Die menschliche Perspektive herausfordern

Wie man die Biodiversitäts- und Klimakrise durch kollaborative und innovative künstlerische Ansätze bewältigen kann.

| | |

Der Nachhaltigkeitsdiskurs wurde bisher hauptsächlich in den Bereichen Naturwissenschaften und Technik diskutiert, mit jüngsten Beiträgen aus den Sozial- und Politikwissenschaften. Es wird jedoch immer deutlicher, dass interdisziplinäre Ansätze erforderlich sind, um die vielschichtigen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Biodiversitäts- und Klimakrise zu bewältigen. Auch wenn wir vielleicht nie die volle Komplexität des Ökosystems der Erde verstehen werden, können wir versuchen, verschiedene Perspektiven und Blickwinkel zu nutzen, um eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Lebensumgebung für menschliche und nicht-menschliche Wesen zu schaffen.

Unsere sozio-ökonomischen mit unseren ökologischen Problemen zu verbinden, ist eine ziemliche Herausforderung, aber sie könnte langfristig auch den größten Einfluss haben. Nur wenn wir beide Faktoren berücksichtigen, können wir ihre Wechselwirkungen nutzen. Viele Initiativen auf der ganzen Welt schärfen derzeit das Bewusstsein für diese Zusammenhänge – darunter auch die neue, breit angelegte Initiative der Europäischen Kommission New European Bauhaus, die Anfang des Jahres mit Ars Electronica als einem ihrer Partner gestartet ist. Ihr Hauptziel ist es, den European Green Deal durch experimentelle und kollaborative Ansätze direkt mit unseren Lebensräumen zu verbinden. Der Fokus liegt dabei auf der Kombination von Kunst und Wissenschaft für eine nachhaltigere Zukunft und eine bessere Lebensqualität. Indem das Projekt darauf abzielt, unsere bestehende Umgebung zu verändern, um unsere Emissionen zu reduzieren und einen langfristigen sozialen Wert zu schaffen, ist es gleichzeitig eine kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Initiative.

Es geht um die Frage, wie Kunst und Kultur zum Bewusstsein für unsere Biodiversitäts- und Klimakrise beitragen und darüber hinaus helfen können, Lösungen zu finden und zu verstehen. Über das erwähnte New European Bauhaus hinaus nimmt Ars Electronica an mehreren von Creative Europe und Horizon 2020 geförderten Projekten teil, die sich mit der Schaffung und dem Austausch von Wissen über Nachhaltigkeit zwischen Partnern befassen und dieses Wissen in breitere Communities bringen, indem sie Künstler*innen und kreative Produzent*innen, Bürger*innen, Expert*innen, Unternehmen und Institutionen miteinander verbinden, um Gespräche zu ermöglichen.

Biodiversitätskrise und die Resistenz der Pflanzen

Roots&SeedsXXI ist eines dieser Projekte, das sich für eine nachhaltigere Zukunft einsetzt und darauf abzielt, das Bewusstsein für einen besseren Umgang mit unserer Umwelt, insbesondere mit Pflanzen, zu fördern. Zu diesem Zweck fördert das Projekt Nachhaltigkeit durch Aktionen und Bekenntnisse, die sowohl aus künstlerischen als auch aus wissenschaftlichen Praktiken resultieren.

Das Projekt verkündete kürzlich die Gewinner*innen des Open Call: Marit Mihklepp für die Residency und das Kollektiv Posthuman Studies Lab sowie Laura Cinti für die künstlerische Produktion. Die ausgewählten Projekte drehen sich um die brennenden Themen Biodiversität, Pflanzensterben und die vielen Wissenslücken, die wir in diesen Bereichen noch haben. Mit kreativen, ja spekulativen Ansätzen entwerfen sie Szenarien über mögliche Zukunftsentwürfe in Zeiten des Anthropozäns, indem sie unsere Wahrnehmung und Beziehung zur Natur hinterfragen und letztlich fragen, was Natur überhaupt bedeutet. Ist sie das Gegenteil von Kultur oder Technologie, oder können wir diese Dichotomie überwinden und proaktiv mit den Wechselbeziehungen spielen? Alle drei Projekte erkennen an, dass es neben dem Menschen noch andere Entitäten gibt, von denen wir lernen und mit denen wir uns vernetzen können, nicht indem wir sie vor Technologie und menschlichem Einfluss bewahren, sondern indem wir Technologie bewusst einsetzen. Durch die Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen sowie Forschungseinrichtungen verbinden die Künstler*innen Feldarbeit und Forschung mit künstlerischen Methoden. Die Ergebnisse werden im Rahmen des Ars Electronica Festivals 2022 präsentiert.

Roots&Seeds, credit: Iván Pérez

Kunst trifft Wissenschaft im Anthropozän

Der Ansatz von Ars Electronica, das Bewusstsein für ökologische Herausforderungen zu schärfen und Diskussionen darüber zu fördern, manifestiert sich auch in einem umgekehrten Residency-Modell im Rahmen des Projekts STUDIOTOPIA , bei dem Wissenschaftler*innen angeboten wird, in Künstler*innenateliers zu hospitieren. Ausgehend von posthumanistischen Theorien versucht diese Initiative, neue Beziehungen zwischen Natur und Kultur in einer Zeit alarmierender Phänomene wie Klimawandel, Migration und Fake News anzuregen und zielt darauf ab, die Zusammenarbeit zwischen Kultur- und Forschungseinrichtungen, Hochschulen, Innovationszentren, Kreativen und europäischen Bürger*innenn zu verstärken.

Vor diesem Hintergrund organisiert Ars Electronica eine Residency, die die Künstlerin Kat Austen und die Wissenschaftler*innen Indrė Žliobaitė (Universität Helsinki, Finnland) und Laurence Gill (School of Engineering, Trinity College Dublin) in einem gemeinsamen Projekt zusammenbringt, mit besonderem Fokus auf Mikroplastik und dessen Allgegenwärtigkeit. Das Konzept basiert auf dem Begriff „Plastisphäre“, der auf die Reichweite dieser künstlichen Materialien auf dem gesamten Globus hinweist und darauf, wie sich Ökosysteme bereits an Kunststoffe anpassen und von ihnen ernähren. Mit ihren haltbaren und langlebigen Eigenschaften haben die Kunststoffpartikel eine ganz andere Lebenszeit als ihre Umgebung. Das Team entwickelt derzeit ein Projekt, das die Bewegung von Mikroplastik durch Ökosysteme untersucht, indem es auch die kollidierenden Zeitskalen berücksichtigt. Sie konzentrieren sich auf eine globale und nicht auf eine menschliche Perspektive und erforschen die Auswirkungen, die die Verbreitung von Mikroplastik langfristig haben könnte.

Die Notwendigkeit, Fragen zu stellen und Lösungen für die Umweltkrise zu finden, spiegelt sich auch in einer Reihe von anderen Residencies von STUDIOTOPIA wider, die von unseren europäischen Partnern veranstaltet werden und sich ebenfalls mit diesen Themen beschäftigen. ONASSIS Stegi ist derzeit Schauplatz von zwei Residencies von STUDIOTOPIA. Das Künstler*innenkollektiv 3 137 arbeitet mit der Wissenschaftlerin Dr. Audrey-Flore Ngomsik (Trianon Scientific Communication) zusammen. Ihre Forschung und Praxis konzentriert sich auf die Auswirkungen der Lebensmittelindustrie und wie wir unsere täglichen Gewohnheiten für eine nachhaltigere Zukunft ändern können. Ein weiteres Kollektiv, Hypercomf, arbeitet mit dem Wissenschaftler Markos Digenis (Universität Kreta, Fachbereich Biologie) an einem Projekt, das das marine Ökosystem und die Verbindung zwischen Mensch und Meer in den Mittelpunkt stellt. Sie erforschen die Idee von scheinbar unberührten Meerestiefen und wie selbst diese durch menschlichen Einfluss verändert werden. Bei GLUON, der in Brüssel ansässigen Plattform zur Maximierung der Zusammenarbeit zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie, arbeitet die Künstlerin Siobhan McDonald mit Prof. Chris Bean (DIAS), Teresa Lettieri (DG Joint Research Centre) und Dr. Emily Shuckburgh (Cambridge University, Department of Computer Science & Technology) zusammen, um die Auswirkungen des abtauenden arktischen Permafrosts zu untersuchen. Ihr Projekt lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was beim Schmelzen des Eises freigelegt wird: in Vergessenheit geratene Samen und Pflanzen, aber auch giftige Gase. Die Ergebnisse dieser Kooperationen werden zwischen 2021 und 2022 in Partnereinrichtungen in ganz Europa ausgestellt.

Innovative Ansätze für eine humanzentrierte, nachhaltige Zukunft

Die zentrale Frage, die innerhalb der Programme von Ars Electronica gestellt wird, ist immer auf den Menschen selbst und seine Beziehung zu den Technologien gerichtet, die jeden Aspekt unseres Lebens und unserer Umwelt beeinflussen. Dieses Verständnis einer gesellschaftlichen und ökologischen Verantwortung, sich intensiv damit auseinanderzusetzen, wie, wo und warum neue Technologien zum Einsatz kommen, deckt sich sehr stark mit den Kernwerten und Ideen der STARTS-Initiative der Europäischen Kommission. Sie betont die Rolle der Bürger*innen, Innovationen nicht nur zu verstehen, sondern auch aktiv daran teilzuhaben, indem sie Künstler*innen, Forscher*innen und Designer*innen unterstützt, die neuartige Wege finden, Geschichten zu erzählen und zu erleben, die ein Bewusstsein für gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen schaffen.

Paradebeispiele sind die beiden Gewinner*innenprojekte des STARTS Prize 2020. „EDEN – Ethics – Durability – Ecology – Nature“ von Olga Kisseleva befasst sich mit dem Aussterben von Pflanzen und der Interaktion von und mit nicht-menschlichen Arten. Das laufende Projekt erforscht die Kommunikation von Pflanzenarten rund um den Globus, um ihr biologisches und historisches Gedächtnis zu erschließen. „Design by Decay, Decay by Design“ von Andrea Ling ist eine Serie von Artefakten, die designten Verfall ausstellen, um sich eine Welt ohne Abfall vorzustellen. Anstatt die zahlreichen Probleme mit dem Müll, der auf Deponien landet, zu ignorieren, gibt Andrea Ling dem Abfall einen Wert. Sie kreiert Materialien, die über den alleinigen Nutzen für den Menschen hinausgehen und plädiert für einen neuen Designansatz, der sich nicht nur auf die Erstellung von Objekten, sondern auch auf deren Verfall konzentriert.

Design by Decay, Decay by Design / Andrea Ling (CA), credit: tom mesic

Als STARTS Lighthouse Pilot zielt das Forschungsprojekt Re-FREAM darauf ab, den Herstellungsprozess in der Modeindustrie neu zu überdenken, um ihn menschenzentrierter, inklusiver, aber auch nachhaltiger zu gestalten. Auch hier ist der Ansatz, kunstgetriebene Innovation als Schlüsselfaktor für eine nachhaltigere Zukunft einzusetzen. Eines der ausgezeichneten Projekte ist „Cooking New Materials“ von Youyang Song, eine neue Technik zur Verarbeitung von Bioabfall zu einem lederähnlichen Material. Durch die Verwendung von Fruchtschalen und natürlichen Bindemitteln ist das Material vollständig biologisch abbaubar, aber dennoch robust, langlebig und wasserfest.

Gemeinsam mit Schulen und Communities eine nachhaltige Zukunft gestalten

Als Mitglied des Open Science Hub (OSHub) Netzwerks sucht Ars Electronica auch nach lokalen Lösungen für globale Herausforderungen. An den verschiedenen OSHub-Standorten identifizieren Schulen und ihre Communities lokale, relevante Herausforderungen, die mit den Sustainable Development Goals verknüpft sind. Diese werden dann in gemeinsamen globalen Open Schooling Missions zusammengefasst, was eine konkrete Zusammenarbeit zwischen den Communities ermöglicht.

In der Schweiz entwickeln Schulen schwimmende Messstationen, um die Wasserqualität in Flüssen und im Lèman-See zu überwachen. Die Schulen und das Fab Lab Onl’fait arbeiten eng mit dem Verein Maison de la Rivière, der technischen Hochschule HEPIA, dem regionalen Amt für Wassermanagement und anderen Akteur*innen zusammen, um die wissenschaftlichen Ziele der jeweiligen Mission zu identifizieren, die Stationen zu bauen und zu installieren sowie die Ergebnisse zu analysieren und zu kommunizieren. Dank dieses forschungsähnlichen Ansatzes lernen die Schüler*innen die Vielfalt an benötigten Qualifikationen und Fertigkeiten kennen, um ein so umfassendes Thema anzugehen und verstehen die Bedeutung von Wissenschaft und Technologie, Zusammenarbeit und Kommunikation.

In der Tschechischen Republik betreibt „science in“ einen OSHub über eine Schule in dem Dorf Zdikov, wo es erhebliche Probleme mit der Luftverschmutzung gibt. Fast 90 % der Häuser werden mit Braunkohle beheizt, meist durch unsachgemäße Verbrennung in alten Heizkesseln. In Zusammenarbeit mit der Karlsuniversität führt der OSHub Messungen der Luftqualität durch und regt daraufhin eine öffentliche Diskussion über die Ergebnisse und deren gesundheitliche Folgen innerhalb der lokalen Gemeinschaft an. Mögliche Problemlösungen werden medial aufgearbeitet und dienen als Beispiel für Dörfer mit ähnlichen Problemen.

OSHub Portugal

In Portugal setzt sich der OSHub der Gemeinde Figueira de Castelo Rodrigo für die Qualität der Flussläufe ein und versucht zu verstehen, wie sie durch menschliche Einflüsse beeinträchtigt wird. Zu diesem Zweck arbeitet das Projekt mit dem internationalen Citizen-Science-Projekt Drinkable Rivers zusammen, bei dem Schulen und Anwohner*innen aktiv an der Bewertung des Gesundheitszustands des Douro-Flusses beteiligt sind, indem sie regelmäßige Analysen verschiedener Parameter wie pH-Wert, Phosphate, Nitrate und Härte durchführen. Darüber hinaus arbeitet der OSHub auch mit MINT-Lehrer*innen zusammen, um bereits bestehende Lehrplanaktivitäten in forschungsorientierte Experimente mit starken Verbindungen zur Umgebung umzuwandeln und so sinnvollere Lernerfahrungen zu ermöglichen.