ESERO – Weltraumforschung im Schulunterricht

Seit heute ist das Ars Electronica Center Linz offiziell das österreichische „European Space Education Ressource Office“, kurz ESERO. Wir haben mit Clara Cruz Niggebrugge, ESERO Project Coordinator des ESA Education Office, gesprochen.

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Heute eröffnet Österreichs erstes ESERO Büro im Ars Electronica Center! ESERO (European Space Education Resource Office) ist ein Projekt der Europäischen Weltraumagentur ESA und ihren Bildungspartnern verschiedener europäischer Länder. Ziel ist die Förderung des Interesses von Kinder und Jugendlichen an naturwissenschaftlichen und technischen Fragestellungen in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Bisher gab es insgesamt 9 ESERO Büros in insgesamt 12 Ländern. Heute wird für das Schuljahr 2016 auch erstmals ein ESERO Büro in Österreich eröffnet. Nach einem längeren Auswahlverfahren wurde das Ars Electronica Center als ESERO Büro Österreich ausgewählt.

Das ESERO Projekt zielt darauf ab, die Weltraumforschung in den Schulunterricht zu integrieren, um bei Kindern und Jugendlichen größeres Interesse an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu wecken. Zu diesem Zweck werden Lehrerinnen und Lehrer mit Knowhow und Unterrichtsmaterialien ausgestattet, die exakt auf den jeweiligen Schullehrplan im jeweiligen Land abgestimmt sind. Aufgabe der nationalen ESERO Büros ist die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer und die Verwaltung der Materialen.

Clara Cruz Niggebrugge, ESERO Project Coordinator des ESA Education Office, erklärt im Interview, welche Aufgaben man als ESERO Büro sonst noch hat, warum das Ars Electronica Center als Büro ausgewählt wurde und warum die ESA überhaupt das Ziel verfolgt SchülerInnen und Schüler in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern zu fördern.

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v.l.n.r.: Stellvertretender Sektionsleiter Ministerialrat Mag. Ingolf Schädler (Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie), Andreas Bauer (Leitung Ars Electronica Center, ESERO Österreich Supervisor), Michael Thaler (Ars Electronica Center Linz, ESERO Österreich Manager), Michaela Gitsch (FFG, Agentur für Luft- und Raumfahrt), Clara Cruz Niggebrugge (ESERO Project Coordinator), Prof. Dr. Kai-Uwe Schrogl, (Leiter ESA Strategy Department), Mag. Bernhard Baier (Vizebürgermeister der Stadt Linz, Aufsichtsratsvorsitzender Ars Electronica Linz GmbH), Gerfried Stocker ( Künstlerischer Leiter Ars Electronica).

Das ESERO Projekt wurde vor 10 Jahren vom ESA Education Office gegründet. Was genau ist das ESA Education Office?

Clara_120x120Clara Cruz Niggebrugge : Vor mittlerweile mehr als 40 Jahren wurde die Europäische Weltraumagentur ESA gegründet und seit Beginn, versucht sie die Faszination des Weltraums mit jungen Leuten zu teilen, um sie dadurch mehr für Wissenschaft und Technik zu begeistern.

Das ESA Education Office wurde vor etwa 15 Jahren gegründet und hat sich seit dem sehr stark weiterentwickelt. Heute bietet ESA zahlreiche Ausbildungs- und Lernangebote vom Volksschul- bis Studentenalter an. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler verstärkt für die sogenannten MINT-Fächer zu begeistern, ihnen zu helfen ihre wissenschaftlichen Kenntnisse und Kompetenzen zu verbessern und sie schließlich eventuell sogar für eine MINT-Karriere, insbesondere im Bereich Weltraum, zu gewinnen.

Bei den Kindern im Schulalter versuchen wir so viele Schülerinnen und Schüler bzw. Lehrerinnen und Lehrer wie möglich zu erreichen und mit dem Klischee aufzuräumen, dass wissenschaftliche und technische Fächer nur von Hochbegabten zu schaffen sind. Dabei nutzen wir die Weltraumforschung als Grundlage zum lehren und lernen des MINT-Lehrplans. Zunächst bilden wir die Lehrerinnen und Lehrer aus, wie sie das Thema Weltraum in den Unterricht integrieren können. Zusätzlich entwickeln wir Unterrichtsmaterialien und groß angelegte Bildungsinitiativen, bei denen Schülerinnen und Schüler praktische Erfahrungen sammeln können. Von Studienanfängerinnen und –anfänger bis hin zur PhD-Studentinnen und -studenten, bietet unsere ESA Academy eine breite Ausbildung an, in der sie die professionellen Praktiken, die heutzutage im Bereich der Raumfahrt angewendet werden, lernen. Die Studierenden können ihre akademische Ausbildung durch den autausch mit Raumfahrtexperten, den Zugriff auf professionelle Weltraum-Plattformen und tatsächlichen Weltraumprojekten verbessern und allgemein vom umfangreichen Knowhow der ESA profitieren.

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Wie Sie bereits erwähnt haben, nutzt ESERO das Thema Weltraumforschung als Mittel, um junge Menschen für MINT-Fächer zu begeistern. Warum denken Sie, ist dieses Thema für diesen Zweck geeignet?

Clara Cruz Niggebrugge : ich denke, es ist der Pioniercharakter, der uns antreibt das Universum um uns herum und den Platz der Menschheit darin zu entdecken. Solche Dinge zu verstehen, ist ein richtiger Motivationsfaktor – vor allem für junge Menschen.

Junge Menschen werden nahezu vom Weltall angezogen. Es bietet genug Platz für jede Menge Phantasie und Neugier über unsere Zukunft, aber auch über unsere Vergangenheit. Anhand von Beispielen aus dem Weltraum soll im Unterricht gezeigt werden, dass der Weltraum nicht nur ein Ort der Phantasie ist, sondern ein Ort ist, der unser tägliches Leben überhaupt ermöglicht. Darüber hinaus sind die Themen der Weltraumforschung fächerübergreifend und umfasst eine immense Vielfalt an Disziplinen.

Warum ist ESA so sehr daran interessiert, junge Menschen in MINT-Fächern zu fördern?

Clara Cruz Niggebrugge : Moderne Gesellschaften sind für eine effizient funktioniere Volkswirtschaft von der Verfügbarkeit zukunftsweisenden Wissens, Innovationen und kontinuierlichen Weiterentwicklungen ihrer Technologien abhängig. Insbesondere erkennt das Europa von heute, wie wichtig Wissen über den Weltraum für ein intelligentes und nachhaltiges Wachstum ist. Heute nutzen wir Raumfahrttechniken zur Navigation, für die Sicherheit und Überwachung. Da bindet uns wie nie zu vor an den Weltraum über unseren Köpfen. Eine der wichtigsten Prioritäten Europas ist die Verbesserung von Forschung, Innovation und Bildung, insbesondere in den MINT-Fächern, um die eigene Zukunft wettbewerbsfähig zu gestalten.

Die Ausbildung in den MINT-Fächern hat in Europa also eine klare Priorität und ESA möchte durch ihr Bildungsprogramm junge Menschen in eben diesen Fächern fördern. ESA hat ein einzigartiges Bildungsangebot für MINT-Fächer, den Zugang zu spannenden wissenschaftlichen Daten, das Knowhow, die wissenschaftliche Methodik, Vorbilder und modernste Einrichtungen in ganz Europa.

Darüber hinaus wissen wir, dass Weltraumaktivitäten eine immer wichtigere Rolle im Leben der Bevölkerung einnimmt. Die nächste Generation der Europäerinnen und Europäer sollten mit dem Wort „Weltraum“ mehr als nur vertraut sein. Selbst wenn ihr Arbeitsplatz nichts mit einem Raumfahrtprogramm zu tun haben sollte, müssen sie Europas Verbindung zum Weltraum kennen und wissen, wie diese unser Leben verbessert – angefangen von der Kommunikation über Navigation bis hin zur Sicherheit usw.

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1. ESERO Österreich Treffen im Ars Electronica Center

Was bedeutet es ein ESERO Büro zu sein? Welche Aufgaben haben diese Büros?

Clara Cruz Niggebrugge : ESERO ist ein Kooperationsprojekt zwischen der ESA und ihren nationalen Partnern. Es ist das Vorzeigeprojekt der ESA zur Unterstützung der Schulbildung in den Mitgliedstaaten der ESA.

Das Geheimnis des ESERO Ansatzes ist es, zunächst die Lehrerinnen und Lehrer von dem Projekt zu begeistern, ihnen dann die Mittel und Materialien zu Verfügung zu stellen, um dann ihre Schülerinnen und Schüler davon zu begeistert. Unsere Aufgabe bei ESERO ist es, den Lehrerinnen und Lehrern aufzuzeigen, wie die Themen der Weltraumforschung in den Unterricht eingesetzt werden können und wie man diese zu einem pädagogisch modernen und ansprechenden Lehr- und Lernwerkzeug machen kann. Die einzelnen ESERO Büros bieten ein Angebot, das auf jedes spezifische nationale Schulsystem zugeschnitten ist: die Sprache, Lehrpläne und Bildungsprioritäten der MINT-Fächer. Dabei soll der Weltraum als Lehr- und Lernkontext verwendet werden.

Die wichtigste Aufgabe der ESERO Büros ist die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer und die Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien , die jeweils an die nationalen Bedürfnisse angepasst sind. Deshalb müssen die teilnehmenden ESERO Büros vor Beginn eine Studie machen, bei der es hauptsächlich um die nationalen Anforderungen der MINT-Lehre im jeweiligen Land geht. Die Ergebnisse dieser Studien sind extrem wichtig, um die passenden Aktivitäten zu planen. Die ESERO Büros sollen in ihrem Land eine möglichst große Reichweite haben, deshalb ist es wichtig, dass ein ESERO Büro ein großes Netzwerk an Partnern hat, die aktiv im Bereich der MINT-Lehre tätig sind. Dieses Projekt ist nu durch gute Zusammenarbeit erfolgreich.

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Stellvertretender Sektionsleiter Ministerialrat Mag. Ingolf Schädler (Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie)

Heute, am 22. Juni 2016 eröffnet das österreichische ESERO Büro im Ars Electronica Center, welches durch einen speziellen Auswahlverfahren ausgewählt wurde. Warum ist das Museum der Zukunft als ESERO Büro geeignet?

Clara Cruz Niggebrugge : Das Ars Electronica Center ist ein fantastisches Museum und eine Quelle der Innovation im Bildungsbereich. Kunst und Wissenschaft werden oft aus den selben Gründen vorangetrieben, wie die Untersuchung unserer Natur und unseres Daseins auf Erden, um die Grenzen unseres Wissens und unserer Technologien weiter voranzutreiben und das Unbekannte zu erforschen.

Wissenschaftszentren und Museen sind besonders interessante Orte für Lehrerinnen und Lehrer und ihren Schülerinnen und Schüler. Es sind wahre Quellen der Inspiration, an denen man entdecken, experimentieren und erforschen kann. Um das Interesse von Kindern und Jugendlichen zu wecken, ist oft eine emotionale und sensorische Erfahrung nötig, die ihre Neugier weckt. Das ist der erste Schritt des Lernprozesses.

Dass das ESERO Büro Österreich im Ars Electronica Center sein wird, hat den Vorteil, dass hier bereits ein großes Netzwerk an pädagogischen und wissenschaftlichen Partnern vorhanden ist. Durch diese Partnerschaften, die sowohl aus dem Bereich der MINT-Lehre, als auch aus dem Bereich der Weltraumforschung kommen, können innovative Lernstrategien geschaffen werden. Wir freuen uns schon darauf zu sehen, wie ESERO Österreich wachsen uns sich die MINT-Lehre verbreiten wird. Wir sehen eine echte Chance mit dem Ars Electronica Center eine einzigartige Kombination aus didaktischen, wissenschaftlichen und technischen Knowhow zu generieren.

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Das erste ESERO Büro wurde 2006 in Holland geründet. Gibt es seither schon messbare Erfolge?

Clara Cruz Niggebrugge : ESERO ist seit Anfang an ein Erfolg, aber erst in den letzten Jahren haben wir den großen Einfluss und das Wachstum gesehen. Wir haben bereits in 13 ESA-Mitgliedstaaten ESERO Büros und das Interesse wird immer größer – sogar bei den großen ESA-Mitgliedstaaten, wie Deutschland und Italien.

Durch das ESERO Projekt wird das Thema Weltraumforschung vermehrt in Klassenzimmern behandelt und die Lehrmaterialien dazu haben bereits internationale Preise gewonnen. Außerdem haben auch Lehrerinnen und Lehrer, die unsere ESERO-Weiterbildung absolviert haben ebenfalls Auszeichnungen und Anerkennungen bekommen.

Berichte von einigen ESERO Büros zeigen, dass viele Lehrerinnen und Lehrer durch das ESERO Projekt befähigt werden wissenschaftliche Fächer zu unterrichten, die eigentlich gar nicht ihr Fachgebiet sind. Vor allem, weil sie verstehen, dass das Thema Weltraumforschung in der Lehre gut eingebaut werden kann und es von den Schülerinnen und Schülern positiv wahrgenommen wird. Es ist bewiesen, dass das Thema Weltraum spannend in den Lehrplan eingebaut werden kann und so die Motivation, das Wissen und das Vertrauen von Schülerinnen und Schülern in MINT-Fächer erhöht wird. Insgesamt haben im Jahr 2015 rund 143. 970 Schülerinnen und Schüler vom ESERO Projekt profitiert.