Wie Kunst und Wissenschaft voneinander profitieren können

Ars Electronica und die ArtCollection Deutsche Telekom suchen gemeinsam Künstler*innen für eine Residency an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft. Zum Auftakt der Zusammenarbeit haben wir mit beiden Seiten über die Bedeutung von Art&Science gesprochen.

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Art&Science ist längst nicht mehr nur ein klingender Name, der die Interdisziplinarität, die Verschränkung und Kollaboration von Kunst mit Wissenschaft meint. Art&Science ist in den letzten Jahren zu einem Credo der Ars Electronica geworden. In Kooperationen mit Forschungseinrichtungen wie CERN, der ESA, dem SETI Institute oder namhaften Universitäten von Linz bis Japan und bis in die USA, wird nicht nur auf inhaltlicher Ebene der Austausch gefördert: Ein wichtiger Teil des Konzepts sind Residencies, die Künstler*innen und Forschungseinrichtungen zusammenbringen, um gegenseitig voneinander zu profitieren. Am Ende steht möglicherweise ein Kunstwerk, ein neuer Ansatz für die Forschung, aber jedenfalls die Erkenntnis, dass beide Seiten von einer Kollaboration nur profitieren können.

Bei der neuesten Residency, für die man sich ab sofort hier bewerben kann, gibt es nicht nur einen neuen Partner, sondern damit auch eine neue Schwerpunktsetzung: Der  Fokus der ArtCollection Deutsche Telekom liegt auf zeitgenössischer Kunst aus Osteuropa. Daher widmet sich auch die Residency Künstler*innen aus bzw. mit Bezug zu dieser Region, die an der Schnittstelle zwischen Kunst, Technik und Wissenschaft arbeiten und die sich besonders für die Erforschung der gesellschaftlichen Auswirkungen technologischer Entwicklungen interessieren. Neu ist auch, dass Mentoring eine größere Rolle spielt als bei vorhergehenden Residencies. Jedenfalls aber wird das Ergebnis am Ars Electronica Festival 2021 zu sehen sein. Was bis dahin passiert und was sich die beiden Partner Ars Electronica und Deutsche Telekom voneinander erwarten, haben wir von Antje Hundhausen, Vice President Brand Experience, Deutsche Telekom, sowie Laura Welzenbach, Head of Export der Ars Electronica und Anna Grubauer, Project Management der Ars Electronica, erfragt.

Können Sie uns mehr über die Kooperation zwischen Ars Electronica und der Art Collection Deutsche Telekom erzählen? Was können Künstler*innen von dieser Residency erwarten?

Antje Hundhausen: Die ArtScience Residency ist eine Kooperation zwischen Ars Electronica und der Deutschen Telekom und eine wunderbare Ergänzung zu den bestehenden Aktivitäten der ArtCollection Telekom. Seit 2010 konzentriert sich die Sammlung auf zeitgenössische Kunst aus Osteuropa. Es ist uns wichtig, die Künstler*innen über einen längeren Zeitraum zu begleiten und ihnen die Möglichkeit zu bieten, intensiv an einem Projekt zu arbeiten.

Als Förderer der digitalen Vernetzung unterstützt die Deutsche Telekom den Austausch zwischen Forschung, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Kunst, um die Erkenntnisse zum Nutzen der Gesellschaft zu nutzen. Ars Electronica mit ihrer langjährigen Erfahrung an der Schnittstelle zwischen den verschiedenen Disziplinen ist für uns der ideale Partner.

In welcher Rolle sieht sich die Art Collection Deutsche Telekom im Rahmen der Kooperation? Was erhoffen Sie sich von der Kooperation?

Antje Hundhausen: Wir verstehen uns als gleichberechtigte Partner und wollen Sie nach Kräften unterstützen – sowohl auf technisch-wissenschaftlicher als auch auf künstlerischer Ebene. Da wir viele Kontakte in Osteuropa haben, wenden wir uns an Partner-Institutionen, Kunstakademien, Galerien und Künstler*innen, um die Residency zu fördern. Wir hoffen, dass viele Künstler*innen ihre Bewerbungen einreichen – und dass wir im Laufe der Jahre dazu beitragen können, einige dieser Ideen zu verwirklichen.

An wen richtet sich die aktuelle Ausschreibung? Wer wählt letztendlich den/die Künstler*in aus und nach welchen Kriterien?

Laura Welzenbach: Wir suchen nach Künstler*innen aus allen Ländern Ost- und Südosteuropas. Der Rahmen des künstlerischen Konzepts ist nicht vorgegeben: Objekte oder Installationen, Prozesse und Artefakte, Performances, Screenings oder Interventionen aus den Bereichen Interactive Art, BioArt, Hybrid Art, KI & Life Sciences, Sound Art, Netzkunst, Digital Communities, Participatory Art/Crowd Art, Artistic Platform Projects, Art Activism und viele mehr. Das Ziel des Kunstwerks sollte es jedoch sein, technologische Entwicklungen kritisch zu hinterfragen, einschließlich, aber nicht beschränkt auf technologische Werkzeuge.

Anna Grubauer: Jedes zur Begutachtung eingereichte Konzept wird von einer Fachjury bewertet. Dabei werden Parameter wie Originalität & künstlerische Exzellenz, überzeugende Konzeption, Innovation sowie Technik und Qualität der bisherigen Arbeiten im Portfolio des Kunstschaffenden berücksichtigt.

Second Story / Aoife Van Linden Tol, photo: vog.photo

Was sind die Vorteile einer Verknüpfung von Kunst und Wissenschaft? Was sind die Herausforderungen?

Antje Hundhausen: Die Verbindung verschiedener Disziplinen oder Bereiche ist immer eine Herausforderung. Eine Erfahrung, bei der alle gewinnen können – neue Ansätze, neue Strategien, neue Ideen, neue Einsichten und vielleicht sogar neue Schlussfolgerungen. Die Herausforderung besteht darin, ein gemeinsames Verständnis zwischen den verschiedenen Disziplinen zu erreichen. Um das Verständnis zu fördern, wird die Residency von unserem starken Partner Ars Electronica begleitet und gut unterstützt.

Laura Welzenbach: Kunst und Wissenschaft mögen unterschiedliche Ansätze haben, dennoch suchen beide nach Antworten und neuen Möglichkeiten. In einer Welt, in der Technologie und Wissenschaften scheinbar immer komplexer werden, können Künstler*innen dazu beitragen, die Ergebnisse zu kommunizieren und in ein zugängliches Format zu übersetzen. Ihre Arbeit bringt das Thema einem breiteren Publikum durch die Verbindung auf einer ästhetischen oder emotionalen Ebene näher. Künstler*innen haben oft ein ausgeprägtes Gespür für Veränderungen in der Gesellschaft und können dazu beitragen, über die Auswirkungen nachzudenken, die neue Technologien auf unser Leben haben könnten. Sie können jedoch auch grundlegende Fragen stellen, die die etablierten Prozesse und Denkmuster in Frage stellen. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit müssen beide Seiten offen sein, außerhalb ihrer Komfortzone zu denken.

Am wichtigsten ist jedoch, dass beide Seiten von den Perspektiven des anderen profitieren und gemeinsam interdisziplinäre Ansätze entwickeln können. Die Verbindung von Künsten und Wissenschaften kann zu Ergebnissen führen, die über die einzelnen Bereiche hinausgehen.

Ars Electronica Art&Science Besuch CERN 2015, photo: Claudia Schnugg

Wie können der/die Künstler*in von den verschiedenen Umgebungen profitieren?

Anna Grubauer: Künstler*innen haben bewiesen, dass sie neue Ideen und Perspektiven in Forschungsprojekte einbringen. Aber der Austausch ist nicht einseitig. Künstler*innen profitieren auch vom Wissen und von den Ansätzen ihrer wissenschaftlichen Partner*innen. Sie können neue Werkzeuge, technische Instrumente und Gesamtideen für ihre künstlerische Praxis entdecken.

Für diese ArtScience Residency wird eine Forschungspartnerinstitution speziell für das ausgewählte künstlerische Konzept vorgeschlagen. Der/die Künstler*in wird von einem Mentoring-Prozess durch die ausgewählte Institution profitieren und die Zeit und Ressourcen für die Entwicklung seiner/ihrer künstlerischen Forschung nutzen.

Laura Welzenbach: Es folgt ein zweiter Teil in Linz im Rahmen der Ars Electronica, in dem der/die Künstler*in seine/ihre Ideen verwirklichen kann. Wissensträger*innen der Ars Electronica und des Ars Electronica Archivs werden während des gesamten Umsetzungsprozesses zur Verfügung stehen.

Was sind die Vorteile des Residency-Formats?

Anna Grubauer: Während einer Residency erhalten Künstler*innen die Möglichkeit, aus ihrem gewohnten Lebensraum auszubrechen und sich von neuen Territorien herausfordern zu lassen. Aber auch der wissenschaftliche Partner*in wird von der intensiven Zusammenarbeit profitieren. Indem beide Seiten Wochen in Folge miteinander verbringen, erhalten sie nicht nur die Möglichkeit, tief einzutauchen und die Ansätze des anderen wirklich zu verstehen, sondern auch voneinander zu lernen und ihre eigenen Praktiken anzupassen. Über den fachlichen Austausch hinaus bedeutet ein Aufenthalt in der Regel auch einen kulturellen Austausch. Durch den Austausch von Ideen und Perspektiven können völlig neue Denkweisen entstehen.

Ars Electronica Art & Science Residency CERN 2015, photo: Semiconductor

Welchen Rat würdest du/Sie Künstler*innen geben, die ihre Projekte einreichen wollen?

Anna Grubauer: Wir suchen Projekte, die ausgetretene Pfade verlassen und sich mit neuen Phänomenen auseinandersetzen. Wir fördern auch transdisziplinäre Arbeiten, die über den Bereich von Kunst und Wissenschaft hinausgehen, indem sie zum Beispiel Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung aufwerfen. Mit der ArtScience Residency wollen wir ganz klar neue Kunstformen und Innovationen fördern.

Antje Hundhausen: Der wichtigste Ratschlag: Tun Sie es einfach.

„Der wichtigste Ratschlag: Tun Sie es einfach.“ – Antje Hundhausen, Vice President Brand Experience, Deutsche Telekom

Antje Hundhausen, Vice President Brand Experience, Deutsche Telekom

Laura Welzenbach, Head of Export, Ars Electronica

Anna Grubauer, Project Management, Ars Electronica