„Notar einer Epoche“: BEEP Electronic Art Collection in den Gallery Spaces

Die BEEP Electronic Art Collection zeigt in den Gallery Spaces beim Ars Electronica Festival von 6. bis 10. September 2018 ausgewählte Arbeiten. Leiter Vicente Matallana hat mit uns im Interview schon vorab über Medienkunst im Kunstmarkt und die Herausforderungen seiner Arbeit gesprochen.

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Auf welche Schwierigkeiten stößt man beim Sammeln und Ausstellen von Medienkunst? Wie sehen die Herausforderungen als Galerie für Medienkunst aus, wohin entwickelt sich der Markt und wie gestaltet sich die Arbeit im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz?

Nicht leicht, hier Antworten zu finden – Vicente Matallana jedoch ist jemand, der genau das kann. Als Leiter der BEEP Electronic Art Collection und Gründer und Leiter von LaAgencia arbeitet er seit Jahren im Medienkunstmarkt. Für die Gallery Spaces am Ars Electronica Festival von 6. bis 10. September 2018 bringt er ausgewählte Arbeiten nach Linz und spricht beim Media Art Market Symposium am Festival-Samstag über die Medienkunst und den Kunstmarkt. Im Interview hat er uns schon jetzt mehr verraten.

Landmarks von Markus Riebe (AT) bei den 2017 Gallery Spaces. Credit: Tom Mesic

Die BEEP Electronic Art Collection stellt dieses Jahr in den Gallery Spaces am Ars Electronica Festival aus. Worauf können wir uns freuen?

Vicente Matallana: Dass das Gallery Spaces Programm ins Leben gerufen wurde, um den Kunstmarkt und Sammler und Sammlerinnen miteinzubeziehen, ist eine fantastische Initiative der Ars Electronica. Wenn man die Verantwortung annimmt, eine Sammlung zu leiten, muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass man Notar oder Notarin einer Epoche wird. Was systematisch gesammelt wird ist das, was für zukünftige Generationen, für die Kunstgeschichte, aufbewahrt wird.

Obwohl wir, wie Mark Tribe in den 90er-Jahren sagte, darauf hofften, außerhalb der Tyrannei des Marktes zu leben, haben wir festgestellt, dass es notwendig ist, um die Langlebigkeit von physischen und digitalen Arbeiten zu garantieren. Deshalb ist das Sammeln ein essentieller Schlüssel in diesem Prozess, den Ars Electronica sehr weise im richtigen Moment integriert hat.

Paul Friedlander. Credit: Voravanna Tonkul

Es gibt eine Arbeit, die im Herbst zum Festival kommt und ganz neu in Auftrag gegeben wurde. Wie kam es dazu?

Vicente Matallana: Die Installation „Tycho; Test One” von Paul Friedlander ist das erste Resultat des ATA Programms (Advanced Technology Art), organisiert von der NewArtFoundation, Eurecat und der BEEP Electronic Art Collection, in Zusammenarbeit mit Escofet. Es ist ein Programm, das der Routine und den Komplikationen, die dem Konzept des Experimentellen innewohnen, folgt.

Wir freuen uns daher, dass wir „Tycho; Test One“ zeigen können. Der Titel impliziert, dass es auch ein „Tycho; Test Two“ geben wird, das heißt also, dass wir weiterhin daran arbeiten, den nächsten Anstoß zu schaffen, den die Kunst immer braucht. Der zweite Test wird im Winter 2019 in Barcelona präsentiert werden. Wir freuen uns schon sehr darauf, „Test One“ am Ars Electronica Festival zu präsentieren, es ist die Essenz der experimentellen Arbeit in der Transgression, die von Kunst, Wissenschaft und Technologie entwickelt wird.

Wo liegen die Herausforderungen im Sammeln und Ausstellen von Medienkunst?

Vicente Matallana: Es ist interessant, dass LaAgencia 1998 mit einer Absichtserklärung gegründet wurde, die heute noch wahr ist: „Ihr Mandat ist es, auf die neuen strukturellen Bedürfnisse zu antworten, die mit der Einbindung von neuen Technologien in die Kunst einhergehen“. 20 Jahre sind vergangen, eine ganze Generation, und wir sehen – mit einigen ehrbaren Ausnahmen – immer noch, dass das System mit einem Klassizismus in Inhalt und technologischen Bedürfnissen aufgestellt ist, die nicht wirklich reflektieren, was in der Kunst passiert.

Das ist der Grund warum die erste Herausforderung ist, den wachsenden Mythos zu zerlegen, dass die Konservierung von Medienkunst so schwierig sei. Es ist eine Frage der Nähe, einer Nähe, die schwierig in einem Kunstabsolventen oder einer Kunstabsolventin zu finden ist, der oder die nur ein minimales Arbeitswissen aus der Technik mitbringt, das eine Analyse von Problemen erlauben würde, um Lösungen zu finden, die generell sehr einfach sind. Und ja, wir haben Techniker und Technikerinnen im Team bei LaAgencia.

Wie sieht der Medienkunstmarkt 2018 aus?

Vicente Matallana: Wir befinden uns momentan an einem Zeitpunkt der Rückkehr zum Klassizismus im Kunstmarkt, als Resultat der letzten Wirtschaftskrise. Das ist ein logischer Zug in jedem Markt, ganz so, wie Geld zu den sogenannten Refuge Values, Zufluchtswerten, wie deutsche Anleihen wandert, mit geringem Risiko und Ertrag. Der Kunstmarkt folgt, ganz so, wie es ein Markt tut, denselben Dynamiken.

Wir müssen aber bedenken, dass wir bei ARCO, wo ich die letzten 20 Jahre tätig war, eine spezifische Sektion verwaltet haben, die sich Medienkunst, die sich seit den Mitt-90er-Jahren in stark beschleunigter Form , in „escape velocity“, gemeinsam mit dem Medium weiterentwickelt, widmet. Als Carlos Urroz die Leitung von ARCO übernahm, beschlossen wir, diese Sektion ganz einfach zu eliminieren: Wenn Medienkunst nach fast 15 Ausgaben mit spezifischen Sektionen noch nicht im Kunstmarkt integriert war, gab es wenig, was wir noch machen konnten oder sollten.

Ja, Medienkunst ist im Kunstmarkt integriert, mit einer repräsentativen Präsenz, die der Menge von Medienkunst, die momentan geschaffen wird, entspricht, der, wie überall, eine Epoche des Konservationismus fehlt.

Eindrücke von den Gallery Spaces 2017 finden Sie in unserem Flickr-Album!

Welche Entwicklungen des Medienkunstmarkts wären wünschenswert und was muss dafür passieren?

Vicente Matallana: Die Entwicklung des Marktes hängt von der Entwicklung einer strikten Methode des Katalogisierens ab, die eine sichere Konservierung erlaubt. Natürlich ist es nicht so, als würde man ein Gemälde aufhängen und das war’s. Wenn man ein Werk ohne die dazugehörigen Pläne, die die Funktionalität der Arbeit, der Komponenten und so weiter beschreiben, zu einer Sammlung bringt, dann liefert man ein Kunstwerk, das in der Gefangenschaft des Künstlers oder der Künstlerin ist. Das ist ganz einfach unzulässig, und wenn ich unzulässig sage, dann meine ich, dass eine solche Arbeit in unserer Sammlung ein Nein bekommen würde. Die Werke müssen mit ihrer Dokumentation eintreffen, die von unseren technischen Angestellten überarbeitet wird bevor etwas in die Sammlung eingehen kann.

Es ist außerdem wahr, dass, wie ich anfangs erwähnt habe, wir in den 90ern davon geträumt haben, der Tyrannei des Markts zu entgehen. Etwas zu machen war schon genug, wir hätten niemals gedacht, dass es halten würde, also wurde die Erhaltung niemals diskutiert. Jetzt müssen wir unsere Fehler ausbessern; die Sammlung in dieser Hinsicht auf den neuesten Stand zu bringen bedurfte zwei Jahre Arbeit und Forschung mit der Universitat Politècnica de València. Jetzt haben wir aber 90% der Sammlung perfekt katalogisiert. Bald werden wir die Modelleintragungen aus dem Archiv veröffentlichen, als Beispiel, das von anderen Sammlungen und Institutionen frei benutzt werden kann. Das wird vermutlich bis zum Ars Electronica Festival schon passieren.

Jegliche Entwicklung des Markts simplifiziert den Prozess, Konservierung zu garantieren. Es ist nicht schwierig und es ist notwendig für den Erfolg des Marktes und damit die Arbeiten von zukünftigen Generationen genossen werden können.

Vicente Matallana ist der Leiter der BEEP Electronic Art Collection, sowie Gründer und Leiter von LaAgencia, einer unabhängigen neuen Medienkunstfirma, gegründet 1998 in Madrid. LaAgencia engagiert sich in Programmen und Projekten, die sich auf neue Medienkunst als alternatives Paradigma der Forschung und des Wissens fokusieren. Matallana ist außerdem Lehrer und Dozent, publiziert regelmäßig Artikel und wohnt internationalen Jurys, Seminaren und Komitees für neue Medienkunst bei. Er ist Professor im neuen Masterprogramm Curatorial Studies an der Universidad de Navarra. Zusammen mit Joasia Kryse war er Co-Direktor der Kunsthal Aarhus. Er ist Mitglied des Fachbeirats von Kurator, sowie Beiratsmitglied und Kassier für das Institute of Contemporary Art.

Die Gallery Spaces können von 6. bis 10. September 2018 im Zuge des Ars Electronica Festivals „ERROR – The Art of Imperfection“ zu den Öffnungszeiten der POSTCITY Linz besucht werden. Vicente Matallana wird darüber hinaus auch einen Art Talk beim Media Art Market Symposium am Samstag, 9. September 2018, im OK halten.

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