Ars Electronica Gallery Spaces Garden

2020 ist für die Kunstindustrie ein wirklich verflixtes Jahr, bündelten sich verfügbare Kräfte doch zuallererst in Politik und Gesundheitswesen, um die Krise zu meistern. Und so wurde das Eis zunehmend dünner für den Kunstbetrieb und es wurde klar, dass eine neue Standortbestimmung nötig war – und zwar schnell, wollte man nicht untergehen. Die einzig noch verfügbare Plattform für kommerzielle Transaktionen war – und ist immer noch – das Netz.

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Unter dem Motto „2020 – endlich digital?!“ fragen die diesjährigen „Gallery Spaces“ namhafte Player der Kunstindustrie, wo man aktuell steht und wie ihre Visionen für die Zukunft aussehen. Das Format gliedert sich in drei Abschnitte: einer Konferenz, kuratierten Projekten und digitalen Galerievitrinen. Auf der Konferenz werden namhafte Mitglieder der Kunstindustrie und ihre Einschätzungen der Digitalisierungsfortschritte der Kunstwelt im vergangenen Jahr vorgestellt. Die zweite Sektion lädt Kurator*innen ein, aus ihren Gemeinschaften über neue akute Positionen zu berichten. Die dritte Sektion erweitert die Galerien, die das Rückgrat der Kunstindustrie bilden.

Mit dabei sind Vertreter*innen von Carl & Marilynn Thoma Art Foundation (US), bitforms gallery (US), PMS Gallery, KÖNIG GALERIE (DE), Galeri ODUMIJE (NG), The Contemporary and Digital Art Fair (US), Art Collection Deutsche Telekom, LAST/RESORT Club (US), Black Cube Nomadic Museum (US), Desert Valley Art Ranch (US), Postmasters Gallery (US), Garage Museum of Contemporary Art (RU) und re.riddle (US). Kuratiert von Christina Steinbrecher-Pfandt und Renger van Den Heuvel (NL), Blockchain.art

Thoma Foundation’s pioneering Digital & Electronic Art collection / Carl & Marilynn Thoma Art Foundation, Santa Fe, New Mexico (US), Foto: Rachel Maclean

Carl & Marilynn Thoma Art Foundation

2014 gegründet, vergibt die Carl & Marilynn Thoma Art Foundation Stipendien und Auszeichnungen für innovative Ideen in verschiedenen Bereichen globaler Kunst. Die einmalige Sammlung digitaler und elektronischer Kunst umfasst mehr als 300 Kunstwerke von 125 Künstler*innen mit Fokus auf kodierter und algorithmischer Software, internetbasierter und generativer Animation, interaktiver Technologie, Videoinstallation und elektronischer Skulptur.

Der Kurator für digitale Kunst der Thoma-Stiftung, Jason Foumberg, führt in einer Video-Tour hinter die Kulissen der Sammlung für digitale und elektronische Kunst der Stiftung und bietet persönliche Anekdoten über die Kunstwerke, die ihn begeistern, darüber, wie die Stiftung entscheidet, welche Kunstwerke gesammelt werden sollen, und einen Blick in den öffentlichen Ausstellungsraum und privaten Kunstlagertresor. Foumbergs üppig bebilderter Vortrag ist rund um das Festivalthema der Ars Electronica 2020 – Autonomie – organisiert und beleuchtet vor allem digitale Künstler*innen, die Technologie nutzen, um die kreative Arbeit zu automatisieren und die Interaktion der Betrachter*innen zu erhöhen.

Claudia Hart’s The Ruins / bitforms gallery, New York (US)

bitforms gallery

Claudia Harts Ausstellung „The Ruins“ arbeitet mit Stillleben, um einen Raum der Kontemplation zu schaffen, in dem über die Kanons der patriarchalischen westlichen Zivilisation nachgedacht wird. Die ausgestellten Werke sind Meditationen und fungieren als Gegenmittel zu einer Welt in der Krise, zum eurozentrischen Weltbild mit der fotografischen Erfassung als Wahrheitsgedanken. In allen Welten Harts ist die Zeit fließend und elastisch, multidirektional und in ständigem Fluss. Obwohl eigentlich nichts geschieht, ist alles veränderlich und beweglich. Dies ist eine andere Vorstellung von Zeit, eine Gegenwart, in der die Betrachter*innen die Kristallisation von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart in ein ewiges Jetzt erleben können.

Mittelpunkt der Ausstellung ist eine audiovisuelle Animation, die durch eine klaustrophobische Spielwelt führt. Die Musik ist von Edmund Campion komponiert und von Gesang und Texten Harts geprägt. Campion hat jede Stimme bearbeitet und gemischt und sie als Instrumente in einem Stück verwendet, das als Soundtrack sowohl für die Animation als auch für die Ausstellung selbst dient. Ebenfalls Teil der Ausstellung ist die Serie The Red Paintings, eine Reihe von drei monumentalen Animationen im Maßstab realer Malerei. Zu sehen in der bitforms gallery vom 10. September bis 25. Oktober.

Pandemic-Pandemonium! / Galeri ODUMIJE, Kennii Ekundayo, Lagos (NG), Foto: Bernard Kalu

Pandemic-Pandemonium!

Kuratiert von Kennii Ekundayo, Galeri ODUMIJE, Lagos

Das Auftreten der Pandemie Anfang des Jahres brachte die globale Ordnung gründlich durcheinander und so gab es durchaus Anlass zu glauben – und zumindest zu hoffen –, dass dieser Augenblick als Ausschlag genutzt würde, Differenzen zu begraben und gemeinsam einen Weg aus der Krise zu finden. Dem war aber nicht so – vielmehr scheint es, die Katastrophe der Pandemie habe zu weiteren Tragödien geführt.

Pandemic-Pandemonium! ist eine zweiteilige Präsentation, in deren Mittelpunkt die kollektive Reaktion der in Afrika lebenden Afrikanerinnen und Afrikaner auf die aktuell vorherrschenden Probleme steht, die die Menschheit bedrohen – Rassendiskriminierung, Gewalt gegen Frauen und die COVID-19-Pandemie. Während der eine Teil eine Aussage über die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes angesichts eines tödlichen Virus trifft, konzentriert sich der andere Teil auf die Aufwertung melaninreicher Haut inmitten einer damit einhergehenden tödlichen Feindseligkeit. Die Ausstellung ist dem Thema Menschlichkeit gewidmet, einem der Schwerpunkte des diesjährigen Festivals.

Neural Zoo / Sofia Crespo, CADAF Team

CADAF (The Contemporary and Digital Art Fair)

Die Contemporary and Digital Art Fair stellt mit Anne Spalter und Sofia Crespo zwei Künstlerinnen vor, die mit KI-Technologie arbeiten und sich in ihren Werken mit aktuellen sozioökonomischen Themen wie COVID19 und ökologischer Unsicherheit auseinandersetzen. Die Künstlerinnen laden die Betrachter*innen ein, in neue Welten einzutauchen, in denen Schönheit und Technologie aufeinanderprallen und Fragen der menschlichen Perspektive, des Bewusstseins und der Bewahrung aufwerfen.

„Artificial Seascapes“ reflektiert die Auswirkungen von Mensch und Technik auf die Umwelt und erforscht neue Wege, diese zu visualisieren. Indem Spalter und Crespo KI, algorithmische Werkzeuge und Datenverarbeitung in ihre Praxis einbeziehen, ermöglichen sie uns, alltägliche Ereignisse aus der Perspektive einer Maschine zu sehen. Durch die Verschiebung des Brennpunktes beginnen Szenen, die dem menschlichen Auge vertraut sind – wie Bilder von Kreuzfahrtschiffen oder Meeresbewohnern – sich zu verändern, was zu beispiellosen Kompositionen führt.

What are we made of / Art Collection Deutsche Telekom, photo: Gregor Schuster

Deutsche Telekom AG

Auch wenn ein 3D-Rundgang durch eine Ausstellung die sinnliche Präsenz und ästhetische Kraft von Kunstwerken nicht 1:1 vermitteln kann, so kann er dennoch als gute Dokumentation und zusätzliche Plattform dienen. Bei dieser 3D-Tour sind zwei Rundgänge zu sehen:

„Keeping the Balance“ ist die aktuelle Ausstellung der Kunstsammlung Deutsche Telekom im Ludwig Museum in Budapest. Sie läuft vom 4. September bis zum 22. November und präsentiert das Werk von fast vierzig osteuropäischen Künstlern. „30 Years After“ im Carré d’Art – Musée d’Art Contemporain in Nîmes, fand im Rahmen von Recontres d’Arles Fotografie vom 11. Juni bis 10. November 2019 statt. Die Ausstellung präsentierte Fotoarbeiten aus der Sammlung und gab dem internationalen Publikum der Rencontres einen Einblick in die aufkeimende osteuropäische Kunstszene.

Adversarial Infrastructures / Anna Engelhardt (RU)

Garage Museum of Contemporary Art

Das Programm Garage Digital versammelt Künstler*innen und Kollektive, die Netzwerke, Infrastrukturen, Ökologien und Algorithmen neu denken und reflektieren. In ihren Arbeiten fragen sie nach möglichen Taktiken und Strategien, Gemeinschaften, Rationalitäts- und Produktionsweisen neu zu denken – raffiniert und poetisch.

„Adversarial Infrastructure” von Anna Engelhardt ist ein künstlerisches Forschungsprojekt, das die Modi der Wahrheitsproduktion in der Politik anhand der Prinzipien des kontradiktorischen maschinellen Lernens untersucht und die Deepfake-Technologie als ethische Strategie in bestimmten Kontexten neu überdenkt.

FallingUp / re.riddle, California, San Francisco (US), credit: Versia Harris

re.riddle, California, San Francisco

Das vergangene halbe Jahr war eine Zeit turbulenter Unsicherheit – Unruhen und Rassenspannungen, politische Rhetorik voller Demagogie, eine globale Pandemie führen zu einer Neubetrachtung früherer und gegenwärtiger Realitäten. Ausgehend von diesem gegenwärtigen Augenblick will Falling Up den Begriff des Kunstgriffs, seine Natur und sein Verhalten erforschen. Wie könnte uns die Idee der Künstlichkeit eine Möglichkeit bieten, die Paradoxien oder die Dialektik der multiplen Realitäten zu erfassen? Anstatt Künstlichkeit als bloß unauthentisch oder „unecht“ zu definieren, betrachtet diese Ausstellung die Poesie zu ihrer Fiktion und wie sie so weit gehen könnte, die heutige Realität zu retten.

Mehr zum Ars Electronica Festival könnt ihr auf dieser Website nachlesen, außerdem haben wir unter dem Motto „Inside Festival“ jede Woche spannende, neue Videobeiträge aus aller Welt für euch und auch auf unseren Social Media Kanälen geben wir laufend Ausblicke und Einblicke, was euch heuer erwarten wird.