Campus goes Festival: Mehr Unis denn je

Der Ars Electronica-Campus hat mittlerweile Tradition. Dieses Jahr haben sich ganze 24 Universitäten angemeldet - Grund genug, um die Entwicklung des Festival-Campus einmal kurz nachzuzeichnen und bei der Gelegenheit zu berichten, welche Gastuniversitäten von 6. bis 10. September 2018 mit dabei sein werden.

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15 Jahre ist es her, dass die MedienkünstlerInnen Christa Sommerer und Laurent Mignonneau für die Campus Ausstellung des japanischen Institute of Advanced Media Arts and Sciences (IAMAS) zum Ars Electronica Festival nach Linz reisten. Die beiden arbeiteten damals als außerordentliche ProfessorInnen am IAMAS in Gifu und halfen, die Ausstellung am Medienkunstfestival zu organisieren. Es war eine ihrer letzten Aufgaben für IAMAS: Ein Jahr später, 2004, gründeten sie die Studienrichtung Interface Cultures an der Kunstuniversität Linz und zogen in die Stahlstadt.

Die Kunstuniversität und das Festival

Seitdem ist Interface Cultures jedes Jahr mit einer eigenen Ausstellung am Ars Electronica Festival vertreten. „Wir haben bemerkt, dass es wahnsinnig gut ankam bei den Studierenden, es war wirklich ein Sprungbrett“, beschreibt Christa Sommerer die Anfänge. „Wenn man am Ars Electronica Festival präsentiert, schafft man Netzwerke.“ Unter den Studierendenarbeiten des Jahres werden also jährlich einige ausgewählt, um am Festival einem internationalen Publikum gezeigt zu werden – dieses Jahr, 2018, etwa mit dem Thema „Please Recharge“ (wir berichteten).

You are running out of battery. Credit: Sofia Braga

Doch damit nicht genug: „Parallel dazu haben wir gesehen, dass viele Universitäten, also Kollegen, Kolleginnen, Professoren, Professorinnen, zur Ausstellung kamen und auch mitmachen wollten“, so Sommerer. Jeweils eine große Partneruniversität, so wie dieses Jahr Hexagram, zeigt jedes Jahr zum Festival eine eigene Campus Exhibition in den Räumlichkeiten der Kunstuniversität Linz, zusätzlich stellen Universitäten aus der ganzen Welt Studierendenarbeiten im Campus Bereich am Festival aus. In den letzten fünf Jahren stieg ihre Zahl explosionsartig.

Dieses Jahr: 24 Gastuniversitäten

Warum boomt das Campus-Format so sehr? Sommerer ist sich sicher: „Weil es ein Umschlagplatz ist, für Studierende wie Lehrende, man sieht, was andere machen, man sieht neue Trends.“ Auch, wenn nicht immer alle Arbeiten komplett ausgefeilt sind – „Es geht um das Netzwerken, das Vorstellen, und es ist, kann man sagen, fast schon Teil des Unterrichts bei uns“.

Vanishing Point. Credit: Laura Cassol Sôro

Mit dieser Ansicht ist Christa Sommerer nicht alleine. „Es ist eine wunderbare Chance für unsere Studierenden, ihre Interessen und Fähigkeiten in der digitalen Kultur außerhalb der akademischen Welt zu präsentieren“, meint Professorin Rebecca Saunders vom King’s College London. „Sie haben so hart gearbeitet und es absolut verdient, dass ihre Ideen und Fähigkeiten bei einer so prestigeträchtigen globalen Veranstaltung gezeigt werden.“

Von Sex-Robotern und KI-Göttern

Die angesehene Londoner Universität zeigt dieses Jahr Arbeiten ihrer Studierenden zum sexuellen Körper und wie digitale Technologien ihn verändern. „Man kann ein bisschen Unhöflichkeit erwarten, viel Nacktheit und die Chance, zu sagen, was man darüber denkt“, beschreibt Saunders die Ausstellung. Und: „Es gibt hier eine vielfältige Auswahl an faszinierender Arbeit, von Sex-Robotern über nackten Tanz bis hin zur einfachsten, traditionellen und schönen Lebenszeichnung, die den flüchtigen Moment des menschlichen Körpers einfängt“.

Eine der Arbeiten des London College of Communication. Credit: LCC

Auch der Studiengang Interaction Design Communication des London College of Communication (LCC) zeigt ausgewählte Arbeiten am Ars Electronica Festival 2018. Ihre Projekte sind rund um die beiden Impulse “Neotribes” und “Other Machines” entstanden, von Film über VR bis hin zu digitalen Installationen oder Drucken sind die unterschiedlichsten Techniken vertreten. „Wir haben dieses Jahr einige sehr seltsame Projekte: Schleimpilze, die Spiele spielen, eine VR-Performance, die Fragen zur digitalen Verkörperung aufwirft, und eine groß angelegte kinetische Skulptur über einen KI-Gott gehören zur Aufstellung“, verrät Kursleiter Tobias Revell.

Ausstellen bei Ars Electronica: Ein Blick über den Tellerrand

LCC ist nicht zum ersten Mal für das Ars Electronica Festival in Linz: „Wir haben letztes Jahr ausgestellt und es war eine fantastische Zwei-Wege-Erfahrung für die Studierenden. Sie haben natürlich ihre eigene Arbeit präsentiert und ihre Ideen im Gespräch mit Gleichgesinnten und dem Publikum bearbeitet, aber sie haben auch ein Gefühl dafür bekommen, was sonst noch vor sich geht und sehen sich als professionelle Praktizierende, nicht nur als Studierende“.

Fourth Wall. Credit: Martina Fatato, Buse Gurbuz

Professor Qiu Zhije von der chinesischen Central Academy of Fine Arts (CAFA) sieht die Teilnahme von Studierenden am Ars Electronica Festival ebenfalls im Hinblick auf die Zukunft. „Obwohl diese jungen Leute noch immer erst anfangen, die Methoden zu entwickeln, die sie in ihrer zukünftigen Arbeit verwenden werden, ist ihre Vorstellungskraft selbst immer noch eine sehr wertvolle Ressource“, erklärt er. „Sobald die aktive Vorstellungskraft junger Menschen durch ein starkes System unterstützt wird, wird eine neue Zukunft entstehen, die voller Hoffnung und Überraschungen ist.“

Movement Gallery. Credit: Zhi Qin

Scheitern bis zum Erfolg

Ein paar Überraschungen hat auch die Bartlett School of Architecture mit im Gepäck: Für die Campus Exhibition 2018 werden nicht nur Studierendenarbeiten zum Thema Embodiment ausgestellt, sondern gleich das hauseigene Interactive Architecture Lab eingepackt und in Linz nachgebaut, wenn auch etwas kleiner als das Original. „Man kann wirklich hinter die Kulissen blicken und sieht nicht nur das Endprodukt, sondern auch, wie es dazu kommt“, meint Lehrbeauftragte Fiona Zisch. Ihr ist es wichtig, auch den schwierigen Weg zum fertigen Objekt zu präsentieren: „Wir haben die Mentalität, dass man Fehler machen muss, und wir wollen diese Fehler nicht verstecken, sondern zeigen.“

Das klingt doch schon verdächtig nach Festivalthema, „Error – the Art of Imperfection“ – gute Bedingungen für eine gelungene Campus Ausstellung also.

Christa Sommerer ist eine international renommierte Medienkünstlerin, Wissenschaftlerin und Pionierin der Interaktiven Kunst. Sie ist Professorin und Leiterin des Masterstudiengangs Interface Cultures an der Kunstuniversität Linz in Österreich. Zuvor war sie als Associate Professor an der IAMAS International Academy of Media Arts and Sciences in Gifu, Japan, und als Wissenschaftlerin und Künstlerische Leiterin am ATR Media Integration and Communications Research Lab in Kyoto, Japan, tätig. Sie war Visiting Researcher am MIT CAVS in Cambridge, USA, am Beckmann Institute in Champaign Urbana, USA, und Artist in Residence am NTT-InterCommunication Center in Tokyo. Sommer war Obel Gastprofessorin an der Aalborg Universität, Dänemark, und am Tsukaba University Empowerment Informatics Studio in Japan. Gemeinsam mit Laurent Mignonneau schuf sie knapp 30 interaktive Kunstwerke, für die sie mehrere Auszeichnungen erhielten: den 2016 ARCO BEEP Award in Madrid, Spanien, den 2012 Wu Guanzhong Art and Science Innovation Prize der Volksrepublik China, die 1994 Goldene Nica beim Prix Ars Electronica. Sommerer & Mignonneau nahmen an knapp 280 internationalen Ausstellungen teil, ihre Kunstwerke können in Museen und Sammlungen rund um die Welt gesehen werden.

Dr. Rebecca Saunders ist Lehrbeauftragte am King’s College London. Sie erhielt erste BA- und MA-Abschlüsse in Englischer Literatur von der Universität St. Andrews und unterrichtet nun zu Gender und Sexualität, digitalen Ökonomien und digitalen Subkulturen in der Digital Humanities Department von King’s. Sie promovierte in King’s weltberühmter Abteilung, wo ihr Projekt zur Entwicklung von pornographischem Film in der digitalen Kultur begann. Es ist jetzt eine Monographie als Teil der Palgrave Macmillans Dynamics of Virtual Work-Serie. Rebecca veröffentlicht und spricht regelmäßig über die miteinander verbundenen Probleme der Pornografie, Neoliberalismus und digitaler Kultur.

Tobias Revell ist Kursleiter von MA Interaction Design Communication am London College of Communication, UAL. Er ist Mitbegründer der Forschungsberatungsfirma Strange Telemetry und eine Hälfte des Forschungs- und Kuratorenprojekts Haunted Machines, das 2017 das Impakt-Festival kuratierte. Er hält Vorträge und Ausstellungen auf internationaler Ebene und ist kürzlich in Improving Reality, FutureEverything, IMPAKT Utrecht, Web Directions Sydney, Transmediale Berlin, ThingsCon und Lift Geneva aufgetreten. Er ist Doktorand in Design bei Goldsmiths.

Prof. Qiu Zhije ist Dekan und Professor der Schule für Experimentelle Kunst an der Central Academy of Fine Arts sowie Professor der Schule für Intermediale Kunst an der China Academy of Art. Als Künstler ist Qiu Zhijie bekannt für seine Kalligraphie und Tuschmalerei, Fotografie, Video, Installation und Performance. Als Kunstschriftsteller veröffentlichte Qiu Zhijie mehrere Bücher. Er war auch der Kurator der ersten Videokunstausstellung in China 1996 und kuratierte eine Reihe von „Post-sense sensibility“ -Ausstellungen in den Jahren 1999 und 2005, die die junge Generation chinesischer Künstler fördern. 2012 war er Chefkurator der 9. Shanghai Biennale „Reactivation“, 2017 ist er Chefkurator des chinesischen Pavillons der 57. Biennale von Venedig. Er wurde für den Hugo Boss Preis nominiert, der von der Guggenheim Foundation aufgrund seiner Arbeit des Nanjing Yangtze River Bridge Project verliehen wurde. Er wurde 2009 zum „Künstler des Jahres“ des Art China Awards gekürt und wurde 2016 für die gleiche Auszeichnung nominiert. Seine Werke werden von bedeutenden Museen und Institutionen auf der ganzen Welt gesammelt, darunter das Guggenheim Museum in New York, der Metropolitan Museum für Kunst, Asiatisches Kunstmuseum San Francisco, Fondation Louis Vuitton, Stiftung von Christian Dior, Ullens Stiftung, Neuer Berliner Kunstreiner und die White Rabbit Gallery in Sydney.

Fiona Zisch ist Architektin, Wissenschaftlerin und Pädagogin an der Bartlett School of Architecture UCL, der Universität Innsbruck und der University of Westminster. Ihr Forschungsinteresse konzentriert sich darauf, wie neuronale Mechanismen unsere Erfahrung von Raum konstruieren und welche Implikationen neurowissenschaftliches Wissen für Architekturdesign hat. Sie schreibt gerade an einem transdisziplinären PhD in Architektur und Neurowissenschaften bei UCL. Fiona arbeitet auch in der Architekturpraxis und konzentriert sich auf Beratung und Kommunikation von Designprojekten für Kunden, Investoren und Medien. Sie hat kürzlich die Design-Praxis GRAPH mitbegründet.

Die Campus Exhibition findet am Ars Electronica Festival von 7. bis 10. September 2018 in der POSTCITY Linz statt, dort ist auch die Ausstellung der Linzer KunstuniversitätPlease Recharge“ zu sehen. Die Ausstellung “Taking Care” der Gastuniversität Hexagram kann an denselben Tagen in den Räumlichkeiten der Kunstuniversität Linz besucht werden.

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