Die einen glauben Siri und Alexa lauschen nur, wenn sie sollen…

…die anderen gehen zur Ars Electronica. „Public space/Privacy“ – wie greifen sie ineinander und kann man Versprechen zum Schutz der Privatsphäre trauen? Auch dieses Kernthema ist in Form von Festivalprojekten vertreten.

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Durch die Corona-Krise ging der „Public Space“ mehr und mehr ins Virtuelle über. An die Stelle von persönlichen Treffen, Feiern und Konferenzen traten diverse Medien, die zur Kommunikation benutzt werden können. Doch was meint Öffentlichkeit eigentlich? Sind es nicht private Konzerne, die am Ende die Richtlinien für die scheinbar endlosen „public“ spaces im Internet entscheiden? Die scheinbare Widersprüchlichkeit dieser Tatsache lässt stutzig werden und inspirierte unter anderem Künstler*innen, Erfinder*innen, Aktivist*innen, Schüler*innen und andere kreative Köpfe zu Projekten, die dieses Jahr während des Ars Electronica Festivals mit dem Titel „A New Digital Deal“ bestaunt werden können. Zur Inspiration geben wir euch in diesem Beitrag bereits einen kleinen Einblick in die ausgestellten Projekte zum Thema „Public Space/Privacy“.

„Deal kommt von teilen und ‚A New Deal‘ heißt, die Karten neu zu verteilen!“

Die Rolle von öffentlichen Orten und wie diese in private übergehen – das ist auch Thema von Ars Electronica Gardens rund um die Welt. So versucht man im Garden Vorarlberg mithilfe von „Disruptive Design“, die Reibungszonen sowie das Zusammenspiel von öffentlichen und privaten Räumen, von Absenz und Präsenz, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit zu behandeln. In diesem Kontext wird auch die Notwendigkeit einer Systemveränderung, die sich positiv auf den sozialen Bereich sowie auf die Umwelt auswirkt, angesprochen. Das Programm des Gardens mit dem Titel „Disruptivity by Design“ kombiniert Workshops, lokale Initiativen und ein Symposium, um neu entwickelte Ansätze, Erkenntnisse, Interventionen und Modelle zu diskutieren und zu reflektieren.

Zuletzt wurde das Betreten öffentlicher Orte durch die Corona-Pandemie drastisch eingeschränkt. Mit diesem Thema, dem politischen Austausch zwischen Taiwan und dem chinesischen Festland und der Bedeutung von physischer und psychologischer Distanz beschäftigt sich der Garden Hsinchu/Taipei. „The ‚Entrance and Distancing‘ Deals in the Digital Era“ ist der Titel dieses Gardens, in dem unter anderem NFTs, Medienkunst und interaktive Installationen ausgestellt werden. Der Garden will eine Platform für die Diskussion sozialer Fragen und der Bedrohung durch Covid-19 bieten.

The „Entrance and Distancing” Deals in the Digital Era, credits: HuginnC

Als Teil der Theme Exhibition findet sich ebenfalls ein Projekt, das auf das vergangene Jahr, die sozialen Einschränkungen und deren Auswirkung auf digitale und physische öffentliche Räume Bezug nimmt. Unter dem Namen „The Wandering Mind“ lädt ein Soundsystem dazu ein, sich durch Klänge auf eine Traumreise durch Parks und öffentliche Räume auf der ganzen Welt zu begeben. Das KI-System setzt winzige Klangfragmente aus tausenden Aufnahmen, die online gefunden wurden, zusammen und generiert so eine verschlungene Klangreise für schlafende und meditierende Zuhörer.

The Wandering Mind, credits: Yliess Hati+Xin Liu

Wieviel Raum bleibt, der nicht andauernd überwacht wird? Glauben wir wirklich, Alexa und Siri hören nur zu, wenn sie sollen? Diese Fragen behandelt beispielsweise das Projekt „your unerasable text“. Die Themen Datenspeicherung und Datenlöschung werden durch eine Installation aufgegriffen, bei der Teilnehmer*innen eine Textnachricht an ein Mobiltelefon schicken. Diese wird folglich auf einen Computer übertragen und von einem Drucker gedruckt. Anschließend wird die Kopie geschreddert. Dadurch werden die Nachricht und andere Daten – wie die Telefonnummer des Senders sowie Zeit und Datum – jedoch nicht gelöscht, da während jedem der Teilschritte Daten gespeichert werden können. Nur die Visualisierung der Nachricht verschwindet.

your unerasable text, credits: Stefan Tiefengraber

Eine Frage, die sich aufdrängt, wenn über Öffentlichkeit und Privatsphäre im Zusammenhang mit neuen Medien gesprochen wird, ist „Was geben wir dafür, Dienste wie Alexa oder Siri nutzen zu können?“. „The Chiromancer“, genauso wie auch die zuletzt vorgestellten Installationen Teil der Theme Exhibition im Kepler’s Garden, übernimmt die Praxis des Hellsehens von den Wahrsager*innen und trifft auf Basis von Datensammlung Vorhersagen über das Leben einer Person. Dadurch soll verdeutlicht werden, wie freizügig wir Vertrauen, Hoffnungen und Wünsche auf Technologien übertragen.

The Chiromancer, credits: Matthias Pitscher (DE), Giacomo Piazzi (IT)

Interessant und ebenfalls zu finden in Kepler’s Garden ist das Projekt „Made to Measure“, ein Experiment, bei dem man auf Basis von Google-Daten den Doppelgänger einer Person kreierte. Fünf Jahre des Lebens eines Menschen wurden detailliert rekonstruiert und verfilmt. Anschließend kam es wenige Monate später zur Begegnung zwischen Original und datafiziertem Double. Auf einer interaktiven Storytelling Website wird nun durch das Experiment aufgezeigt, wie weitreichend die Einblicke in unser Seelenleben und unsere intimsten Geheimnisse sind, die wir Google, Facebook & Co. jeden Tag gewähren.

Wer interessiert ist an weiteren Projekten, die sich mit dem Thema Privatsphäre und Technologie auseinandersetzen, kann sich außerdem die AI LAB1 Videojourney „FuneralPlay“ und den Kurzfilm „Rare Necessities“ ansehen, der als Teil des Programmes „Infinite Nows„, das Projekte von Student*innen der Abteilung Interaction Design (IAD) an der Zürcher Hochschule zeigt, am Ars Electronica Campus „LOOPS OF WISDOM“ der Kunstuniversität Linz präsentiert wird.

Auch im Zuge des Prix Electronica hat man sich mit dem Thema „public space/privacy“ auseinandergesetzt. Als Teil der Kategorie „Digital Musics & Sound Art“ wird als „Honorary Mention“ dem Projekt „The Home“ eine Bühne geboten.  „The Home“ ist eine Klangerfahrung über Kopfhörer in einem speziell angefertigten Haus im öffentlichen Raum. Angehört werden verschiedene Element aus Interviews mit Überlebenden häuslicher Gewalt. Während die Teilnehmer*innen sich durch das Haus bewegen, wird die Umgebung immer surrealer und das Element der Überwachung nimmt zu. Am Ende betreten Teilnehmer*innen ein Büro, in dem sie mit einer Beraterin für häusliche Gewalt sprechen, wobei sie auch erfahren, dass die Frauen im Warteraum diejenigen waren, deren Stimmen man in den Kopfhörern gehört hat.

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1 The European ARTificial Intelligence Lab is co-funded by the Creative Europe Programme of the European Union and the Austrian Federal Ministry for Arts, Culture, Civil Service and Sport.