Nachhaltig zur Ars Electronica – geht das?

Wie kann ein Festival, das jedes Jahr aufs Neue Tausende Menschen nach Linz zieht, nachhaltig sein? Christl Baur, Head of Ars Electronica Festival, stellt sich den vielen Fragen der Mobilität.

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Ist es eigentlich gerechtfertigt, gerade in diesen brisanten Zeiten der Klimakrise ein internationales Festival auszurichten, Menschen aus aller Welt einzuladen und sie nach Linz reisen zu lassen? Und dann noch mit dem Auto aus dem Umkreis der Stadt oder mit dem Flugzeug aus Übersee?

Wir treffen Christl Baur, Head of Ars Electronica Festival. Sie ist mit dem Fahrrad gerade auf dem Weg von einem physischen Treffen in der Stadt hin zu einem weiteren Online-Meeting vor dem Bildschirm. Die Vorbereitungen zum Ars Electronica Festival 2022 „Welcome to Planet B“ laufen auf Hochtouren, und obwohl die Pandemie in den Sommermonaten wahrscheinlich nur eine kurze Pause macht, ist eines ganz klar: Das Festival von 7. bis 11. September 2022 in Linz, Österreich, soll wieder ein Ort des Zusammenkommens werden – von engagierten Künstler*innen, motivierten Partner*innen und interessierten Besucher*innen aus aller Welt.

Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Moment, wie passt das eigentlich zusammen?

Schon bisher galt: Wer ein Festival besuchen will, muss sich auch Gedanken über die An- und Abreise machen. Zur Frage der Mobilität und dem Reisen an sich gesellt sich neben den eigenen finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten zunehmend aber auch die Frage der Nachhaltigkeit.

„Sollen Festivals wie das unsrige eigentlich weiterhin existieren? Im Sinne des Degrowth-Gedankens wäre die einzig nachhaltige Lösung, kein Festival mehr zu veranstalten.“ Aber wollen wir das?

Christl Baur ist von dieser zentralen Frage nicht überrascht: „Es gibt einige wesentliche Gründe, warum wir mehr denn je an die Notwendig- und Sinnhaftigkeit des Ars Electronica Festivals glauben, welches nach über 40 Jahren zu einem begehrten jährlich wiederkehrenden Treffpunkt der internationalen Community geworden ist und warum wir auch heuer wieder ein Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft ausrichten: Das physische Zusammenkommen unterschiedlichster Protagonist*innen, der zwischenmenschliche Gedankenaustausch, die Gespräche zwischen den vielen Kulturen, Welten und Ansichten, die es da draußen gibt.“

Also umweltfreundlich nach Linz, aber wie?

Das Ars Electronica Festival ist kein Entertainment-Event. Hier treffen die Besucher*innen auf die Künstler*innen hinter den Medienkunstprojekten. Künstler*innen, die es durch das Fehlen physischer Begegnungen und damit auch durch das Fehlen von Mobilität in den letzten beiden Pandemiejahren, nicht gerade leicht hatten.

„Wir können niemanden zwingen, aber grundsätzlich stellen wir dieselbe Erwartung, sich um eine möglichst klimaschonende An- und Abreise zu kümmern, nicht nur an uns sondern auch an alle, die in Linz zusammenkommen.“

Wo immer es möglich ist, soll es aber nicht nur bei Erwartungen bleiben, wie uns Christl Baur weiter erzählt: „So haben wir in den Verträgen mit unseren Protagonist*innen bereits aufgenommen, auf Kurzstreckenflüge unter 1.500 Kilometern zu verzichten und bei Reisen aus europäischen Ländern die Bahn zu wählen.“

Spätestens beim Überqueren von Ozeanen kommt dann aber wieder das Flugzeug ins Spiel. Christl Baur dazu: „Natürlich reisen Leute auch mit dem Flugzeug an. In solchen Fällen empfehlen wir, möglichst einen Direktflug nach Wien zu buchen und die restlichen 170 Kilometer mit dem Zug nach Linz zu reisen. Wir bemühen uns, die nicht vermeidbaren Flugmeilen in Zusammenarbeit mit Climate Austria zu kompensieren und damit zumindest Klimaschutzprojekte zu unterstützen.“

Das Projekt UITSLOOT von Gijs Schalkx (NL) erhielt eine Anerkennung beim STARTS Prize 2022.

Mit dem Fahrrad und den Öffis in Linz

In den kommenden Wochen wird das Festival-Team vor Ort in Linz bei den Vorbereitungen für das am 7. September 2022 beginnende Festival hauptsächlich den öffentlichen Verkehr oder das Fahrrad nutzen. Gerade der diesjährige Hotspot „Kepler‘s Gardens“ am Campus der Johannes-Kepler-Universität Linz lädt ein, mit der Straßenbahn oder mit dem Fahrrad besucht zu werden: „Gemeinsam mit der LINZ AG werden wir auch heuer für Festival-Ticket-Inhaber*innen die kostenlose Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln in Linz möglich machen.“

Die Infrastruktur der JKU bietet auf jeden Fall schon jetzt genug Platz für viele Fahrräder. Während des Festivals sind Fahrrad-Reparatur-Stationen angedacht, damit auch der Rückweg sorgenfrei angetreten werden kann. „Und wenn das Fahrrad stehen bleiben muss, ist unsere Empfehlung: Nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel, bildet Fahrgemeinschaften oder probiert das Car-Sharing aus.“ Im Web finden sich dazu lokale e-Car-Sharing-Anbieter wie tim-Linz, einem Service LINZ AG LINIEN, der Dienstleister MühlFerdl oder aber auch die eine oder andere Mitfahrbörse.

Dass auch vor einem Festival viele Dinge von A nach B bewegt werden müssen (und auch nach dem Festival wieder von B nach A), ist ein weiterer Punkt in Sachen Mobilität: „Auch jetzt während der Produktion setzen wir auf eine nachhaltige Fortbewegung, wo wir versuchen, den Auf- und Abbau möglichst praktisch zu gestalten. Unterstützung für den Transport bekommen wir über die Kooperation mit Elektrofahrzeughersteller Graf Carello.“

Credit: vog.photo

Umdenken, schon vor dem Festival

Gerade das Thema Mobilität nimmt bei einem Festival dieser Dimension schon im Vorfeld viel Raum ein, wenn es um die Organisation dieses Events geht, wie Christl Baur weiter erzählt: „Wir überlegen uns vor jeder Dienstreise, ob es diese wirklich braucht oder ob ein Online-Meeting nicht doch effektiver ist. Gibt es einen echten Mehrwert, wenn ich an einen anderen Ort auf dieser Welt reise? Bei unseren zahlreichen Kooperationsgesprächen arbeiten wir mit unseren Partnern Tag für Tag daran.“

Awareness ist das neue Wort dafür. Darüber sprechen, andere auf die Problematik aufmerksam machen. Und dass all diese Überlegungen selbstverständlich werden und zu einem neuen Standard führen. „Viele unsere Partner*innen sehen das genauso wie wir.“

Und wie reisen die Besucher*innen an?

„Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wie unsere Besucher*innen eigentlich anreisen.“ Christl Baur sieht hier auf jeden Fall Aufholbedarf: „Wir möchten heuer die notwendige Datengrundlage schaffen und die Besucher*innen danach fragen, damit wir bei den kommenden Festivals weitere Schritte in Sachen Mobilität und Nachhaltigkeit setzen können. Aber schon beim diesjährigen Festival möchten wir zumindest den CO2-Footprint unserer Besucher*innen visualisieren und vor Ort unsere Handlungsfelder veranschaulichen.“

Nach dem Festival geht es mit der Analyse weiter: „Wir werden uns ansehen, was haben wir umgesetzt und was nicht? Wo müssen wir noch weitere Hebel ansetzen? Die Erhebung des Status Quo werden wir transparent machen und die Daten werden schließlich in einen Bericht einfließen, der uns auch Handlungsempfehlungen für die nächsten Jahre geben wird.“

Sleep Study / Tega Brain (AU), Sam Lavigne (US), Credit: 2021 Stiftung Kunst und Natur Tempo Ausstellungseröffnung portraets anja jahn fotografie

Was ist besser? Ein Spaziergang im Wald oder ein Festivalbesuch?

Bevor wir Christl Baur zurück ins Büro radeln lassen, stellen wir noch eine letzte provokante Frage: Was ist besser: Ein Spaziergang im Wald oder ein Besuch eines Festivals für Medienkunst?

„Ein Spaziergang im Wald ist sicherlich nicht die schlechteste Idee, oder auch jeden Tag etwas länger zu schlafen, wozu uns die inspirierende Arbeit „Perfect Sleep“ von Tega Brain und Sam Lavigne einlädt, denn je mehr wir schlafen, desto weniger Energie verbrauchen wir, kurz gesagt. Allerdings nehmen die Krisen auf unserem Planeten eher zu und nur gemeinsam können wir diese meistern. Die Frage „But How?“ wird sich durch das Festivalprogramm ziehen und viele Ideen und Möglichkeiten aufzeigen, wie wir in unsere gemeinsamen „Zukünfte“ gehen können.“

„Jede*r Festivalbesucher*in soll sich schon vor dem Antritt der Reise die Frage stellen: Was will ich mitnehmen? Es ist auf jeden Fall eine gute Idee, einen schönen Waldspaziergang zu unternehmen. Nichtsdestotrotz kann ein Besuch der Ars Electronica ein für die Gesellschaft nachhaltiger sein – wenn dieser das eigene Denken bereichert, Ideen, Gedanken und Eindrücke mitgenommen werden, die zu einem Umdenken und Handeln führen. Und wenn dann noch die eigene Community davon profitiert, was wir natürlich hoffen, freuen wir uns auf ein (Wieder)Sehen in Linz!“

Eine Reise, die nachhaltig werden kann

Wie so oft liegen die Möglichkeiten, etwas zu verändern, an den vielen Einzelhandlungen des Ganzen. Ohne dem Mitwirken der Besucher*innen, der Künstler*innen und Partner*innen wird es das Team des Ars Electronica Festival nicht allein schaffen, dieses Event nachhaltiger zu gestalten.

„Der Mehrwehrt des Zusammenkommens und das Hinaustragen der Erkenntnisse in die Communities, das hat einen langfristigen Wert, der es rechtfertigt, ein Festival wie dieses zu organisieren,“ so Christl Baur. „Die Eigeninitiative ist jedoch etwas, das wir nicht abnehmen können.“

Christl BaurChristl Baur ist Head of Ars Electronica Festival, Forscherin mit interdisziplinärem Hintergrund in Kunstgeschichte, Kulturmanagement und Naturwissenschaften. Sie interessiert sich besonders für die Verbindung von ästhetischen und sozialen Praktiken, die sich um Kollaboration und Experimentieren drehen und soziale, politische und wirtschaftliche Protokolle herausfordern. Ihr Forschungsgebiet umfasst Themen wie Videokunst, Neue Medientechnologien, Computer, Biotechnologie und Interaktive Kunst und sie arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Sie arbeitet eng mit Künstler*innen zusammen, deren Praxis an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technologie liegt.