Schwarmintelligenz und Kunst: Die künstlerische Vision von Swarm Arena

Eine moderne Alchimistin, elektromagnetische Folklore-Instrumente und Bodenroboter mit Displays am Rücken: Die künstlerische Vision hinter der Swarm Arena Performance in Miraikan, Tokio, im Juli 2019 ließ ein Spektakel entstehen, das an Magie grenzte. Hier hören wir von den teilnehmenden KünstlerInnen Akiko Nakayama und Ei Wada – und finden heraus, welche Elemente von Swarm Arena uns am Ars Electronica Festival 2019 erwarten.

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Es war eine Show, an die sich die BesucherInnen des Japanese National Museum of Emerging Science and Innovation, Miraikan, in Tokio, sicherlich noch lange Zeit erinnern werden: Bodenrobter, die auf und von der Bühne surrten, mit Displays auf ihrem Rücken, die das herkömmliche rechteckige Videoformat komplett aufbrechen; Künstlerin Akiko Nakayama, die in einer alchemistischen Performance farbenfrohe, sich bewegende Bilder zauberte; und Musiker Ei Wada, der mit seinen DIY-Instrumenten aus elektronischen Geräten für Stimmung sorgte.

Die Swarm Arena Performance in Miraikan im Juli 2019 zeigte einen Einblick in die aktuellen Ergebnisse eines gemeinsamen Forschungsprojektes des japanischen Telekommunikationsunternehmens NTT und des Ars Electronica Futurelab. Während sich die Forschung zuerst auf drohnenbasierte Beschilderung und Navigation konzentrierte (Swarm Compass, 2017), rückten bald komplexere Anwendungen von schwarmbasierter Technologie mit Drohnen und Bodenrobotern in den Dokus (Swarm Arena, 2018). Nun hat sich das Forschungsfeld noch einmal erweitert – das Ars Electronica Futurelab und NTT arbeiten an einer neuen Art des Public Viewings mithilfe der Bodenroboter: ein reisendes Labor für Kunst, Sport und Gesellschaft.

Hier teilen die beiden KünstlerInnen Akiko Nakayama und Ei Wada ihre Eindrücke von der Performance mit dem neuen robotischen Schwarm für Kunst, Entertainment und Sport in Miraikan im Juli. Und falls das Interview Lust auf mehr machen sollte: Das Ars Electronica Futurelab zeigt Demonstrationen der Anwendungen von SwarmOS, der eigens entwickelten Software für Schwarmtechnologie, am Ars Electronica Festival 2019 – unter anderem auch Eindrücke der Swarm Arena.

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Akiko Nakayama, du wirst oft als moderne Alchimistin bezeichnet. Was heißt das?

Akiko Nakayama: Ich bin eine Multimediakünstlerin mit einem Hintergrund in der Malerei. In den letzten Jahren habe ich mich auf die Performance „Alive Painting“ konzentriert, in der ich die Resonanz zwischen Formen und Strukturen mit verschiedenen Arten von Flüssigkeiten, jede mit ihren eigenen Eigenschaften, darstelle. Die Performance wird zu einer abstrakten Metapher für die verschiedenen Aspekte der Natur, indem sie die Energie und die Bewegung und die Schönheit von Farben kombiniert. Und sie versucht, die Momente der Schönheit inmitten der Vergänglichkeit des Lebens zu zelebrieren. Alchemisten suchten einst den Stein der Weisen und machten Experimente. Es gibt immer noch keine Substanz, die unser Leben verlängern würde. Trotzdem wurden verschiedene nützliche Substanzen auf der Suche nach so etwas entdeckt. Ich ziele auf ein Meisterwerk ab, genauso wie die Alchemisten damals auch auf eines abzielten, aber ich liebe es, meine Erfahrungen mit Menschen zu teilen. In meinem Labor – im Theater.

Credit: vog.photo

Ei Wada, für Menschen, die deine Arbeit noch nie gesehen haben, kannst du beschreiben, was du machst?

Ei Wada: In letzter Zeit habe ich mich bemüht, so viele Leute wie möglich dazu zu bewegen, veraltete elektronische Geräte in der Form von neuen Instrumenten wiederauferstehen zu lassen, damit ein Orchester zu bilden und ein Projekt namens ELECTRONICOS FANTASTICOS zu erstellen. Für dieses Projekt habe ich schon viele Geräte verwendet, wie alte CRT-TVs, elektronische Ventilatoren oder auch Klimaanlagen, und sie in eine neue Art von Instrumenten wiederbelebt. Mit dem Instrument CRT-TV Gamelan zum Beispiel fange ich die elektromagnetische Welle, die beim dem Röhrenbildschirm des CRT-TVs gesendet wird, und erzeuge Ton durch eine Spule, die über den Fuß an einen Gitarrenverstärker angeschlossen ist. Die Tonhöhe verändert sich, je nachdem, wie viele Streifen am Bildschirm verschiedene Töne produzieren. Ich entwickle meine Arbeit weiter, indem ich meine Vorstellung immer mehr erweitere und mir überlege, welche elektronischen Geräte noch moderne, elektromagnetische Folklore-Instrumente sein könnten.

Credit: vog.photo

Ihr habt beide bereits im Kontext der Ars Electronica gearbeitet, dieses Mal war es aber das erste Mal mit Bodenrobotern. Wie war diese Erfahrung?

Ei Wada: In Miraikan habe ich mit einem alten Fernsehbildschirm als Instrument gespielt, während die Bodenroboter ihren „Display Dance“ aufgeführt haben, bei dem sie farbenfrohe Lichter zeigten und sich mit der „Display Music“, die ich spielte, synchronisierten. Ich konnte einige alte Fernseher bekommen, die in der Zeit gefertigt wurden, als die Olympischen Spiele das letzte Mal in Tokio waren, also in den 1960er-Jahren, und habe sie als Instrumente verwendet. Ich denke, es wäre großartig, wenn ich auch mit Fernsehern arbeiten könnte, die 2020 erstellt wurden, weil die nächsten Olympischen Spiele genau dann wieder hier stattfinden werden. In 60 Jahren können die Bodenroboter vielleicht Roboter sein, aber auch gleichzeitig Instrumente! Ich habe das Gefühl, dass visuelle Kunst eine neue Dimension und ein neues Leben betritt und wir den Beginn einer nahen Zukunft feiern. Das ist auf jeden Fall der nächste Level eines „Video Jockeys“!!

Credit: Raphael Schaumburg-Lippe

Akiko Nakayama: Bei Ars Electronica habe ich bis jetzt mit dem Bruckner Orchester gespielt und außerdem ein audiovisuelles Solo im Deep Space 8K gezeigt.  Alle waren sehr professionell mit ihren Instrumenten, ihrer Ausrüstung und ihren Werkzeugen. In Miraikan war es stattdessen eine Erfahrung einer „Geburt neuer Werkzeuge und ihres Wachstums“. Das ist ein großer Unterschied. Das neue Werkzeug ist gerade dabei, ein erweiterter Körper zu werden.

I denke, dass das Ars Electronica Festival von professionellen Ausstellungen, Universitätsausstellungen und solchen von noch ganz jungen Künstlern und Künstlerinnen, Firmen- und Technologieständen und Bühnen und Felder aller Arten charakterisiert wird, alles an einem Ort. In diesem Projekt mit den Bodenrobotern in Miraikan dachte ich, es war ein wundervoller Versuch, die Möglichkeit zu nutzen, das oben genannte auch dort zu versammeln.

Ich war sehr aufgeregt, dass der Kern von Ars Electronica die Forschungseinstellung von „herausfordern, überprüfen, herausfordern, überprüfen“ beinhält. In diesem Experiment habe ich entdeckt, dass dieses Medium das physiologische Gefühl von lebendigen Kreaturen hervorruft, und ich fand, dass es künstlich noch abgestimmt werden kann.

Als Künstler oder Künstlerin gesprochen: Welche Möglichkeiten eröffnet dieses neue Medium der Bodenroboter?

Ei Wada: Der Pionier der Videokunst, Nam June Paik, hatte eine Art, seine Arbeit zu präsentieren, indem er nicht nur Videos zeigte, die er auf eine CRT-TV Bildschirm erstellt, sondern indem er auch das Material integrierte, also den CRT-TV selbst. Gleichzeitig hat die Entwicklung des Displays das Potential, einen neuen ästhetischen Sinn für Videoprojektoren zu schaffen. Die nächste Videokunst beginnt vielleicht dann zu blühen, wenn das Videogerät selbst oder die kleinen Geräte, die Video projizieren, sich sammeln und gemeinsam aufstehen.

Akiko Nakayama: Höhlenmalereien, Schriftrollen, Fächer, Deckengemälde, Wandmalereien, Leinwände, Screens, VR-Umgebungen – Menschen benützen die unterschiedlichsten Medien, um darauf zu malen. Jedes dieser „Geräte“ unterstützt Medien und hat seine eigenen räumlichen Schwerpunkte und Eigenschaften. Bodenroboter sind ein neues Medium, aber sie warten nicht auf den Pinselstrich eines Künstlers oder einer Künstlerin. Es ist voller Kraft, wie ein junges Fohlen, das auf das Feld läuft, nachdem es geboren wurde! Es geht um diesen Lauf. Das ist der führende Bereich in den unterstützenden Medien der Kunstgeschichte. Wir werden unsere Sprache mit den Bodenrobotern immer mehr weiterentwickeln und irgendwann kommt der Tag, an dem wir uns poetisch ausdrücken können. Wie eine Künstlerin die Leinwand betrachtet, so voller Möglichkeiten ist auch die visuelle Kunst mit diesem neuen körperlichen Sinn. Eine Gruppe der Leinwände, die bis jetzt still war, beginnt zu tanzen. Was für eine aufregende Medienrevolution!

Akiko Nakayama (JP), geboren 1988, ist eine Malerin, die die Schönheit der Energiemetamorphose durch verschiedene Medien wie Installationen, Fotos und Performance darstellt. Akiko Nakayama kombiniert die Energie der Bewegung mit der Lebendigkeit der Farben und erweckt Bilder zum Leben. Ihre Soloauftritte und Kollaborationen finden in verschiedenen Städten statt.

Ei Wada (JP), geboren 1987, ist Künstler/Musiker. Schon als Kind war Wada davon überzeugt, dass ein Musikfestival auf ihn wartete, unter dem gigantischen Turm in Form der Krabbenbeine, die in einen Röhrenfernseher eingebettet waren. Aber als sein Freund ihm sagte, dass es einen solchen Ort auf Erden nicht gibt, zerplatzte sein Traum. Dann beschloss Wada, dieses Musikfestival selbst zu machen.

Mehr über SwarmOS, Swarm Arena und frühere Projekte im Rahmen des gemeinsamen Forschungsprojekts von NTT und dem Ars Electronica Futurelab erfährst Du auf unserer Website und in zuvor veröffentlichten Interviews im Ars Electronica Blog. Weitere Informationen zu den SwarmOS Research Demos auf dem Ars Electronica Festival 2019 gibt’s im diesjährigen Festivalprogramm.

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