Vernetzen, aber richtig

Spätestens seit dem ersten eigenen Facebook-Account wissen viele von uns, welche Vor- und Nachteile das digitale Zusammenleben mit sich bringt. Marleen Stikker gründete bereits 1994 eine erste „Digitale Stadt“ und wird nun als Jurorin des Prix Ars Electronica gemeinsam mit vier weiteren KollegInnen aktuelle Projekte der Kategorie „Digital Communities“ bewerten.

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Digitale Medien und ihre Möglichkeiten, sich miteinander zu vernetzen, bestimmen unser heutiges Leben – zumindest das von 3,2 Milliarden Menschen. Was braucht es aber, um auch den anderen Teil der Weltbevölkerung zu integrieren? Wie war das damals vor über 20 Jahren als noch keine Rede war von „Liken“, der Fernseher das zentrale Leitmedium im Haushalt war und man sich noch überhaupt nicht vorstellen konnte, online sein Geld auszugeben? Wir fragen Marleen Stikker, Mitbegründerin der Waag-Society – sie hat mit ihrem Projekt „De Digitale Stad“ bereits im Jahr 1994 die ersten Möglichkeiten dieser weltweiten Vernetzung skizziert.

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De Digitale Stad 1994

„De Digitale Stad“ (DDS). Credit: Waag-Society

Sie haben “De Digitale Stad” (DDS), die erste Online-Community in Europa, im Jahr 1994 gegründet. Können Sie uns darüber etwas mehr erzählen?

Marleen Stikker: Damals im Jahr 1993 war das Internet nicht viel mehr als ein schwarzer Bildschirm mit einer Unix-Kommandozeile. Eine ganze Welt an Möglichkeiten steckte hinter diesem Bildschirm, aber man konnte auf nichts davon zugreifen wegen der geheimen Natur ihrer Sprache und ihres Codes. Mit „De Digitale Stad“ nahmen wir uns damals dieser neue Technologie an, dachten über ihren kulturellen und sozialen Nutzen nach und öffneten sie für die Gesellschaft. Der Schlüssel der Gestaltung war ein Interface, das um eine Metapher kreiste (die Stadt), die den Menschen dadurch half, all das zu verstehen und die Möglichkeiten des Internets zu nutzen. Felipe Rodrigues und ich gestalteten die Digitale Stadt so, dass sie mehrere Nutzungsbereiche miteinschloss: das Private, das Öffentliche, das Kulturelle und das Politische.

„Es war eine Spielwiese für Experimente, die wir heute alle als selbstverständlich betrachten. Es gab Rohdaten und Open-City-Daten; ein Smart-TV kombinierte einen Chat mit Live-Bildern aus dem Fernsehen (heute bekannt als „Second Screen“); es ging um Inhalte, die von NutzerInnen geniert werden konnten („user-generated content“), um Profile und Avatare, um Online-Shops und politische Debatten.“Marleen Stikker

Und das gab es alles im Jahr 1994. Es bewies, dass das Internet ein attraktiver sozialer Ort für Menschen war, die die Zukunft dieses globalen Netzwerks entdecken und mitgestalten wollten. Die Digitale Stadt inspirierte viele kluge MedienkünstlerInnen in ganz Europa, darunter auch die Internationale Stadt in Berlin und die Digitale Stadt in Wien. Es verhalf ebenso den ersten „Internet-Cowboys“ Investoren davon zu überzeugen, ihre Versuche einer Weltherrschaft zu finanzieren. Aus ihrer Perspektive erfüllte das Internet zunächst militärische Zwecke, dann kommerzielle und dann soziale. Aber das ist falsch. Das Internet begann in der Tat als militärisches und akademisches Forschungsnetzwerk, vermischte sich dann aber mit dem sozialen globalen NGO-Netzwerk, das es bereits seit den 1980er Jahren gab. Das war der Punkt als es sozial wurde. Nur ein paar Jahre später stieß das Gewerbe hinzu.

Free for What Campaign

FREE4WHAT-Kampagne, Credit: Waag-Society

Zehn Jahre nach “De Digitale Stad”, im Jahr 2004, wurde Facebook gegründet. Mit 1,6 Milliarden aktiven BenutzerInnen im Monat gehört es heute zu den größten digitalen Communities. Wie stehen Sie diesen großen sozialen Netzwerken gegenüber?

Marleen Stikker: Soziale Netzwerke sind wunderbar, aber die meisten von ihnen basieren auf Geschäftsmodellen, die sich von Rohstoffen ernähren. Das sind soziale Beziehungen und persönliche Daten, die dabei rein für den Profit gezüchtet und gemolken werden. Wir haben mit unserer FREE4WHAT-Kampagne die Menschen davor gewarnt, dass sie letzten Endes für diese kostenlos scheinenden Dienstleistungen bezahlen werden – auf die eine oder andere Art. Leider haben sie nicht auf uns gehört.

„Das Internet schafft schlimme Probleme. Einerseits stärkt es viele dabei, Zivilgesellschaft und Gemeinschaften zu schaffen, die auf dem Grundsatz der Gegenseitigkeit beruhen. Andererseits ist es dadurch für Unternehmen und Regierungen viel leichter, gegen unsere Souveränität zu verstoßen.“Marleen Stikker

Ich bin froh, dass das deutsche Bundeskartellamt gegen Facebook und seinen möglichen Marktmissbrauch durch Verletzungen von Datenschutzgesetzen vorgeht.

Facebook Farewell

Facebook-Abschiedsfeier in Amsterdam, Credit: Waag-Society

Die Waag Society betrieb das Projekt “Facebook Liberation Army”, das ein freies Facebook für alle forderte. Was sind die Gefahren oder Herausforderungen für digitale Communities in der heutigen Zeit?

Marleen Stikker: Mit dem Projekt “Facebook Liberation Army“ organisierten wir eine Facebook-Abschiedsfeier im Theater Stadsschouwburg in Amsterdam. Die Atmosphäre dort war sehr eigenartig. Für Leute, die dachten, sie seien auf der „guten Seite“ (jene, die sich beispielsweise über den Klimawandel und das Wohlergehen der Tiere Sorgen machten), war es schwierig, sich selbst als UnterstützerInnen des „bösen“ Facebook-Imperiums zu sehen. Für sie fühlte es sich an als ob wir ihre Feier störten und das Leben dadurch viel komplizierter machten. Für die Leute, die Facebook tatsächlich den Rücken gekehrt haben, ist es schwierig, eine Alternative zu finden. Die Voraussetzungen sind schwierig: Ein Geschäftsmodell zu finden, das auf gemeinsamen Grundsätzen basiert, eine einfache Benutzeroberfläche bietet und eine technische Architektur, die offen ist aber auch gleichzeitig End-zu-End-Verschlüsselung unterstützt. Es gibt ein paar Initiativen, die vielleicht eine der drei Anforderungen entsprechen, aber eine, die alles miteinander vereint, gibt es noch nicht.

Ende 2015 nutzten weltweit 3,2 Milliarden Menschen das Internet, aber 4 Milliarden Menschen – meist aus Entwicklungsländern – haben immer noch keinen Zugang zu keiner einzigen digitalen Community. Wie können wir dieser digitalen Kluft entgegentreten?

Marleen Stikker: Interdoc hat diese digitale Kluft bereits vor 30 Jahren angesprochen. Natürlich ist es keine gute Idee von Zuckerberg, diesen Menschen eine kostenlose Facebook-Version des Internets zur Verfügung zu stellen. Ich befürchte, dass viele diese vier Milliarden Menschen begrüßen würden, weil sie Wachstumszahlen brauchen. Die Frage ist aber nicht: Werden diese Menschen Zugang zum Internet haben? Die Frage ist viel mehr: Werden sie Zugang zum kompletten und offenen Internet haben oder bleiben sie gefangen in Anwendungen, die vorgeben, das Internet zu sein? Hier steht uns noch eine Menge an Arbeit bevor – für eine offene Gesellschaft, offene Hardware, offene Software und offene Internet-Bewegungen, die diesen Gemeinschaften Wissen, Qualifikationen und Zugang liefern können.

Marleen StikkerMarleen Stikker hat die Waag-Society mitbegründet und ist Präsidentin dieser Stiftung, die sich für das Experimentieren mit neuen Technologien, Kunst und Kultur einsetzt. Schon im Jahr 1994 hat sie sich durch die Gründung der ersten digitalen Stadt im Web (De Digitale Stad) mit den Möglichkeiten digitaler Communities im Internet beschäftigt. 2016 ist sie bereits zum zweiten Mal Jurorin des Prix Ars Electronica.