Kulturelles Erbe: Den Horizont virtuell erweitern

Kunstwerke, Bauwerke, Malereien – all das sind Teile des Puzzles Europa, das im Deep Space 8K des Ars Electronica Center gemeinsam an einem Ort zusammengesetzt werden kann.

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Gustav Klimts „Die Braut“, die Venus von Willendorf, der Wiener Stephansdom. Es sind alles weltberühmte Highlights, die Michaela Obermayer auf ihren virtuellen Touren quer durch die europäische Kunst- und Kulturgeschichte tagtäglich präsentiert. Unzähliges von dem, was die UNESCO als „kulturelles Erbe“ definiert, ist in digitaler Form auf den Festplatten des Deep Space 8K gespeichert. Ein großer virtueller Schatz an Motiven und Geschichten einer Region, die wir heute Europa nennen.

„Virtuell“ sind die digitalen Kopien dieser Kunst- und Kulturschätze, die sonst quer über diesen Kontinent verteilt sind, an einem Ort zusammengetragen. Es sind Nachbildungen von Objekten, die exemplarisch das heutige Europa geprägt haben. Das Denken, der Diskurs und die Wissenschaft der griechischen Antike reihen sich in diesen Kanon genauso ein wie die Vormachtstellung religiöser Ansichten aus dem Mittelalter. Virtuelle Realität ist hier mehr als nur eine dreidimensionale, computererzeugte, visuelle Kopie der Wirklichkeit. Hier im Deep Space 8K geht es um das immersive Erleben des kulturellen Erbes Europas, und damit auch immer wieder um die eigene Horizonterweiterung.

Im Rahmen des europäischen Forschungs- und Entwicklungsprojekts Immersify haben das Ars Electronica Futurelab, ScanLAB Projects (UK), RIEGL Laser Measurement Systems und Dombauhütte St. Stephan zu Wien den Stephansdom mit mehr als 20 Milliarden Laserpunkten räumlich vermessen. Credit: Ars Electronica – Robert Bauernhansl

„Es sind die großen Projektionsflächen, es gibt kein Rundherum und die reale Welt wird für eine kurze Zeit ausgeblendet. Der Raum ist dunkel und die Wand- und Bodenprojektionen formen den Rahmen einer anderen Wirklichkeit“. Michaela Obermayer weiß, wovon sie spricht. Seit 20 Jahren arbeitet sie im Ars Electronica Center und hat in dieser Zeit nicht nur Tausende Menschen durch virtuelle Räume geführt, sondern dabei auch viele verschiedene technologische Entwicklungen genutzt.

„Klar kann man sich die Venus von Willendorf auch zuhause auf dem eigenen Großbildfernseher oder mit einer VR-Brille ansehen. Aber man sitzt dabei halt allein auf der Couch im Wohnzimmer. Bei uns im Deep Space 8K geht es vor allem darum, Kunst- und Kulturschätze gemeinsam zu entdecken. Und genau das macht das Kennenlernen unseres kulturellen Erbes so spannend.“

Mittlerweile richtet sich ihr Blick auf eine hochauflösende Gigapixelaufnahme eines weltbekannten Gemäldes von Pieter Bruegel des Älteren. „Ein visionäres Werk“, schwärmt Michaela Obermayer über den Turmbau zu Babel, wie ihn der Niederländer sich im Jahr 1563 ausmalte. „Welch ein Gleichnis auch für unsere heutige Welt und für ein Problem, das ebenso menschlich wie zeitlos ist.“

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Geschichten und die Geschichten hinter den Geschichten – darum geht es bei der Vermittlung des kulturellen Erbes im Deep Space 8K. Das Umwandeln eines physischen Objekts in ein virtuelles Modell ist dabei bloß der erste Schritt. So haben die Infotrainer*innen im Ars Electronica Center beim Präsentieren nicht nur die Steuerung in der Hand, mit der sie das Publikum durch dreidimensionale Welten, hochaufgelöste Gigapixelbilder, detaillierte Laserscans und haushohe Animationen auf eine Reise mitnehmen. Sie erarbeiten sich das Wissen zuvor in gemeinsamen Schulungen, liefern den Kontext und stellen Fragen.

„Für mich ist es immer sehr wichtig, das Vergleichende miteinzubeziehen.“ Michaela Obermayer hat Bildnerische Erziehung und Kunstwissenschaft studiert und sich dabei ein kritisches Auge für das Visuelle erarbeitet: „Was wurde zur selben Zeit anderswo geschaffen? Welche Gesellschaften haben was hervorgebracht und warum? Was waren die Themen der jeweiligen Zeit und ihrer Künstler*innen? Wie haben ihre Werke das vorherrschende Welt- und Menschenbild zum Ausdruck gebracht oder auch in Frage gestellt und erschüttert? Und reicht der Nachhall dieser Auseinandersetzung vielleicht sogar bis in unsere Zeit heute?“

Ebstorfer Weltkarte, Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Die kreisförmige Ebstorfer Weltkarte aus dem Mittelalter mit ihren zahlreichen Details zeigt ein anderes Bild: „Wenn unsere Besucher*innen diese Karte sehen, wird ihnen nicht nur bewusst, wie wenig die Menschen des 13. Jahrhunderts von der Welt kannten, sondern vor allem auch wie unvorstellbar viel wir heute wissen. Die Grundlagen dieses hier festgehaltenen Weltbilds waren Erzählungen, die von ganz vielen unterschiedlichen Quellen überliefert wurden und sich stets im Fluss befanden. Selbst das Paradies und verschiedene Szenen aus der Bibel sind hier enthalten.“

Kunst- und Kulturschätze lassen sich dank neuer Technologien wie VR auch neu entdecken. Weil sie immer wieder andere Facetten und Details sichtbar machen, die wiederum neue Perspektiven und ein besseres Verständnis befördern – nicht nur der Kunstwerke, sondern am Ende auch von uns selbst. Die Reflexion dessen, was es bedeutet ein Mensch zu sein, lässt die Kunst zu einer Art Kompass werden.

„Unsere grundlegenden Probleme und Herausforderungen haben sich nicht großartig verändert. Sie erscheinen uns heute nur in einem anderen Kleid, weswegen Kunst ja auch so zeitlos ist.”

Eine Frau lächelt. Leonardo da Vincis „Mona Lisa” strahlt über den ganzen Raum. „Gerade Kinder und Jugendliche frage ich gerne, ob ihnen die ‘Mona Lisa’ gefällt? Nach einem leisen Raunen erkläre ich dann, dass das vor 500 Jahren der Inbegriff einer schönen Frau war. Und schon sind wir mitten in der Diskussion heutiger Schönheitsideale und ihrer Inszenierung auf Instagram, Tik Tok und Co gelandet.“

Michaela Obermayer präsentiert die Mona Lisa von Leonardo da Vinci im Deep Space 8K. Der Fotograf Lois Lammerhuber hat das Gemälde als Gigapixelbild digitalisiert.
Credit: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Während Museen, Archive, Bibliotheken und Universitäten schon seit Hunderten von Jahren sammeln, bewahren und in Gestalt großer, sehr aufwändiger Ausstellungen zeigen, eröffnet die virtuelle Präsentation von Kunst- und Kulturschätzen ein geradezu unbeschwerte und leichte, gerade deswegen aber auch sehr inspirierende Streifzüge quer durch die Kunst- und Kulturgeschichte. „Kunstwerke, Bauwerke, Gemälde, Musikstücke – alles ist Teil unserer Geschichte und erklärt, warum wir heute so leben, wie wir es eben tun. Inmitten der immersiven Bildwelten können wir uns das im Deep Space 8K spannend und lustvoll erarbeiten – und am Ende ein Stück schlauer hinausgehen.”

Die nächste Präsentation beginnt. Michaela Obermayer öffnet die Türe und die Besucher*innen drängen in den Deep Space 8K. Virtual Reality muss nicht immer pures Entertainment oder reine Spielerei sein, damit sie die Menschen begeistert.

Michaela Obermayer Michaela Obermayer arbeitet seit 2002 im Ars Electronica Center Linz im Bereich Visitor Experience und ist seit 2012 für die Themen- und Projektleitung des Deep Space 8K verantwortlich. Sie hat Bildnerische Erziehung und Technisches Werken an der Kunstuniversität Linz und Philosophie und Kunstwissenschaft an der KTU Linz studiert. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit ist sie seit den 1990er Jahren als DJ Nancy O. aktiv und wirkt als Schauspielerin beim Theaterverein Turm 20 mit.

Programmhinweis: Verborgene Gänge und Kammern der Cheops-Pyramide erkunden, den Wiener Stephansdom durchwandern und interessante Details über dessen Geschichte erfahren, Frauen-Portraits von Gustav Klimt bis auf den kleinsten Pinselstrich inspizieren oder bildgewaltige Medienkunst-Arbeiten kennenlernen. Deep Space EVOLUTION bietet Besucher*innen des Ars Electronica Center am Samstag 7.5.2022 und Sonntag 8.5.2022, ein breit gefächertes Programm, das von der Kunst von der Antike bis jener der Gegenwart reicht. Mehr auf ars.electronica.art/center.