So viele tolle Ideen

Der Festival-Freitag ist STARTS-Tag – oder vielmehr S+T+ARTS, denn die Zauberformel lautet Science + Technology + ARTS, also Wissenschaft, Technologie und Kunst. Genau in dieser Verbindung liegt ein kraftvolles Potential an Innovation, die Neuerungen unserer Zeit auf vielfältigen Ebenen zu betrachten und sozial, ökologisch und ökonomisch zu denken.

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Bereits zum vierten Mal erging der Ruf der Europäischen Kommission nach STARTS-Ideen und neben den beiden Gewinnerprojekten „Ciutat Vella’s Land-use plan“ und „Project Alias“ schrammten einige Einreichungen nur haarscharf am Hauptpreis vorbei: Die Anerkennungen. Viele davon sind im Rahmen des Festivals bei der STARTS-Ausstellung zu bestaunen. Darüber hinaus steht der STARTS Day ganz im Zeichen von Innovation. Vier Projekte stellen wir hier vor.

Anatomy of an AI System

Kate Crawford (AI Now Institute) und Vladan Joler (SHARE Lab)

Credit: Kate Crawford & Vladan Joler

„Alexa, schalte das Licht an!“ Um die Werbemaschinerie für den Amazon Echo aka Alexa kommt man nur schwer herum. Die Werbebotschaften sind es aber nicht, um die es in diesem Projekt geht, vielmehr zeigt es den gesamten Lebenszyklus eines solchen Geräts mit allen materiellen Ressourcen, menschlicher Arbeitskraft und Daten. Kapital, Arbeit, Natur – von allem braucht es enorm viel. Das mag man gar nicht denken – da steht so ein kleines Gerät in unserem Haushalt, das sich individuelle Termine merkt, im Netz nach Antworten für belanglose Fragen sucht oder diesen einen Song abspielt, auf den man sich den ganzen Tag schon freut. Doch damit das überhaupt möglich ist, bedarf es eines ungeheuren Aufwands. Es bedarf eines riesigen planetarischen Netzwerks, das durch die Gewinnung nicht erneuerbarer Materialien, Arbeitskräfte und Daten angetrieben wird.

Sind uns die Auswirkungen dessen überhaupt bewusst? Werden wir im selben Ausmaß, wie wir uns über die neue Bequemlichkeit freuen, auch der Kosten dafür gewahr? So wie früher die Nebenwirkungen des Kohleabbaus in der Euphorie ungebremster Energiegewinnung vernachlässigt wurden, sind die Kosten im Bereich Datenanalyse noch gar nicht absehbar und werden aller Voraussicht nach erst in Jahrzehnten ans Licht kommen. Diese Art von Ungleichheit wiederholt sich im Laufe der Industriegeschichte und ist nicht spezifisch für Künstliche Intelligenz. Aber große KI-Systeme erfordern so viel Daten, Infrastruktur und Wartung, dass es nur sehr wenige Unternehmen gibt, die in der Lage sind, sie zu bauen und zu betreiben. Doch diese – wenigen – Unternehmen handeln in ihrem eigenen, nicht im staatlichen Interesse.

„Der Amazon Echo ist ein weiteres Tool, das unser Leben bequemer macht, aber wir wollten sichtbar machen, was das bedeutet, was es uns als Gesellschaft kostet.“ (Kate Crawford)

Solche und noch viele Aspekte mehr sind es, die in „Anatomy of an AI System“ Platz finden. Dargestellt werden sie anhand einer großen Karte, die auf verschiedene Arten lesbar ist – oder vielmehr aus verschiedenen Richtungen. Sei es mit einem Fokus auf geologische Prozesse, die den Abbau seltener Erden verdeutlichen oder auf die menschliche Arbeit, deren ausbeuterische Komponente beachtet werden muss. Das dystopische Erscheinungsbild der Karte erinnert nicht von ungefähr an die tief in uns sitzende Angst, von Maschinen übervorteilt zu werden und zusehends die eigene Entscheidungsfähigkeit zu verlieren.

Alle Details unter: https://anatomyof.ai/ (englisch)

The Murder of Pavlos Fyssas

Forensic Architecture

Credit: Forensic Architecture

Forensic Architecture ist eine unabhängige Kunst- und Rechercheagentur, die sich allem mit Fällen von Menschenrechtsverletzungen und von politischer Gewalt betroffenen Gemeinschaften auseinandersetzt. Im Mittelpunkt stehen staatliche und betriebliche Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung. Das Besondere dabei sind die Hilfsmittel, derer sich Forensic Architecture bedient – und zwar sind dies Open Source-Untersuchungen, digitale und physikalische Modellen, 3D-Animationen, VR-Umgebungen und kartografische Plattformen. Mittels Fotos, Videos, Audiodateien, Zeugenaussagen und Verbindungsnachweisen werden Tathergänge analysiert und rekonstruiert.

Neben Kapitalverbrechen nimmt sich Forensic Architecture auch anderer heikler Fälle an – so untersuchten sie etwa den Brand des Grenfell Tower in London, den „Ökozid“ der Wälder auf Sumatra und Borneo, die chemischen Attacken in Syrien, das Verschwinden mexikanischer StudentInnen, die Verantwortung der lybischen Küstenwache am Ertrinken von mindestens 20 Flüchtlingen oder Foltervorwürfe in Burundi. Eine Übersicht über alle Untersuchungen findet sich hier: https://forensic-architecture.org/

Eine Nacht im Jahr 2013, in einem Athener Vorort. Pavlos Fyssas sieht sich mit seinen Freunden ein Fußballspiel an. Er ist ein junger, antifaschistischer Rapper und mit seinen Freunden befindet er sich in einem Lokal, das auch gerne von Mitgliedern einer Neonazi-Organisation besucht wird, Golden Dawn. Kurz nach Verlassen des Lokals wird Pavlos Fyssas ermordet, Umstände und Aufklärung sind merkwürdig, weswegen die Familie des Ermordeten Forensic Architecture mit einer Rekonstruktion der Geschehnisse beauftragt.

In minutiöser Feinarbeit werden die vorliegenden Quellen aufeinander abgestimmt – Zeitstempel, Telefonate, Videos werden verglichen, markante Geschehnisse gespeichert und auf anderen Dokumenten gesucht. So ergibt sich nach und nach aus unzähligen verschiedenen Gesprächsnachweisen, Überwachungskameras, Handyvideos und allen Dokumenten, die um die entsprechende Straße gesammelt werden konnten, ein Ablauf eines Abends. Die Dokumente werfen aber auch wieder Fragen auf: Wieso geschieht der Mord, obwohl bereits eine Spezialeinheit der Polizei vor Ort war? Ist die schleppende Erläuterung der Ersten Hilfe nur subjektiv? Wie konnten die Mitglieder von Golden Dawn sich so unbemerkt formieren?

Die Ergebnisse wurden dem Athener Gericht zur Prüfung vorgelegt.

BLP 2000 / Black List Printer

BCL – Georg Tremmel und Shiho Fukuhara

Shiho Fukuhara und Georg Tremmel arbeiten seit 2001 zusammen, 2005 gründeten sie BCL, das darauf abzielt, die Beziehungen, Kongruenzen und Unterschiede biologischer und kultureller Codecs durch künstlerische Interventionen, Social Hacking und Grundlagenforschung zu erforschen. Sie interessieren sich für das Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft im Allgemeinen und zwischen Medienkunst und Biowissenschaft im Besonderen. Vor allem geht es um um die sozialen Auswirkungen, die die weit verbreitete Nutzung und Anwendung der Biotechnologie mit sich bringen wird.

Credit: BCL / Georg Tremmel & Shiho Fukuhara

BLP-2000 / Black List Printer thematisiert die Produktion chemisch synthetisierter DNA-Sequenzen und hierbei wiederum vor allem die potentiell schädlichen oder verbotenen. Da die Produktion dieser Sequenzen kostspielig ist, wird diese zentralisiert angeboten. So bestimmen die Unternehmen, welche DNA synthetisiert wird und welche nicht – und begründen dies mit biologischer Sicherheit.

Was aber, wenn die teure Produktion plötzlich im Garagenlabor geleistet werden kann? Wenn mittels Do it yourself-Ingredienzien potentiell gefährliche Stoffe hergestellt werden? Und vor allem, wenn diese durch den ökonomischen Druck fehleranfällig sind? Kann sich die Gesellschaft tatsächlich auf die moralische Zurückhaltung im Bereich biologische Sicherheit verlassen?

Black List Printer ist eine eindrucksvolle künstlerische Warnung vor den Möglichkeiten neuer biologischer Werkzeuge und fordert zugleich eine gesellschaftliche Stärke.

SLAP – See like a Pony

Sabine Engelhardt

Credit: Sabine Engelhardt

Wenn man gesellschaftliche und technische Innovationen zu Zukunftskonzepten verbindet, dann kann man das als Futurologin bei Daimler machen. So wie Sabine Engelhardt in der Abteilung „Forschung Gesellschaft und Entwicklung“, die sich ganz auf die Zukunft autonomen Fahrens konzentriert. Gemeinsam mit Alexander Mankowsky, Trend- und Zukunftsforscher bei Daimler, bereist sie den Globus, beobachtet und erlebt die Entstehungsorte von Innovation und Kreativität. Sie trägt den weiblichen Part auf die unterschiedlichen Lebenswelten bei, denn das Weibliche an sich spielt in ihrer Zukunftsforschung eine wesentliche Rolle. Dabei geht es weniger um die Frau an sich als um das Feminine im Sinne von Lebensqualität, Sinnlichkeit, Schönheit und Luxus.

„Eine spannende Zeit steht bevor, denn die europäische Geschichte zeigt, dass eine Kultur immer dann reicher, feiner und produktiver war, wenn sie auch feminin sein durfte“ (Sabine Engelhardt)

Ist die vielseitige Forscherin nicht auf beruflicher Entdeckungsreise, geht sie gern mit ihren Ponys wandern. Und genau so entstand die Idee zu diesem Projekt: Da sich Tiere – so nah sie uns im Zusammenleben auch kommen – nicht sprachlich ausdrücken können, bedarf es anderer Wege mit ihnen zu kommunizieren. Bei Ponys ist es so, dass ihre Aufmerksamkeit sich anhand ihrer Ohren äußert. Ein Ohr folgt den Tätigkeiten Engelhardts, passt quasi auf sie auf. Und genau dieses Aufpassen, diese sanfte Art der Kommunikation, soll auf den Charakter kooperativer Fahrzeuge übertragen werden. Nicht Befehle und das Ausführen dieser, sind Engelhardt ein Anliegen, sondern das achtsame Miteinander.

Zusätzlich wird die non-verbale Kommunikation mit den Tieren für Menschen insofern erleichtert, weil sie über die Ohren verständlich ist. Ändert sich die Aufmerksamkeit etwa auf einen vorbeikommenden Spaziergänger, den wir selbst aber noch nicht sehen, dann erkennen wir das an den Ohren der Tiere. Auch dieses Erkennen in der Kommunikation soll auf Fahrzeuge übertragen werden – denn oftamls kommt das Misstrauen vom Unverständnis. Erkennen Menschen aber unmittelbar und intuitiv, was ein autonomes Fahrzeug vorhat, können sie auch Vertrauen fassen.

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