Der passende Sound für unser verstörtes Dasein

Die Goldene Nica der Kategorie „Digital Musics & Sound Art“ des Prix Ars Electronica bleibt 2019 im Lande: Erstmals konnte ein Österreicher (allein) die Auszeichnung für sich gewinnen. Der österreichische Komponist und Produzent Peter Kutin lernte an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien und schrieb und entwickelte Musik für Film, Theater, Performance, zeitgenössischen Tanz und Radio.

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Mit der kinetischen Soundskulptur TORSO #1 schuf Kutin eine beeindruckende Installation, die nicht nur tief ins Bewusstsein der BesucherInnen vordringt, sondern auch bedrohlich, fast aggressiv wirken kann. Das Setup ist schnell erklärt: Vier Lautsprecher auf vier Rotoren drehen sich mit wechselnder Geschwindigkeit auf einer mehr als zwei Meter langen Achse und erzeugen so Schallsignale und Rückkoppelung. Ab und zu sind feine Stimmen zu hören. Die so geschaffene Atmosphäre ist hypnotisch und irgendwie unheimlich. Wir haben mit Peter Kutin gesprochen, um mehr zu erfahren.

TORSO beschäftigt sich mit Geschwindigkeit – Beschleunigung, Verzögerung, Standort des Hörens. Was interessiert Sie daran? Was wollten Sie herausfinden bzw. vermitteln?

Peter Kutin: Bei TORSO befasse ich mich bewusst mit psychologischen und phänomenologischen Aspekten. Das passiert nicht nur auf klanglicher Ebene. Es entstehen Beziehungen zwischen dem was man sieht und dem was man hört – oder glaubt zu hören. Kompositorisch arbeite ich dabei unter anderem auch gezielt mit psychoakustischen Mitteln.

Neben der tatsächlichen Manipulation des Klangs durch die Rotation und die Beschleunigung spielt das dabei entstehende Bild ganz stark in die individuelle Wahrnehmung hinein. Dadurch, dass sich die Geschwindigkeit in Form einer Kreisbewegung beobachten lässt und nachvollziehbar wird, entsteht eine eigenwillige Kopplung mit der auditiven Wahrnehmung. Hier ergibt sich etwas, das vielleicht gar nicht da ist. Beim Proben haben mich immer jene Momente interessiert, bei denen etwas in mir gekippt ist… Das lässt sich schwer beschreiben oder in Worte fassen, aber es ist ein Moment, in dem das Zusammenspiel der Komponenten Klang, Bewegung, Licht und Objekt einen Raum aufgemacht hat, in dem ich nicht mehr genau verstand, was jetzt wie und warum passiert, aber wo ich fühlte, dass es stimmte. Dass hier etwas entsteht, das mich fordert und nicht loslässt. Dabei war es mir wichtig, die Grundparameter so simpel und offensichtlich wie möglich zu halten. Sprich die ZuhörerInnen erkennen, dass sich hier vier Lautsprecher drehen und dass die Geschwindigkeit sich auf den Gesamtzustand auswirkt.

Für dieses System wollte ich dann ansprechende musikalische Situationen schreiben oder entwickeln. Das Lichtkonzept kam in einem späteren Schritt hinzu und führte zu einer weiteren Intensivierung. Prämisse war aber, dass TORSO auch rein klanglich funktioniert, dass das Licht also nicht als Taschenspieler-Trick eingesetzt wird, der über musikalische Schwächen hinwegtäuscht. Insgesamt erzeugt TORSO einen von einer seltsamen und prinzipiell einfachen Maschine sehr stark beeinflussten und strukturieren Raum. Ich möchte nicht, dass die ZuhörerInnen darin die Tendenz verspüren, alles analytisch zu zerlegen, sondern dass sie sinnlich verführt werden. Sie sollen physisch ge- und phasenweise vielleicht auch überfordert werden ohne es intellektuell zu hinterfragen. Solche Situationen begreife ich in einer Zeit, in der jegliche Information jederzeit zur Verfügung steht, als eine Form von Freiheit. Kurz: die Arbeit soll individuelle Erfahrungsräume aufmachen. Wichtig ist mir dabei ein subkutanes Gefühl der Unsicherheit, dass man ein wenig herausgefordert wird, auch instinktiv zu hören, weil man auf der Hut ist – egal wie einlullend der Klang gerade sein mag. Ich mag es, wenn das Hören wieder diesen Urinstinkt bekommt und Leute eher zu animalischem Verhalten beim Zuhören neigen. Ich liebe es ja, Katzen oder Rehe beim Hören zu beobachten – wenn Menschen in Konzerten oder Klanginstallationen auch nur ansatzweise ähnlich reagieren, bringt mich das zum Schmunzeln, das finde ich gut.

Schildern Sie uns doch, wie der Entstehungsprozess eines solchen Projektes vonstattengeht. Was ist der Ausgangspunkt? Wie wird es konkreter? Welche Einflüsse spielen hinein? Wie lange dauert der gesamte Prozess?

Peter Kutin: Initialzündung für das Projekt waren diese speziellen Lautsprecher. Knapp 30 Stück davon habe ich am Hinterhof eines aufgelassenen Bahnhofgeländes gefunden. Sie standen im Freien, in desolatem Zustand, völlig verdreckt und überschüttet von Regenwasser. Niemand schien sie zu vermissen, also hab ich sie mitgenommen und teilweise repariert. Es sind ganz wunderbar konstruierte 100 Volt-Lautsprecher, wie sie z.B. auf alten ÖBB Bahnhöfen verwendet wurden. Das ist nicht High- End und auch nicht für Musikwiedergabe ausgelegt. Der funktionale Gedanke hinter diesen Lautsprechern ist die verständliche Wiedergabe von Sprache bei möglichst großer Robustheit. Musikproduktionen entfalten über diese Lautsprecher keine Wirkung.

Aufgrund Ihrer Robustheit und auch wegen ihrer faszinierenden Optik wollte ich sie für ein Projekt mit bewegten Lautsprechern heranziehen. Man muss allerdings eigene Sounds für sie finden und entwickeln, damit die Klänge in ihrer Gestalt spannend werden und einen bestimmten Charakter annehmen. Frequenz-technisch sind diese Lautsprecher sehr begrenzt und haben auch einen sehr hohen, von der Frequenz abhängigen Klirrfaktor, d.h. die Lautsprecher verzerren den Klang in bestimmten Tonhöhen. Genau mit diesen Mankos kann man aber auch künstlerisch arbeiten. Das verleiht dem TORSO nun zusätzlich einen klanglich sehr eigenständigen Charakter.
Als Material verwendete ich anfangs nur eine Stimme (Sopran) und hörte mir an, wie die Lautsprecher wirkten. Danach begann ich die Stimme zu abstrahieren, bis die Lautsprecher stärker oder für meine Ohren spannend reagierten. Johanna Sophia Baader ist die Sopranistin. Mit einer so präzisen Stimme zu arbeiten war sehr bereichernd. Die verschiedenen Gesamtklänge oder Cluster, die wir zusammen aus ihrer Stimme generierten, bilden nun in Kombination mit zwei simplen Feedback-Schleifen eine Art Grundlage für die gesamte Komposition.

Aber zurück zur Entstehung, denn hier gibt es eine recht nette Anekdote. Ausgangspunkt waren wie gesagt diese Lautsprecher. Als ich im Zuge eines Stipendiums längere Zeit im südlichen Niemands-Land in der Steiermark lebte, hatte ich dort einen besonderen Nachbarn; einen eigensinnigen KunstTischler, der dafür bekannt ist, den größten Klapotetz der Welt eigenhändig errichtet zu haben. Als KünstlerkollegInnen und ich in der Region ein spartenübergreifendes Festival organisierten, wollte ich dafür auch eine Art Klapotetz bauen, dessen Flügel mit diesen Lautsprechern bestückt sein sollten. Er dachte natürlich, ich scherze, musste aber rasch erkennen, wie ernst es mir und meinen KollegInnen war. Letztlich suchte er einen Stamm für das Objekt aus und fällte ihn eigenhändig. Es war eine wunderbar bizarre Kooperation zweier Starrköpfe.

Als wir diesen sogenannten „antifaschistischen Klapotetz“ aufstellten, offenbarte sich schnell die Manipulation des Sounds durch die Drehbewegung. Das Potential für musikalische Weiterentwicklung war damals schon offensichtlich. Vor allem fand ich die sich ergebende Beziehung zwischen den optischen und den akustischen Komponenten sehr spannend – Objekt, Rotationsgeschwindigkeit, Klang… Aus diesem simplen, aber dennoch komplexen Zusammenspiel entstand dann die Idee zu TORSO.

Zusammen mit Patrik Lechner und Mathias Lenz entwerfe ich ja gerade eine neue TORSO- Variante. Es ist ein Kompositionsauftrag von SAT (Societe des Arts et Technologies) Montreal und wird im Sommer 2020 uraufgeführt. Hierfür möchten wir Lautsprecher konstruieren, die noch gezielter auf das Rotationsprinzip abgestimmt sind und dabei einen höheren Schalldruck erzeugen. Dieses Konzert findet dann in einem Kuppelraum mit Ambisonic-Surroundsystem und kuppelfüllender Video-Projektion statt – die Satosphere, ein weltweit einzigartiger und multifunktionaler Raum für audiovisuelle Konzerte. Wir freuen uns riesig!


Credit: David Visnjic

Erzählen Sie ein wenig zur „Gewalt der Geschwindigkeit“, wie Paul Virilio es formuliert. Er hat Sie in Ihrer Arbeit stark beeinflusst – was fasziniert Sie an seinen Thesen? Was leiten Sie für Ihre Arbeit daraus ab?

Peter Kutin: Hier muss ich vorwegnehmen, dass ich kein Virilio-Experte bin. Ich habe mich während der Arbeit an TORSO mit einigen seiner Thesen auseinandergesetzt was in dem Zusammenhang irgendwie logisch und auch sehr inspirierend war. So wurden einzelne Gedankengänge oder Phrasen Virilios für mich vielleicht unterbewusst auch zu einer Art Kompositions- oder Stimmungsangabe. Wenn er etwa vom „rasenden Stillstand“, vom „Verschwinden der Wahrnehmung“ oder der „Auflösung des Raumes“ spricht, entspricht das dem, was ich mit TORSO in einem musikalisch-skulpturalen Kontext herzustellen versuche. Von ExpertInnen aus den Bereichen Philosophie und vor allem der Physik wird Virilio ja eher kritisch gesehen, vielleicht auch, weil er sich zwischen mehreren Bereichen bewegt als „nur“ Experte in einem Fach zu sein. Er war sicher ein Pionier und Visionär auf dem Feld der Erkenntnis, wie sehr die Geschwindigkeit unsere Wahrnehmung und unser Dasein beeinflusst oder manipuliert.

Dass ich mit Beschleunigung und Bewegung von Schallquellen arbeiten wollte, wusste ich aber schon länger – für diesen Gedankengang waren musikalische Erfahrungen und Einflüsse von KomponistInnen oder KünstlerInnen diverser Sparten weitaus prägender als die Texte Virilios. Mir war und ist immer sehr wichtig, dass ein Werk abseits des Inhalts auch rein über den Klang bzw. über die sinnliche Ebene funktioniert und einen Erfahrungsraum aufmacht. Das heißt auch ohne spezielle Vorkenntnisse erfahrbar bleibt.


Credit: U.M.Z.

Ist TORSO der „passende Sound für unser verstörtes Dasein“?

Peter Kutin Eine Qualität an TORSO ist, dass man von einer optisch kargen, technisch einfachen Maschine herausgefordert wird. Dieser Maschine ist etwas Archaisches eingeschrieben – nämlich der Klapotetz, diese uralte Form einer Windmühle. Hier entsteht eine Art Reibung, ein Anachronismus. Hinzu kommt, dass die menschliche, körperliche Präsenz fehlt. Die Spannung entsteht also einzig zwischen der Skulptur und den BesucherInnen selbst.

Das Zusammenspiel aus Licht, Klang und Rotation nimmt den Raum zur Gänze in Anspruch, wobei die Kreisbewegung stetig das Zentrum bildet. Das Sich-im-Kreis-Drehen verwendet speziell Virilio gerne als ein Sinnbild für die kulturelle Verfassung der Postmoderne. Im Falle von TORSO kann das jede/r metaphorisch für sich selbst auslegen. Ich denke die Arbeit macht aber eine Menge auf, das ich selber gar nicht erklären kann. Complexity of Simplicity. Oder es ist einfach Zeitgeist, der drinnen steckt. Ich denke dadurch, dass hier kein Interpret oder Körper direkt anwesend ist, der spielt oder performt, entsteht dieses Gefühl, der Technik ausgesetzt zu sein. In vielen, sehr spannenden Szenen wird körperliche Präsenz von KünstlerInnen abgelehnt – das sich selbst überlassen sein wird hier für die RezipientInnen von großer Wichtigkeit. Etwa bei Free-Parties, wo die DJs hinter gewaltigen Boxentürmen und -wänden auflegen, also nicht sichtbar sind, oder bei einem Rave, wo Nebel und Stroboskop alles verschlucken und nur noch Sound und Licht auf einen einwirken. TORSO steht auch in einer derartigen Tradition, wenngleich die musikalischen Parameter völlig andere sind.


Credit: Peter Kutin

In Ihrem Video dauert die Live-Performance etwa 10 Minuten. Ist das Zufall? Könnte Sie auch Stunden dauern?

Peter Kutin Das Video ist nur ein Exzerpt des ersten Settings von TORSO, das als Live- Konzert stattgefunden hat und cicra 35 Minuten dauerte. Da sich die Qualität der Arbeit nicht zu 100 Prozent in einem Video darstellen oder einfangen lässt, macht es einfach keinen Sinn, es in voller Länge zur Verfügung zu stellen. Für eine installative Variante, wie sie nun auch beim Ars Electronica Festival umgesetzt wird, muss man wiederum anders denken. Vor allem wenn sich die Leute mehr im Raum bewegen (können) als sie das bei Konzerten in der Regel machen. Bei TORSO verändert sich mit dem Wechsel des Standorts die jeweilige Wahrnehmung teilweise massiv, das heißt man kann den einzelnen Zuständen mehr Zeit geben, die Bewegung der BesucherInnen kompositorisch mitdenken. Entstehen wird das neue Stück aber erst direkt vor Ort. Dabei höre ich mir bereits zuvor entwickeltes Material an und beobachte, wie der Raum reagiert. Der Raum spielt durch seine akustischen Eigenschaften eine ganz entscheidende Rolle. Dann entscheide ich mich für einen dramaturgischen Aufbau und das Arrangement. Ich denke, es wird ein musikalischer Bogen von 30 bis 40 Minuten sein. Vielleicht dauert es aber auch Stunden – das wird man dann sehen.

Ganz kurz zum Schluss: Was möchten Sie künstlerisch unbedingt noch machen?

Peter Kutin Ich lass mich gerne treiben.

Peter Kutin (AT) ist ein in Wien ansässiger Produzent und Komponist. Er arbeitet mit Sound. Kutins Live-Performances oder Installationen haben eine physische und psychische Wirkung, die einen ebenso aus dem Gleichgewicht bringt wie sie einen umarmen. Sie wurden auf verschiedenen Musik-/Filmfestivals und Veranstaltungsorten auf der ganzen Welt ausgestellt, in Auftrag gegeben, aufgeführt oder gezeigt. Er hat Musik/Klangumgebungen für Film, Theater, Performance, zeitgenössischen Tanz und Hörspiele geschrieben und entwickelt. Außerdem führte er Regie bei experimentellen Kurzfilmen und schrieb/komponierte Werke für das Radio. Er erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen. Kutin ist Gründungsmitglied des Labels Ventil-Records, Velak (Plattform für experimentelle Musik) und Mitorganisator des RealDeal Festivals.