Wie leitet man eine Organisation wie die Ars Electronica?

Diese Frage stellen sich die Teilnehmer*innen eines neuen Trainingsprogramms für Kulturproduzent*innen, das Einblicke in die Arbeitsweise der Ars Electronica gibt.

| | |

Maaya Makino ist die erste Teilnehmerin des „Program for Next Cultural Producer Incubation Project“. Dieses ganz besondere Residency-Programm, für das man sich ab sofort und noch bis 4. Jänner bewerben kann, wurde im vergangenen Jahr das erste Mal von Ars Electronica gemeinsam mit der Agentur für kulturelle Angelegenheiten der japanischen Regierung initiiert. Im Unterschied zu vielen anderen Residencies zielt es nicht auf Künstler*innen, sondern explizit auf Kulturproduzent*innen ab. Während eines sechsmonatigen Aufenthalts in Linz, einer Residency, haben die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, mehrere Bereiche der Ars Electronica zu erleben und auch selbst aktiv an der Gestaltung mitzuwirken.

Es ist daher weit mehr als nur ein Blick hinter die Kulissen von Organisation, Forschung und Produktion – hier werden Kompetenzen für die nächste Generation von Kurator*innen und Kulturproduzent*innen vermittelt. Die Ars Electronica eignet sich insofern gut dafür, weil sie ein eigenes Ökoystem darstellt, das an der Schnittstelle von Kultur, Technologie, Gesellschaft, Bildung und Wissenschaft agiert. Vorangegangen ist dem Projekt die Frage: Wie können wir „Next Cultural Producers“ heranbilden, die in der Lage sind, bestehende Rahmen zu überschreiten, Menschen zur Diskussion anzuregen und mit Visionen neue Rahmen zu schaffen? Bei Exkursen in die Bereiche Prix, Futurelab, Center und Festival der Ars Electronica steht das Ausprobieren neuer Konzepte der interdisziplinären Zusammenarbeit im Vordergrund. Bewerben können sich Kurator*innen, Künstler*innen und Student*innen, die bereits erste Erfahrungen als Kulturproduzent*innen gesammelt haben sowie die japanische Staatsbürgerschaft (oder Daueraufenthaltsstatus in Japan) besitzen und gute Englischkenntnisse besitzen.

Wie so ein Aufenthalt aussehen kann, mit welchen Fragestellungen sie an die Ars Electronica herangegangen ist und wie diese sechs Monate in Linz nicht nur ihre professionelle, sondern auch ihre persönliche Entwicklung geprägt haben, hören wir uns am besten von der ersten Absolventin selbst an. Wir haben Maaya Makino getroffen, und sie hat uns erzählt, wie sie das Next Cultural Producer Incubation Project erlebt hat.

Zunächst möchte ich ein wenig über deinen Hintergrund erfahren: Woher kommst du? Was hast du studiert, welche Fächer und wie hast du von dem Programm erfahren?

Maaya Makino: Ich habe einen Hintergrund in Soziologie und Anthropologie. Jetzt mache ich mein Doktoratsstudium an der Universität von Tokio. Der erste Kontakt mit Ars Electronica war vor drei Jahren, als ich mit Yoko Shimizu, Forscherin und Künstlerin im Ars Electronica Futurelab, in Kontakt kam. Sie hielt einen Vortrag an meiner Universität, war damals aber noch nicht Mitglied des Futurelab. Trotzdem hat sie mich in die Welt der Medienkunst eingeführt und mir den Creative Director und die Organisation Ars Electronica vorgestellt. Ich war sehr interessiert, weil sie mir erklärte, dass es bei Ars Electronica nicht nur um Kunst geht, sondern dass es auch eine Organisation mit Bezug zur Gesellschaft ist. Danach habe ich ein Praktikum beim Matsudo International Science Art Festival gemacht. Es ist ein von der Stadt Matsudo initiiertes Kunstfestival, bei demArs Electronica der Hauptkurator war. Damals habe ich andere Künstler*innen und Regisseur*innen von Ars Electronica getroffen und mit ihnen gesprochen, wodurch mein Interesse an Ars Electronica noch größer wurde.

Letztes Jahr hat die Agentur für kulturelle Angelegenheiten der japanischen Regierung dieses Programm ins Leben gerufen und ich habe von der Ausschreibung und der Möglichkeit, bei Ars Electronica zu arbeiten, gehört, also habe ich mich beworben und jetzt bin ich hier :)

Und wie war es, wie war deine Erfahrung mit dem Programm?

Maaya Makino: Nun, zunächst einmal habe ich diese Tage wirklich genossen. Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst vor all den neuen Dingen. Es ist auch das erste Mal, dass ich in einem fremden Land lebe. Ich war zwar schon einmal in Deutschland, aber nur für zwei Wochen – das ist nicht dasselbe wie hier zu leben.

Neue Länder, neue Kulturen, und es ist auch das erste Mal, dass ich in einem internationalen Unternehmen arbeite. Das bedeutet, dass ich an meinem Arbeitsplatz täglich Englisch benutze – alles ist also neu für mich. Und dieses Programm nimmt nur eine Person auf, was bedeutet, dass ich allein hierher gekommen bin. Ich kannte zwar schon Emiko Ogawa und einige Japaner*innen hier, aber trotzdem fühlte ich mich ein wenig unsicher.

Wie war dein erster Tag?

Maaya Makino: Zuerst musste ich in Quarantäne gehen, weil Österreich zu dieser Zeit im Lockdown war. Ich blieb also zehn Tage lang im Haus und hatte Online-Meetings mit Emiko, der Programmverantwortlichen von Ars Electronica, und sah mir viele Home Delivery Sessions und die Inhalte der Gewinner*innen des Prix Ars Electronica an.

Ja, die 10 Tage vergingen sehr schnell. Ende Mai besuchte ich zum ersten Mal das Büro und ich erinnere mich, dass viele Leute im Büro sehr aufgeschlossen waren und mich willkommen hießen. Ich habe hauptsächlich im Festivalteam gearbeitet und das Garden Management und das Projektmanagement für Teile des Online-Festivals übernommen, aber gleichzeitig war ich auch in anderen Abteilungen wie Center und Futurelab tätig und habe auch Solutions besucht.

Der Zweck dieses Praktikums ist es also, die Organisation Ars Electronica zu verstehen. Zu diesem Zweck habe ich viele Leute getroffen und einige Sitzungen mit ihnen abgehalten. Ich wurde fast allen Mitgliedern des Organisationsteams vorgestellt und habe ihnen Fragen gestellt wie „Was machst du hier und warum arbeitest du für Ars Electronica? Nicht als Museum oder als Kunstinstitution, sondern warum haben Sie sich für Ars Electronica entschieden?“ Ich habe versucht zu verstehen, was für Leute hier arbeiten, wie sie diese Organisation managen und wie sie innerhalb und außerhalb des Teams kommunizieren.

Was war das Ergebnis?

Maaya Makino: Das Ergebnis ist, dass fast alle die Kernphilosophie von Ars Electronica verinnerlicht haben. Ich war wirklich überrascht, weil ich herausgefunden habe, dass die Persönlichkeiten in den einzelnen Abteilungen sehr unterschiedlich sind, aber wenn ich über philosophische Themen oder die Denkweise von Ars Electronica gesprochen habe, haben viele das Dreieck von Kunst, Technologie und Gesellschaft erwähnt.

Auf der anderen Seite wollte ich aus der Sicht einer Wissenschaftlerin mehr über Ars Electronica und die Verbindung mit der Stadt Linz herausfinden. Meine erste Frage war, wie Ars Electronica die Kultur der Stadt Linz seit mehr als 40 Jahren kultiviert hat? Ich wusste bereits, dass Linz in den 1970er Jahren, als Ars Electronica gegründet wurde, nicht so „cool“, sozusagen nicht so berühmt und nicht so touristisch war. Ich wollte herausfinden, wie Linz zu einer Stadt der Medienkunst wurde und welche Beziehung zwischen der Stadt und dieser Organisation besteht.

Und der zweite Punkt ist mehr auf praktische Aspekte ausgerichtet: Wie kann eine solche Organisation geführt werden? Mein persönliches Ziel ist es nicht, eine Professorin zu werden, sondern selbst eine Produzentin zu werden. Und ich möchte das Management und die Kuratierung eines Kunstfestivals selbst in die Hand nehmen. Zumindest in Japan gibt es Aspekte wie die Finanzierung und die Zusammenarbeit mit Partnern, die es besonders schwierig machen, ein Kunstfestival zu managen. Daher wollte ich wissen, wie Ars Electronica mit verschiedenen Partnern zusammenarbeitet und wie es gemanagt wird.

Das ist sehr interessant zu hören. Du hast erwähnt, dass du auch mit und für das Ars Electronica Center oder das Futurelab gearbeitet hast. Kannst du mir ein bisschen mehr darüber erzählen?

Maaya Makino: Im Futurelab hatte ich monatliche Mentoring-Sitzungen mit meiner Mentorin Maria Pfeifer. Ich habe sie getroffen und alles gefragt, was ich damals wissen wollte. Außerdem habe ich zusammen mit Yoko Shimizu das Projektmanagement für das Matsudo International Science Festival übernommen. Und ich habe auch selbst einen Future Matters Workshop durchgeführt, der Teil des Home Delivey Services-Angebots ist. In diesem Workshop, bei dem das spielerische und kreative Experimentieren mit programmierbaren Materialien sowie der Diskurs und die Reflexion über Materialien der Zukunft auf dem Programm stehen, werden die Schüler*innen zu Materialforscher*innen und Erfinder*innen.

Future Matters Workshop, credit: Nasushiobara city board of Education

Zusätzlich zu diesem Workshop habe ich auch meinen eigenen Workshop entwickelt. Er heißt „Picture Commons“ Workshop. Wie ich schon sagte, interessiere ich mich für die lokale Community und die Menschen hier. Deshalb habe ich mit dem Citizen Lab im Ars Electronica Center zusammengearbeitet. In dem Workshop haben wir Fotos von öffentlichen Räumen in der Stadt Linz gemacht und die Zukunft von Linz Commons „gemalt“. Dieser Workshop fand im Rahmen eines Themenwochenendes im Center statt.

Picture Commons Workshop, credit: Emiko Ogawa / Ars Electronica

Gab es auch Herausforderungen oder Dinge, die du beim nächsten Mal anders machen würdest oder die auch das Programm vielleicht anders machen sollte?

Maaya Makino: Ich bin die erste Teilnehmerin dieser Residency. Deshalb hat sich das Programm in diesem Jahr an meine Interessen angepasst, aber ich denke, dass dieses Programm je nach den Interessen der Teilnehmer*innen angepasst werden kann. Ich war zum Beispiel sehr an den sozialen Aspekten der Ars Electronica interessiert, also hat Emiko, meine Mentorin, meinen Zeitplan entsprechend gestaltet. Wenn man sich aber mehr für den, sagen wir, technologischen Aspekt interessiert, kann man zum Beispiel an mehr Projekten im Futurelab teilnehmen.

Zusammenfassend: Was war für dich persönlich das wichtigste Ergebnis dieses Programms?

Maaya Makino: Nun, zunächst einmal habe ich mich in diesen paar Monaten sehr verändert. Am Anfang habe ich mich unwohl gefühlt, weil die japanische Kultur ganz anders ist als hier – der Kommunikations- und Arbeitsstil ist ganz anders. Und ich glaube, ich war anfangs schüchtern, und auch wenn ich gerne mit Menschen spreche, wusste ich einfach nicht, wie und in welchem Umfang. Aber allmählich habe ich das Gefühl hier verstanden und ich konnte mich wirklich in das Team einbringen. Nicht als Gast, sondern als Mitglied, vor allem im Festivalteam. Ich habe das Garden Management für das Festival gemacht, das heißt, ich habe mit super internationalen Partnern aus Afrika, Indien, Asien, Europa und dem Nahen Osten gearbeitet. Und ich habe durch dieses Projektmanagement auch viel über kulturelle Unterschiede gelernt. Ich habe gelernt, wie ich mich auf verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen einstellen kann.

Ich denke, das wichtigste Ergebnis ist ganz einfach. Eigentlich habe ich hier viele Techniken und Tipps gelernt, aber was ich am eindrucksvollsten erkannt habe, ist, dass Vertrauen das Wichtigste ist, um diese Art von Organisation zu managen.

“Vertrauen ist das Wichtigste, um diese Art von Organisation zu managen.”

Vertrauen zwischen allen Teammitgliedern und auch Vertrauen mit den externen Partnern. Wenn ich im Festivalteam mit Partnern zu tun hatte, sagten sie: „Okay, wir können das machen, weil wir eine Partnerschaft haben“ oder „Okay, ich kann das machen, weil du Ars Electronica bist“. Und ich habe verstanden, dass Ars Electronica seit 40 Jahren Vertrauen aufgebaut hat und dass die Mitglieder hier immer noch versuchen, diese Art von Vertrauen in ihren Partnerschaften zu erhalten und zu entwickeln. Das ist ein sehr einfaches Ergebnis, aber für mich ist es sehr wichtig.

Sehr spannend! Und auch das, was du über das Kennenlernen der Arbeitskultur und die Art der Kommunikation gesagt hast… Ich denke, wenn man lernt, wie man sich an ein Land und ein Unternehmen anpasst, dann kann man das in einem anderen Land oder anderswo leicht wiederholen, weil man gelernt hat, wie man es macht.

Maaya Makino: Während der Festivalproduktion konnte ich natürlich nicht jeden verstehen, aber zumindest habe ich verstanden, dass meine Perspektive und meine Art zu denken nur ein Aspekt ist. Die Unterschiede im Denken sind ganz natürlich. Wie kann ich also diese Kluft verringern? Ich habe also meine Denkweise geändert und ich denke, dass ich aus dieser Erfahrung viel Selbstvertrauen gewonnen habe.


Mehr Informationen über das Programm für das Next Cultural Incubators Project bekommt ihr in unserer Home Delivery Session (in japanischer Sprache). Hier findest du alle Details, wie du deine Bewerbung einreichen kannst.

Geboren in Hyogo, 1996. Doktorandin am Integrated Human Sciences Program for Cultural Diversity an der Universität Tokio. Sie hat sich mit kreativer Stadtplanung, zukünftigen Gemeingütern und kommunalen Kunstprojekten aus soziologischer und anthropologischer Sicht beschäftigt. Ihre Masterarbeit über das Kunstprojekt in Fukushima nach dem Atomkraftwerksunfall wurde im Rahmen des Programms mit einem Preis ausgezeichnet. Ihre Interessen im Bereich der künstlerischen Leitung und der Produktion von Inhalten sind breit gefächert. Im Jahr 2020 absolvierte sie ein Praktikum bei einem japanischen Unterhaltungsunternehmen und arbeitete an einem Virtual-Reality-Spielprojekt mit. Sie begeistert sich sehr für das Kulturmanagement in der Stadt der Zukunft.