Ein Blick auf die Zivilgesellschaft der Zukunft

Zivilgesellschaftliches Engagement ist ganz entscheidend für unsere pluralistische, offene und solidarische Gesellschaft. Um die Zukunft ebendieser Zivilgesellschaft dreht sich alles beim Symposium des ULF am Samstag des Ars Electroncia Festival 2020.

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Wann, wenn nicht jetzt über die Zukunft der Zivilgesellschaft reden? Diese Devise hat sich das ULF, das Unabhängige Landes Freiwilligenzentrum, zu Herzen genommen und veranstaltet rund um diese Fragestellung das Symposium „Die Zivilgesellschaft der Zukunft“ im Rahmen des Ars Electronica Festival 2020. Das ULF ist das Kompetenzzentrum in Oberösterreich, wenn es um freiwilliges Engagement im Sozialbereich geht. „Wir wollen Menschen aller Altersgruppen motivieren, freiwillig tätig zu sein – und begleiten sie bei ihrem Engagement“, so die Initiative über sich. Wie schon 2015 die Flüchtlingskrise, habe 2020 nun auch die Coronakrise gezeigt, welche Rolle zivilgesellschaftliches Engagement für unsere pluralistische, offene und solidarische Gesellschaft spiele, ist man beim ULF überzeugt. Diese Zivilgesellschaft müsse jetzt daran gehen, neue Strategien, Instrumente und gangbare Wege für die Zukunft zu finden und zu etablieren.

Genau darüber wird am 12. September von 10 bis 16 Uhr im Skyloft des Ars Electronica Center und online zwischen Expert*innen, Aktivist*innen und Entscheidungsträger*innen diskutiert. Den Auftakt machen Rudolf Anschober, Bundesminister für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, Birgit Gerstorfer, Sozial-Landesrätin OÖ, Gerfried Stocker, Künstlerischer Leiter der Ars Electronica, Meinhard Lukas, Rektor der Johannes Kepler Universität Linz und Nicole Sonnleitner, Leiterin ULF & Sprecherin der Interessensgemeinschaft Freiwilligenzentren Österreich. Sie hat uns vorab im Interview verraten, wie sie sich die Zivilgesellschaft der Zukunft vorstellt und was uns beim Symposium erwartet.

Wir schreiben den März 2020 und ganz Österreich wird aufgrund exponentiell steigender Coronafälle in den Lockdown geschickt. Straßen, Öffis und Büros leeren sich. Jede und jeder bleibt daheim. Gleichzeitig hat man den Eindruck, dass es plötzlich überall Menschen gibt, die helfen wollen, die bereit sind, ihre Gesundheit für andere zu riskieren und rausgehen. Hat dich das Ausmaß der Hilfsbereitschaft überrascht? 

Nicole Sonnleitner: Ja und nein. Man muss schon sagen, dass es in fast jeder Akutphase einer Krise eine Welle spontaner Hilfsbereitschaft gibt. Das hat man nicht erst 2020 gesehen, das war auch 2015, in der großen Fluchtbewegung so und in vielen Fällen davor auch – man denke nur an „Nachbar in Not“ oder Hochwasserkatastrophen. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist jedes Mal großartig zu sehen, wie viele Menschen bereit sind, sich für andere zu engagieren, wenn es wirklich darauf ankommt. Mitunter ist diese Hilfsbereitschaft sogar derart groß und überschäumend, dass sie die real bestehenden Bedarfe übersteigt. In Oberösterreich gab es im März und April phasenweise wesentlich mehr Menschen, die für andere einkaufen gehen wollten, als es Menschen gab, die wollten, dass man für sie Dinge erledigt. Trotzdem, gerade dass diese Hilfsbereitschaft so spontan und überbordend ist, macht die Zivilgesellschaft eben vor allem in Akutsituationen so unverzichtbar – keine Behörde der Welt kann so schnell, direkt und effizient Hilfe dorthin bringen, wo sie in dem Moment gebraucht wird. 

ULF Spazieren, photo: ULF

Die Zivilgesellschaft funktioniert also – warum dann aber ein Symposium machen, dass sich mit ihrer Zukunft befasst? 

Nicole Sonnleitner: Ganz einfach, weil diese Dynamik nichts – oder ganz selten – damit zu tun hat, dass in so einem Moment quasi über Nacht völlig neue Problemlagen entstehen würden. Es werden vielmehr bestehende Schieflagen, Defizite und Ungerechtigkeiten mit einem Schlag für alle sichtbar – und erscheinen dementsprechend dramatisch. Sobald die Krise aber ihre erste Wucht verloren hat, sobald wir uns an die vielzitierte „neue Normalität“ gewöhnt haben und unser alltägliches Leben wieder in halbwegs normalen Bahnen verläuft, verlieren diese Problemlagen ihre Dramatik. Sie verschwinden klamm heimlich wieder aus dem öffentlichen Diskurs und damit aus unserem Blickfeld. Das bedeutet aber nicht, dass diese Probleme gelindert, geschweige denn gelöst, wären.  

Genau deshalb ist auch das Gerede davon, dass jede „Krise eine Chance sei, in erster Linie eben nur Gerede. Ein Beispiel: Die während des Lockdowns so oft bemühten „nicht mehr erreichten Schülerinnen und Schüler“, die starten ja im nächsten, hoffentlich halbwegs normalen, Schuljahr nicht voll durch und bekommen dann die Chance auf eine glänzende Karriere. Viele von ihnen werden abgehängt bleiben. Nur wird halt niemand mehr groß von ihnen reden. Für diese Kinder wird die Krise also ganz sicher nicht zur Chance. Gleiches gilt leider für viele Menschen mit Migrationshintergrund, für Alleinerzieherinnen und so weiter und so fort. Dass jede Krise eine Chance wäre, ist aus meiner Sicht also vor allem Marketing-Gerede, das mit der Realität meist wenig bis nichts zu tun hat. Vor allem dann nicht, wenn wir nichts tun und es verabsäumen, wirkliche Veränderungen anzugehen. Ganz genau diese, zugegeben triviale, Botschaft, wollen wir mit unserem Symposium transportieren. Wenn wir aus den vielen neuen Ideen, die im März und April dieses so speziellen Jahres entstanden sind, mittel- und langfristig etwas machen wollen, dann müssen wir jetzt was tun. Nur dann werden uns diese Initiativen auch auf längere Sicht als Gesellschaft weiterbringen. 

Kannst du uns Beispiele für solche Initiativen nennen? 

Nicole Sonnleitner: Unser neues Projekt mit der Johannes Kepler Universität. Es ist toll, wenn sich Studierende in Zeiten eines Lockdowns engagieren und Kindern aus bildungsfernen Schichten beim Lernen helfen. Noch toller aber ist, dass eine Universität hergeht und gemeinsam mit einer anerkannten und unabhängigen Plattform für freiwilliges Engagement wie uns, eine eigene Lehrveranstaltung initiiert und die Studierenden ihr Engagement in Gestalt von ECTS-Punkten ganz offiziell anerkannt bekommen. Neben der Wertschätzung, die damit zum Ausdruck kommt, werden neue Menschen motiviert, aktiv zu werden und sensibilisiert, dass jede und jeder von uns Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern für unsere Gesellschaft insgesamt trägt. Mit diesem Pilotprojekt wollen wir gemeinsam mit der JKU spontane Initiativen von Studierenden in eine dauerhafte Bereicherung für unsere Gesellschaft verwandeln.   

„Helfie“, photo: Florian Voggeneder

Kommen wir zum Symposium selbst. Was steht am Programm? 

Nicole Sonnleitner: Nun, wir starten gleich mit einem super spannenden Opening-Talk. Wir freuen uns besonders, dass Gesundheitsminister Rudolf Anschober mit dabei sein wird, der ja das Ausnahmejahr 2015 als Integrations-Landesrat und nun das nächste herausfordernde Jahr 2020 als Gesundheitsminister zu bewältigen hat. Weiters werden Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer, der Rektor der JKU, Meinhard Lukas, der Künstlerische Leiter der Ars Electronica Gerfried Stocker und ich selbst mit am Podium sein. Diese Zusammensetzung aus Bundes- und Landespolitik, Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft ist, denke ich, vielversprechend.  

Danach werden hochkarätige Vortragende auf verschiedene Aspekte der vergangenen Monate und ihre jeweiligen Zukunftspotentiale eingehen: Bernhard Heinzelmaier, Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens tfactory, wird über die durch die Corona angestoßenen Wertverschiebungen sprechen, wir werden goodpractice-Beispiele wie die Corona-School in Deutschland präsentieren, wir werden gemeinsam mit Johann Bacher, Soziologe an der JKU, dem ÖH-Vorsitzenden Mario Hofer, dem Rektor der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz Franz Keplinger und der Wissenschafterin Claudia Fahrenwald über das neue Konzept des Service Learnings sprechen, es wird jemand von der Nachbarschafsinitiative „Meine, Deine Gartenzeit“ da sein und andere mehr. Wir wollen da wirklich zeigen, wie kreativ und inspirierend die Bandbreite zivilgesellschaftlichen Engagements ist. Unser Symposium soll weitere Menschen zum Mitmachen motivieren, neue Unterstützerinnen und Unterstützer aus Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft gewinnen und die Politik dazu bewegen, diese Dynamik zu fördern. Das sind unsere Anliegen. 

Wie viele Besucherinnen und Besucher können bei eurem Symposium dabei sein? 

Nicole Sonnleitner: Vor Ort leider viel zu wenig, weil wir ja alle Schutzmaßnahmen einhalten und das Risiko einer Ansteckung für alle Beteiligten so gering wie irgend möglich wollen. Ins Sky Loft können deshalb nur 60 Personen rein, aber – und das ist ein großes, lautes ABER – wir werden mit Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen der Ars Electronica erstmals auch ein echtes, richtiges Online-Symposium anbieten. Wir werden alle Diskussionen, Vorträge und Präsentationen streamen und es Interessierten möglich machen, sich via Chatfunktionen einzubringen, Fragen zu stellen und mitzureden. Dieser Schritt ins Netz knüpft an die vielen Experimente und Versuche an, die wir – wie alle andern – in den vergangenen Monaten unternommen haben und die uns –  wie allen anderen auch – gezeigt haben, was schon super funktioniert und was gar nicht. Stichwort Netz: Wir werden auch schon im Vorfeld des Symposiums kurze Videos posten, in denen Freiwillige, Expertinnen und Experten, Politikerinnen und Politiker sowie Vertreterinnen und Vertreter von NGOs und Vereine von ihren Erfahrungen und neu gewonnenen Ein- und Ansichten in puncto zivilgesellschaftliches Engagement in Zeiten von Corona erzählen.   

Nicole Sonnleitner ist diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester und hat Sozialwirtschaft an der Johannes Kepler Universität studiert. Freiberuflich ist sie als Auditorin für Erwachsenenbildungseinrichtungen am Institut für Berufs- und Erwachsenenbildungsforschung tätig und als Supervisorin, Coach und Organisationsentwicklerin in Ausbildung. Seit 2008 leitet sie das Unabhängige LandesFreiwilligenzentrum in Oberösterreich, seit 2020 ist sie Sprecherin der Interessensgemeinschaft Freiwilligenzentren Österreich. Privat engagiert sich Nicole Sonnleitner immer wieder im Bereich Asyl und Integration.