Vernetzte Archive und ein Blick in die Zukunft

Coronavirus, Homeoffice und ein Hackerangriff. Was folgte war ein Projekt der vermehrten Zusammenarbeit, eine eigene Konferenz am Ars Electronica Festival und erstmals ein virtueller Raum in Mozilla Hubs. 2020 war ein spannendes Jahr für das Archiv der Ars Electronica, das ab sofort in seiner Onlineversion gestärkt wieder verfügbar ist.

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Es war ein turbulentes Jahr für das Archiv der Ars Electronica, sowohl positiv wie auch negativ. Ein Hackerangriff drohte, dem enormen Online-Bestand großen Schaden zuzufügen. Jetzt ist es wieder zurück und sowohl online als auch offline wird intensiv an neuen Projekten und Ideen getüfftelt. Gleichzeitig stellte die sprunghaft angewachsene Menge an Online-Inhalten die Archivierung vor neue Aufgaben. Auch die Zusammenarbeit mit wichtigen Partnern konnte im vergangenen Jahr vertieft werden. Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport geförderten Projekts entstand in Kooperation mit ebenjenen eine eigene Konferenz am Online-Festival, bei der man sich in zwei Panels ausführlich mit der Archivierung der Zukunft auseinandersetzen konnte.

Wie können Datensätze zugänglich und zugleich sicher aufbewahrt werden? Wie kann man in einem physischen Archiv virtuell Besucher*innen empfangen? Und was bringt es Künstler*innen, sich mit der Archivierung ihrer Werke auseinanderzusetzen? Archiv-Verantwortliche Christina Radner hat uns im Interview erzählt, welche Herausforderungen das vergangene Jahr bereithielt, aber auch welche neuen Pläne in diesem Jahr noch umgesetzt werden sollen.

Erzähl bitte einfach mal ein bisschen, was im vergangenen Jahr so passiert ist in Bezug aufs Archiv.

Christina Radner: 2020 war ein sehr aufregendes Jahr für das Archiv. Neben Dingen, die andere auch betroffen haben wie das COVID-bedingte Homeoffice gab es auch einen Hackerangriff auf die Ars Electronica, der starke Auswirkung auf das Archiv hatte, auf die Datenbank und das Online-Archiv.

Außerdem gab es 2020 vermehrt Austausch und Zusammenarbeit mit Partnern, was uns sehr gefreut hat. Und daraus entstand unter anderem ein kleiner Beitrag zum heurigen Ars Electronica Festival.

Was waren ganz allgemein deine wichtigsten Erkenntnisse aus diesem besonderen Jahr?

Christina Radner: Es hat sich wieder die Wichtigkeit und die Notwendigkeit bestätigt, dass das Online-Archiv laufend befüllt werden muss. Die Zugänglichkeit muss bestehen bleiben. Gleichzeitig hat dieses Jahr gezeigt, wie verwundbar das ganze System ist und wie schnell es passieren kann, dass diese Zugänglichkeit nicht mehr gegeben ist, auch wenn etwas online ist. Es hat mich zuerst erstaunt, dass es eine Zeit lang gedauert hat, bis das Online Archiv wieder online gehen konnte. Die Pause war aber aus Sicherheitsgründen notwendig, da viele Prozesse im Hintergrund passiert sind und Neues etabliert werden musste. Jetzt sind wir aber gestärkt wieder zurück!

Das Ars Electronica Online-Archiv: https://archive.aec.at/

Das Archiv war heuer prominent am Festival vertreten, es gab eine eigene Konferenz zum Thema „Networked Archives“. Kannst du uns ein bisschen erzählen, worum es gegangen ist und was dann der Outcome davon war?

Christina Radner: Die Konferenz hat sich ergeben durch die verstärkte Zusammenarbeit des Archivs mit verschiedenen Partnern, die wiederum ermöglicht wurde durch ein vom Bundesministerium gefördertes Projekt. Unsere Herangehensweise war, dass wir uns mit Personen aus möglichst unterschiedlichen Bereichen in Bezug auf Archivthemen unterhalten wollen und über die Herausforderungen und Fragen sprechen möchten, die es aktuell in diesem Bereich gibt. Ein Teil des Projekts fand im Rahmen des Ars Electronica Festival statt, nämlich zwei Panels – eine Konferenz und ein Einzelvortrag. Zusätzlich gab es einen eigenen Raum für das Archiv in Mozilla Hubs.

Der zweite Teil war eine Beteiligung am „Summit on Media Art Archiving“. Aber zuerst zu den Punkten am Festival: Das war sehr sehr spannend, da gab es zum einen das „Networked Archives“ Panel mit den Speakern Oliver Grau (DE), Dagmar Schink (AT), Christiane Paul (DE/US), Mariano Sardón (AR), Rafael Lozano-Hemmer (MX/CA) unter der Moderation von Manuela Naveau (AT). Hier kann ich vor allem die zweite Hälfte des Panels sehr empfehlen, als sich eine Diskussion ergeben hat auf Grundlage von uns vorbereiteter Fragen.

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Wie der Name des Panels sagt ging es ums Netzwerken, aber auch die Zugänglichkeit und den Wert von Archiven im Allgemeinen. Also für eine*n Künstler*in hat ein Archiv und das Vertretensein in einem Archiv ja einen ganz anderen Wert. Welche Rolle haben Museen, welche Rolle haben Universitäten für Archive und umgekehrt, inwieweit spielt die Wirtschaftlichkeit eine Rolle? Solche Fragen wurden behandelt.

Der zweite Part war dann ein Einzelvortrag von Rafael Lozano-Hemmer, der hieß „Best Practices for the Conservation of Media Art from an Artist’s Perspective“. Das ist ein Beispiel, wo sich ein Künstler sehr stark selber um die Archivierung seiner Werke kümmert, sich damit auseinandersetzt und eine Art von „Business“ daraus gemacht hat. Er hat Angestellte und kann somit der*dem Galerist*in helfen, die*der seine Werke ausstellt, weil er eine Art Handbook mitliefert, wie mit seinen Werken umgegangen werden soll. Sehr spannend!

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Dass es Aufgabe der*des Künstler*in ist, sich um die Archivierung ihrer*seiner Werke zu kümmern, sehen aber nicht alle so, wie man im Panel gesehen hat. Die andere Seite sagt, dass es eigentlich nicht Aufgabe der*des Künstler*in sein darf, sich um die Archivierung ihrer*seiner eigenen Werke kümmern zu müssen, sondern es ist eigentlich Aufgabe von anderen, Museen, Archiven, Universitäten, sich darum zu kümmern. Beide Seiten haben gute Argumente, hier gingen die Meinungen auseinander. Aber alle haben sich wieder getroffen, wenn es um die Frage der Wichtigkeit ging, dass die Medienkunst bewahrt werden muss. Also egal wer es macht, aber das Wissen muss bewahrt werden. Ein Beispiel: Net Art findet ja nur online statt. Man sieht das ja auch an älteren Websiten, dass Inhalte, die nur online verfügbar sind, nach einer gewissen Zeit nicht mehr zugänglich sind, weil einzelne Komponenten wie etwa der Flash Player nicht mehr funktionieren. Eine Frage war also: Wer kümmert sich um die Websites und um die Konservierung der Net Art?

Die letzte Aktivität am Festival war der bereits erwähnte Mozilla Hub Raum speziell für das Archiv. Das war ganz spannend, weil es etwas ganz Neues war. Konkret haben wir in der begrenzten Zeit einen virtuellen Raum umgesetzt, bei dem sich die Architektur an einem Archiv orientiert hat. Darin zu sehen waren alte Drucker, Disketten oder Regale. Dann konnte man sich in diesem Setting drei Inhalte in Form von Vorträgen anhören bzw. ansehen.

Ein nächster Gedanke wäre, das Ars Electronica Archiv in einem virtuellen Raum wie Mozilla Hubs zur Gänze nachzubauen. Neben dem Online-Archiv besitzen wir ja ein großes physisches Archiv. Das nachzubauen wäre spannend, um ein Gefühl für den Raum zu bekommen, wie es dort aussieht und welche Artefakte sich darin befinden. Besonders, weil unser Archiv nicht wirklich öffentlich zugänglich ist: So könnte man es zugänglich machen.

Neben den Aktivitäten am Festival kam es mit einigen Partnern zu einer engeren Zusammenarbeit, das waren Oliver Grau und Wendy Coones vom Department für Bildwissenschaften an der Donau-Universität Krems, Wim Van der Plas (NL), ISEA Symposium Archives und Bonnie Mitchell (US), SIGGRAPH Digital Art Show Archive. In dieser Runde gab es mehrere Meetings mit dem Ziel, die Konzeption des Summit on New Media Art Archiving abzustimmen, der im Rahmen der ISEA 2020 stattgefunden hat. Am 16. Oktober fand der Summit dann online statt, ursprünglich wäre er in Kanada geplant gewesen. In Working groups am Summit zeigte sich, wie groß das Interesse an gegenseitigem Austausch untereinander ist, sowohl bei den bekannteren Namen, die bereits gut vernetzt sind, aber insbesondere auch von kleineren Archiven. Sie benötigen mehr Hilfe, wenn es darum geht, ein Archiv zu starten und aufzubauen. Da geht es neben Fachwissen auch um einheitliche Standards zur Archivierung und um gewisse Regeln, die zu beachten sind. Das Wissen ist da, aber es müsste allgemein zugänglich und zentriert sein. Außerdem sind durch die Bank alle auf der Suche nach Finanzierung und nach Förderung. Gemeinsame Bestrebungen in dieser Hinsicht würden helfen. In diese Richtung geht es: Dass man sich mehr zusammenschließt, um gemeinsam zu profitieren.

Welche Herausforderungen glaubst du bringt die Zukunft im Archivbereich? Also Zukunft ist so weit gefasst, sagen wir mal, was bringt das kommende Jahr?

Christina Radner: Eine große Herausforderung wird sicher diese Explosion von digital vorhandenem Content. Das ist eigentlich etwas Positives, weil wir ja viel Content haben wollen, aber es ist im Vergleich zu früher, betrachtet aus Ars Electronica Sicht, so, so viel mehr Content.

Auch früher gab es große und viele Panels am Festival, aber jetzt hat sich die Menge mindestens verzehnfacht. Nicht nur die Konferenzen, alle Veranstaltungen sind jetzt digital verfügbar. Das ist ressourcen- und speicherplatztechnisch eine große Herausforderung, aber auch in Hinblick auf Strukturierung. Das ist ein Thema, das immer präsenter wird, im Archivbereich vielleicht schon länger präsent ist. Jetzt wird es aber zum Thema für die Website und den gesamten Online-Bereich: Wie kann ich Inhalte in großem Umfang strukturieren und ordnen? Hier können Synergien zwischen dem Archiv und anderen Bereichen entstehen. Die große Herausforderung betreffend der Archivierung und Sicherung ist jedenfalls die Menge.

Der zweiten Punkt, das ist vielleicht nicht unbedingt eine Herausforderung, aber etwas, das mir heuer aufgefallen ist. Das sind die vermehrten Anfragen an das Archiv, das Interesse von Wissenschaftler*innen und Künstler*innen, mit größeren Datenmengen zu arbeiten. Das wurde auch beim Panel am Festival angesprochen und betrifft nicht nur uns, sondern auch andere Archive. Das Interesse Datensätze mit Hilfe von KI und semantischen Analysen zu durchleuchten. Bei anderen Archiven gibt es das teilweise schon, dass die Datensätze als Download auf der Website zur Verfügung stellen und so Künstler*innen und Wissenschaftler*innen damit arbeiten können. Hier gilt es im nächsten Jahr mal zu schauen, was bei uns möglich wäre, in welchen Bereichen es möglich wäre und was sich daraus für uns ergeben kann. Solche Fragen müssen wir uns stellen.

Außerdem steht heuer wieder ein besonderes Jubiläum an, aber dazu kann ich noch nichts verraten. Nur so viel: Bei jedem Jubiläum spielt das Archiv natürlich eine große Rolle…

Dann wollen wir es auch dabei belassen und sind gespannt, was dieses Jahr für das Archiv bringen wird. Vielen Dank für das Gespräch!

Christina Radner ist die verantwortliche Projektmanagerin für das Ars Electronica Archiv in Linz, Österreich. Im Jahr 2009 absolvierte sie ihr Masterstudium der Kunstgeschichte an der Universität Wien. Bei einem Praktikum im Art Brut Museum Gugging in Klosterneuburg bei Wien bekam sie einen ersten Einblick in die Archivarbeit eines Museums. 2013 zog sie zurück nach Oberösterreich und begann ihre Arbeit im Ars Electronica Archiv-Team. Seit 2015 ist sie die Ansprechperson für das Archiv und Teil des Festival/Prix/Archiv-Kernteams von Ars Electronica.

 

 

 

Das Projekt „Digital Art Histories“ ist ein vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport gefördertes Projekt.