Medienkunst am Kunstmarkt: Gallery Spaces

Schwierigkeiten mit der Wartung, veraltete Technologien oder fehlendes Technikverständnis – Medienkunst stellt den klassischen Kunstmarkt vor viele Herausforderungen. Bei den Gallery Spaces am Ars Electronica Festival von 6. bis 10. September 2018 werden sie in Ausstellungen und Panel Diskussionen genauer untersucht.

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Medienkunst hat es nicht immer leicht am traditionellen Kunstmarkt – zu schwierig gestaltet sich oft das Sammeln, die Wartung oder das Konservieren. Als Plattform für Begegnungen und Austausch arbeiten die Gallery Spaces am Ars Electronica Festival von 6. bis 10. September 2018 nun schon zum zweiten Mal in Folge daran, das zu ändern. Zwischen Ausstellungsflächen für Galerien oder Sammlungen und Panel Discussionen mit ExpertInnen aus Medienkunst und Kunstmarkt wird diskutiert und veranschaulicht, wie digitale Technologien den Kunstmarkt verändern und was Medienkunst für das Sammeln bedeutet.

Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica, und Christl Baur, Projektleiterin der Gallery Spaces, geben im Interview einen ersten Einblick.

Letztes Jahr waren die Gallery Spaces eine der großen Neuerungen am Ars Electronica Festival, dieses Jahr werden sie fortgeführt. Das heißt, sie waren ein Erfolg?

Gerfried Stocker: Die Initiative, mit Sammlern und Sammlerinnen, mit Menschen aus dem Bereich des Kunstmarkts zusammenzuarbeiten, war auf jeden Fall ein Erfolg. Vor allem ist es etwas, das dringend notwendig ist. Die digitale Kunst hat sich so rasant entwickelt, sie ist die Kunst unserer Zeit, sie ist in allen Bereichen präsent und ist längst zum Gegenstand des Interesses von Galerien und auch Kunstsammlerinnen und Kunstsammlern geworden. Wir haben als Ars Electronica eine Art Verpflichtung, hier eine Plattform zu sein und zu schaffen. Es gibt eine Reihe von unheimlich wichtigen Themen, die hier zu diskutieren sind, auf den unterschiedlichen Ebenen: Wie gehen Künstler und Künstlerinnen damit um, wie tun es Galeristen und Galeristinnen, Sammler und Sammlerinnen, große Museen oder öffentliche Sammlungen? Es ist uns letztes Jahr gelungen, genau diese Leute rund um die Herausforderung Digitalisierung im Kunstmarkt beim Ars Electronica Festival zu versammeln.

Credit: Tom Mesic

Die Vereinigung von Kunstmarkt und Medienkunst ist also auch 2018 noch eine Herausforderung?

Gerfried Stocker: Es ist natürlich eine Herausforderung aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen ist es nach wie vor eine sehr junge Entwicklung, dass Medienkunst Respekt in diesen Kreisen gefunden hat. Vielmehr ist es aber eine technische und logistische Herausforderung. Der Kunstmarkt ist aus seiner Tradition heraus darauf spezialisiert, mit statischen Objekten zu arbeiten, die ihren Wert dadurch definieren, dass es sie im Original genau einmal gibt. Das ist technisch keine Herausforderung. Das gilt für die digitale Kunst nicht, die erste große Frage ist wirklich der Originalcharakter – alles, was digital ist, kann millionenfach vervielfältigt und vertrieben werden, kann gleichzeitig an vielen Orten vorhanden sein. Dazu kommt die Wartungsfrage: Was macht man, wenn man sich als Sammler oder Sammlerin mit einem Medienkunstwerk einlässt und dann ist nach ein paar Jahren der Computer kaputt, auf dem es läuft? Gibt es noch die Hardware zum Austauschen, muss die Software neu entwickelt werden? Das sind komplett neue Herausforderungen, die noch auf viele Jahre hinweg ein ganz wichtiges Thema sein werden.

The Wall of Gazes / Mariano Sardón. Credit: Tom Mesic

Einer der ausstellenden Galeristen, Vicente Matallana von der Beep Electronic Art Collection, meinte im Interview, die Schwierigkeit der Wartung wäre ein Mythos – es läge vielmehr an der fehlenden Nähe zwischen KünstlerInnen und Technik.

Gerfried Stocker: Ich würde nicht sagen, dass es ein Mythos ist. Es ist tatsächlich ein Problem, aber eines, mit dem man relativ leicht fertig werden kann. Wir haben so viele andere hoch komplexe technische Umgebungen in unserem Alltagsleben, im industriellen Bereich, im wirtschaftlichen Bereich, überall spielt Technologie eine große Rolle. Wir sind fast ständig damit konfrontiert, sie technisch am Leben zu erhalten und Wartungsfragen zu klären. Es geht eigentlich darum, das endlich als Herausforderung aufzunehmen und Strategien zu entwickeln. Zu Frage der Nähe, also zu Frage, wie nahe Künstler und Künstlerinnen an der technischen Materie sind, mit der sie arbeiten, wie nahe jene sind, die das Werk sammeln oder übernehmen und wie kann man Informationen darüber dokumentieren, was im Falle einer Reparatur passiert: Ich denke, dass das Erhalten oder Konservieren von Medienkunst mit Sicherheit nicht schwieriger ist als das Erhalten von Barockinstrumenten oder alten Gemälden. Das sind Bereiche, in denen wir schon lange, letztlich über Jahrhunderte, eine Expertise aufgebaut haben. Auf der ganzen Welt werden Menschen ausgebildet, auf höchstem Niveau, um alte Gemälde zu restaurieren, um alte Skulpturen zu restaurieren. Auf der ganzen Welt werden Menschen ausgebildet, ebenfalls auf höchstem Niveau, klassische Musik immer wieder neu aufzuführen und damit am Leben zu erhalten. Wir haben unheimlich viel Erfahrung und Tradition in den konventionellen Kunstgattungen. Mit der Erfahrung zu sagen, jetzt holen wir uns auch die technischen Experten und Expertinnen dazu, das ist ja nur eine Sache, die getan werden muss. Das kann man sehr schnell lösen! Und das Gute ist, dass wir diese Probleme nicht nur in der Kunst haben. Wir sind nicht alleine. Und für andere sind diese Probleme noch viel wichtiger als für uns! Ich denke an das Finanzwesen, Bankwesen, Gesundheitswesen –die Beständigkeit von digitalem Material und digitalen Daten ist hier noch viel kritischer als in der Kunst. Darum ist es auch so wichtig, dass man translateral Experten und Expertinnen zusammenbringt. Das sehen wir durchaus als eine der Aufgaben, die Ars Electronica hier erfüllen kann.

Credit: Tom Mesic

Gibt es also auch dieses Jahr auch wieder Diskussionen und Vorträge mit ExpertInnen aus den verschiedensten Bereichen?

Christl Baur: Ja, auf jeden Fall. Das wird sogar noch intensiviert. Wir knüpfen an die im Vorjahr gestalteten Panels an, die vor allem in den Gallery Spaces stattgefunden haben, auf einer Stage inmitten der Ausstellung, um diesen Diskurs, der sich sowohl im Praktischen als auch im Theoretischen ereignet, hervorzuheben. Es wird während des Festivals ein Programm geben, für das wir spezifisch Leute einladen, die ganz klassisch zu den Konservierungsfragen, die Gerfried gerade erwähnt hat, als aber auch zu neuen Technologien, die immer mehr auf den Markt kommen und die Künstlern und Künstlerinnen helfen, ihr Schaffen zu erweitern, sprechen werden. Die Panel Diskussionen werden teilweise auch von Partnern unterstützt, die in der Ausstellung präsent sein werden. Niio ist zum Beispiel thematisch hervorgehoben: Sie war bereits Teil der Gallery Spaces im letzten Jahr und haben das Herausstellungsmerkmal haben, dass sie sehr aktiv im Kunstmarkt als auch mit den jeweiligen Sammlern, Sammlerinnen, Museen und den Künstlern und Künstlerinnen kooperieren, um die unterschiedlichen Interessen zusammenbringen. Ein anderes Beispiel ist Vicente Matallana, der die BEEP Collection hier repräsentieren wird, ein extrem erfahrener Mensch, der seit Jahrzehnten im klassischen Kunstmarkt tätig ist, in der Contemporary Art. Er bringt den Aspekt der Konservierung mit, indem er mit einer spanischen Universität zusammenarbeitet. Sie betreiben ein langwieriges Forschungsprojekt dazu, wie man Sammlungen digitalisieren und auch archivieren kann, speziell für Medienkunst.

Gibt es auch außerhalb der Panel Discussions ein paar Highlights, die man verraten kann?

Christl Baur: Wir haben das große Glück, dass wir dieses Jahr wieder mit Galerien zusammenarbeiten werden, die unseren Ansatz kennen und offensichtlich für gut und empfehlenswert halten. Die Galerie Charlot aus Paris und Tel Aviv wird hier sein, letztes Jahr präsentierte sie Christa Sommerer und Laurent Mignonneau sowie Eduardo Kac, dieses Jahr sind es zwei weiteren fantastischen Künstler aus ihrer Sammlung. Auch Anita Beckers wird wieder eine tragende Rolle spielen. Sie hat uns während des Jahres schon hervorragend beraten, uns mit Zugängen zum klassischen Kunstmarkt unterstützt und uns gewisse Fragestellungen nahegebracht hat.

Wind of Linz: Data Paintings / Refik Anadol. Credit: Tom Mesic

Welche Fragestellungen sind hier zum Beispiel interessant?

Christl Baur: Wie können zum Beispiel Künstler und Künstlerinnen im Vorhinein definieren, was mit ihrer Arbeit passiert, wenn Technologien veraltet sind? Ist es ein Fall, der einfach auf ein neues Medium transferiert wird, oder ist die Arbeit wirklich die Essenz der Screen, die Hardware? Anita Beckers und vielen der Protagonisten und Protagonistinnen war im letzten Jahr sehr wichtig, dass sich die Künstler und Künstlerinnen nicht an einen Markt anpassen. Vielmehr sollen sie ihre Arbeit machen und nicht überlegen, in welcher Form ihre Arbeit verkauft werden kann, selbst wenn sie etwas sperrig oder nicht leicht verkäuflich ist. Stattdessen sollte man versuchen, andere Möglichkeiten zu suchen, wie man eine Einkommensquelle findet, ob es nun über einen Ankauf über eine Foundation ist. Es geht auch darum, dass Sammler und Sammlerinnen ihre Tätigkeit neu definieren. Es geht hin zu einer Unterstützung für Künstler und Künstlerinnen, damit sie ihre Arbeit ausüben können.

Welche weiteren Highlights erwarten uns?

Christl Baur: Highlights sind in diesem Jahr zusätzlich zu den bereits erwähnten vor allen Dingen die Differenzierung, dass wir verstärkt zu den Galerien andere Protagonisten und Protagonistinnen eingeladen haben, wie Vicente Matallana, der die BEEP Collection leitet und sie in Form von künstlerischen Arbeiten repräsentiert, als aber auch Ulvi Kasimov, ein Sammler, sowie der Founder und Käufer der .art Domaine. Er wird am Festival einen neuen Zugang zu einer möglichen Distribution von Kunst präsentieren, was gleichzeitig einschließt, dass Contracts, wie wir sie von der Blockchain-Technologie schon kennen, vielleicht auch für Kunstwerke möglich sind. Die Galerie Bitforms, geleitet von Steve Sacks und in New York ansässig, ist ein weiteres Highlight, genauso wie NOME Gallery aus Berlin, geleitet von Luca Barbeni. Beide sind Pioniere in der Unterstützung von Medienkunst auf dem klassischen Kunstmarkt und haben dadurch den Medienkunstmarkt sehr geprägt.

Credit: Tom Mesic

Welche Entwicklung des Kunstmarktes wäre aus künstlerischer Sicht wünschenswert?

Gerfried Stocker: Es geht nicht darum, dass irgendjemand sagt, wohin sich der Markt entwickeln soll. Der Markt wird nur dann erfolgreich sein, wenn er sich an den Gegebenheiten orientiert. Wir haben nicht nur die neuen Technologien, sondern auch durch ihre große kulturelle, gesellschaftliche Bedeutung, völlig neue Themen und Aktionsfelder der Kunst. Wenn der Kunstmarkt relevant bleiben will, was logischerweise der Fall ist, dann wird es gar nicht anders gehen, als sich hier zu öffnen und sich diesen Dingen stärker zuzuwenden. Weil es ein ganz wichtiger Bereich des zeitgenössischen Kunstschaffens ist. Ich glaube, das sieht man in vielen Bereichen. Das, was passieren soll und das was ohnehin passiert und was wir nur unterstützen können, ist die gegenseitige Begegnung. Dieses Zueinanderfinden zu ermöglichen und zu unterstützen funktioniert gerade im Rahmen des Festivals sehr gut, weil es gleichzeitig eine wunderbare Leistungsschau ist dessen, was auf der ganzen Welt von Künstlerinnen und Künstlern im Bereich Technologie, neue Medien und Wissenschaft gemacht wird. Man kann sich das anschauen, man kann sich begeistern lassen, man kann miteinander reden und man findet relativ schnell und leicht Expertinnen und Experten aus all diesen Bereichen direkt am Festival.

Christl Baur ist Forscherin und Kulturproduzentin mit interdisziplinärem Hintergrund in Kunstgeschichte, Kulturmanagement und Naturwissenschaften, die seit 2016 mit Ars Electronica zusammenarbeitet. Sie interessiert sich besonders für die Verbindung von ästhetischen und sozialen Praktiken, die sich um Kollaboration und Experimentieren drehen und soziale, politische und wirtschaftliche Protokolle herausfordern. Ihr Forschungsgebiet umfasst Themen wie Videokunst, Neue Medientechnologien, Computer, Biotechnologie und Interaktive Kunst und sie arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Im Laufe des letzten Jahres hat sie umfangreiche Ausstellungen und Performances, Forschungs-, Residenz- und Publikationsprojekte entwickelt, co-produziert und realisiert – zuletzt in Kooperation mit Universitäten und wissenschaftlichen Verbänden wie Google Arts & Culture, Microsoft, der Linzer Kunstuniversität wie auch der Universität von Tsukuba. Sie arbeitet eng mit KünstlerInnen zusammen, deren Praxis an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technologie liegt.

Gerfried Stocker ist Medienkünstler und Ingenieur der Nachrichtentechnik. 1991 gründete er xspace, ein Team zur Realisierung interdisziplinärer Projekte, das zahlreiche Installationen und Performance-Projekte im Bereich Interaktion, Robotik und Telekommunikation realisiert hat. Seit 1995 ist Gerfried Stocker künstlerischer Geschäftsführer von Ars Electronica. 1995/96 entwickelte er mit einem kleinen Team von KünstlerInnen und TechnikerInnen die richtungsweisenden neuen Ausstellungsstrategien des Ars Electronica Center und betrieb den Aufbau einer eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung, des Ars Electronica Futurelab. Unter seiner Führung wurden ab 2004 das Programm für internationale Ars Electronica Ausstellungen aufgebaut und ab 2005 die Planung und inhaltliche Neupositionierung für das neue und erweiterte Ars Electronica Center aufgenommen und umgesetzt.  Im Jänner 2009 wurde das ausgebaute Ars Electronica Center in Betrieb genommen.

Die Gallery Spaces sind am Ars Electronica Festival, dieses Jahr von 6. bis 10. September 2018, in der POSTCITY Linz zu sehen. Die Panel Discussions zum Thema Medienkunst am Kunstmarkt werden ebenfalls in der POSTCITY Linz stattfinden, genaue Informationen erfahren Sie in Kürze auf unserer Webseite.

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