In Kepler’s Gardens – Das Ars Electronica Festival 2020

Was für ein Festival! 5 Tage, unzählige Veranstaltungen, Talks, Events, Partnerinnen und Partner, Ars Electronica Gärten um die ganze Welt… aber… Moooooment! War da nicht was anders als sonst? Befinden wir uns nicht in einer Pandemie? Sind wir nicht mittendrin auf dem Weg zu „New Normal“? Wie konnte denn da ein Medienkunst-Festival stattfinden?

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2020 änderte vieles und noch ist nicht abzusehen, wie, wann und ob alle Reglementierungen ein Ende finden, aber im tiefen Inneren der Ars Electronica sprangen sofort die Notstandsaggregate an und begannen mit fieberhafter Neuorientierung. Das Jurymeeting des Prix Ars Electronica wurde behände auf eine Online-Zusammenkunft durch alle Zeitzonen umgestellt, der tägliche Betrieb im Ars Electronica Center konnte von nun an über Live-Sessions mitverfolgt werden. Schnell war klar: Auch das Ars Electronica Festival würde nicht nur an Kepleruni umziehen, sondern vielmehr kein physisches Zusammentreffen von über 100.000 Besucherinnen und Besuchern in Linz sein. Und sich auch nicht „nur“ auf Medienkunst konzentrieren können.

„In Kepler’s Gardens“ fand nicht einfach trotz, sondern vielmehr wegen Corona statt. Es wurde zu einer Reise um die Welt, zu einer neuen Standortbestimmung, zu einem Gespräch über die Zukunft, einer Performance in Quarantäne, einem Event von Kunst und Kultur. Kommen Sie mit uns und lassen Sie sich durchs Festival führen!

The Welcome Chorus, Yuri Suzuki, Foto: vog.photo

Der Campus der Johannes Kepler Universität Linz wird fünf Tage lang zum physischen Festivalort – in einer verkleinerten Variante, abgestimmt auf die COVID-19-Bestimmungen. In manchen Eindrücken scheint dies gar nicht so sichtbar, etwa beim Aufbau der Ausstellungen und bei der Vorbereitung der Events.

Neben Kepler’s Garden am Campus der JKU gab es zudem ein vielfältiges Programm aus der ganzen Welt via Stream zu verfolgen. Dafür stellte Ars Electronica vier Channels zur Verfügung – Ars Electronica Selection, Ars Electronica New World, Ars Electronica Gardens und Ars Electronica Voyages. Den Beginn machte der Garden Tokyo, um 5 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit. Um 10 Uhr schallen die Begrüßungsworte Gerfried Stockers durch das Web und eröffnen das Ars Electronica Festival 2020.

Weil 2020 ein Jahr ist, in dem so vieles im Netz stattfindet, haben wir eine wunderbare Social Media Wall, auf dem alle Posts zum Festival von Instagram und Twitter gesammelt werden, sofern sie getaggt sind.

Der erste Tag des Festivals ist auch gleich STARTS Day. Als Teil der STARTS-Initiative zeichnet der STARTS Prize die innovativsten Ergebnisse und Kooperationen in den Bereichen Kreativität und Innovation an der Schnittstelle von Wissenschaft, Technologie und Kunst aus. Einige der Gewinnerprojekte des STARTS Prize 2020 sind in der Kepler Hall ausgestellt, auf den Live-Channels geben Olga Kisseleva, Gewinnerin des diesjährigen Grand Prize für innovative Zusammenarbeit, und Andrea Ling, Gewinnerin des Grand Prize für künstlerische Erforschung, Einblicke in ihre Arbeit und ihre Denkansätze.

Kepler Hall: STARTS Exhibition – Design by Decay, Decay by Design, Andrea Ling, Foto: Tom Mesic

Auf der anderen Seite der Donau, im OK im OÖ Kulturquartier, öffnet derweil die CyberArts-Ausstellung ihre Tore. Bereits seit 1998 präsentiert das OK damit eine Leistungsschau der Gewinnerinnen und Gewinner des Prix Ars Electronica, der als wichtigster Medienkunstpreis der Welt verstanden wird. 27 Projekte werden als Installationen oder Dokumentationen im OÖ Kulturquartier vom ehemaligen Theaterkeller im Ursulinenhof bis zum Mediendeck im OK – präsentiert.

Im Rahmen des Prix Ars Electronica wird seit einigen Jahren auch der Visionary Pioneers of Media Arts verliehen. Diesjährige Preisträgerin ist die in Linz geborene Medienkünstlerin VALIE EXPORT, die zudem ihren 80. Geburtstag feiert. Durch ihre Vorreiterrolle wurde der Preis 2020 kurzerhand in „Visionary Pioneer of Feminist Media Art“ umbenannt und ehrt die große oberösterreichische Künstlerin mit einem Programmschwerpunkt.

Während die Linzerinnen und Linzer sowie angereiste Besucherinnen und Besucher die Möglichkeiten vor Ort nutzen, um Kunst auch physisch zu erleben, sind Gäste und Beteiligte via Stream beim Festival dabei. So kann bei der Performance „Who Am I?“ in Bukarest der Frage nachgegangen werden, wie die Beziehung zwischen Schaffer und Geschaffenem sich auf beide auswirkt. Hongkong in seiner einmaligen historischen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Position lädt in „DïaloG“ zu einem Zwiegespräch der Kunstwerke zwischen Honkong und Los Angeles. Und Helsinki entführt in die Mozilla Hubs.

Im Deep Space 8K des Ars Electronica Center findet dann die erste Vorstellung von Pianographique statt – eine künstlerische Reihe im Zusammenspiel von Klavier und Live-Visualisierung. Im Deep Space findet ein Solo-Recital von Maki Namekawa statt, während bei der Hauptperformance am Sonntag in der Kepler Hall am Campus der JKU Dennis Russell Davies und Maki Namekawa gemeinsam auftreten. Die Visualisierungen kommen von Cori O’Lan und Gregor Woschitz, gespielt werden Werke von John Cage, Philip Glass, Ludwig van Beethoven und Kurt Schwertsik.

Ars Electronica Center: Pianographique, Maki Namekawa, Cori O’Lan, Foto: vog.photo

Am Abend wird es dann wild – die Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz gibt mit THE WILD STATE dem Ungezähmten Raum zur Entfaltung. Unbekanntes Territorrium darf und soll hier erkundet werden und das in unterschiedlichen Formaten. Die Ausstellung Interface Cultures – The State of Intimacy lässt uns hinter die Kulissen des Privaten blicken und thematisiert Privatsphäre als physische Person wie auch als Online-Entität. Bei The Wild State: Networked stellen Studierende von 13 Partneruniversitäten Arbeiten rund um das Thema COVID-19 aus. Das Symposium „Unheimliche Freunde“ thematisiert unser Online-Dasein. Am Sound-Campus wird ein neues Verständnis von Klangkunst präsentiert, während die Agora Digitalis als Ort des Diskurses fungiert. Mit „Interfacing Hauptplatz“ wird der Mittelpunkt der Stadt bespielt.

Vieles an Rückmeldung kommt auch über unser Online-Kanäle. Posts werden kommentiert, Nachrichten geschrieben, bei den Live-Streams ein wenig mitgequatscht. Durchwegs ist die Freude groß, dass das Festival – wenn auch in anderer Form – stattfindet. Wir haben einige Kommentare für euch gesammelt.

Über das gesamte Festival gibt es im Deep Space 8K im Ars Electronica Center ein vielfältiges Programm zu sehen, die Präsentationsform in diesem beeindruckenden Raum ist einzigartig. Seien es alte Meister wie Raffaelo, junge Künstler*innen, Tanzperformances oder Vorträge – alles findet seinen Platz hier.

Das Ars Electronica Futurelab etwa bietet einen einzigartigen Einblick in die Kathedrale: Mit 20 Milliarden Laserpunkten vermessen schickt es Besucher*innen auf eine interaktive Reise durch den transluzenten Sakralbau in stereoskopischem 8K.

Immersify: The Translucent St. Stephen’s Cathedral, ScanLAB Projects, RIEGL Laser Measurement Systems, Dombauhütte St. Stephan zu Wien, Ars Electronica Futurelab, Foto: vog.photo

Eine Initiative des Ars Electronica Futurelab sind die Ars Electronica Research Institutes, bestehend aus dem Ars Electronica Research Institute Knowledge for Humanity (von Eveline Wandl-Vogt) und dem Ars Electronica Research Institute Auditory Cultures (von Werner Jauk). In der Postcity wurde sogar ein Raum nach ihm benannt, das Jaukarium, und dieses Jahr wird er in den wunderschönen Sälen des Salzamtes, einer Residency und Ausstellungsfläche am Donauufer, präsentiert.

Am Abend lädt dann Holy Hydra zum mittlerweile dritten Mal im Rahmen des Ars Electronica Festivals in die Stadtpfarrkirche Urfahr – Jugendkirche Grüner Anker, wo in sakralem Ambiente zeitgenössische Tanzperformances, elektronische Musik und neue Medienkunst dargeboten werden.

Holy Hydra 3.0, Foto: Tom Mesic

Am Freitag ist es dann endlich soweit: Das neue Festivalgelände, Kepler’s Garden, am Campus der JKU öffnet seine Tore.

Die neu errichtete Kepler Hall findet eine wahrlich würdige Einweihung und bietet neben Büros, Streaming Studios, Kaffeeküche und Orchestergraben auch der diesjährigen STARTS-Ausstellung eine Heimat.

Neben physischen Ausstellungen stellen sich die Gallery Spaces der Frage nach einer Neuorientierung des Kunstmarktes in Zeiten von Corona. Unter dem Motto „2020 – endlich digital?!“ werden namhafte Player der Kunstindustrie gefragt, wo man aktuell steht und wie ihre Visionen für die Zukunft aussehen – und zwar in Form einer Konferenz, kuratierten Projekten und digitalen Galerievitrinen.

Gallery Spaces: The Merging, Nicola Verlato

Um diesem Wechsel zwischen realen und virtuellen Räumen gerecht zu werden, geben unzählige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Bestes vor Rechnern, hinter Mikrofonen, an unzähligen Bildschirmen, Mischpulten und natürlich auch ständig in Bewegung.

Am Abend wird zur Soirée geladen: Die durch COVID-19 bedingte Verknappung der Preisverleihung beschränkt sich auf u19 – create your world. Im Anschluss gibt die Große Konzertnacht ihre Uraufführung auf dem Unigelände.

Unter Dirigent Markus Poschner gibt das Bruckner Orchester Linz Beethovens große Befreiungsoper Fidelio zum Besten, Unterstützung erhalten sie durch die beiden Schauspieler Karl Markovics und Maria Hofstätter sowie eine Jazz Formation und weitere Musiker*innen und Sänger*innen.s

Große Konzertnacht, Foto: vog.photo

Im Anschluss präsentieren Christina Kubisch und Katharina Ernst mit ihrem Projekt „Interference“ verschiedene rhythmische Strukturen, bevor The Big AI-Jam einen sehr individuellen und vielseitigen Einblick in die mögliche Musik mit Künstlicher Intelligenz gibt.

Virtuell zugeschalten und in ständigem Austausch mit der Ars Electronica und ihrem Publikum sind die über die ganze Welt verteilten Gärten. Sie alle bringen ein spezielles Programm anlässlich des Ars Electronica Festival 2020 – aber allen ist gleich, dass sie die weltweite Pandemie vor große Herausforderungen stellt.

Die Gedanken zur Pandemie sind das große Thema des Festivals. Dies wird nicht in den Gärten, in Performances, in Ausstellungen widergespiegelt, aber auch ganz konkret in Panels diskutiert. So etwa Samstagvormittag am Campus der JKU wie auch am Ars Electronica World Channel. Walter Ötsch und Renata Schmidtkunz skizzieren Szenarien und fragen nach.

Nicht nur das Umfeld, in dem das Ars Electronica Festival 2020 stattfindet, spiegelt einen akademischen Anspruch wider, auch viele Ansätze, Panels und Projekte kommen von dort. Das LIT (Linz Institute of Technology) vereint die gesamte technologische Lehre und Forschung unter einem Dach. Um der Anforderungen der Zeit gewahr zu werden und Lösungen zu finden, sollen diese möglichst Disziplinen-übergreifend betrachtet werden. In einer eigenen Ausstellung sind vielfältige Arbeiten zu sehen.

Noch bevor an die akademische Karriere gedacht wird, setzt create your world an, das Jugendfestival der Ars Electronica. Unter dem Bäumen im Park der JKU sind vielfältige Projekte und Ideen der jungen Generation zu finden und auszuprobieren.

Da sind Projekte aus dem Prix Ars Electronica vertreten, Talks mit Talenten fordern zum Zuhören heraus, Musik für Take-away, kreative Abstandshalter wollen inszeniert werden und natürlich ist auch FM4 wieder vor Ort, um über das Festival zu berichten.

Samen, Anna Fachbach, Franziska Galle, Jona Lingitz, Lisa Rass – HTBLVA Graz Ortweinschule Foto: Tom Mesic

Beim Prix Ars Electronica werden 24 Projekte ausgezeichnet – und diese Auszeichnungen verdienen natürlich eine feierliche Übergabe. Hier einige Impressionen von der Award Ceremony der Kategorie „u19 – create your world“.

Der Sonntag segnet das Festival erneut mit herrlichem Spätsommerwetter und macht das Flanieren auf dem Gelände der JKU zu einem Vergnügen. Am frühen Nachmittag geht es dann in die Kepler Hall, wo die letzte Veranstaltung des Linz-Programms stattfindet – traditionell mit den Protagonist*innen Maki Namekawa, Dennis Russell Davies und Cori O’Lan. „Pianographique“ findet mit Werken von John Cage, Philip Glass, Ludwig van Beethoven und Kurt Schwertsik statt.

Während unser Bericht hier zu Ende geht, hatte das Festival so viel mehr zu bieten – unzählige Veranstaltungen, Gärten, Talks, Partnerinnen und Partner und noch viel mehr, bleiben unerwähnt und so leid uns das natürlich tut, so sehr zeigt es auch die Vielschichtigkeit des Ars Electronica Festivals 2020… Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!