„Heute würde man sie ProgrammiererInnen nennen“

Seit 25. Juni ist im Ars Electronica Center die neue Ausstellung „AI X Music“ zu sehen, in der es um die Begegnung von Künstlicher Intelligenz und Musik sowie um das Aufeinandertreffen von menschlicher Kreativität und technischer Perfektion geht. Marianne Kneidinger und Gertraud Koblmiller von der Mechanischen Klangfabrik Haslach erklären im Interview, welche Rolle die Jahrhunderte alten Instrumente Walzenklavier und Flötenspiel einnehmen.

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Die Mechanische Klangfabrik Haslach ist das einzige österreichische Museum für Musikautomaten und hat dem Ars Electronica Center zwei Exponate als Leihgaben zur Verfügung gestellt. Sie markieren die Anfänge der menschlichen Suche nach automatisierten, ihnen ähnlichen Wesen, die zum Beispiel die Aufgaben von MusikerInnen übernehmen. Die Ausstellung AI x Music wirft einen Blick auf die Kultur- und Technologiegeschichte der Musikautomaten, schlägt die Brücke zu neuen Entwicklungen im Bereich von Machine Learning und Künstlicher Intelligenz und zeigt, dass es dabei nicht bloß um technologische Phänomene, sondern um ganz grundlegende Fragen der Beziehung von Mensch und Maschine geht.

Warum glauben Sie haben Menschen angefangen, Maschinen zu entwickeln, die Musik machen? Die ja quasi den Musiker oder die Musikerin ersetzen? Was fasziniert einen Erfinder oder eine Erfinderin daran?

Gertraud Koblmiller: Die Musik ist dann für alle zugänglich. Auch der Nicht-Musiker oder die Nicht-Musikerin kann mit dieser Maschine Musik machen.

Marianne Kneidinger: Ich glaube, dass damals die großen Tanzorgeln, bei denen zehn bis zwölf Instrumente auf einer Orgel spielen, entstanden sind, weil die MusikerInnen immer teurer wurden und sich die Leute keine Tanzkapellen mehr leisten konnten. Deswegen hat man Tanzorgeln gebaut. Jeder konnte so sein eigenes Privatorchester haben. Ursprünglich waren sie aber auf dem Jahrmarkt zur Unterhaltung angesiedelt, später auch in Salons oder großen Hotels.

Sie haben gesagt, jeder kann Musik machen. Aber dass man die Stücke entwickelt, dazu braucht man ein musikalisches Grundverständnis.

Gertraud Koblmiller: Heute würde man sie ProgrammiererInnen nennen. Das Stück wurde auf einem Notenblatt arrangiert, das Bestifteln war dann Fabriksarbeit. Da gab es einige Fabriken, auch in Deutschland. Die BestiftlerInnen haben schon vorhandene Noten gesetzt, sie haben das Stifterl auf Punkt gesetzt.

Credit: vog.photo

Was kann ein Musikautomat besser als ein Mensch?

Gertraud Koblmiller: Er ist jederzeit einsetzbar. Der Mensch ist nicht immer leistungsfähig. Die Maschine spielt immer dasselbe Programm. Wenn ich es nicht ändere, spielt sie immer dasselbe.

Was ist für sie persönlich das Faszinierende an Musikautomaten?

Gertraud Koblmiller: Die Mechanik! Auf alle Fälle die Mechanik und auch das wunderschöne Mobiliar, das man verwendet hat, das viele Handwerk, …

Marianne Kneidinger: …die verschiedenen Datenträger, die Ausführung. Es ist jahrelang an einem Gerät gebaut worden mit unglaublicher Ausdauer dahinter.

Credit: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

Wenn sie die Objekte in der Ausstellung stehen sehen neben Technologien wie KIs, gibt es da Parallelen? Was ist das Trennende, was das Gemeinsame?

Gertraud Koblmiller: Es gibt auf jeden Fall Parallelen, die mir sofort bei diesem Klavier, dem Bösendorfer-Flügel, eingefallen sind. Wir kennen das Welte-Klavier, das Welte-Mignon-Reproduktionsklavier, der erste mechanische Musikautomat, der die weitgehend authentische Wiedergabe von Klavierstücken ermöglichte. Der Musiker oder die Musikerin, der Komponist oder die Komponistin, hat auf dem Klavier gespielt und parallel dazu ist eine Papierrolle mitgelaufen. Dort, wo der Hammer geklopft hat, kam die Zeichnung hin und später dann das Loch. Es war der Musiker oder die Musikerin, der die eingespielte Künstlerrolle auf Klaviervorsätzen hören konnte.

Marianne Kneidinger: Bei diesen Maschinen genauso wie beim Programmieren – es steht immer ein Mensch dahinter. Eine Maschine kann nicht alleine arbeiten, sie gehört programmiert. Ob bei einem Musikstück, bei Webmaschinen, beim Programmieren, …

Wo liegen die Grenzen von Maschinen?

Gertraud Koblmiller: Man ist bei der Musik eingeschränkt. Es gibt fast niemanden mehr, der solche Stiftelwalzen herstellt. Man konnte nur spielen, was man programmiert hat. Die „Datensätze“ waren viel eingeschränkter als bei Computern. Im Höchstfall waren sechs Musikstücke auf einer Walze – das war bereits viel! Früher hat man ganz bewusst Musik gehört, es war kein ständiger Lärmpegel im Hintergrund.

Über der Ausstellung schwebt das Thema der Kreativität. Wie kreativ ist der Mensch, wie kreativ ist die Maschine?  Ist das für Sie ein Widerspruch, oder anders gesagt: Was ist das Kreative an einem Musikautomaten?

Marianne Kneidinger: Eigentlich ist der Mensch die Maschine. Also er muss sie aufziehen, die Menschenkraft wird überall gebraucht. Das Kreative liegt auch im Äußeren, im Handwerk. Der Mensch steht hinter allem. Auch bei Computern ist er die wichtigste Person. Ohne Eingabe gibt es nichts. Ich zweifle daran, dass Roboter fähig sein werden, eine kreative Eigenleistung zu bringen.

Sowohl das Walzenklavier als auch das Flötenspiel sind Leihgaben der „Mechanischen Klangfabrik Haslach“. 1994 eröffnete Erwin Rechberger dieses erste österreichische Museum für Musikautomaten, dessen einmalige Sammlung er gemeinsam mit seinem Sohn im Laufe von Jahrzehnten aus ganz Europa zusammengetragen hat. Mit ihren mehr als 160 Exponaten lädt die Mechanische Klangfabrik Haslach seither zum Streifzug durch die Geschichte der Musikautomaten, vom Barock bis in die Zwischenkriegszeit.