“Städte oder triste Umgebungen animieren mich”

Seppo Gründler, Jurymitglied des Prix Ars Electronica 2015, spricht über seine Kriterien, die Arbeiten aus der Kategorie „Digital Musics & Sound Art“ erfüllen müssen, und erzählt, wo er die Motivation für seine Kompositionen findet.

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Der Prix Ars Electronica 2015 hatte diesmal wieder ein Ohr für digitale Klangproduktionen. Ob audiovisuelle Performances, Klangskulpturen, Radioarbeiten, digitale Sounds oder Computerkompositionen – die Kategorie „Digital Musics & Sound Art“ stand heuer einem breiten Spektrum an akustischen Werken offen. Wer die GewinnerInnen des Prix Ars Electronica 2015 sind, wird am 26. Mai 2015 bekanntgegeben. Einige Wochen zuvor, als eine internationale Jury die besten Arbeiten herauspickte, haben wir uns unter anderem mit Seppo Gründler getroffen. Der Studiengangsleiter des Master-Studiums Communication, Media, Sound and Interaction an der Fachhochschule Joanneum in Graz war dieses Jahr Teil der Jury und hat mit uns am Rande des Jury-Meetings über seine Eindrücke der eingereichten Arbeiten gesprochen.

Welche Kriterien liegen Ihnen als Juror in der Kategorie „Digital Musics & Sound Art“ besonders am Herzen?

Seppo Gründler: Das Hauptkriterium ist vor allem die Qualität der Arbeit. Da fragt man sich natürlich, woran misst man Qualität in einem künstlerischen Fach? Für mich gibt es mehrere Punkte. Beim Klang ist natürlich die Klangqualität ausschlaggebend – dabei stellen sich die Fragen: Wie wird mit dem Klang gearbeitet? Wird das ganze Spektrum ausgenutzt? Wie sauber wurde dies umgesetzt? Es hängt aber auch vom Stück selbst ab. Es gibt konzeptionelle Stücke, bei denen der Klang an sich überhaupt nicht entscheidend ist. Neben der Qualität beachte ich auch die Originalität. Erzählt mir das Stück etwas, das ich anders nicht erzählt bekomme? Das ist für mich besonders wichtig.

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Foto: Martin Hieslmair

Achten Sie auch darauf, welche Technik schließlich zur Klangerzeugung eingesetzt wird?

Seppo Gründler: Auf jeden Fall. Der Einsatz von Technik ist entscheidend für mich, gerade wie bei einer Kategorie wie „Digital Musics & Sound Art“. Hier ist es nicht so unbedingt wichtig, dass die verwendete Technik komplett neu ist. Aber wenn man etwas Neues ausprobiert, dann muss es entsprechend ästhetisch und konzeptionell sinnhaft eingesetzt werden. Ich würde nicht gleich ein Stück verwerfen, wenn ich merke, ach, das hat es schon gegeben. Das ist jetzt nicht unbedingt ein Kriterium für mich.

Wenn Sie auf die Einreichungen dieses Jahres blicken, sind Trends zu erkennen?

Seppo Gründler: Ich finde, die Einreichungen sind heuer extrem vielfältig. Wir haben es mit einem ganz breiten Spektrum, von klassischer akustischer Musik bis hin zu Techno-Stücken zu tun. Wobei erstaunlich wenig kommerzielle Mainstream-Produktionen dabei waren.

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Foto: Florian Voggeneder

Sie komponieren selbst – was muss für Sie erfüllt sein, damit sich Ihre Kreativität am besten entfaltet? Braucht es einen eigenen Ort?

Seppo Gründler: Der Ort ist mir relativ egal. Natürlich, wenn man mit Klang arbeitet, sollte es nicht laut sein. Es ist eher so, dass mich Städte oder triste Umgebungen eher zum Arbeiten animieren als Berge oder das Meer. Wenn man dort in der Natur ist, hat man etwas anderes zu tun. Auch Regenwetter ist förderlich *lacht*. Und: Man sagt zwar, „A Hungry Man Plays a Good Guitar“, aber ich glaube schon, dass eine gewisse ökonomische Sicherheit sehr förderlich ist. Wenn man nur damit beschäftigt ist, um seine Existenz zu kämpfen, und das hatte ich auch schon, kann zwar auch gute Arbeit herauskommen – aber die Arbeit leidet auf jeden Fall.

Das würde ich jeder Künstlerin und jedem Künstler wünschen, dass zumindest Wohnen und Essen kein Thema ist.

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Foto: Martin Hieslmair

Sie haben während des Prix-Jury-Wochenendes auch die PostCity, die Location des Ars Electronica Festival 2015, vorab besucht – wie hat es Ihnen gefallen?

Seppo Gründler: Mir hat die PostCity sehr gut gefallen. Sehr eindrucksvoll! Es ist natürlich immer die Gefahr bei so einem Gelände, das so mächtig ist, dass alles, was man dort macht, auch sofort verpuffen kann. Ich bin froh, dass ich hierfür keine Arbeiten auswählen muss, außer ich hätte sehr viel Geld zur Verfügung, da würde mir dann schon sehr viel einfallen, was man in so großen Räumen machen könnte. Es wird schwierig sein, so viel Platz zu bespielen. Da braucht es ein sehr kluges Konzept. Aber ich bin überzeugt, das wird der Ars Electronica gelingen.

Haben auch Sie Interesse, die PostCity, die Location des Ars Electronica Festival 2015 schon jetzt zu besichtigen? Wir bieten kostenlose Führungen durch das ehemalige Post- und Paketverteilzentrum in Linz an – Termine, weitere Infos und Anmeldung unter ars.electronica.art/postcity/guidedtours.

gruendler_bioSeppo Gründler, geboren 1956, lebt in Graz/Austria. Er ist Studiengangsleiter des Master-Studiums Communication, Media, Sound and Interaction an der Fachhochschule Joanneum, Gastprofessor für Sound Design an der Donau-Universität Krems, Vorstandsmitglied des Instituts für Medienarchäologie und Präsident des Vereins zur Förderung und Verbreitung Neuer Musik. Seine Hauptinstrumente sind Gitarre, Elektronik und Software. Er arbeitet seit 1982 im Bereich der neuen Medien. Gründler komponierte Musik für Computerspiele, Theater, Film, Medien und Klanginstallationen und machte mehrere CDs und zwei Vinylplatten.