The Wandering Mind: Den Puls der Erde fühlen

Globale Umweltdaten spüren, diese mit den eigenen Sinnen erleben und damit als Mensch dem Blauen Planeten noch intensiver verbunden zu sein: Das ist das Ziel des Projekts „The Wandering Mind“ des KünstlerInnenduos „slow immediate“. In wenigen Wochen startet ihre Residency in Argentinien und Österreich - organisiert vom European ARTificial Intelligence Lab.

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Noch steht das Projekt am Anfang der Entwicklungsphase, doch das wird sich spätestens mit Beginn der ersten Residency des neu geschaffenen European ARTificial Intelligence Lab ändern. Die für drei Jahre anberaumte und gemeinsam mit zwölf angesehenen Kunst- und Kultureinrichtungen von Ars Electronica gestartete Initiative wird vom Creative Europe Programm der Europäischen Union ko-finanziert. Sie eröffnet KünstlerInnen die Möglichkeit, bei einem mehrwöchigen Aufenthalt außerhalb des eigenen Studios mit ExpertInnen verschiedener Themen in Kontakt zu treten.

Bei dieser ersten Residency werden sich die beiden KünstlerInnen und IngenieurInnen Xin Liu und Gershon Dublon den Themen Neurowissenschaften und künstliche Intelligenz zuwenden – am Muntref Centro de Arte y Ciencia, am Laboratorio de Neurociencia de la Universidad Torquato Ditella in Buenos Aires und am Ars Electronica Futurelab in Linz. Das Ergebnis wird dann beim Ars Electronica Festival im September 2020 in Linz zu sehen sein. Wir wollten noch vor Beginn der Residency mehr zum Status Quo des Projekts „The Wandering Mind“ erfahren und haben dem KünstlerInnenduo ein paar Fragen gestellt.

Die europäische Jury der ersten Residency des ARTificial Intelligence Lab hat sich im März im Ars Electronica Center in Linz für „The Wandering Mind“ entschieden. Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Der Schwerpunkt der Residency liegt auf Neurowissenschaften und künstlicher Intelligenz. Warum ist die Verbindung dieser beiden Themenfelder so spannend für euch?

Gershon Dublon: Wir beide haben uns vorgenommen, eindrucksvolle Erlebniswelten zu schaffen, die die menschliche Sinneswahrnehmung berühren. Es geht uns dabei vor allem, die Sinne zu erweitern, ihren Fokus zu verlagern, verborgene Phänomene zu enthüllen und zu erforschen und das aufzudecken, wie das, was wir wahrnehmen, uns zu dem macht, was wir eigentlich sind. Dieser Wunsch hat uns dazu gebracht, bei unseren vielen früheren Projekten Orientierung in der Kognitions- und Neurowissenschaft zu suchen. Um wirklich neue Erfahrungen zu kreieren, mussten wir stets von grundlegenden Wahrnehmungsphänomenen und der Theorie ausgehen.

Gleichzeitig kommen wir beide aus dem Bereich Technik und Technologie, wo die künstliche Intelligenz mittlerweile sowohl zu einem transformativen Feld als auch zu einem überstrapazierten Schlagwort geworden ist. Viele maschinelle Lernsysteme sind in ihrem Design von den Neurowissenschaften inspiriert, aber die Art und Weise, wie wir mit KIs interagieren, bleibt in den Methoden des traditionellen Computer-Terminals stecken: diskrete Fragen stellen und diskrete Antworten erhalten; Abstraktion über Wahrnehmung. Wir freuen uns auf diese Verbindung von KI und Neurowissenschaften, um ein Paradigma wiederherzustellen, bei dem Wahrnehmung der Schlüssel ist und Sensibilität das Wissen freisetzt.

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Ihr bezeichnet euer Projekt „The Wandering Mind“ als multisensorische Erfahrung – könnt Ihr uns mehr darüber erzählen?

Xin Liu: Wir befinden uns noch in der Entwicklung des Projekts und freuen uns, es durch unsere Residency in Argentinien und Österreich noch näher zu erkunden. Genau, derzeit stellen wir uns eine multisensorische Erfahrung vor, bei der Klang, Haptik (Vibrationen) und ein Hauch von visuellen Elementen das Publikum dazu anleiten, durch globale Umweltsensordaten zu navigieren, die wir in das System einspeisen.

In unseren bisherigen Arbeiten haben wir natürliche Installationen mit Bäumen und multisensorischen Virtual-Reality-Filmen geschaffen, bei denen die Wahrnehmung erweitert und verändert wird. Wir wollen, dass die Erfahrung eine meditative Reise der Transformation und Selbstfindung wird. Das Publikum soll eine Klanglandschaft erkunden, die von der eigenen Aufmerksamkeit geleitet wird, während es gleichzeitig Rückmeldungen von subtilen, vertrauten Sinnesreizen erhält.

Was hat euch dazu bewogen, dieses Projekt zu starten? Und was wollt ihr damit erreichen?

Gershon Dublon: „The Wandering Mind“ basiert auf einer Idee, die uns beide verbindet: Wir sind mehr als BeobachterInnen der Welt, wir sind Teil ihres komplexen Systems. Aus globaler Perspektive sind wir schlecht gerüstet, um Veränderungen des fortschreitenden Wandels zu erkennen. Der Klimawandel oder das Artensterben sind zwei Beispiele, die zu weit entfernten Fakten geworden sind, zu den Folgen einer scheinbar unabwendbaren Veränderung. Wir ziehen Bilanz, aber meistens können wir nur rückwärts blicken.

„In diesem Projekt wollen wir einzelne Menschen damit befähigen, ihre einzigartigen Positionen in dieser Welt und ihre Verbindungen zur größeren Welt zu spüren, zu hören und zu erleben.“

Die Kombination von Global Sensing, künstlicher Intelligenz und multisensorischen Reizen bildet ein kollektives Nervensystem, das wir mit neuen zeitlichen Dimensionen der Wahrnehmung erkunden können.

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Xin Liu bei ihrem Space Art Talk zuletzt beim Ars Electronica Festival 2018 in der POSTCITY Linz.

Was sind eure Erwartungen an den Aufenthalt in Argentinien und Österreich? Worauf freut ihr euch?

Xin Liu: Die Ressourcen und das Fachwissen unserer WissenschaftlerInnen, mit denen wir während der Residencies zusammenarbeiten werden, bilden die Wurzeln dieses Projekts. Gleichzeitig ist die Residency ungewöhnlich und wunderbar auf zwei sehr unterschiedliche Standorte verteilt. Wir freuen uns sehr, in die lokalen Gemeinschaften und Kulturen einzutauchen, um unser globales Projekt in einen globalen Kontext zu stellen. Wir erwarten viele inspirierende Momente des Lernens sowie herausfordernde Diskussionen, die uns helfen werden, die Möglichkeiten von „The Wandering Mind“ zu auszuloten.

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Xin, du bist Künstlerin und Ingenieurin, Gershon, du bist kreativer Forscher und Elektroingenieur. Zusammen seid ihr „Slow Immediate“ – wie seid ihr dazu gekommen, miteinander zu arbeiten?

Gershon Dublon: Wir haben uns vor vier Jahren kennengelernt und sind seitdem in der Arbeits- und Lebenswelt zusammen. Und wir haben damit begonnen, uns das berufliche Umfeld als AbsolventInnen und ForscherInnen zu teilen. Im Rückblick waren unsere Interessen immer schon aufeinander abgestimmt, aber wir haben erst jetzt erkannt, wie sie sich in einer gemeinsamen Anwendung ergänzen können, da wir immer mehr zusammenarbeiteten. Xins Arbeit, die die Wahrnehmung des Selbst untersucht und erweitert, passt natürlich zu meinen Tätigkeiten, die die Wahrnehmung der Außenwelt genauer unter die Lupe nehmen.

Xin Liu: Wir beide wollen, dass unsere Arbeit die Wahrnehmung von dem Selbst, dem Planeten und dem Universum (neu) ausrichtet. Gemeinsam versuchen wir, Technik und Naturwissenschaften als Ausdrucksmittel zu nutzen. Mit „Slow Immediate“ haben wir unmittelbar nach unserem Abschluss am MIT begonnen – es ist ein Experiment, um zu sehen, ob wir die starke Ausrichtung unserer Interessen und komplementären Hintergründen in eine gemeinsame kreative Arbeitsweise umsetzen können. Und hier sind wir!

Creative Europe
This project has been funded with support from the European Commission.
This publication (communication) reflects the views only of the author, and the Commission cannot be held responsible for any use which may be made of the information contained therein.

Xin Liu ist eine Künstlerin und Ingenieurin, deren Praxis sich von Performances und Kunstobjekten über wissenschaftliche Experimente bis hin zu akademischen Arbeiten erstreckt. Sie betrachtet Wissenschaft als Sprache und Technologie als Mittel zur Erforschung von Emotionen, Überzeugungen und Subjektivitäten. Liu ist Kunstkuratorin der Space Exploration Initiative des MIT Media Lab. Sie erhielt und gewann bereits zahlreiche Residencies und Auszeichnungen und stellte ihre Arbeiten unter anderem bereits beim Sundance Film Festival, im Walker Art Center, im OCAT Shanghai und beim Ars Electronica Festival in Linz aus.

Gershon Dublon ist Künstler, Forscher und Ingenieur und erschafft Environments, Installationen, Systeme und Studien für ästhetische und transformative sinnliche Erfahrungen. Seine Arbeiten wurden bereits am MFA Boston, beim RIDM Montreal und bei Ars Electronica ausgestellt, seine Texte erscheinen in Zeitschriften wie Presence und Scientific American.

Hinweis: Der nächste Open Call des ARTificial Intelligence Lab startet im August 2019 – ab dann kannst du dich für eine Residency am Edinburgh Futures Institute der University of Edinburgh, einem der führenden Institute Europas in den Bereichen Datenwissenschaft, KI-Ausbildung, Forschung und Innovation, sowie am Ars Electronica Futurelab bewerben. Mehr Infos ab August 2019 auf ars.electronica.art/ailab!