Von Schwarzen Schwänen …

… oder pinken Tauben? Der Kunstunicampus zum Ars Electronica Festival versucht das scheinbar Unmögliche zu denken, das Undenkbare zu visionieren. Vor allem sollen Bilder und Metaphern ermöglicht werden, die eine Gestaltungskraft in sich tragen und uns inspirieren, uns selbst ein Bild unserer Welt zu machen.

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Sieben Abteilungen von drei verschiedenen Instituten der Kunstuniversität Linz präsentieren von 6.-11. September ihre neusten Arbeiten, während weitere 24 Universitäten und Bildungseinrichtungen sich in den Räumlichkeiten der Kunstuniversität Linz tummeln und der Kunstunicampus somit zum großen Ars Electronica Festival Campus mutiert. Mehr zu den verschiedenen Ausstellungen und internationalen Gästen findet sich bald unter den Highlights der Website zum Ars Electronica Festival 2022.

Credits: Michael Burgstaller

Wenn ich versuche, ein Bild für unsere Welt zu finden, scheitere ich an der Realität. Es liegt jedoch nicht am Fehlen der Bilder, denn sie ummassen uns, umgeben uns mit einer Eindringlichkeit und bilden nicht nur unsere Realität ab, sondern bebildern auch noch unsere scheinbaren Wünsche. Ein Entkommen vordefinierender und vordefinierter Bildwelten scheint unmöglich und es ist schwierig, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen.
Die Notwendigkeit, dass wir unsere Welt anders sehen, neu denken können, heißt auch, dass wir nicht nur Bilder beiseitedrängen müssen, die unserer Auffassung einer weltgestaltenden Kraft nicht entsprechen, sondern, dass wir versuchen müssen, das Unmögliche zu denken. Wie ist es jedoch möglich, das Unmögliche zu denken, das Undenkbare zu visionieren? 

Credit: Tim Alder, Benjamin Herrmann, Digital Trace

Von Schwarzen Schwänen … ist der diesjährige Titel der Beiträge des Kunstunicampus zum Ars Electronica Festival 2022. Schwarze Schwäne sind eine Metapher, die vor allem im Plural auf unterschiedliche Undenkbarkeiten anspielt, die ineinander verschränkt sind und aufeinander folgend Hinweise auf etwas geben, worauf wir nicht vorbereitet sind. Der schwarze Schwan, angeblich entdeckt von einem niederländischen Forscherpaar in Australien und bekannt als Trauerschwan, stellt wegen seiner weltweit geringen Anzahl eine Ausnahmeerscheinung dar. Lange war es undenkbar, dass Schwäne überhaupt schwarz sein können, genauso wie wir heute kaum wissen, ob es pinke Tauben gibt[i]. Es gibt sie jedoch, die scheinbar undenkbaren Momente und Erscheinungen und der schon viel zu lange nicht unter Kontrolle bringende SARS-CoV-2 Virus ist wahrscheinlich einer davon. Doch lange bevor die Welt die neuartige Erkrankung erkannte und definierte, war die Black Swan Metapher von Finanzökonom*innen und Krisenmanager*innen bereits in aller Munde. Finanzkrise und Risikomanagement, Vermögensaufbau und Profitdenken einer neoliberalen Gesellschaft haben die Metapher des Black Swan umarmt und fieberhaft erstarrte die Umarmung als Symbol für Angst vor Verlust aufgrund von Unberechenbarkeiten und der schieren Unmöglichkeit von Prognosen – sei es bei COVID-19, Kriegen oder Klimakrise. 

Credit: Clarissa Cohausz, mirror phase

Wenn wir an der Kunstuniversität Linz Von Schwarzen Schwänen… sprechen – die Verwendung der deutschen Sprache und die drei Auslassungspunkte inkludierend – versuchen wir ein Gedankenexperiment, versuchen wir das Unmöglichen mit größtmöglicher Offenheit zu visionieren. Unser Anliegen ist mutig, anstößig und selbstbestimmt. Es soll andere Menschen dazu inspirieren, dasselbe zu tun. Die Metapher der schwarzen Schwäne steht für ein offenes und angstbefreites Denkbild, steht für Zusammenarbeit und Zusammenhalt, für ein gemeinsames Hinterfragen von aktuellen Bildern unserer Welt, welches jede Art von Minderheit miteinschließt und sensibel auf diskriminierende Weltanschauungen reagiert. Dass dieses gemeinsame Visionieren des Undenkbaren besonders von jungen Menschen am Kunstunicampus zum Ars Electronica Festival ausgeht, ist kein Zufall. Dass im Besonderen der Kunstunicampus aufgrund der erstmaligen Beteiligung von fast zwei Dutzend Universitäten und Bildungseinrichtungen zu einem internationalen Campus unter dem Motto des Visionierens des Undenkbaren anwächst, ist etwas ganz Besonderes. Und ganz im Sinne von Hannah Arendt soll gesagt sein, dass Kunstschaffende ganz auf ihre Weise an die Welt glauben und die weltgestaltende Kraft der Bilder verstehen, denn „sie können sich Weltentfremdung nicht leisten“.

Dieses Spiel mit Bildern und Metaphern ist im Besonderen auch als Keyvisual der CI zum diesjährigen Kunstunicampus erkennbar. Es ist ein Spiel mit Dimensionen, wenn aus einem zweidimensionalen Blatt Papier ein dreidimensionaler Schwan gefaltet wird, der aber im selben Moment auseinanderfällt und nur in Einzelteilen erkennbar wird, sobald ein gewisser Standpunkt verlassen wird. Der Schwan ist dann nur mehr Erinnerung. Erinnerung an etwas, was wir nicht mal erahnen können.

Credits: Libermoor/ Kunstuniversität Linz

Von schwarzen Schwänen… oder pinken, ob gefaltet oder in Einzelteilen, ob erkennbar oder nicht, werden wir sprechen. Und wir werden versuchen andere Bilder und Metaphern zu schaffen, die über unsere Welt erzählen. Denn:

„In der Übertragung, in der sinnlichen Qualität der Metapher, anders gesagt: in der ‚Verwendung von Beseeltem für Unbeseeltes‘ (Aristoteles), werde die (totalitäre Gefahr) der Loslösung des Denkens von Wirklichkeit und Erfahrung rückgängig gemacht.“

Marie Luise Knott    

Manuela Naveau Manuela Naveau, Initiatorin und Kuratorin des Campus der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz @ Ars Electronica Festival und Professorin für Critical Data an der Abteilung Interface Cultures der Campus der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz.

Ich möchte mich hier sehr herzlich für das Gespräch mit Kolleg*innen und PhD-Studierenden und vor allem bei Yann Patrick Martins bedanken, der mir diesen wunderbaren Hinweis gab:

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