veranstaltung in Linz – der Ars Electronica – teilnahm, die Kunst, Technologie und Gesellschaft verbindet. Hier sind einige Gedanken, die ich auch meinen Lesern mitteilen möchte – darüber, wie die Kooperationen zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft ihren Beitrag leisten können und über die Rolle der menschlichen Komponente bei den nächsten KI-Entwicklungen. Immer mehr Rechenleistung, immer mehr Daten und immer mehr Algorithmen haben die Künstliche Intelligenz (KI) zu einer Schlüsseltechnologie für das 21. Jahrhundert gemacht.

Die Europäische Kommunikation über KI hat einen ehrgeizigen Plan vorgelegt, um Europa an die Spitze der zukünftigen KI zu bringen. Die KI ist überall. KI ist in der Online-Suche, in den selbstfahrenden Autos der Zukunft, in der Spracherkennung von iPhone’s Siri, in der Gesichtserkennung bei Überwachungssystemen, in heutigen Robotern und in vielem mehr. Alle diese Chancen aus der KI werden durch verschiedene Risiken gemildert: z.B. durch den Verlust der Privatsphäre und durch die Überwachung der BürgerInnen aufgrund des Datenhungers dieser Technologien.

Auf dem Weg zu einer KI „made in Europe“ mit menschlicher Note

Eine der wichtigsten Herausforderungen für die zukünftige KI wird, wie ich es gerne nennen möchte, „die menschliche Herausforderung“ sein. Wie werden KI und Menschen zusammenarbeiten? Wie kann die KI dem Menschen am besten dienen? Dies wird zu einem wichtigen Thema in unseren Bemühungen werden, die KI als die nächste wichtige Zukunftstechnologie zu fördern. Ein Unterscheidungsmerkmal für eine KI „made in Europe“ wird ihre menschliche Note sein: die Konzentration auf die menschliche Dimension, das Beharren darauf, dass die KI den menschlichen Bedürfnissen dient: Die KI muss die menschliche Kapazität verbessern, und darf den Menschen nicht ersetzen! Die Ars Electronica hat solche Diskussionen antizipiert! Das Festivalthema 2017 „Artificial Intelligence – Das andere Ich“ verwies auf die Fähigkeit der KI, selbstständig zu lernen und ein autonomes „anderes Ich“ zu werden.

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Die Rolle der Kunst für eine KI mit menschlicher Note

Das Festivalthema 2017 verwies auch auf die Kunst, um diese menschliche Herausforderung für die KI zu bewältigen. Die Rolle der Kunst wird entscheidend sein: KünstlerInnen bringen eine menschliche Perspektive in die KI ein. Durch die Nutzung der Kreativität von KünstlerInnen wird Europa den Weg zu einer menschenzentrierten KI ebnen. Aber was sind diese besonderen Qualitäten von KünstlerInnen, die sie in unserer heutigen technologieorientierten Gesellschaft so entscheidend machen?

„Ich denke, KünstlerInnen nähern sich der Technologie auf zweifache Weise: Sie spielen mit Technologien und erforschen diese und sie beobachten kritisch ihre potenziellen Nachteile und Grenzen. Technologie dient KünstlerInnen als Medium und wird wiederum von KünstlerInnen gestaltet.“

Entscheidend ist, dass KünstlerInnen den BürgerInnen helfen, ein kritisches Denken über Technologie zu entwickeln! Denken Sie an Social Media, wo KünstlerInnen seit langem über Privatsphäre und Überwachung nachdenken, darüber, wie man ein Orwell-Szenario von 1984 vermeiden kann! Lange bevor Cambridge Analytica zu einem Begriff wurde!

Wie Kunst und Technologie interagieren: Beispiel Musik

Wie können Kunst und Technologie also in einen gegenseitig fruchtbaren Austausch treten? Wie können KünstlerInnen die Technologie gestalten? Wollen sie die Technologie mitgestalten?

Gestatten Sie mir, ein Beispiel für Musik und Technologie zu geben, das durch mein eigenes Interesse an Musik ausgelöst wurde, um zu veranschaulichen, was ich damit meine. Die Technologie hat die Entwicklung der Musik seit jeher beeinflusst – man denke an das Klavier, das die Musikaufführungen und schließlich die Komposition um 1700 revolutionierte. Heute kann die KI – neuronale Netze – darin trainiert werden, um Musik zu komponieren, um Bach neu zu erfinden oder neue Musikrichtungen zu entwickeln. Einer der diesjährigen KonferenzteilnehmerInnen arbeitet an einer Software, die personalisierte Musik erstellt. Bach ist natürlich in vielerlei Hinsicht sehr formalisiert. Würden Computer die Musik von Eric Satie genauso leicht reproduzieren? Und wer ist die Schöpferin oder der Schöpfer? Die Algorithmen? Die Programmiererin, der Programmierer?

„Der Schlüssel dazu ist „Kreativität“ und ihre Verbindung zu dem, was es bedeutet, Mensch zu sein: Die Kunst steht im Mittelpunkt dieser Debatte. Aus diesem Grund werden meiner Meinung nach Synergien zwischen Kunst und Technologie entscheidend für unsere Bemühungen sein, eine KI mit menschlicher Note zu schaffen.“

Dies sind vorläufige Überlegungen. Ich möchte nun kurz das Programm vorstellen, das wir in der Europäischen Kommission entwickelt haben, um auf solche Überlegungen zu reagieren.

Credit: vog.photo

Das STARTS-Programm

Kommissar Oettinger erkannte schon sehr früh die Notwendigkeit von Synergien zwischen Kunst und Technik. Er brachte die Idee auf den Punkt: „Im digitalen Zeitalter sind Technologie und Kunst keine widersprüchlichen Denkweisen mehr“. Vor diesem Hintergrund haben wir das S+T+ARTS = STARTS Programm entwickelt, das das beste Denken der drei Welten – Wissenschaft, Technologie und Kunst – vereint. Seit letztem Jahr fördern wir Projekte in STARTS. Wir werden über das Förderprogramm H2020 insgesamt 17 Mio. EUR in Aktivitäten in vier wesentlichen STARTS-Säulen investieren:

  • Der STARTS Prize macht erfolgreiche Kooperationen zwischen Kunst und Technologie sichtbar. Ich war in Linz, um die Auszeichnungen des STARTS Prize im Rahmen einer Galaveranstaltung an die beiden GewinnerInnen zu vergeben.
  • STARTS Residencies finanzieren längerfristige Aufenthalte von KünstlerInnen in Technologieeinrichtungen. Sie ermöglichen es KünstlerInnen und IngenieurInnen, sich besser kennenzulernen und in konkreten Situationen zu zusammenzuarbeiten.
  • In STARTS Academies vermitteln KünstlerInnen und IngenieurInnen gemeinsam digitale Fähigkeiten an die BürgerInnen.
  • STARTS Lighthouse Pilotprojekte sind Technologieprojekte, die sich zum Ziel gesetzt haben, KünstlerInnen in Forschungsteams zu integrieren um konkrete und ehrgeizige Ziele erreichen zu wollen. Die ersten beiden Projekte dieser Art werden 2019 starten.

Fazit

Die Erwartung ist, dass Teams von KünstlerInnen und ForscherInnen bessere und menschlichere Technologien entwickeln werden. Dies könnte insbesondere für die KI gelten. Europa ist im weltweiten Wettbewerb um zukünftige KI-Systeme und -Anwendungen gut positioniert. Sein künstlerisches und kulturelles Potenzial wird eine große Hilfe sein. Die Bereitschaft der Kunstwelt, sich an der Debatte über Zukunftstechnologien zu beteiligen, wird durch eine Reihe von STARTS-Workshops bestätigt, die mit ‚la Biennale di Venezia‚, V&A in London, BOZAR in Brüssel, Guggenheim in Bilbao und nicht zuletzt durch die Bedeutung von STARTS beim diesjährigen Ars Electronica Festival organisiert wurden. Ich bin daher sicher, dass wir unsere Stärke in Wissenschaft und Technologie mit unseren einzigartigen Vorzügen in Kultur und Kunst verbinden können, um der KI eine unverwechselbare europäische menschliche Note zu verleihen.

Lesen Sie den Originalartikel von Roberto Viola in englischer Sprache, der am 27. September 2018 im „Digital Single Market Blog“ der Europäischen Kommission veröffentlicht wurde:
https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/blogposts/artificial-intelligence-next-frontier

Roberto Viola ist Generaldirektor der DG CONNECT (Directorate General of Communication, Networks, Content and Technology) der Europäischen Kommission. Vor seinem Eintritt in die EU war er Generalsekretär von AGCOM und in verschiedenen anderen Positionen tätig, unter anderem als Leiter der Abteilung Telekommunikation und Rundfunk-Satellitendienste bei der ESA. Er war Vorsitzender der European Radio Spectrum Policy Group (RSPG). Roberto Viola ist promovierter Elektroingenieur und MBA.

This project has received funding from the European Union’s Horizon 2020 research and innovation programme under grant agreement No 732019. This publication (communication) reflects the views only of the author, and the European Commission cannot be held responsible for any use which may be made of the information contained therein.