Manuela Macedonia: Zehn Jahre „Gehirn für alle“ in besonderen Zeiten

Was hat Sport mit dem Gehirn zu tun und wieviel Prozent unseres Gehirns verwenden wir wirklich? Diesen und ähnlichen Fragen widmet sich Dr. Manuela Macedonia bereits seit 10 Jahren in ihrer Vortragsreihe "Gehirn für alle" im Ars Electronica Center. Heute feiert sie ihre Premiere bei Ars Electronica Home Delivery.

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Warum sind sportliche Kinder besser in der Schule? Weshalb haben sportliche Menschen das bessere Gedächtnis? Unser Gehirn ist unser wichtigstes Organ: Denken, Fühlen, Erinnern und Lernen werden hier zentral gesteuert. Trotzdem widmen wir unserem Gehirn deutlich weniger Aufmerksamkeit als unserem Körper. Welche positiven Auswirkungen regelmäßige Bewegung auf unser Gehirn hat erzählt die Neurowissenschafterin Dr. Manuela Macedonia leichtfüßig, verständlich und mit einer Prise Humor. Seit nunmehr 10 Jahren gibt sie bereits ihr Fachwissen an das Publikum im Ars Electronica Center weiter. Unter dem Titel „Gehirn für alle“ verbirgt sich eine Vortragsreihe, die Neues aus der Gehirnforschung für jedermann und -frau zugänglich macht, ohne, dass man dazu ExpertIn sein muss.

Und der Erfolg gibt ihr recht: In dieser Zeit hat sich ein regelrechtes Stammpublikum aufgebaut, das zu allen Terminen kommt, immer am selben Platz sitzt und quasi wie im Studium alles aufsaugt, dass Manuela Macedonia als Lehrende serviert. Nach zehn Jahren wollen wir aber nicht nur über den Erfolg sprechen, sondern es zeigt sich heute erstmals eine ganz andere Situation: Das Coronavirus erfordert, dass die BesucherInnen nicht in persona im Ars Electronica Center dem Vortrag lauschen können, sondern live von zuhause aus, vor ihren Bildschirmen, am Sofa oder in der Küche und mit der Möglichkeit, trotzdem zu interagieren und Fragen zu stellen – im Rahmen von Ars Electronica Home Delivery. Der Vortrag findet am Donnerstag, 14. Mai 2020 um 19 Uhr statt. Für Macedonia, der ihr Publikum sehr fehlt, ist es eine besondere Situation, die sie aber lediglich als Überbrückung sieht, bis alle sich wieder „in real“ treffen können.

Wie ist es für Sie, nicht „face to face“ mit dem Publikum Ihren Vortrag zu halten?

Manuela Macedonia: Ich erlebe es am Donnerstag zum ersten Mal, daher kann ich es noch nicht sagen. Allerdings liebe ich mein Publikum und die Vorstellung, dass es zu Hause sitzt und im Online-Vortrag dabei ist, freut mich sehr. Ich werde alles wie gewohnt machen, denn so hat sich das bewährt und für mich ist das eine Überbrückung, ich möchte die Menschen wieder vor mir haben und für sie anwesend sein.

„Gehirn für alle“ feiert heuer außerdem sein 10-jähriges Bestehen. Hätten Sie zu Beginn mit diesem großen Erfolg gerechnet?

Manuela Macedonia: Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass sich Menschen außerhalb der Forschung für das Gehirn interessieren. Sobald Fremde erfahren, dass ich in der Neurowissenschaft tätig bin, stellen sie alle möglichen Fragen zu Gehirnfunktionen und interessanterweise zu den sogenannten „Neuromythen“: Also zum Beispiel, ob die rechte Gehirnhälfte wirklich kreativ und die linke analytisch ist, bzw. warum wir nur 10% unseres Gehirns nutzen. Ich wusste damals, dass es viel zu tun gibt, um „echtes“ Wissen über das Gehirn zu transferieren aber mit dem Erfolg habe ich auch nicht gerechnet.

https://youtu.be/O-z34xDIkRY

Warum glauben Sie, dass Ihre Vorträge so gut ankommen?

Manuela Macedonia: Ich liebe diese Materie und versuche sie so zu vermitteln, dass jede(r) alles versteht und auch davon begeistert ist. Grundsätzlich ist es auch alles gut nachvollziehbar, wenn ich Fachbegriffe erkläre, sie manchmal wiederhole und mir immer vor Augen halte, dass ich vor mir äußerst interessierte Menschen habe, allerdings kein Fachpublikum. Ich kenne mittlerweile die Gesichter vieler Gehirn-für-alle-BesucherInnen: Sie sitzen meistens am gleichen Platz und sie fehlen mir, wenn sie nicht da sind! Auch an den Fragen, die mir das Publikum im Ars Electronica Center stellt, erkenne ich, dass sie fortgeschrittene, gebildete Gehirn-Begeisterte sind. Sie kommen ja schon einige Jahre in die „Vorlesung“! ;-)

In den letzten Jahren gab es rund 50 verschiedene Themen. Nahezu alle Termine waren restlos ausverkauft. Manche mussten sogar aufgrund der großen Nachfrage wiederholt werden. Wie finden Sie immer diese unterschiedlichen spannenden Themen?

Manuela Macedonia: Ich bin Gedächtnisexpertin aber interessiere mich auch für viele andere Themen in der Gehirnforschung. Auf großen Konferenzen, die vor allem in Kanada und USA stattfinden, bin ich von 8 bis 19 Uhr unterwegs und höre mir Vorträge an, die mit meiner eigenen Arbeit nichts zu tun haben aber das Puzzle Gehirn vervollständigen. Wenn ich das Gefühl habe, dass ein Thema für die Welt außerhalb der Forschung relevant ist, mache ich einen Vortrag im Ars Electronica Center daraus!

Das Gehirn – um dieses außergewöhnliche Organ dreht sich Manuela Macedonias Vortrag, photo: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Ist Ihnen in den letzten 10 Jahren irgendein Abend von „Gehirn für alle“ besonders in Erinnerung geblieben? Warum?

Manuela Macedonia: Jeder Abend mit dem Publikum des Ars Electronica Center ist für mich wunderbar: Selbst, wenn der Vortrag ausgebucht ist, hört man eine Nadel fallen! So aufmerksame und interessierte Zuhörer! Es ist auch so, dass mich das Publikum manchmal „verleitet“, die Zeit ein bisschen zu überziehen, durch kleine Exkurse, um die Materie besser zu erklären. Außerdem ist kaum ein Zeichen von Ermüdung und Ungeduld im Gesicht der Menschen wahrzunehmen! Ich liebe mein Publikum im Ars Electronica Center, jeder Abend ist bisher ein großartiger Abend gewesen! Und auch, wenn der nächste Termin via Ars Electronica Home Delivery stattfinden wird und die BesucherInnen nicht zu mir kommen können, freue ich mich trotzdem auf Ihre „Anwesenheit“ in der Streaming-Übertragung.

Sie sind mittlerweile nicht nur anerkannte Wissenschaftlerin, sondern auch erfolgreiche Buchautorin. Sowohl in Ihrem ersten Buch „Beweg dich! ​Und dein Gehirn sagt danke!“, als auch im Zweiten „Runter vo​m Sofa!“, geht es um den positiven Effekt von Sport auf das Gehirn. Können Sie uns mehr dazu verraten?

Manuela Macedonia: Bewegung wirkt sich „systemisch“ aus: Bewegen wir uns ausreichend setzen wir eine Reihe von Prozessen im System Gehirn in Gang, die für seine Gesundheit unentbehrlich sind. Medikamente können nur gewisse Bereiche dieser Prozesskette beeinflussen aber das reicht meistens nicht aus, um kognitiv leistungsfähig, psychisch stabil zu sein und im Alter Demenz vorzubeugen. Bewegung ist nicht die bittere Pille, die es gilt zu schlucken, sondern unsere Verbündete für ein gut funktionierendes Gehirn und das völlig ohne Nebenwirkungen!

„Beweg dich und dein Gehirn sagt danke!“ hat sich seit seiner Erscheinung im September 2018 circa 40.000 Mal verkauft. Darin erkläre ich viele dieser systemischen Prozesse, die alle miteinander auch verbunden sind. „Runter vom Sofa!“ ist ein Mitmachbuch, die Gebrauchsanleitung zum Sachbuch, auch eine Ergänzung davon, in Bereichen wie Schlaf, Stress und Ernährung.

Seit 10 Jahren ist Macedonia bereits regelmäßig im Ars Electroncia Center zu Gast, photo: Sabine Kneidinger Photography

„Beweg dich! ​Und dein Gehirn sagt danke!“ ist auch das Thema des ersten live gestreamten Online-Vortrags. Sind bereits weitere Abende in Planung?

Manuela Macedonia: Ja, am 26. Juni werde ich einen weiteren Vortrag halten und zwar über mein Herzensthema, über den positiven Einfluss von Bewegung auf das Erlernen einer Fremdsprache. Der Titel lautet „Mit dem Körper Fremdsprachen lernen“. Der Vortrag eignet sich für alle Menschen, die eine Fremdsprache lernen aber auch für Eltern, die ihre Kinder beim Lernen einer Fremdsprache unterstützen und nicht zuletzt für Lehrkräfte, die neue Wege in der Vermittlung von Fremdsprachen einschlagen möchten. Eine interaktive Demo findet auch statt, bei der das Publikum zu Hause mitmachen kann.

Dr. Manuela Macedonia ist Senior Scientist (leitende Wissenschaftlerin) an der Johannes Kepler Universität Linz. Inhaltlicher Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Entwicklung und neurokognitive Testung von Systemen, die Menschen durch Lernprozesse begleiten. Gleichzeitig arbeitet Dr. Macedonia an den neurowissenschaftlichen Grundlagen des sensomotorischen Lernens in Experimenten am Max-Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig, in der Forschungsgruppe “Kognition und Plastizität“ als Associated Researcher. Sie beforscht multisensorische Anreicherung sprachlicher Information und ihre Effekte auf das Gedächtnis junger Erwachsenen. Ihre Kooperationspartner sind das Institute for Neural Engineering an der Technischen Universität Graz und das Institut für Psychologie an der Katholischen Universität Mailand. Mehr zur Wissenschaft unter www.macedonia.at und Aktuelles in ihren Profilen bei Facebook und Instagram und über Twitter.