Tools to Confront Unbalanced Realities

Welche Rechte hast du an deinem Wohnsitz? Der Künstler Irakli Sabekia setzt sich in seiner Arbeit mit dem räumlichen und sozialen Gedächtnis von Menschen auseinander, die gewaltsam vertrieben wurden.

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Irakli Sabeikia, 2022 Artist in Resident des von der Art Collection Deutsche Telekom geförderten ArtScience-Programms, arbeitet derzeit an einem Online-Tool, einer webbasierten Plattform und einer App, die uns mit unausgewogenen Realitäten auseinandersetzen lässt. Das Archive of Spatial Knowledge ist eine experimentelle digitale Plattform. Es sammelt räumliche und soziale Erinnerungen von Menschen, die gewaltsam vertrieben oder deren räumliche Rechte an den Orten ihres Wohnsitzes verweigert wurden. Das Archiv ermöglicht es den Teilnehmer:innen, ihre Erinnerungen mit physischen Orten auf virtueller Ebene zu verknüpfen. Gleichzeitig können die Betrachter:innen die Plattform nutzen, um auf das gelöschte Wissen zuzugreifen und so unsichtbare Geschichten und die Realität physischer Räume nebeneinander zu stellen. Die erste Ausgabe des Archivs befasst sich mit Fragen der räumlichen Gerechtigkeit in und um die von Russland besetzten Regionen Georgiens.

Laura Welzenbach, Head of Ars Electronica Export, traf Irakli Sabekia zum Interview, um mit ihm über den aktuellen Stand seines Projekts und seine Forschungsreise nach Georgien zu sprechen. Im folgenden Video erfahren Sie mehr über Iraklis künstlerische Praxis, bevor Sie in das Interview eintauchen können.

Laura Welzenbach: Irakli, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Zu Beginn möchte ich dich fragen, was dein ganz persönlicher Zugang zu diesem Projekt Archive of Spatial Knowledge ist? Warum ist es dir wichtig?

Irakli Sabekia: In meiner Arbeit geht es oft um Ereignisse, die in einer Form unausgewogen sind. Dinge, die ich nur schwer akzeptieren oder mit denen ich mich nicht abfinden kann. Meine Projekte sind die Werkzeuge, die ich schaffe, um mich mit diesen Realitäten zu konfrontieren und auseinanderzusetzen. Archive of Spatial Knowledge ist ein Versuch, sich gegen die Kräfte der räumlichen Hegemonie zu wehren. Die Arbeit hat ihre Wurzeln in den besetzten Gebieten Georgiens, richtet ihren Blick aber auch auf andere Orte in der Welt, wo Raum unterdrückt und manipuliert wird, um fabrizierte Erzählungen durchzusetzen und alles andere zu unterdrücken oder auszulöschen.Laura Welzenbach: Im Rahmen der Residency reist du für deine Recherchen an verschiedene Orte. Zurzeit bist du in Georgien. Was war dein Ziel für diesen Teil der Forschungsreise?

Irakli Sabekia: Die Arbeit vor Ort war von Anfang an ein wichtiger Bestandteil dieses Projekts und ist generell wichtig für meine Praxis. In diesem Fall treffe ich mich mit den potenziellen Mitwirkenden des Archivs und stelle ihnen das Projekt vor. Wenn gegenseitiges Interesse besteht, gehen wir weiter und planen Gespräche, entweder persönlich oder per E-Mail oder Video Call. Neben dem Sammeln des Materials hilft mir dieser Prozess bei den wichtigen Entscheidungen über die Struktur und die Präsentation des Archivs.

Laura Welzenbach:
Wir wissen, dass die Geschichten, die du für dieses Projekt sammelst, sehr persönlich und möglicherweise auch schmerzhaft sind. Wie gehst du damit um und was war das Unerwartete beim Sammeln der Geschichten?

Irakli Sabekia:
Das Unerwartete liegt in den Geschichten selbst. Das ist auch der Grund, warum ich die Mitwirkenden persönlich kennen gelernt habe. Ich war überrascht, junge Menschen zu finden, die sich dafür einsetzen, das ererbte Trauma zu überdenken; die bereit sind, die von den im Konflikt beteiligten Parteien gesetzten narrativen und physischen Grenzen zu überschreiten.

Laura Welzenbach: Wie geht es mit diesen Geschichten weiter? Nach welchen Kriterien kuratierst du sie?

Irakli Sabekia:
Ich suche nach authentischen Stimmen und versuche, Erzählungen zu vermeiden, die von politischen oder kulturellen Agenden bestimmt sind. Die Tatsache, dass dieses Wissen aus seinem ursprünglichen Raum ausradiert wurde, ist an sich schon eine politische Aussage. Unter den Mitwirkenden befindet sich eine junge Person, die den Raum, den sie beschreibt, nicht aus erster Hand kennt. Sie erwarb ihr Wissen durch die Erinnerung ihrer Eltern. Ein weiteres Beispiel: Mit Erlaubnis der Familie verwenden wir das Tagebuch eines Verstorbenen, um die Erinnerung an seine Heimatstadt zu rekonstruieren. Auf diese Weise erforscht das Archiv auch die verschiedenen Wege, auf denen Erinnerung erworben und weitergegeben wird.

Laura Welzenbach: Wie waren die Reaktionen der Beteiligten, als sie von deinem Projekt und deiner Forschung erfuhren?

Irakli Sabekia: Die Reaktionen auf meine Bitten um Interviews und ein Treffen sind größtenteils positiv und enthusiastisch, auch wenn die Interviews manchmal für beide Seiten recht fordernd sind. Das beweist, dass die räumlichen Anomalien, die für die Auslöschung der Erinnerung verantwortlich sind, eine langanhaltende und tiefe Wirkung auf die Gemeinschaften haben, die sie betreffen. Ich versuche, Gespräche auf einer Ebene zu führen, auf der sie den Menschen, die bereit sind, ihre Erinnerungen beizusteuern, am wenigsten verletzten.

Laura Welzenbach:
Die digitale Plattform mit diesen Geschichten wird sowohl über eine App als auch über eine Website zugänglich sein. Was ist dein Traum oder Wunsch, was aus dem Archiv eines Tages werden soll?

Irakli Sabekia: In der ersten Ausgabe befasst sich das Archiv mit den komplizierten und vielschichtigen Konflikten in der kaukasischen Region. In dieser Sammlung habe ich versucht, Erinnerungen von Einzelpersonen aus verschiedenen Blickwinkeln zusammenzutragen, um Fragmente des räumlichen Wissens zu rekonstruieren, das absichtlich ausgelöscht wird. Dennoch wird das Bild natürlich nie vollständig sein, und viele Stimmen fehlen noch. Ich hoffe, dass das Archiv nach und nach einen Weg finden wird, die Erinnerungen von mehr Menschen in den besetzten Gebieten aufzunehmen, die nur begrenzte Möglichkeiten haben, sich zu erinnern.

Laura Welzenbach: Im Rahmen des Ars Electronica Festivals vom 7. – 11. September wirst du das digitale Archiv als physische Kunstinstallation zeigen. Was wird die Besucher:innen des Festivals erwarten?

Irakli Sabekia:
Die Bindung von Erinnerungen an bestimmte geografische Orte, in einer Dimension, die vor repressiven Kräften geschützt ist, ist die wichtigste Geste in der Arbeit. Daher kann das Projekt nur an den Orten, an denen die Geschichten verankert sind, vollständig erlebt werden. Die Anwesenheit an diesen Orten ermöglicht es den Betrachter:innen, eine Gegenüberstellung von Erinnerung und Realität vorzunehmen. Auf dem Festival werden die Besucher:innen mit der bisherigen Arbeit am Archiv vertraut gemacht. Durch die Installation wird das Archiv seine Geschichten im Ausstellungsraum entfalten und die Betrachter:innen dazu einladen, sie in einer sicheren Umgebung zu erkunden.

Laura Welzenbach: Irakli, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast. Wir freuen uns schon sehr darauf, deine Installation beim Festival zu sehen.

Irakli SabekiaIrakli Sabekia ist ein georgischer Designer und artistic Researcher mit Sitz in Amsterdam. Er ist Absolvent der Design Academy Eindhoven und hat ebenso Naturwissenschaften und visueller Kommunikation studiert. In seiner Arbeit erforscht er die Position des Menschen im Verhältnis zu künstlichen und natürlichen Systemen. Indem er sich mit Politik, Gesellschaft und Technologie auseinandersetzt, will er Freiräume für alternative Erzählungen und die Neubewertung bestehender Strukturen schaffen. Mit einer Mischung aus künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden baut er Installationen, räumliche Interventionen und interaktive Erfahrungen, um mit den Betrachter:innen in einen Dialog zu treten und einen vielschichtigen Einblick in die von ihm behandelten Themen zu ermöglichen.

Laura WelzenbachLaura Welzenbach produziert und gestaltet Projekte in den Bereichen Kunst, Technologie und Politik. Als Leiterin von Ars Electronica Export schafft Laura Erlebnisräume mittels der Zusammenführung von Kunst und Wissenschaft. Die internationalen Kollaborationen nehmen durch Ausstellungen, Workshops und Kunst-Wissenschafts-Residenzen Gestalt an. In der Vergangenheit leitete sie das Artist Residency Programm bei Eyebeam in New York (2014-2017) und war Executive Manager des sound:frame Festivals in Wien (2010-2013).
photo: theresa wey

Dieses Kunstwerk entstand im Rahmen der ArtScience Residency, ermöglicht durch die Partnerschaft der Ars Electronica und der Deutschen Telekom und mit Unterstützung des Sustainable AI Lab der Universität Bonn.