Future Humanity – Our Shared Planet: Ist das die Zukunft?

Im November 2018 eröffnen Ars Electronica und die Hyundai Motor Group drei Ausstellungen rund um die Welt zum Thema “Future Humanity – Our Shared Planet”. In den Hyundai Motorstudios in Moskau, Seoul und Peking wird künstlerisch untersucht, was Mensch-Sein in Zukunft bedeutet – wir haben im Interview mehr herausgefunden.

| | |

Was bedeutet Menschlichkeit –jetzt und in Zukunft? Wie verändern Technologien unseren Alltag – und wie verändert unser alltägliches Leben Technologien? Ars Electronica und die Hyundai Motor Group (HMG) wollen es herausfinden: In drei Ausstellungen an unterschiedlichen Orten rund um die Welt widmen sich künstlerische Arbeiten dem Thema „Future Humanity – Our Shared Planet“. Die Motorstudios in Moskau, Seoul und Peking werden dabei zum Schauplatz für Werke an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft.

Das Hyundai Motorstudio in Peking zeigt, gemeinsam mit der Central Academy of Fine Arts Beijing (CAFA), dabei die umfangreichste Auswahl – sowohl einheimische als auch internationale Künstlerinnen und Künstler präsentieren hier ihre Werke zum Thema. Wir haben uns mit Martin Honzik, Ars Electronica Kurator, zum Interview getroffen und mehr erfahren.

Die Hyundai Motor Group zeigt drei Ausstellungen an drei verschiedenen Orten, gemeinsam mit Ars Electronica. Wie kam es dazu?

Martin Honzik: Diese einzigartige Gelegenheit wurde natürlich durch HMG ermöglicht – vor allem durch das internationale Artlab von HMG. HMG hat ein sehr breites Programm von Marketingaktivitäten, die tief in alle Teile der Gesellschaft gehen. Ein Teil davon befasst sich auch mit dem Kunst- und Kultursektor. Hier gibt es klassische Kooperation mit Weltmarken aus Kunst und Kultur, aber auch viele Versuche, Marketing für eine so große Firma in der Automobilindustrie neu zu denken, neu zu erfinden und dann auch umzusetzen. Das ist der Punkt, an dem Ars Electronica dazukommen, wo also Kunst und Technologie zusammenkommen, um ein neues Interessensgebiet für HMG zu eröffnen. Es ist fast unnötig, zu erklären, warum Ars Electronica hier ein sehr passender Partner ist. HMG hat Motorstudios rund um die ganze Welt – Orte, an denen man die Marke erleben und wahrnehmen kann. Die drei ausgewählten Standorte sind alle Beispiele für alternative Herangehensweisen für Markenwahrnehmung. Besonders das Modell des Motorstudios in Peking steht für ein innovatives Konzept – ich würde sogar sagen, dass aus der Sichtweise der Automobilindustrie das Konzept in Peking sehr „exotisch“ und clever ist.

Regenerative Reliquary / Amy Karle. Credit: vog.photo

Die Ausstellungsreihe heißt „Future Humanity – Our Shared Planet“. Wie fügen sich die drei Ausstellungen aneinander, und was hat es mit dem Titel auf sich?

Martin Honzik: Alle drei Ausstellungen laufen unter demselben Thema. Konkret profitieren die drei Ausstellungen aber auf jeden Fall von den natürlichen kulturellen Prägungen und Identitäten der Ausstellungsorten. Alle drei Kulturen – die russische, die chinesische und die koreanische – haben ein individuelles Verständnis von der Rolle und Wichtigkeit der Technologie in ihrer eigenen Gesellschaft. In Russland und Südkorea werden es die Perspektiven von lokalen Künstlerinnen und Künstler sein, die ausgestellt werden. In China, in Peking, wird die größte und abwechslungsreichste Show stattfinden. Künstlerische Perspektiven aus der ganzen Welt nehmen dort an der thematischen Auseinandersetzung teil. Das Thema der Ausstellungen wurde von HMG als ein generelles Thema definiert. Hier sieht man wieder, dass Autos nicht oberflächlich verkauft oder vermarktet werden, sondern, dass die großen Veränderungen unserer Zeit – verursacht durch den Menschen und seine Technologie – alle Bereiche unserer Gesellschaft beeinflussen und beanspruchen; also auch HMG als einen der größten Player in der Automobilindustrie weltweit. Dass Markenwahrnehmung auf einmal solche Fragen enthält oder solche Themen bespricht, und dass so eine große Firma so offen gegenüber diesen wichtigen Themen ist, zeigt auf der einen Seite die traurige Dringlichkeit, gibt aber auf der anderen Seite auch Mut und Grund zur Hoffnung.

[help me know the truth] / Mary Flanagan. Credit: Tom Mesic

Was ist Future Humanity, also die Zukünftige Menschheit, für dich?

Martin Honzik: Diese Frage, glaube ich, hat uns immer begleitet und ist gleichzeitig Teil einer möglichen Antwort. Weil die Antwort auf diese Frage muss immer in einer neuen Frage enden. Das Wirkungsprinzip der Entwicklung ist Veränderung; wenn man damit umgehen oder es sich zunutze machen möchte, resultiert das in einem ständigen Prozess der Kalibrierung. Also sozusagen in einem immerwährenden Versuch, das Mensch-Sein an eine neue Realität anzupassen, sich anzugleichen oder eben nicht. Sich die Frage zu stellen, was es heißt, in so einem Spannungsfeld menschlich zu sein, scheint von existentieller Natur, ganz besonders in der heutigen Zeit. Die Dynamiken und die Geschwindigkeit der Veränderungen rund um uns, die wir selbst losgelassen haben, und die daraus resultierenden soziopolitischen und geopolitischen Konsequenzen schaffen mehr und mehr Extremsituationen, in denen wir uns in existenzbedrohenden Szenarien wiederfinden und uns harten Prüfungen darüber unterwerfen, was es heißt, Mensch oder menschlich zu sein. Mit künstlicher Intelligenz, neuronalen Netzwerken und intelligenten Maschinen heben wir die Frage der „Future Humanity“ auf ein zusätzliches, komplett neues Level. Die Herausforderung, ein Konzept zu finden, wird sogar noch komplexer, wenn wir versuchen, die uns umgebenden, intelligenten Technologien auf den Level einer eigenen Spezies zu heben. Mit unserer eigenen Intelligenz, auf Augenhöhe mit dem Menschen. Wie wichtig es dann sein wird, Menschlichkeit zu definieren, werden wir sehen, wenn Dinge, die immer dem menschlichen Geist oder Genie zugeschrieben wurden, von Maschinen übernommen werden und plötzlich viel besser und effizienter gelöst werden. Kurz gesagt, und zurück zur eigentlichen Frage: Was ist „Future Humanity“? Auf jeden Fall eine der größten Herausforderungen unserer Zukunft und hoffentlich eine Frage, die wir nicht aufhören werden zu stellen.

Non-Facial Mirror / Shinseungback Kimyonghun. Credit: Ars Electronica / Vanessa Graf

Die Ausstellung im Hyundai Motorstudio Peking wird mitten in Pekings Kunstquartier, 798, stattfinden. Was erwartet uns?

Martin Honzik: Das Hyundai Motorstudio Peking ist auf jeden Fall eines der aufregendsten Modelle für die Repräsentation einer Autofirma. Mitten im beliebten und bunten Kunstquartier Peking 798, in der Nachbarschaft von Galerien, Museen und Ateliers, präsentiert sich Hyundai mit einem Konzept, das komplett mit den klassischen Elementen der Autowerbung bricht. Ich habe dort, seitdem ich den Ort kenne, Autos nur vor dem Haus, niemals aber in dem Haus selbst gesehen. HMGs Konzept prahlt nicht mit monumentaler Architektur, sondern es sitzt sehr charmant auf dem, was geschichtlich gewachsen ist und vermischt es gekonnt mit modernen architektonischen Elementen, wie zum Beispiel die Fassade, die wie ein lebender Katalysator auf die Luftqualität reagiert, sie misst, filtert und verbessert. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, die moderne Architektur Tradition und High-Tech kombinieren kann. Das Hyundai Motorstudio Peking soll ein Ort für offenen Dialog sein, der sich mit der Spannung zwischen Kunst und Technologie befasst. Die Ausstellung dort zeigt künstlerische Positionen von China, Korea und der ganzen Welt, die zeigen, wie weit wir in unserem Bestreben, unsere „Träume“ zu realisieren, gekommen sind und welche neue Instrumente und innovativen Technologien wir benutzen, um sie Wirklichkeit werden zu lassen. Aber auch, mit welchen Konsequenzen, welchen Risiken und Möglichkeiten wir rechnen müssen. In ihrer Diversität sollte sie vielfältige Herangehensweisen schaffen, sich der Kunstwelt präsentieren, aber auch allen anderen Teilen der chinesischen Bevölkerung. Ein eigens entwickeltes Vermittlungsprogramm wird versuchen, die komplexen Themen für ein breiteres Publikum verständlich zu machen. Zugangspunkte werden geschaffen, die direkt auf das Alltagsleben der Gäste verweisen, um Bewusstsein zu schaffen. Und natürlich geht es auch darum, eine neue, hoffnungsvolle und talentierte Generation von Künstlerinnen und Künstlern zu zeigen, die dazu fähig sind, die vielen komplexen Veränderungen unserer Zeit zu erkennen, einer breiten Öffentlichkeit zu erklären und konkrete, prototypische Lösungen für die Gesamtgesellschaft vorzuschlagen.

Die drei Ausstellungsorte rund um die Welt eröffnen die Möglichkeit für eine Reflexion, wie Technologie die Kultur und das Alltagsleben der Einheimischen an den drei Orten beeinflusst. Wie wirkt sich Technologie auf das – gemeinschaftliche – Leben in Peking aus?

Martin Honzik: Ja, es ist wirklich eine einzigartige Möglichkeit, ein wichtiges Thema an drei verschiedenen Orten, in drei unterschiedlichen Kulturen zur gleichen Zeit zu untersuchen und greifbar zu machen. Durch diese ungewöhnliche und geopolitisch diverse Konstellation der drei verschiedenen kulturellen Perspektiven ist es offensichtlich, dass nicht nur Technologie einen formenden Einfluss auf die Kultur hat, sondern auch umgekehrt. Dieser Aspekt sollte also zur Frage hinzugefügt werden. Welchen Einfluss hat Technologie auf den Alltag in Peking? Und wie beeinflusst der Alltag in Peking Technologie? Ich werde für mich persönlich erst nach der Ausstellung mehr Antworten auf diese Fragen haben, weil sich die Ausstellung genau damit befasst. Das Vermittlungskonzept richtet sich an ein kunstinteressiertes Publikum, aber vielmehr auch an alle Schichten der Gesellschaft. Es versucht, den Einfluss der Technologie, die Chancen und Risiken für das Individuum und die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft herauszuarbeiten und sie greifbar zu machen. Aber um noch einmal auf die Frage zurückzukommen: Peking hat nicht mehr und nicht weniger Technologie im täglichen Leben als andere Mega-Cities – die Frage ist also, wer sie benützt und zu welchem Zweck. Ich selbst bin ein neugieriger, aufmerksamer Reisender, Beobachter und Zuhörer hier. Als solcher erlaubt mir das Gehen durch eine so große und kontrastreiche Stadt, viele Aspekte anzutreffen, die eine Antwort geben könnten. Es bleibt aber trotzdem die Sicht eines Außenseiters. Genauso, wie Marco Polo den großen Kublai Kahn im Buch von Italo Calvino – Invisible Cities – zu beschreiben versucht: Als ein Reisender in den Städten, die Teil seines Reiches waren. Ich hoffe, dass wir durch unsere unterschiedlichen Fragen und Perspektiven in der Ausstellung, besonders in Hinblick auf chinesische Besucherinnen und Besucher, neue, alternative Perspektiven auf unsere individuelle Situation und Realität öffnen können.

Was ist dein persönliches Highlight, auf das du dich schon besonders freust?

Martin Honzik: Auf die Möglichkeit, eine Frage gleichzeitig an drei Orten, in drei verschiedenen Kulturen zu stellen, und sicherlich auch darauf, diese interessante Kooperation einzugehen – mit HMG, einem Riesen der Industrie, mit CAFA, einem der wichtigsten Orte für künstlerische Bildung in Peking, und mit uns. Über den theoretischen Diskurs hinaus jedoch freue ich mich darauf, eine Situation mit allen Teilnehmenden der Ausstellung zu schaffen, die eine stimulierende, authentische, inspirierende und hoffentlich zugängliche gemeinsame Zukunft ermöglicht, in der der Mensch im Zentrum bleibt und seine Instrumente und Technologien dazu dienen, Frieden zu schaffen und eine gute Lebensqualität für uns alle aufrechtzuerhalten.

Martin Honzik Festival Leiter Ars ElectronicaMartin Honzik ist Künstler und Leiter des Bereichs Festival/Prix/Exhibitions bei Ars Electronica. Er absolvierte das Studium für visuelle, experimentelle Gestaltung an der Kunstuniversität Linz (Abschluss 2001) wie auch den Master Lehrgang für Kultur- und Medienmanagement der Johannes Kepler Universität Linz und ICCM Salzburg (Abschluss 2003). Von 1998 bis 2001 war er Teil des Produktionsteams im OK Offenes Kulturhaus im OÖ Kulturquartier und wechselte 2001 zum Ars Electronica Futurelab, wo er bis 2005 in den Bereichen Ausstellungsdesign, Kunst am Bau, Interfacedesign, Eventdesign und Projektmanagement tätig war. Seit 2006 ist Martin Honzik Leiter des Ars Electronica Festivals, des Prix Ars Electronica wie auch der Ars Electronica Center Ausstellungen und der internationalen Ausstellungsprojekte der Ars Electronica.

Die Ausstellung „Future Humanity – Our Shared Planet“ wird im November an drei verschiedenen Hyundai Motorstudios rund um die Welt eröffnet: Moskau, Seoul und Peking. Die Ausstellung in Peking ist die umfassendste und zeigt Werke aus aller Welt. Mehr Informationen zu den Ausstellungen mit der Hyundai Motor Group finden Sie auf unserer Webseite.

Um mehr über Ars Electronica zu erfahren, folgen Sie uns auf FacebookTwitterInstagram und Co., abonnieren Sie unseren Newsletter und informieren Sie sich auf https://ars.electronica.art/.