Baumkronengespräche: (Augen)höhe neu interpretiert

Ein Gemeinsam finden durch eine neue Perspektive? Mit den Baumkronengesprächen wird während dem Ars Electronica Festival eine Begegnungszone der anderen Art geschaffen.

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Außergewöhnliche Herausforderungen erfordern außergewöhnliche Situationen. Der Kernpunkt, dem sich das Ars Electronica Festival 2022 annimmt, ist die Widersprüchlichkeit, die man momentan in vielen Aspekten des Alltags erlebt. So findet sich diese Widersprüchlichkeit auch auf dem Arbeitsmarkt, wo verfügbare Plätze und Ansprüche der Arbeitnehmer*innen aufeinanderprallen. Einen Versuch, diese scheinbar immer größer werdende Kluft zu überbrücken – oder vielleicht bessergesagt: sich über die Kluft zu erheben –, sind die Baumkronengespräche.

Dieses Projekt, gemeinsam mit der Firma Teufelberger entwickelt, soll eine spektakuläre Begegnungszone auf einer 250 Jahre alten und 40 Meter hohen Platane am Campus der JKU schaffen, wo man sich einander zuwendet. Und wer weiß, vielleicht findet durch Gespräche auf Augenhöhe sogar der eine oder andere einen (neuen) Arbeitsplatz. Für alle Besucher*innen lädt das Projekt jedenfalls zum gemeinsamen Erleben und Visionieren ein. Martin Honzik, Managing Director des Ars Electronica Festivals und CCO der Ars Electronica, erzählt uns mehr über dieses ungewöhnliche Projekt, das einen Fokus auf die Wichtigkeit sinnstiftender Begegnungen in Krisenzeiten legt.

Credits: Andreas Kolb

Welche Entstehungsgeschichte und Grundidee stecken hinter dem Projekt?

Martin Honzik: Wir stellen uns selbst dieses Jahr stark auf den Prüfstand und spielen quasi aus eigener Sicht bei dem Spiel mit, welche Rolle man auf einem Planeten B einnehmen würde. Das heißt, wir fragen uns, wie sich ein Festival in dieser Größe und mit internationaler Ausrichtung gegenwärtig und zukünftig rechtfertigen wird können. Dabei geht es viel um Nachhaltigkeit im weiteren Sinne. Einerseits im Sinne des ökologischen Fußabdrucks, der von einem Festival in dieser Dimension beträchtlich ist. Aber speziell in diesem Kontext stellen wir uns auch die Frage, welche Rolle die Programmgestaltung des Festivals einnehmen kann und welche Angebote an die Gesellschaft im Zuge dessen gestaltbar sind.

Zusammen mit Teufelberger haben wir ein Projekt entwickelt, das sich in seiner Natur genau an diesen Richtlinien ausgerichtet und daran orientiert entwickelt hat. In einer ersten Kooperation zwischen zwei Partnern müssen die gegenseitigen Möglichkeiten und Bedürfnisse gut abgestimmt sein. Im Grunde war der Beginn dieser Zusammenarbeit die schlichte Begeisterung gegenüber der Vielfältigkeit des Sortiments von Teufelberger. Darauf folgte dann die rasche Erkenntnis, dass es Weltmeisterschaften im Baumkraxeln gibt, dass Teufelberger hier weltweit Ausstatter ist und dieses Know-how zur Verfügung stünde. In den Gesprächen mit dem Unternehmen ging es inhaltlich viel um unsere bizarre Gegenwart, um die vielen Aspekte, die gerade gesellschaftlich eher trennend als einigend sind, um die Widersprüchlichkeit unserer Zeit und in diesem Zusammenhang auch darum, dass Teil dieser Widersprüchlichkeit auch die eigenartige Situation am Arbeitsmarkt ist. Hier mangelt es nicht an Angeboten und ebenfalls nicht an Arbeitssuchenden, trotzdem findet man immer weniger zueinander. Diese beiden großen Aspekte, also eines der Kerngeschäfte von Teufelberger zusammen mit dem Thema der sich tendenziell eher trennenden Gesellschaft, gab dem gemeinsamen Projekt dann auch schnell Sinn und Arbeitstitel. Es geht darum, qualitative, alternative und aufregende Begegnungen beim Festival zu offerieren.

„Wir wollen dieses Kulturevent als geschützte Zone gestalten, in der Widersprüchlichkeit in ganz speziellen Begegnungen erforscht und erprobt werden kann.“

Credits: Robert Bauernhansl

Das hört sich ja sehr spannend an. Was will man mit den Baumgesprächen konkret erreichen?

Martin Honzik: Im Grunde geht es um das kollektive Erleben, das gemeinsame ‚Überstehen‘ einer Situation, die keine Alltäglichkeit hat. Ebenfalls tritt eine gewisse Exklusivität auf, die jenen geboten wird, die sich als Paar auf den Baum wagen, gemeinsam erleben und sich in dieser speziellen Situation ganz anders kennen lernen. Ganz sicher ist für uns in diesem Projekt auch eine Metapher enthalten, dass Veränderung nur mit eigener aktiver Beteiligung möglich ist und dass die Veränderung der eigenen Haltung oder der eigenen physischen Position zu ganz neuen Perspektiven und Lösungsansätzen führen kann. Einen gemeinsamen Horizont in einer komplexen Zukunft kollektiv erlebbar zu machen, ist im Grunde der Kern der Sache:

„Menschen so in Verbindung miteinander zu bringen, dass die verschiedenen Meinungen und Sichtweisen als Qualität und Wert betrachtet werden, und dass der entstehende Diskurs wieder zum Teil unserer kulturellen Identität und unseres demokratischen Selbstverständnisses wird.“

Credits: Robert Bauernhansl

Wie versucht das Projekt die Kluft, die zwischen Ansprüchen und verfügbaren Plätzen oder einfach zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden besteht, zu überbrücken?

Martin Honzik: Dieser Ansatz entstammt den intensiven Kooperationsgesprächen mit dem AMS und stellt sich als ein Versuch dar. Es ist der Versuch ein Festival, eine Kulturveranstaltung der Medienkunst als öffentlichen Raum anzubieten, in dem wir spezielle Begegnungsorte vorbereiten, an denen sich Fragen und Gespräche ergeben, die außerhalb der Alltäglichkeit des Üblichen liegen und doch aber große Relevanz haben. Wir versuchen sozusagen, durch diese Situation einen gemeinsamen Horizont zu generieren, wo die sich selbst gestellten Fragen über die Zukunft zu allgemein relevanten Fragen werden und sich somit die tradierten Rollenbilder ein Stück weit aufheben und idealerweise eine gewisse Augenhöhe entsteht. Denn der gemeinte Horizont ist eine Zukunft, die durchaus eine gemeinsame ist. Sicher wäre es zu ambitioniert, sich als Ziel des Festivals die Lösung eines über Jahrhunderte angewachsenen Klassenkampfes zu setzten. Sicher ist aber auch, dass ein Festival als Ort einen so unüblichen darstellt, dass wir gespannt sind, zu welchen Ergebnissen die dort entstehenden Gespräche und Begegnungen führen werden.

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Könnten die Baumkronengespräche also auch auf andere Bereiche des Lebens Einfluss nehmen?

Martin Honzik: Würde dies nachweislich passieren, wäre dies fantastisch! Diese Frage bringt uns wieder auf die Grundfrage des Festivals zurück: Welche gesellschaftliche Rolle haben Kultur- und Kunst-Festivals im Jetzt, aber auch in einer Zukunft, die mit immer neuen Herausforderungen aufwarten wird? Welchen Einfluss hat Kunst eigentlich auf andere und deren Leben? Auch hier will die Kunst nicht die Aufgaben und Verantwortungen anderer übernehmen. Sie kann aber, genauso wie das Baumkronen Projekt, einen Raum bieten, den die Besucher*innen betreten können. Es kommt hierbei immer darauf an, dass das Betreten zwanglos passiert, dass sich jene, die eintreten, mit der nötigen Offenheit fortbewegen. Passiert dies, kann so manches einen anderen Lauf nehmen, so manches anders betrachtet sein.

Credits: vog.photo

Inwiefern kann der Ansatz, sich auf Augenhöhe zu begegnen und andere Perspektiven kennenzulernen, helfen, gesellschaftliche Dissonanzen allgemein zu verringern?

Martin Honzik: Die strapazierte ‚Augenhöhe‘ hat sehr viel mit dem Ausgleich und der Nivellierung gesellschaftlicher Rollenbilder zu tun. Eine andere Interpretation von ‚Augenhöhe‘ könnte jedoch sein, sich mit seinem Gegenüber auseinander zu setzen, sich für die Welt des anderen zu interessieren und die Perspektiven anderer als Erweiterung der eigenen zu betrachten. Dadurch könnten Attribute wie Wertschätzung, Solidarität, Loyalität und Respekt wieder mehr in den Vordergrund gesellschaftlicher Werte rücken und ein Stück weit zu einer sozialen Währung werden.

„Welche Methoden auch immer gewählt werden, um die Dimension der Herausforderungen meistern zu können, es wird nur über ein möglichst großes ‚Gemeinsames‘ funktionieren.  Wenn die Kultur oder ein Festival dazu beitragen kann, ist das bereits sehr sinnstiftend und untermauert auch überhaupt die Rolle von Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft.“

Martin Honzik Martin Honzik ist Künstler, CCO und Leiter des Bereichs Festival/Prix/Exhibitions bei Ars Electronica Linz. Er absolvierte das Studium für visuelle, experimentelle Gestaltung an der Kunstuniversität Linz (Abschluss 2001) wie auch den Master Lehrgang für Kultur- und Medienmanagement der Johannes Kepler Universität Linz und ICCM Salzburg (Abschluss 2003). Neben der Realisierung zahlreicher Kunstprojekte als freischaufelnder Künstler war er von 1998 bis 2001 Teil des Produktionsteams im OK Offenes Kulturhaus im OÖ Kulturquartier und wechselte 2001 zum Ars Electronica Future Lab, wo er bis 2005 in den Bereichen Ausstellungsdesign, Kunst am Bau, Interfacedesign, Eventdesign und Projektmanagement tätig war. Seit 2006 ist Martin Honzik Managing Direktor des Ars Electronica Festivals, des Prix Ars Electronica wie auch der Ars Electronica Center Ausstellungen und der internationalen Ausstellungsprojekte der Ars Electronica. Dazu repräsentiert er seit 2021 als Chief Curatorial Officer das Unternehmen. 

Die Baumkronengespräche sind Teil des Programms des Ars Electronica Festival 2022. Details finden sich bald online.