Reisetipps zur Ars Electronica 2020 / Teil 2

Herzlich willkommen auf der anderen Seite des „Stillen Ozeans“ und dem zweiten Teil unserer Reise um die Welt! Willkommen in der „Neuen Welt“, genauer an der Westküste der USA, im 70 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten Santa Clara Valley. Kennen Sie nicht? Schon, aber unter einem anderen Namen …

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Silicon Valley, USA: Grenzen sind da, um überwunden zu werden

Das Silicon Valley. Alle, die in der IT- und Hightech-Industrie tätig sind und große Stücke auf sich halten – oder wollen, dass andere das tun – sind hier. Im Rahmen eines neuen Festivalformats zeigt die hiesige kreative Gemeinde, dass ihre Technologien keine in sich geschlossenen, sondern dynamische Systeme und Plattformen sind, prädestiniert für die interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit zur Überwindung von festgefahrenem und isoliertem Denken. Künstliche Grenzen zwischen den Welten der Kunst, der Technologie und der Politik werden in diesen Visionen aufgelöst, Ziel ist eine gemeinsame Erfahrung innerhalb und zwischen den Gemeinschaften. Ebenfalls hinterfragt wird die Grenze, die bislang die/den Künstler*in von der Maschine trennt. Kommen Sie mit auf eine Reise in die Zukunft, die um KI und Kreativität, die Neuinterpretation der Tech-Regulierung und die Schaffung neuer digitaler Gemeinschaften kreist.

The Grid, Foto: Dockyard

Los Angeles, USA: Brückenbauen zwischen Arten, Technologien und Kulturen

Den nächsten Stopp legen wir in der Stadt der Engel ein und besuchen eine weitere Hochburg der Kreativität: die UCLA. Das hier situierte ArtSci Center lädt in einen Garten für Kunst, Technologie und Gesellschaft, der sich ganz den Netzwerk-Ökologien verschreibt. Studierende, Absolvent*innen und Künstler*innen fragen nach Knotenpunkten, die Interaktion befördern und die Kluft zwischen den Arten, Technologien und Kulturen überbrücken helfen.

Chicago, USA: Die Gegenwart ist unser Moment, unsere Chance!

Willkommen in Chicago und einem virtuellen Ausstellungsraum, in dem digitale und physische Kunstwerke und Umgebungen eins werden. Wobei, alles hier unterstreicht die Unmöglichkeit einer virtuellen Utopie und die Dringlichkeit, unsere kollektive Realität neu zu imaginieren. Es ist daher vor allem eine Botschaft, die hier unmissverständlich zum Ausdruck gebracht wird: Die Gegenwart ist unser Moment und unsere Chance, die Welt, in der wir leben wollen, aufzubauen. Worauf also noch warten?

Memory of a Veteran, Kiu Zhu, Foto: Kiu Zhu

Cambridge, immer noch in den USA: Zwischen Präsenz und Absenz

Waren Sie schon mal am berühmten MIT Media Lab? Nein? Nun denn, willkommen! Machen Sie sich gefasst auf jede Menge Zukunftsmusik! Der „Cambridge Garden“ der Tangible Media Group widmet sich am Beispiel legendärer Medienkunstwerke und brandaktueller Forschungsprojekte dem Spannungsverhältnis von Präsenz und Absenz als grundlegende Zuständen des Seins. Sie erleben hier „Beyond Being There“ von Jim Hollan aus dem Jahr 1997, „inTouch“ von TMG von 1998 oder „MirrorFugue“ von Xiao Xiao aus 2013. Darüber hinaus präsentieren Ihnen die Expert*innen des MIT wie sich eine „Tangible Telepresence“ vorstellen, die unsere Zusammenarbeit über Zeit und Raum hinweg revolutionieren soll, genau wie dynamische Computermaterialien, die als „Radikale Atome“ völlig neue Formen der Mensch-Material-Interaktion eröffnen könnten. Willkommen in der Zukunft!

Santiago de Chile, Chile: Eintauchen in die geheimnisvolle Welt der Pilze

Unsere Reise geht weiter, nach Süden, nach Santiago de Chile. Es geht in einen spekulativen Garten, der unsern Blick auf eine der aktivsten Komponenten unseres Ökosystems lenkt, eine, die wir so gut wie nicht wahrnehmen: Pilze. Was wir von ihnen sehen, ist gewissermaßen nur die sprichwörtliche Spitze des Eisberges, denn unter der Erdoberfläche verzweigen sich diese Organismen zu riesigen Netzwerken, die Informationen weiterleiten und tote Materie umwandeln. Sich das eine oder andere von solch effizienten, natürlichen Recyclern abzuschauen, könnte definitiv ein Beitrag sein, um zu einem nachhaltigeren Umgang mit natürlichen Ressourcen zu gelangen. Meinen nicht nur die Gärtner*innen des „Fungus Garden“ zu Santiago de Chile!

A Fungus Garden, Museo del Hongo Foto: Juan Ferrer

Buenos Aires, Argentinien: Im Garten der Neugierde

Ein Garten steht für vielfältige Formen und Empfindungen, die wir zwar planen, am Ende aber nicht vorhersagen können. Das Wort „Kultur“ leitet sich von „Kultivieren“, also dem Gestalten und Pflegen des Landes, ab und in gewisser Weise sind all unsere sozialen Praktiken gewachsen, über lange Zeit und auf einem abgesteckten Feld. Für uns heute geht es mehr denn je darum, einen Weg zu finden, unsere Kultur mit dem uns umgebenden Ökosystem in Einklang zu bringen. Der „Garten der Neugierde“ ist eine interaktive, navigierbare Visualisierung, der diesen Versuch teilen will. Navigieren Sie durch eine Umgebung voller Objekte, Wörter, Skizzen und Geräusche, die Ihnen wiederum Zugang zu einer Reihe von Kunst- und Wissenschaftsprojekten eröffnen.

Johannesburg: Digitales Theater im panafrikanischen Garten

Es ist weit zu unserem nächsten Reiseziel. Wir bleiben im Süden, überqueren aber den „Großen Teich“ und landen an der südlichen Spitze Afrikas, in Johannesburg. Auch hier hat die Pandemie dazu geführt, dass Künstler*innen in ihrer realen Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt wurden und deshalb neue Wege der Präsentation und Kommunikation gesucht und gefunden haben. Im panafrikanischen Garten von Fak’ugesi können Sie sich davon überzeugen und Kurator*innen und Künstler*innen über die Schulter schauen, während sie mit „Virtual Black Out“ darangehen, einen neuen digitalen Raum zu schaffen: Afrikanische Szenografen und digitale Künstler*innen sollen Raum, Ort und Zeit für digitale Theaterproduktionen völlig neu denken.

Fak’ugesi Pan-African Garden / Fak’ugesi African Digital Innovation Festival, Johannesburg & Pan-African Creative Exchange (PACE), Bloemfontein (ZA), Foto: Natalie Paneng, Vaughn Sadie, Carla Fonseca, Gerard Bester and Katlego Chale

Lissabon, Portugal: Frauen, die nach den Sternen greifen

Wir machen wieder einen Sprung, von Südafrika an die Westküste des europäischen Kontinents. Wir reisen nach Lissabon. Hier, in der portugiesischen Hauptstadt am Tejo, befindet sich der Pavillon des Wissenszentrums Ciência Viva, das sich ganz der Welt der Wissenschaft und Technologie verschreibt. Rui Agostinho, Professor an der Wissenschaftsfakultät der Universität Lissabon, ist Ihr Reiseführer und nimmt Sie mit auf einen virtuellen Rundgang, bei dem Sie etwa erfahren, wie wir vom Licht der Sterne auf ihre chemische Zusammensetzung schließen können. Sarah Petkus „Nudelfüße“ schlagen dann die Brücke zum Programm „spaceEU“ der Europäischen Union, das ebenfalls nach den Sternen greift!

Quasi nebenan können Sie in Lissabon einen weiteren spannenden Festival-Garten besuchen der Frauen in Kunst, Wissenschaft und Technologie unterstützen will. Ziel des in den virtuellen Gefilden von Mozilla-Hubs angelegten Gartens ist es, Frauen besser miteinander zu vernetzen und sie damit als Community zu stärken.

Noodle Feet, Sarah Petkus, Foto: Sarah Petkus

Barcelona, Spanien: Komplex und unvorhersehbar

Willkommen in Spanien, genauer in Katalonien. Wir sind in Barcelona und besuchen einen Garten, der sich der Unendlichkeit und Unvorhersehbarkeit der uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und zum anderen der Ökologie und ihren unglaublich komplexen, systemischen Wechselwirkungen widmet.
Ebenfalls in Barcelona suchen wir noch „Solar Orchard Garden“, in dem es ebenfalls um Komplexität, diesmal aber in Verbindung mit Neugierde geht. Vor Ort als auch Online sind Sie eingeladen zwei Installationen kennenzulernen: „Stargazer“, ein Radioteleskop-Observatorium und eine Laborumgebung, die die virtuelle Welt inspiziert, manipuliert und mit ihr experimentiert. „Amazonia“ wiederum zeigt die Erde in einer ständigen Wechselbeziehung mit der Sonne, inklusive ritueller Performances, die deutlich machen, dass die Natur in unserem Leben letztlich den Ton angibt.

Fourth Travel, Foto: Kris Pilcher

Dublin, Irland: 95 Prozent aller Dinge sind uns ein Rätsel

Wie wird Virtual Reality verschiedene Therapieformen verändern? Wo genau ist eigentlich die „Cloud“ und wer kontrolliert sie? Wie könnte Biodesign unser Leben verbessern oder zerstören? Was können Stabheuschrecken AI-Systemen über Tanz beibringen? 95 Prozent unseres Universums sind uns ein absolutes Rätsel. Daran wird der Festival-Garten in Dublin zunächst einmal nichts ändern, unterstützt Künstler*innen und Wissenschaftler*innen beim Beantworten der nächsten Fragen, aber indem er die möglichst breite öffentliche Auseinandersetzung mit deren Themen, Methoden und Ergebnissen forciert.

Birmingham, Großbritannien: Das Neue braucht Raum und Förder*innen

Willkommen in Birmingham, willkommen in einem Festival-Garten für Offene, Neugierige und Kreative, einem Festival-Garten für Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, einem Garten, in dem sich alles darum, wie das Neue befördert werden kann. Ihr Gastgeber ist STEAMhouse, ein Zentrum für Innovation, kreatives Denken, Prototyping und Geschäftsentwicklung auf der Grundlage von Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen, Kunst und Mathematik mit Sitz in Digbeth, im Herzen von Birmingham, Großbritannien. Wir wünsche njede Menge Inspiration!

London, Großbritannien: Im Garten der Lüste

Inspiriert vom „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch und den Metathemen des Ars Electronica Festivals 2020 zelebriert der britische „Garten der Lüste“ die Zusammenarbeit von Kunst, Technologie und Wissenschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei Projekte, die beim diesjährigen STARTS Prize der Europäischen Kommission eingereicht wurden oder im Rahmen von „Künstler*innen-Residencies“ entstanden.

Transformation & Transmission, Foto: Wei Zhang

Brüssel, Belgien: (Bio-)Technologie, die das Zeug zur Revolution hat

Willkommen in Brüssel, dem politischen Zentrum Europas. Entscheidungen, die hier getroffen und ratifiziert werden, haben Auswirkungen auf das Leben nicht auf Millionen Europäer*innen, sondern die ganze Welt. Ähnlich weite Kreise ziehen jene neue biologischen Werkzeuge, die im Zentrum des Ars Electronica-Gartens zu Brüssel stehen. Wie CRISPR CAS9 beispielsweise, eine Technologie, mit der erbliche Eigenschaften dauerhaft ausgelöscht, geschwächt oder verstärkt oder aber auch um neue ergänzt werden können. Technologien wir diese, würden – oder werden? – es in Zukunft möglich machen, Medikamente und Therapieformen zu entwickeln, die uns unempfindlich für Schmerzen oder Müdigkeit machen oder Embryos mit der DNA von mehreren Menschen ausstattet. Vor dem Hintergrund der Coronakrise fragen Künstler*innen nach dem Potential, aber auch den möglichen Risiken, die mit der Entwicklung und Anwendung solcher Technologien verbunden sind und wollen damit eine breite Debatte über Biotechnologie anstoßen.

Leiden, Niederlande: Nach den Sternen greifen

Der Griff nach den Sternen – seit geraumer Zeit auch dem vereinigten Europa ein zentrales Anliegen. Mit „spaceEU“ will die Europäische Union deshalb junge Menschen für Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen, Kunst und Mathematik begeistern, sie ermutigen Berufe zu ergreifen, die in welcher Form auch immer mit der Erforschung des Alls zu tun haben und eine junge, kreative und integrative europäische Weltraumgemeinschaft aufbauen. Mädchen und Burschen quer durch Europa soll gemeinsam an ambitionierten Zielen arbeiten und dabei nicht zuletzt ein europäisches Bewusstsein entwickeln, das das Gemeinsame in den Vordergrund rückt und gleichzeitig Raum lässt für kulturelle Unterschiede. Der „Step into Space Garden“ zu Brüssel bringt (Weltraum-)Wissenschaftler*innen und Künstler*innen zusammen und legt dabei den Fokus auf Projekt von und für junge Menschen. Und; sind Sie bereit zum „Space Walk“?

Amsterdam, Niederlande: Alles bleibt ständig anders

Wie verändern neue Technologien unsere Wahrnehmung und unsere Erfahrungen? Auf welche Weise ermächtigt uns Technologie, auf welche Weise bedroht sie uns? Individuell und kollektiv? All das ist in ständiger Veränderung begriffen und stellt uns permanent vor neue Herausforderungen. Der Amsterdamer Garten für Kunst, Technologie und Gesellschaft streckt seine Fühler aus, in Richtung der anderen Festival-Gärten und widmet sich dabei den „Shifting Proximities“ unserer Zeit.

Ars Eyes Invisible, Socket Contenders, Foto: Nxt Museum

Espoo / Helsinki, Finnland: Das neue Normal heißt, alles ist ungewiss

Ungewissheit. Überall. Niemand von uns weiß, wie es weitergeht. Was seit dem Frühjahr des Jahres 2020 für uns alle mehr oder weniger präsent – und eine völlig neue und beunruhigende Erfahrung – ist, ist vielen Künstler*innen durchaus vertraut. Unsicherheit und Ungewissheit sind für viele der Ausgangspunkt spekulativer und experimenteller Kunstpraktiken, für neue Perspektiven und Ideen. Im Gegensatz zu Wissenschaft und Technologie, die typischerweise darauf abzielen, den Zustand der Unsicherheit zu überwinden, setzt experimentelle Kunst häufig die Unsicherheit selbst in Szene. Genau das machen auch Koray Tahiroğlu, Laura Beloff und Andy Best im Rahmen ihrer „Uncertain Practices“. Also schauen Sie doch vorbei, im „Aalto Garden“ im finnischen Helsinki, und wagen Sie sich auf unsicheres Terrain.

Vilnius, Litauen: Aus der Sicht eines Astes

Herzlich willkommen in Vilnius. Künstler*innen, Forscher*innen, Professor*innen und Studierende laden Sie hier in einen hybriden Garten, in dem das Physische selbst in den Blick gerät. Überall geht es hier um die Kommunikation und symbiotischen Beziehungen zwischen permanenten Bewohner*innen, invasiven und wandernden Arten – uns Menschen eingeschlossen. Entdecken sie selbst was und wer hier alles kreucht und fleucht, in der Ober-, der Deck-, der Unter- und der Strauchschicht, im Gras, auf dem Waldboden und im Untergrund. Verfolgen Sie all das aus der Perspektive eines umherwandernden Kameramanns, eines Baumkletterers, einer fliegenden Drohne, einem wahlweise rennenden oder kriechenden Haustier oder sogar eines im Wind hin und her wogenden Astes!

Zurück in Linz, Österreich: Medienkunst vom Feinsten!

Nach einer Weltreise und Stationen in Ljubljana, Zagreb und Dubrovnik, der Adria, Bukarest, Athen, Nikosia, Moskau, Hongkong, Seoul, Tokio, Melbourne, Auckland, Silicon Valley, Los Angeles, Chicago, Cambridge, Santiago de Chile, Buenos Aires, Johannesburg, Lissabon, Barcelona, Dublin, Birmingham, London, Brüssel, Leiden, Amsterdam, Helsinki und Vilnius sind wir zurück in Linz, Österreich. Und unsere Reise ist noch nicht zu Ende. Denn auch abseits des bereits empfohlenen „Kepler’s Garden“ gibt’s hier noch allerlei Sehenswertes für Ars Electronica-Reisende. Wie wärs etwa mit den besten Medienkunstprojekten des Jahres? Das OK Offenes Kulturhaus zeigt Ihnen eine Auswahl der beim Prix Ars Electronica eingereichten Projekte! Die quasi in Sichtweite gelegene Kunstuniversität bietet dann Medienkunst aus Linz feil: jung, provozierend und reflektierend präsentiert sich die sehenswerte Ausstellung „WILD STATE“. Und last but not least, wär da noch das Ars Electronica Center, am nördlichen Ufer der – manchmal wirklich – blauen Donau. Tipp 1: Besuchen Sie den Deep Space 8K und erleben Sie hier hochaufgelöste Bilder von Raffael oder Van Eyck oder erkunden Sie eine riesige, begehbare 3D-Punktwolke des Wiener Stephansdoms. Tipp 2: Schauen Sie vorbei im „Open Futurelab“ und erfahren Sie von unseren Forscher*innen, Künstler*innen und Entwickler*innen, an welchen Prototypen hier gerade mit Hochdruck und Leidenschaft getüftelt wird. Die Zukunft, sie kann kommen!

Photosynthetic Me, Vanessa Vozzo, Foto: Andrea Macchia

Mehr zum Ars Electronica Festival könnt ihr auf dieser Website nachlesen, außerdem haben wir unter dem Motto „Inside Festival“ jede Woche spannende, neue Videobeiträge aus aller Welt für euch und auch auf unseren Social Media Kanälen geben wir laufend Ausblicke und Einblicke, was euch heuer erwarten wird.