aqua_forensic: Die unsichtbare Gefahr in den Weltmeeren

Unsichtbar und doch bedrohlich. Auf Spurensuche menschlicher Verschmutzung in den Weltmeeren begibt sich das EMAP/EMARE-Projekt „aqua_forensic“ von Robertina Šebjanič und Gjino Šutić. Es ist das Ergebnis ihrer Residency bei der Ars Electronica. Der zweite Open Call läuft noch bis 3. Dezember 2018.

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Die neu gegründete European Media Art Platform hat – mit Unterstützung des Creative Europe Programms der Europäischen Union – bei ihrem ersten Open Call elf MedienkünstlerInnen und –gruppen ausgewählt, die im Laufe dieses Jahres in elf verschiedenen Ländern eine Residency absolvieren konnten. Noch bis 3. Dezember 2018 begibt sich EMAP/EMARE erneut auf die Suche nach MedienkünstlerInnen in den Bereichen digitale Medien – mehr Infos zum Open Call auf call.emare.eu. 2018 besuchten Robertina Šebjanič und Gjino Šutić die Ars Electronica im Rahmen ihrer Residency. Herausgekommen ist das Projekt „aqua_forensic“, das sie beim Ars Electronica Festival 2018 in Linz präsentierten, und dass nun weitere Runden zieht. Wir haben sie gebeten, uns das Projekt näher vorzustellen und zu erzählen, wie in den Bereichen zwischen Kunst und Wissenschaft arbeiten.

Worum geht es im aqua_forensic Projekt?

Robertina Šebjanič: Mit dem Projekt aqua_forensic wollen wir eine Diskussion über die unsichtbare anthropogene Verschmutzung in den Wasserlebensräumen der Welt anregen.

Am Projekt haben wir im Rahmen des EMARE/EMAP Residency Programms im Sommer 2018 gearbeitet. Bei der Ars Electronica in Linz haben wir Forschungen an der Donau durchgeführt, in Dubrovnik hingegen die Adria erkundet. In beiden Fällen lag unser besonderes Augenmerk auf der Suche und Analyse von chemischen Schadstoffen wie Arzneimittelrückständen.

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Die große Herausforderung von aqua_forensic war es definitiv, einen Weg zu finden, die unsichtbaren Schadstoffe, die sogenannten „Monster“, darzustellen. Wir wollten deutlich darauf hinweisen, dass unsere Mission eine „Jagd nach einem Phantom“ ist. Wenn es um chemische Schadstoffe geht, ist ihr Aussehen ohne greifbare materielle Substanz. Aber wir haben uns geirrt – es gibt sie, und auf chemischer Ebene sind sie in das Meeresleben integriert und werden daher in unserem menschlichen Körper über die Nahrungskette landen….

Wir möchten Prinzipien formulieren, um drängende ökologische Fragen der Welt und Wege zur Bewältigung dieser Herausforderungen unter Einbezug des heutigen Wissens und der Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Darüber hinaus ist es unser Ziel, die Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Forschung einem breiten Publikum auf poetische und künstlerische Weise zu präsentieren. Während der Residency haben wir verschiedene chemische und biologische DIY-Methoden entwickelt, wie man Wasser- und Schlammproben analysiert.

Gjino Šutić: In Zukunft möchten wir auch an einem konzeptionellen Prototyp für eine benutzerfreundliche Unterwasserdrohne und einem molekularen Sondenkit für die präzise Feldforschung der Unterwasserverschmutzung arbeiten – eine Erweiterung des Open ROV-Kits, das wir für die Erforschung und Probenahme aus dem Wasser verwendet haben, mit dem Schwerpunkt auf Erforschung der Wasserverschmutzung und ihrer Auswirkungen auf das Meeresleben. Eines der Ziele des Projekts aqua_forensic ist es auch, das Bewusstsein für Wasserschadstoffe zu schärfen und einen Weg zu finden, sie zu reduzieren und/oder zu recyceln.

Credit: Robertina Šebjanič / Gjino Šutić

Das Projekt wird als eine Kombination aus Installation, Workshop und öffentlicher Diskussion präsentiert, mit der Absicht, in diesem Kunst- und Wissenschaftsdialog neue Narrative zu schaffen. Die Installation verbindet Kupferrohre und holografische Videos, die den Moment der In-vitro-Experimente von Mikroorganismen zeigen, die in der 20.000 mal schwächeren Lösung von Arzneimitteln aus der durchschnittlichen menschlichen Dosis sterben. Es zeigt, welche Auswirkungen wir auf Wasserlebensräume und deren Leben haben, von der Mikro- bis zur Makroebene. Das Rohrsystem der Installation verbindet all diese Elemente in einer immersiven Umgebung, in der die BetrachterInnen mit ihnen verflochten sind und eingeladen werden, sich die „Module“ genau anzusehen, in denen das Video-Hologramm Mikroorganismen präsentiert, die sich in verschiedenen Arzneimitteln lösen – Ergebnisse von In-vitro-Experimenten im Labor des UR Institute in Dubrovnik.

Ein Buch wiederum dokumentiert die Forschung an den Residencies 2018 in Linz und Dubrovnik zu diesen unsichtbaren chemischen Schadstoffen (Stimmungskontrolle, Antibiotika, Antimykotika, Schmerzmittel, Hormonpillen, etc.).

Wie seid Ihr auf dieses Thema und diese Forschung gekommen?

Gjino Šutić: Ich hab mich schon immer für unsichtbare und unerforschte Naturwelten interessiert… Mit meinem Hintergrund in Biotechnologie und Chemie und meiner Affinität zu Praktiken der Citizen Science und BioArt spiele ich seit einiger Zeit mit unorthodoxen und innovativen Ansätzen in Ökologie und Forensik. Mein erstes Kunstprojekt zu diesem Thema war „The Moment of Death“, das 2014 mit meiner Kollegin Tanja Minarik für das Touch Me Festival in Zagreb durchgeführt wurde. In diesem Projekt haben wir die Ökologie des Todes erforscht und dem Publikum durch eine wirklich komplizierte techno-biologische Kunstinstallation sensorische und einfühlsame Erfahrung des Todes vermittelt.

Robertina und ich arbeiten seit dem gleichen Jahr an mehreren Projekten mit verwandten Themen zusammen – zum Beispiel am HackteriaLab 2014 in Indonesien oder am Piksel-Festival 2015 in Norwegen. Im HackteriaLab haben wir uns auf die Erforschung der Umweltverschmutzung verschiedener Ökosysteme konzentriert und teilen nun einige Ideen, die wir gemeinsam erforschen könnten. Auf dem Piksel-Festival 2015 hatten wir erstmals die Möglichkeit, an neuartigen unsichtbaren Wasserschadstoffen (Mikrokunststoffe und Unterwasserlärm) mitzuarbeiten – das Projekt „Pikslo_deep_diving / Underwater Interception of the nordic sea“ wurde mit den Kollegen Robertina Šebjanič, Kat Austen & Slavko Glamočanin durchgeführt. Diese Kooperationen eröffneten eine Diskussion über die pharmazeutische Verschmutzung, so dass wir endlich die Möglichkeit hatten, mehr zu erkunden – mit großzügiger Unterstützung von Ars Electronica und dem EMAP/EMARE Framework.

Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Robertina Šebjanič: In den letzten Jahren konzentriere ich mich auf verschiedene Positionen zu kulturellen, (bio-)politischen und ökologischen Fragen der aquatischen Umwelt. In der Vergangenheit, d.h. im Rahmen des Aquatocene-Projekts, habe ich bereits Herausforderungen und Auswirkungen der Unterwasserlärmbelastung durch menschliche Anwesenheit in Ozeanen und Meeren untersucht. Darüber hinaus arbeite ich seit einigen Jahren an „Aurelia 1+Hz“, das sich mit der Beziehung zwischen Mensch, Meerestieren und Maschinen sowie mit der Kommunikation zwischen den Arten beschäftigt. Schon damals war ich auch neugierig auf die Auswirkungen von Arzneimitteln auf die Umwelt.

Credit: vog.photo

Die Arbeit mit den Unterwasserlebensräumen ist jedoch für Menschen, die nur mit Hilfe von technologischen Geräten länger und tiefer im Wasser überleben können, unwirtlich, aber auch gewinnbringend. In den letzten zehn Jahren hatte ich das einmalige Privileg, mit WissenschaftlerInnen, ExpertInnen in Meeresinstituten und privaten Aquarien zusammenzuarbeiten, und ich habe gelernt, dass es noch so viel Unerforschtes und Unbekanntes über die Ozeane und Meere der Welt gibt.

Seit einiger Zeit denke ich viel darüber nach, wie man die Forschung über den Zusammenhang zwischen Pharmazeutika, Mensch und Umwelt beginnen kann. Im Gespräch mit meinem Kollegen Gjino Šutić, mit dem ich das gemeinsame Interesse an diesen Themen teile, über mögliche Richtungen und Ansatzpunkte machte alles langsam Sinn. Dann haben wir uns für die offene Ausschreibung EMAP/EMARE beworben und wurden für ein Residency-Programm hier bei der Ars Electronica ausgewählt.

Warum gerade dieses Thema?

Robertina Šebjanič: Einer der Hauptgründe, warum ich es für wichtig halte, an einem solchen Forschungsprojekt zu arbeiten, ist die Tatsache, dass die Menschheit das Wasser von Grund auf verändert und dass niemand weiß, welche Folgen diese Veränderung des Wassers in den nächsten Jahrzehnten haben wird. Da unser Körper nicht die gesamte Substanz der von uns eingenommenen Pillen aufnehmen kann, bleiben nach groben Schätzungen etwa 20% davon in unserem Körper und etwa 80% werden in das Abwasser und damit in die Ozeane und Meere abgegeben. Eine Optimierung dieser Aufnahme in unseren Körper wäre notwendig, und wie bereits erwähnt, trägt auch die Fischzucht zu großen Mengen an Antibiotika und ähnlichen Arzneimitteln in den Wasserlebensräumen bei. Aus diesem Grund habe ich begonnen, den Begriff „Aqua Forming“ zu verwenden, der Gewässer mit anthropogener Verschmutzung beschreibt, die die grundlegende Zusammensetzung der Wasserlebensräume auf Nano- und Makroebene verändert.

Die positive Seite der Zusammenarbeit mit Gjino Šutić ist, dass wir unterschiedliche Wahrnehmungen über das Verständnis von Wasserlebensräumen haben. Ich denke, es war eine großartige Sache, unser Wissen und unseren Workflow zu kombinieren. Bis jetzt lief alles reibungslos; wir beide teilen unser Fachwissen gerne miteinander und mit anderen KollegInnen, die uns bei der Recherche und Durchführung des aqua_forensic-Projekts geholfen haben.

Man kann also sagen, dass wir als Menschen den Lebensraum Wasser viel wichtiger als bisher betrachten sollten…..

Robertina Šebjanič: Die Auswirkungen des Menschen auf die Wasserlebensräume sind enorm. Plastik- und Mikrokunststoffabfälle sind überall vorhanden, sogar in den tiefsten und dunkelsten Ecken der Ozeane, und das ist eine sehr aufschlussreiche und alarmierende Tatsache. Die enorme Umweltverschmutzung ist natürlich das direkte Ergebnis der enormen Produktion und des Verbrauchs in allen globalen Industrien, insbesondere in der Fischerei, der marinen Landwirtschaft, dem Seetransport und der Gewinnung von Erdöl, – das wiederum zeigt die Möglichkeiten auf, die brutale Ausbeutung der Umwelt, die wir aus der Vergangenheit und der Gegenwart kennen, zu ändern.

Ich glaube, jetzt ist es ein guter Zeitpunkt für eine tiefe Selbstbeobachtung, die (hoffentlich) schließlich zu einem Medikament führen würde, das sowohl für unseren Körper als auch für die Umwelt freundlicher wäre. Die Agrarindustrie sucht nach neuen, nachhaltigeren Optionen der Nahrungsmittelproduktion, und heutzutage besteht großes Interesse daran, die Landwirtschaft in die (Unter-)Wasserlebensräume zu verlagern.

„Das Ausmaß der Umweltprobleme, mit denen der Planet heute konfrontiert ist, ist immer besorgniserregender, und deshalb gibt es eine komplexe Kombination aus Wirtschaft, wissenschaftlicher Entwicklung und geopolitischem Interesse, die in den kommenden Jahren angegangen werden muss, um die Wasserlebensräume zu erhalten.“

Könntet Ihr uns den Begriff Biotweaking erklären? Worum geht es bei diesem Konzept?

Gjino Šutić: Meine Arbeit ist sehr interdisziplinär und kombiniert verschiedene wissenschaftliche Disziplinen mit Kunst, Bildung, Citizen Sciene und DIY-Praktiken, aber vor allem ist sie in irgendeiner Weise immer mit der Biotechnologie (und DIY-Biotechnologie) verbunden. Als mich die Leute fragten, „was machst du so?“ und sie eine Antwort mit einem Wort erwarteten, hatte ich Probleme, ihnen das zu sagen. Also formte ich einen Begriff, der sowohl meine Praktiken als auch die Philosophie beschreibt.

Der Begriff Biotweaking beschreibt Handlungen (oder die Kunst), biologische Organismen auf jeder Ebene mit den verfügbaren Mitteln zu verbessern, um ihr volles Potenzial auszustellen und zu nutzen. Es leitet sich vom griechischen Wort bios = Leben + dem englischen Verb tweaking = Feinabstimmung oder Anpassung eines komplexen Systems (meist ein elektronisches Gerät) ab. Optimierungen sind alle kleinen Änderungen, die zur Verbesserung eines Systems dienen.

Credit: Miha Godec

Und was bedeutet der Begriff Aquatocene, den du verwendest?

Robertina Šebjanič: Aquatocene ist ein Begriff, den ich geprägt habe, um mich auf die Aquabildung im Anthropozän zu beziehen.  Wenn ich über das Aquatozän spreche, dann spreche ich über die Herausforderungen, die mit den schnellen Veränderungen in den Ozeanen und Meeren der Welt einhergehen, die hauptsächlich von uns Menschen und unserem Abdruck verursacht werden. Ich versuche, langfristig an den Fragen der Ökologie von Wasserlebensräumen aus biologischer, chemischer und geopolitischer Sicht zu arbeiten.

Das Projekt läuft seit 2016, als ich mit „Aquatocene / Subaquatic quest for serenity“ auf der Suche nach Ruhe Unterwasser war und das Phänomen der Unterwasserlärmbelastung durch den Menschen zu untersuchen begann. Die Audiokompositionen der subaquatischen Klanglandschaft inspirieren die ZuhörerInnen, über die anthropogenen schalltechnischen Auswirkungen auf den Unterwasserlebensraum und die Meereslebewesen nachzudenken, das Bewusstsein zu schärfen und die Bedeutung der Erhaltung einer sicheren, gesunden Umwelt für Tiere, die in den Ozeanen, Meeren, Seen und Flüssen der Welt leben, zu unterstreichen. Die Klangkompositionen sind eine Mischung aus der Bioakustik des Meereslebens (Garnelen, Fische, Seeigel usw.), der Wasserakustik und dem menschlichem Lärm in den Ozeanen und Meeren der Welt. „Aquatocene / Subaquatic quest for serenity“ wurde 2016 als Triple-Album veröffentlicht und ist auf meinem Bandcamp zu hören.

Bei meiner Arbeit schaffe ich oft eine Reihe von Arbeiten, für die ich viel Zeit mit Vorarbeiten verbrachte. Ich würde sagen, dass meine bisherigen Projekte von zukünftigen Spekulationen über pflanzlich-menschliche Beziehungen und das Überdenken neuer Arten (Humalga), tierisch-maschine-menschliche Beziehungen, regenerative Medizin, „Jagd nach ewiger Jugend“, artübergreifende Kommunikation (Werkreihe Aurelia 1+Hz), Sonifikation des chemischen Prozesses (Time Displacement) bis hin zum Aufzeigen von Unterwasserlärm und seinen ökologischen Folgen (Aquatocene) reichen.

Credit: Miha Godec

Im ersten Entwurf stellt Ihr die Frage, ob der Ozean uns mit neuen Therapeutika versorgen könnte – was genau meint Ihr damit und ist das möglich?

Robertina Šebjanič: Wie bereits erwähnt, gibt es in unseren Wasserlebensräumen noch so viel Unerforschtes. Ich bin sicher, dass es viel Potenzial gibt, das uns im Moment noch unbekannt ist, aber meine größte Sorge ist es, dass wir uns immer noch nicht bewusst sind, dass wir mit Wasserlebensräumen mit Vorsicht umgehen müssen. Da das wirtschaftliche Interesse wieder riesig ist, wie in den vorangegangenen Perioden der Weltgeschichte, wie in der ersten und zweiten industriellen Revolution, können wir mit einer Wiederholung früherer Fehler rechnen. Mit der Entwicklung der Biotechnologie gedeiht die kommerzielle Industrie, aber es kommen viele ethische Fragen auf. Nun, ich weiß, dass ich dystopisch klinge, aber ich denke, dass der Zeitgeist mehr zu den dunkleren Interpretationen der Zukunft tendiert. Was wirklich notwendig wäre, ist eine gut koordinierte geopolitische Strategie, um damit zu beginnen, unsere Wasserlebensräume mit größerer Aufmerksamkeit zu behandeln, als wir es jetzt tun.

Gjino Šutić: Als Biotechnologie & Künstler am Meer kann ich das Meer als Potenzial nicht übersehen. Als ich die ganze Kindheit damit verbrachte, um an den Küsten von Dubrovnik herum zu schnorcheln, verbrachte ich immer viel Zeit damit, die Meeresbiologie in der Praxis zu erforschen, und ich war überrascht, wie wenig wir darüber wissen. Ich hatte nie Interesse an Objekten, die in Sichtweiten lagen, wie z.B. Fische. Die Suche nach den Teilchen (& Mechanismen) der Natur, die verborgen sind, hat mich viel mehr fasziniert.

Die Wissenschaft beschäftigt sich immer noch mit der Katalogisierung einer großen Anzahl von Meeresorganismen, und wir haben gerade erst begonnen, einen Einblick in diese umfassende Welt zu gewinnen, die dort verborgen liegt. Wir wissen viel über große Organismen, Algen und Plankton, aber es fehlen noch immer Methoden, um Organismen wie Meeresbakterien und Pilze zu erforschen, die mich am meisten faszinieren.

Wir haben nur die Oberfläche bei der Erforschung des biomedizinischen Potenzials des Meeres angekratzt, aber es zeigen sich große Versprechungen – Krebsbekämpfungspotenzial von Medikamenten aus Schwämmen, regenerative Fähigkeiten von Seesternen und sogar die Verwendung von Fischhaut bei der Xenotransplantation (Ersatzhaut zur Behandlung von Verbrennungen usw.).  Das exponentiell starke Wachstum der Aquakultur seit den 1960er Jahren (Blaue Revolution) hat nicht aufgehört.

Deshalb habe ich vor einigen Jahren in Dubrovnik ein Biotech- und Aquakulturunternehmen (Gen0 Industries) gegründet, um nicht nur biotechnologische Forschung und Entwicklung, sondern auch die Kybernetik des Meeres zu betreiben.

„Ich denke, wir sollten das Meer nicht nur als Konsumressource betrachten, sondern auch als Fallstudie für komplexes Systemverhalten. Wir können so viel daraus lernen und dieses Wissen für neue Lösungen in Industrie und Alltag nutzen.“

Welche Pläne gab es und was war das Ziel während der EMAP/EMARE Residency?

Robertina Šebjanič: Für die Residency haben wir uns das Ziel gesetzt, das Konzept zu klären; also haben wir vor allem viel gelesen und recherchiert. Außerdem haben wir viele Experimente durchgeführt, entweder chemische oder In-Vitro-Experimente, und ein Upgrade der Unterwasserdrohne gebaut. Wir haben viele Proben aus der Donau und der Traun in Linz und von den Ufern um Dubrovnik in der Adria entnommen.

Credit: Robertina Šebjanič / Gjino Šutić

Insbesondere die Session mit In-vitro-Experimenten am UR-Institut in Dubrovnik half uns, den konzeptionellen Rahmen für die Ausstellung beim Ars Electronica Festival im September 2018 festzulegen, wo die Installation aqua_forensic erstmals gezeigt wurde. Der nächste Schritt ist ein Kunstbuch, das auf der Ars Electronica Export Ausstellung im DRIVE. Volkswagen Group Forum in Berlin im November 2018 vorgestellt wird.

In der Installation und im Buch präsentieren wir die Bilder, die unter Laborbedingungen in einer Reihe von In-vitro-Experimenten entstanden sind; diese wurden an 30 Mikroorganismen durchgeführt, die 16 Arzneimitteln ausgesetzt waren (Stimmungskontrolle, Antibiotika, Antimykotika, Schmerzmittel, Hormonpillen, etc.). Das Pharmazeutikum, das wir uns näher angesehen haben, war dasjenige, das täglich viel verwendet wird. Das ist eine persönliche Note, die wir beschlossen haben, dem Projekt hinzuzufügen, um die Situation besser einzuschätzen und um zu wissen, dass wir auch an diesem Thema beteiligt sind. Wir können uns einfach nicht von diesem Phänomen ausschließen; unsere Sicht auf eine Gesellschaft ist immer subjektiv.

Die Experimente wurden zur Validierung dreimal wiederholt – es dauerte mehr als einen Monat, bis sie alle unter korrekten Bedingungen durchgeführt wurden. Die Konzentrationen der verwendeten Medikamente waren zwischen 20.000 mal kleiner als die, die wir für die menschliche Dosis verwenden (Zugabe von 5µl und 10µl Stammlösung – menschliche Dosis des Medikaments verdünnt in 100ml Wasser). Die In-vitro-Experimente waren Laborrekonstruktionen von realen Daten, die den täglichen Verbrauch von Arzneimitteln durch Mikroorganismen widerspiegeln und zeigten, wie viel von diesen Materialien in den Gewässern der Welt landet.

Credit: Robertina Šebjanič / Gjino Šutić

Die Videos und Bilder, die in der Installation aqua_forensic zu sehen sind, zeigen den Zerfallsprozess von Mikroorganismen – oder man kann sagen, dass sie den Moment ihres Todes darstellen. Mit dem Projekt wollten wir Aufmerksamkeit erregen und die Debatte eröffnen, aber wir haben auch einen Workshop entwickelt, der zunächst in Bourgues, Frankreich, bei Bandits-Mages stattfinden wird; außerdem ist geplant, ihn im nächsten Jahr in Berlin durchzuführen.

Es war auch toll, eine zusätzliche Hilfe von den Kollegen des UR-Instituts – Antonia Merčep und Lovro Martinović, sowie von meiner engen Mitarbeiterin Miha Godec zu bekommen. Das Projekt wurde vom Projekt Atol Institut unterstützt, was uns ermöglichte, die Installation in unserem temporären Studio in Osmo/za in Ljubljana zu bauen.

In diesem Forschungs- und Entwicklungsprozess dieses Sommers und Herbstes hatten wir eine große Unterstützung des gesamten Ars Electronica-Teams und wir sind sehr dankbar für die tolle Unterstützung und auch Anleitung im intensiven Residency-Programm und Produktionsprozess.

Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Gjino Šutić: Die Residency gab uns die wunderbare Gelegenheit, unsere Ideen in Theorie und Praxis zu erforschen, viel Brainstorming zu betreiben und in der simulativsten Umgebung zu lernen.

In Experimenten zur Beobachtung der Wirkung von Arzneimitteln auf Mikroorganismen haben wir keine so intensiven Ergebnisse erwartet. Diese Momente des Todes – „Mikroexplosionen“ der auf Videos festgehaltenen Protozoen – die wichtigsten Artefakte unserer Forschung waren einfach atemberaubend – schön und traurig zugleich. Ich wünschte mir, dass dieses Problem der Umweltverschmutzung nicht so intensiv ist, aber jetzt wissen wir zumindest, dass wir an seiner Lösung arbeiten müssen.

Ich bin wirklich zufrieden mit unserer Arbeit, da sie eine wunderbare Kunstinstallation hervorgebracht hat, die ihrem Zweck dient – die Geschichte, die wir zu erzählen versuchen, zu vermitteln.

Die Installation besteht aus Kupferrohren, die mit Kupfer als antimikrobielles Material und Rohren als eine Möglichkeit der Menschheit, das Wasser zu kontrollieren, einen angemessenen Rahmen für die Geschichte geben. Und die zentralen Teile – der Multimedia-Teil (holografisches Spiegelglas in die Rohre) – zeigen einen Blick auf diesen unsichtbaren Friedhof, den wir nachlässig produzieren.

Ich bin auch wirklich zufrieden, dass die Residency auch zwei wissenschaftliche Arbeiten hervorgebracht hat, mit denen wir versuchen werden, unsere Daten zu veröffentlichen und mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu teilen. Einer der besten Momente der Residency war auch die Möglichkeit, neue Freundschaften zu schließen, sich konstruktiv mit Gleichgesinnten zu verbinden und neue Partnerschaften bei der Entwicklung dieser und verwandter Themen zu bilden. Die Residency hat mehr Fragen und Türen für neue Forschungen geöffnet, als wir aus wissenschaftlicher und künstlerischer Sicht erforschen möchten und wollen.

Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Ihr beide arbeitet im Querschnittsbereich Kunst, Technologie und Wissenschaft. Was sind die Vorteile, die Sie aus dieser Überschneidung ergeben?

Robertina Šebjanič: Die Bedeutung der Arbeit an Kunst, Wissenschaft und Technologie besteht darin, andere Imperative zu finden – die nicht nur eine wissenschaftliche Kommunikation oder Vereinfachung von etwas Komplexem sind. Die Kombination verschiedener Disziplinen kann sehr herausfordernd und lohnend zugleich sein. Transdisziplinäre DenkerInnen verfolgen einen einzigartigen Ansatz zur Problemlösung. Sowohl Wissenschaft als auch Kunst sind menschliche Versuche, die Welt um uns herum zu verstehen und zu beschreiben. Die Themen und Methoden haben unterschiedliche Traditionen, und die Zielgruppe ist unterschiedlich, aber ich denke, die Motivationen und Ziele sind im Grunde genommen die gleichen. Für mich ist es am einfachsten, diese Frage mit meiner Arbeitsweise zu beantworten.

Jedes meiner Projekte und sein Forschungsprozess sind spezifisch und ich versuche zu sehen, welche Disziplinen ich kombinieren muss, um das Beste daraus zu machen. In den letzten zehn Jahren habe ich intensiv mit vielen MeeresbiologInnen in verschiedenen Meeresinstituten zusammengearbeitet. Ich denke, dass es bei meiner Arbeitsweise am schwierigsten ist, die grundlegenden Parameter herauszufinden, noch bevor der Prozess der Zusammenarbeit beginnt. Sobald das Konzept und die Methodik der Forschung klar sind, ist fast die Hälfte der Arbeit erledigt. Wenn es um Ausstellungen geht, versuche ich immer, die wissenschaftliche Forschung hinter dem Projekt nicht zu vereinfachen. Aus diesem Grund organisiere ich oft Symposien, die meine Ausstellungen und audiovisuellen Performances begleiten. Diese Veranstaltungen öffnen das Thema und übergeben das Podium an alle beteiligten Akteure.

„In den letzten Jahren bemerkte ich ein starkes Wachstum der Citizen Science sowie, dass es immer mehr wissenschaftliche Arbeiten gibt, die freien Zugang zu ihren veröffentlichten Artikeln haben. Ich denke, dass es einen ausgezeichneten Fortschritt gibt und dass ein Gefühl der Ermächtigung entsteht. Ich glaube, dass das Wissen für alle zugänglich sein sollte, nicht nur für die Privilegierten.“

Gjino Šutić: Ich denke, das kreativste Potenzial liegt in der Kombination verschiedener Bereiche. Und Wissenschaft, Kunst & Technologie, kann ich nicht als getrennte Bereiche betrachten. Vielleicht ist es ein Kurzschluss in meinem Kopf, aber für mich sind diese Felder immer zusammengehörig. Es gibt niemanden ohne den anderen. Dieses miteinander verbundene Trio sind die Grundpfeiler von Kultur & zivilisatorischer Entwicklung und unserer persönlichen sowie als Spezies. Wir entwickeln uns mit unseren Werkzeugen (Technologie) und hinterlassen Wissenschaft und Kunst (Wörter und Bilder) als Fußspuren dieser Entwicklung. Sollen wir uns von der Natur trennen oder mit ihr symbiotisch verschmelzen, das ist in diesem Prozess die einzig zu beantwortende Frage.

Das Projekt aqua_forensic wird in Berlin (17. November 2018 bis 17. Februar 2019) im Rahmen der Ausstellung ERROR – The Art of Imperfection von Ars Electronica Export im DRIVE. Volkswagen Group Forum präsentiert. Vom 23. November 2018 bis 30. Dezember 2018 bei „A World Without Us„, Impakt, Nederlands und zwischen dem 15. November 2018 und dem 2. Dezember 2018 in Bourges – als Teil der Gruppenausstellung „Mending the Fabric of the World“, kuratiert von Annick Bureaud bei Bandits-Mages.

Robertina Šebjanič (SI) ist eine internationale Künstlerin. Ihre künstlerische Arbeit beschäftigt sich mit den kulturellen, (bio)politischen und ökologischen Realitäten der aquatischen Umwelt. Bei ihren Projekten beschäftigt sie sich mit den philosophischen Fragen an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Wissenschaft. Ihre Projekte werden oft in Zusammenarbeit mit anderen realisiert, durch interdisziplinäre und informelle Integration in ihre Arbeit.

Gjino Šutić (HR) ist ein Biotechnologe, postmoderner Intermedia-Künstler, Innovator & Pädagoge. Er ist der Gründer und Direktor des Universal Research Institute & Gen0 Industries. Gjino forscht in verschiedenen Wissenschaftsbereichen (z.B. Biotechnologie, Bioelektronik, experimentelle Elektronik, ökologische Technik) und postmoderner Neuer Medienkunst (Biokunst, digitale Kunst, Installationskunst, Multimedia Kunst & Hybridkunst).