KI ist nicht künstlich, sondern menschlich

Unsere Welt wird immer verstrickter. Finanzmärkte, auf denen Bots endlos mit anderen Bots handeln, Algorithmen für soziale Medien, die kontrollieren, welchem Narrativ wir folgen, Deep Fakes, die uns sogar an unseren eigenen Sinnen zweifeln lassen. Es wird immer schwieriger herauszufinden, wo der menschliche Einfluss im Prozess der KI liegt.

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So startet die Projektbeschreibung von „AI isn’t Artificial but Human“ der beiden Künstlerinnen Caroline Sinders und Anna Ridler, die von einer internationalen Jury ausgewählt wurden, neue, interdisziplinäre Konzepte zu Künstlicher Intelligenz zu entwickeln und zwar zum Thema „Entanglements – fair, moral and transparent AI“. Die Residency bietet die Möglichkeit, sich mit Wissenschaft und Technologie hinter KI auseinanderzusetzen und die wichtigsten ethischen und sozialen Anliegen wirklich zu verstehen.

Feminist Data Sets am Ars Electronica Festival 2019, Caroline Sinders, photo: Jürgen Grünwald

Dahinter steht das European ARTificial Intelligence Lab, das internationalen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit für Residencies im Bereich der Künstlichen Intelligenz bietet. Die Partnerschaft von 13 kulturellen Institutionen rund um KI möchte bei interessiertem Publikum, am liebsten aber in der gesamten Gesellschaft einen Diskurs rund um dieses so essentielle Thema der kommenden Jahrzehnte anstoßen und zu größerem Verständnis beitragen. Sinders und Ridler sollten zunächst am Edinburgh Futures Institute ihre Ansätze weiterentwickeln und anschließend am Ars Electronica Futurelab in eine Präsentationsform für das Ars Electronica Festival bringen.

Sollten. Denn mitten in den Vorbereitungen für Edinburgh steht die Welt plötzlich Kopf: Ein Virus bündelt die gesamte Aufmerksamkeit und verunmöglicht Reisen. Wir haben – virtuell – mit den beiden Künstlerinnen gesprochen und sie nach ursprünglichen Plänen und wahrscheinlichen Planänderungen befragt.

Zunächst einmal seid ihr keine Fremden im Ars Electronica-Universum. Im Jahr 2019 war Anna mit „Mosaic Virus“, Caroline mit „Feminist Data Set“ beim Ars Electronica Festival. Könnt ihr die Projekte und die ihnen zugrunde liegenden Ideen skizzieren?

Anna Ridler:Mosaic Virus“ ist eine Videoarbeit, die von einer Künstlichen Intelligenz erzeugt wird. Es zeigt eine blühende Tulpe, eine aktualisierte Version eines niederländischen Stilllebens für das 21. Jahrhundert. Das Aussehen der Tulpe wird durch den Preis einer Bitcoin gesteuert. „Mosaic“ ist der Name des Virus, der die Streifen in einem Blütenblatt verursacht, was ihre Attraktivität erhöht und zu den spekulativen Preisen der Zeit beigetragen hat. In diesem Stück hängen die Streifen und Farben vom Wert der Bitcoin ab und verändern sich im Laufe der Zeit, um zu zeigen, wie der Markt schwankt, und ziehen zudem historische Parallelen von der „Tulpenmanie“, die in den 1630er Jahren über die Niederlande fegte, bis zu den derzeit laufenden Spekulationen über Krypto-Währungen. Ein großer Teil des Projekts bestand darin, einen Datensatz von 10.000 Tulpen zu erstellen, eine Arbeit, die ich selbst im Laufe der Tulpensaison durchgeführt habe. Sie alle wurden von Hand kategorisiert, um den menschlichen Aspekt zu enthüllen, der hinter dem maschinellen Lernen steckt.

Mosaic Virus, Anna Ridler, photo: tom mesic

Caroline Sinders:Feminist Data Set“ ist ein künstlerisches und kritisches Design, ein mehrjähriges Projekt, das jeden Schritt des KI-Prozesses abfragt, der die Datensammlung, die Datenbeschriftung, das Datentraining, die Auswahl eines zu verwendenden Algorithmus, das algorithmische Modell und dann das Design, wie das Modell in einen Chat-Bot platziert wird (und wie der Chat-Bot aussieht), umfasst. Jeder Schritt existiert, um die Pipeline des maschinellen Lernens in Frage zu stellen und zu analysieren – ist jeder Schritt feministisch, ist er intersektional, hat jeder Schritt eine Verzerrung und wie kann diese Verzerrung entfernt werden? „Feminist Data Set“ nimmt einen kritischen und künstlerischen Blick auf Software, insbesondere auf maschinelles Lernen, ein. Was bedeutet es, maschinelles Lernen durchzudenken, jeden Aspekt der Herstellung, Iteration und des Designs sorgfältig zu berücksichtigen? Jeder Schritt dieses Prozesses muss durch eine feministische Linse gründlich neu untersucht werden. Gegenwärtig konzentriert sich das Projekt auf die Datensammlung – es wird im Rahmen von Bildungs- und gemeinschaftsorientierten Workshops durchgeführt. Der nächste Schritt ist die Entwicklung und Erstellung eines feministischen Datenetikettierungs- und Schulungssystems sowie eines Produkts zur Datenkennzeichnung. Hier wird wiederholt offenbar, dass das benötigte Tool, nämlich eine feministische Intervention, noch nicht existiert und daher erschaffen werden muss. Das letztendliche Ergebnis wird ein feministischer Chat-Bot sein.

Feminist Data Set, Caroline Sinders, photo: Rachel Steinberg

Ihr werdet gemeinsam den Aufenthalt in den European ARTificial Intelligence Labs antreten. Könnt ihr kurz euren (künstlerischen) Hintergrund beschreiben und wie ihr euch gegenseitig gefunden habt?

Anna Ridler: Wir sind sowohl Künstlerinnen als auch Forscherinnen! Wir sind wirklich daran interessiert, mit Sammlungen von Informationen und Daten zu arbeiten, insbesondere mit selbst erstellten Datensätzen. Ich habe viel Zeit damit verbracht, KI im künstlerischen Kontext zu erforschen und in Institutionen wie dem V&A Museum, der Ars Electronica, dem HeK Basel, Impakt und dem Barbican Centre ausgestellt. Ich interessiere mich wirklich für die Schnittmenge von maschinellem Lernen und Natur und was wir aus der Geschichte lernen können.

Caroline Sinders: Ich erforsche die Rolle der Technologie in der Gesellschaft, sowohl im Bereich der Menschenrechte als auch in den Bereichen Design und Kunst. Meine Arbeiten wurden unter anderem im Victoria and Albert Museum, im LABoral und bei Ars Electronica gezeigt. Ich habe meine Arbeit und Forschung unter anderem im deutschen Bundesamt, auf Menschenrechtskonferenzen, im Internet Governance Forum der Vereinten Nationen, in Eyeo, Republica, bei The Channels Bieannale, IXDA, präsentiert.

AI Lab-Jury 2019, photo: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Gewährt uns einen Einblick in euer Projekt „AI isn’t Artificial but Human“. Was ist der theoretische Ausgangspunkt? Was ist eure Absicht?

Caroline Sinders: Wir sind daran interessiert, den Prozess der Künstlichen Intelligenz als eine Form der kreativen Praxis zu erforschen – nicht nur als Werkzeug, sondern als Arbeitsweise – und wie verschiedene Aspekte dieses Prozesses genutzt werden können, um Gesichtspunkte einer künstlerischen und kreativen Arbeit hervorzuheben und zu akzentuieren. Dazu gehört ein tiefes Verständnis, wie KI als Technologie funktioniert und wie jede einzelne Phase unterschiedliche Erwartungen, Geschichten, Spuren und Kontexte hat, die man nutzen kann, um einen Betrachter zu pushen. Ohne ein vollständiges Verständnis, wie eine Sache hergestellt wird, ist es schwierig, sie auf eine effektive Weise zu nutzen. Dies ist etwas, das wir nicht nur in unserer eigenen Arbeit verwenden wollen, sondern das wir für andere Kreative und die breite Öffentlichkeit öffnen und ein Vokabular und eine Sprache aufbauen wollen. Viele der Gespräche rund um KI und Kreativität drehen sich um Algorithmen und die Frage, ob Maschinen Kunst machen können, aber für uns ignoriert dies einen grundlegenden Teil dessen, was dieses Material für uns interessant macht: die Menschen. Es wird oft unterschätzt, wie viel Menschlichkeit und menschliche Entscheidungsfindung für das Funktionieren der KI notwendig ist.

Anna Ridler: Die Frage des menschlichen Einflusses fesselt uns ebenso wie die Frage danach, wie er durch eine kreative Praxis verstanden werden kann. Sobald die Menschen ihren Einfluss in einem Prozess begreifen, ermöglicht ihnen das eine Auseinandersetzung mit dem Thema auf eine Weise, wie sie es vielleicht schon getan haben. Dadurch kommt es zu einer alternativen Art und Weise der Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz – eine, die nicht im Besitz oder unter der Kontrolle von Großkonzernen mit ihren darin eingebetteten Vorurteilen oder ihrer Ideologie steht, sondern die von Grund auf geschaffen und konstruiert ist. Ein Teil der Offenlegung des Prozesses und des Studienprozesses ist in der künstlerischen, kreativen Politikgestaltung verwurzelt und stellt eine Form der Transparenz dar.

Juryprozess 2019, photo: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Wie geht ihr an die Residency heran? Und wie ändert sich dies angesichts der derzeitigen Ereignisse?

Caroline Sinders: Die Art und Weise, wie wir auf die Residency zugehen, ändert sich angesichts der weltweiten Ereignisse rasch! Wir wollten Ende März, April und Mai in Edinburgh bleiben, um unsere Ideen durchzudenken und unsere Konzepte zu testen. Im Anschluss würden wir nach Linz kommen, um rechtzeitig zum Festival einen Output zu liefern, den wir herzeigen wollen. Aber das wird sich mit COVID19 natürlich ändern müssen – man wird noch sehen, wie genau. Wir hatten jedoch gehofft, wirklich mit dem Edinburgh Futures Institute zusammenarbeiten zu können.

Wie können wir uns das „Produkt“ vorstellen?

Anna Ridler: Es ist noch zu früh, um jetzt schon zu sagen, wie sich die Dinge ändern müssen!

Anna Ridler (*1985, Großbritannien) ist Künstlerin und Forscherin. Sie hat in Institutionen wie dem V&A Museum, Ars Electronica, HeK Basel, Impakt und dem Barbican Centre ausgestellt und hat Abschlüsse des Royal College of Art, der Universität Oxford und der University of Arts London. Sie war 2018 EMAP-Stipendiatin und wurde von Artnet als eine von neun „Pionierkünstlern“ aufgeführt, die das kreative Potenzial der KI erkunden. Sie interessiert sich für die Arbeit mit Informationssammlungen, insbesondere mit selbst generierten Datensätzen, um neue und ungewöhnliche Erzählungen in einer Vielzahl von Medien zu schaffen, und was passiert, wenn Dinge nicht in diskrete Kategorien passen. Zurzeit interessiert sie sich für die Schnittmenge von maschinellem Lernen und Natur und was wir aus der Geschichte lernen können.

Caroline Sinders (*1987, USA) ist eine Forscherin und Künstlerin, die sich mit Sprache, Kultur und Bildern beschäftigt. In ihrer Arbeit untersucht sie die Schnittstellen zwischen natürlicher Sprachverarbeitung, künstlicher Intelligenz, Missbrauch, Online-Belästigung und Politik in digitalen, dialogorientierten Räumen. Ihre Arbeit wurde unter anderem im Victoria and Albert Museum, im MoMA Ps1, im Modern Art Museum of Bologna und in der Ars Electronica gezeigt. Sie ist die Gründerin von Convocation Design + Research, einer Agentur, die sich auf den Einsatz von maschinellem Lernen und Design im öffentlichen Interesse konzentriert.

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