Hybrid Art: Projekte in Zwischenräumen

Hybrid Art Jurorin, Susanne Jaschko, spricht über die „prozessagenten“, aktuelle Trends in der transdisziplinären Kunst und ihre ersten Eindrücken zur diesjährigen Ars Electronica Festival-Location.

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Die Jury-Meetings des Prix Ars Electronica 2015 sind vorbei. 25 JurorInnen aus aller Welt kamen im Ars Electronica Center Linz zusammen, um die eingereichten Projekte in fünf Kategorien zu beurteilen. Bevor am 26. Mai 2015 in einer Pressekonferenz bekanntgegeben wird, wer die begehrten Goldenen Nicas erhält, versorgen wir Sie hier auf dem Ars Electronica Blog mit vielen Interviews, die wir während des Jury-Meetings mit den JurorInnen gemacht haben. Den Anfang macht Susanne Jaschko. Sie ist international als freie Kuratorin und Autorin tätig und gründete 2012 die „prozessagenten“, ein Label, unter dem sie kollaborative Kunst- und Designprojekte entwickelt. Während des Prix Ars Electronica 2015 war sie Jurorin in der Kategorie „Hybrid Art“ und widmete sich spezifisch den hybriden und transdiziplinären Projekten und Arbeitsweisen der aktuellen Medienkunst.

Nach intensiven Stunden des Argumentierens und Sortierens schenkte sie uns einige Minuten ihrer Mittagspause, um über die „prozessagenten“, aktuelle Trends in der transdisziplinären Kunst und ihre ersten Eindrücken zur diesjährigen Ars Electronica Festival-Location zu sprechen.

20150417_IMG_3647_himSusanne Jaschko (Credit: Martin Hieslmair)

Sie haben 2012 die „prozessagenten“ gegründet. Sie schreiben auf Ihrer Website „Kunst, Design und Architektur erleben derzeit einen Paradigmenwechsel: Sie werden prozessual und dynamisch, partizipativ und reaktiv.“ Warum, glauben Sie, vollzieht sich dieser Wandel?

Susanne Jaschko: Ich meine, dass gerade eine Art Wechsel im Denken stattfindet. Das Verständnis der Welt hat sich enorm verändert. Wir wissen um die komplexen Zusammenhänge und Wechselwirkungen der verschiedenen Systeme, in denen wir leben. Mit diesem Erkenntnisgewinn hat sich auch unser Blick auf die Welt, die uns umgibt und die Welt, die wir kreieren, verändert. Wir wollen diese Welt aktiv mitgestalten. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass es heute viel mehr Möglichkeiten gibt, an der Erschaffung der Umwelt aktiv teilzuhaben und sich sozusagen als Teil des Prozesses zu betrachten und nicht mehr, wie früher, nur als Beobachter. Diese neue Sicht bedingt den Paradigmenwechsel.

20150417_IMG_3632_himCredit: Martin Hieslmair

Wie macht sich dieser Paradigmenwechsel bemerkbar?

Susanne Jaschko: Natürlich merkt man das vor allen Dingen in der Kunst, weil die Kunst eine Art Kristallisierungssystem ist, das Dinge an die Oberfläche bringt, formt und auf den Punkt bringt. Das sehe ich auch hier in der Jury bei den eingereichten Projekten in der Kategorie Hybrid Art und wird sichtbar in meiner Arbeit mit den prozessagenten. Die Statik, die Kunst früher hatte, löst sich auf. Die Projekte brechen viele Regeln, die früher typisch für Kunst waren. Sie sind viel hybrider, dynamischer, offener und prozessualer. Dies zieht sich durch alle Genres der Kunst: im Theater beispielsweise bei Projekten von Rimini Protokoll, aber auch in der Stadtplanung, in der Architektur und im Design.

Das Prozessuale und Kollaborative, das seit ihren Anfängen typisch für die Medienkunst ist, ist als Leitidee bereits in vielen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen präsent.

Sie sind Jurorin in der Kategorie Hybrid Art. Ist das auch prozessuale Kunst?

Susanne Jaschko: Meiner Meinung nach ja – zumindest in den meisten Fällen. Aber Hybrid Art ist ja kein stehender Begriff, daher haben wir innerhalb der Jury versucht zu definieren, welche Projekte wir innerhalb dieser Kategorie sehen, die ja eigentlich eine künstliche und sehr breit gefasste Kategorie ist, damit wir alle bei der Bewertung die gleichen Kriterien berücksichtigen.

Welche wären das beispielsweise?

Susanne Jaschko: Für uns sind Projekte interessant, die in Zwischenräumen passieren, also nicht klar zu einem Genre oder einem Kunstformat zuzuordnen sind. Projekte, bei denen man nicht eindeutig sagen kann, ob es sich beispielsweise um ein Theaterstück, eine Performance, eine Intervention, ein wissenschaftliches Forschungsprojekt, eine Skulptur oder ein Film handelt. In dem Moment, wo ein Projekt nicht klar zuzuordnen ist und sich durch diese Hybridität des Projektes neue Fragen auftun, die in eine interessante Richtung gehen, ist es für uns als Hybrid Art interessant.

20150417_IMG_3667_himCredit: Martin Hieslmair

Lassen sich heuer bei den Einreichungen in der Kategorie Hybrid Art irgendwelche Trends erkennen?

Susanne Jaschko: In den vergangenen Jahren haben einige „klassische“ BioArt-Projekte gewonnen. Das ermutigt natürlich die Künstlerinnen und Künstler, die in diesem Bereich tätig sind, ihre Projekte einzureichen, was wir auch in diesem Jahr merken. Uns interessieren aber auch andere künstlerische Praktiken, und Künstlerinnen und Künstler sollten sich nicht von diesen Gewinner-Projekten zu sehr beeindrucken lassen, sondern dem Spektrum der Kategorie Hybrid Art entsprechend, unabhängig vom künstlerischen Genre, Projekte einreichen.

VOG_3322Die JurorInnen des Prix Ars Electronica besichtigten das diesjährige Festivalgelände – das ehemalige Post- und Paketverteilzentrum am Linzer Bahnhof. Credit: Florian Voggeneder

Sie waren auch bei der Besichtigung der Location für das Ars Electronica Festival 2015 mit dabei. Wie haben Sie, als Kuratorin, das ehemalige Post- und Paketverteilzentrum als Festival-Location wahrgenommen?

Susanne Jaschko: Das sind natürlich gigantische Räume, die sehr beeindrucken. Wenn man als Kuratorin durch diese Räume geht, sieht man gleich Zahlen vor sich und denkt, das wird teuer. Ich bewundere den Mut in diesen Raum reinzugehen, vor allem mit so einer kurzen Vorbereitungszeit, die ja noch bleibt. Ich bin mir aber sicher, das kann nur fantastisch werden. Es wird sehr spannend, wie dieser Raum dann für die Ars Electronica genutzt wird, weil er ja dafür überhaupt nicht entworfen wurde. Es ist eine ganz große Herausforderung zu bestimmen, wie viel Raum innerhalb der Hallen zusätzlich gebaut wird, wie viel so belassen wird und wie der Raum mit den einfachsten Mitteln genutzt wird. Natürlich wird auch die Ausstellung selbst sehr interessant werden. Es wird spannend, wie die Projekte, die ja sonst eher in Galerie-Settings ausgestellt werden, dann innerhalb eines so starken, dominanten Raumes wirken. Das sind die großen Fragen, die sich bei diesem großen Raum unmittelbar auftun.

20150417_HIM78583_himDie JurorInnen und MitarbeiterInnen des Prix Ars Electronica auf dem Weg durch das ehemalige Post- und Paketverteilzentrum. Credit: Martin Hieslmair

Haben Sie irgendwelche Projektideen in Bezug auf Hybrid Art, die dort realisiert werden könnten?

Susanne Jaschko: Ich denke, dass die Projekte, die wir jetzt in der Endauswahl haben, alle das Potential haben in diesem Raum aus sich heraus zu wirken. Wenn sie nur im White Cube funktionierten, wenn sie also diese Inszenierung als Kunst in einem klassischen Kunstraum benötigten, wären sie meiner Meinung nach keine guten Hybrid Art Projekte.

Susanne Jaschko

Dr. phil. Susanne Jaschko (*1967) ist international als freie Kuratorin und Autorin tätig. Die digitale Kultur ist häufig Ausgangspunkt für ihre Projekte. 2012 gründete sie prozessagenten, ein Label, unter dem sie kollaborative Kunst- und Designprojekte entwickelt. Vorherige Stationen waren u.a. die transmediale (Kuratorin, stellv. Leiterin) und das Netherlands Media Art Institute (Head of Exhibitions). Sie lebt und arbeitet in Berlin.