Es braucht Veränderung, wenn es keinen Ausweg mehr gibt

Von der Ausweglosigkeit der Klimakrise bis in den Denkraum der Kunst – im Gespräch mit Gerfried Stocker widmen wir uns etwas näher dem Thema des Ars Electronica Festival 2022.

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Die Fakten liegen auf dem Tisch. Das apokalyptische Szenario für Planet A, wenn es unverändert so weitergeht, ebenso. Jetzt ist die globale Gemeinschaft gefragt, gemeinsam den Schalter für Veränderung umzulegen. Dass Kunst beim Thema Klimawandel nicht nur unterstreichen oder deutlich machen kann, sondern vor allem neue Denkräume möglich macht, ist Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica, überzeugt. Von 7. bis 11. September 2022 wird das Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft in Linz, Österreich, stattfinden, und mit reger Beteiligung internationaler Künstler*innen bei der Suche nach Antworten auf die Widersprüchlichkeiten unserer Zeit beiseite stehen. Stellen wir uns doch den „Planet B“ in der Zukunft vor – was, wenn wir doch noch die Kurve kratzen?

Warum widmet sich das Ars Electronica Festival heuer dem „Planet B“?

Gerfried Stocker: Mit dem Ars Electronica Festival haben wir die besonders schöne und luxuriöse Situation, jedes Jahr aufs Neue einen Schwerpunkt auf ein bestimmtes Thema zu setzen und das Festival als Instrumentarium und Expeditionsschiff einzusetzen, um den dazugehörigen Fragen näher auf den Grund zu gehen.

Ein Festivalthema entsteht dabei immer als Reaktion auf aktuelle Themen in der Gesellschaft. Wir sehen, woran Künstler*innen gerade arbeiten, was sie interessiert und welche Gedanken und Diskurse sie aufgreifen, die aktuell in unserer Gesellschaft kreisen. Und diese drehen sich immer mehr um die Folgen des Klimawandels und den vielen Unbekannten einer notwendigen Veränderung.

Electrobiota Collective. Eisenia, organic printing machine. Electrobiota. Mention at the Biennial Kosice Latin American Edition, Centro Cultural Borges, Buenos Aires, Argentina, 2014.

Es werden sich heuer wieder viele internationale Künstler*innen am Festival beteiligen, die ihre unterschiedlichen Perspektiven auf ein globales Problem mit im Gepäck haben…

Gerfried Stocker: Das macht die Ars Electronica auch so spannend. Erst kürzlich habe ich bei der Jurysitzung der CIFO-Ars Electronica Awards für lateinamerikanische Medienkünstler*innen wieder gesehen, wie groß die Anzahl der Projekte ist, die sich diesem Thema widmen, aber auch wie unterschiedlich die Perspektiven darauf sind. Im globalen Süden sind gesellschaftspolitische Themen und die Auseinandersetzung mit dem, was von mächtigen Gesellschaften falsch gemacht wurde, viel präsenter. Hier spielen auch die Fragen des Kolonialismus noch immer eine große Rolle.

Aber auch Projekte, die sich mit alternativen Materialien beschäftigen, sind in diesem Zusammenhang spannend zu betrachten. Es ist ein Trend, mit dem wir uns beim Ars Electronica Festival 2016 „Radical Atoms“ schon intensiv beschäftigt haben. Während wir in unseren Breiten die Möglichkeiten dieser neuen Materialien faszinierend finden, liest man in den Konzepten und Motivationen lateinamerikanischer Künstler*innen vor allem die Dringlichkeit heraus, die in einer gesellschaftspolitisch-kritischen Position oder Notwendigkeit enthalten ist, endlich die Realität verändern zu wollen.

Hier reiht sich auch das Beispiel des „Grünen Mosaiks“ des Agrarexperten Tony Rinaudo ein. Ihm ist es gelungen, die Vegetation in der Sahelzone mit Hilfe alter Baumbestände zu vermehren und Teile der Wüste wieder in Grünzonen zu verwandeln. Auch bei diesem Projekt war es eindeutig der andere Zugang, der die treibende Kraft gab – nicht nur eine andere Idee oder Technik, sondern vor allem eine andere Haltung zu den Dingen.

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Für den einen ist der Antrieb eine Spielerei, für den anderen die Notwendigkeit…

Gerfried Stocker: Man ist sehr schnell geneigt, dies so zu vereinfachen – aber so einfach ist das nicht, denn je nach Blickwinkel schiebt das eine das andere weg. Wenn man von „Spielerei“ spricht, ist das eine kulturbedingte Fokussierung auf Prozesse und Technologien, und nicht der Zugang, etwas Grundsätzliches verändern zu wollen.

Im Globalen Norden wollen wir in unserer Welt ja eigentlich nichts ändern, oder? Ist es nicht großartig, wie wir derzeit in unserem Land leben können? Unser Ansatz, die Dinge zu ändern, ist ein distanzierterer. Wenn, dann soll vor allem externalisiert etwas geändert werden. Das, was uns betrifft, wollen wir ja erhalten. Es ist aber genauso legitim zu sagen, dass meine Lebenssituation so dramatisch schlecht ist, dass ich viel grundlegender etwas ändern möchte.

Wie passt das dann zusammen, wenn die einen wenig und die anderen viel mehr verändern wollen?

Gerfried Stocker: Das Spannende ist, dass auf beiden Seiten eine große Bereitschaft zur Veränderung besteht. Darum ist es auch so wichtig, die Methoden, Strukturen und Phänomene der Veränderung an sich zu studieren, und auch bei uns im globalen Norden über die grundsätzliche Phänomenologie von Veränderung und Transformation zu reden!

„Es ist vielleicht eine Banalität, es so zu formulieren, aber es geht genau um diesen Unterschied: Wir erkennen eine Veränderung und glauben, darauf reagieren zu müssen. Genaugenommen schließt dieser Ansatz aber immer aus, dass man sich eigentlich selbst verändern muss!“

Das sind alles Binsenweisheiten, aber das kumuliert in dieser derzeitigen Problematik. Nehmen wir doch einfach unser Festival als Beispiel. Ist es nicht in höchstem Maße riskant und frivol, sich als Festival hinter dieses Thema zu stellen und gleichzeitig zu sagen, dass wir uns heuer wieder auf viele international nach Linz anreisende Gäste freuen? Das ist doch genau der Kernpunkt! Die Paradoxie, oder sagen wir die Unmöglichkeit, bestehende Probleme mit den bisherigen Denkstrukturen und Methoden lösen zu wollen.

Wie kann die Kunst eine Brücke bauen zwischen dem Bewusstsein, dass eine Veränderung notwendig ist, hin zur Umsetzung dieser Veränderung?

Gerfried Stocker: Die Mittel der Kunst sind in diesem Fall sehr stark verbunden mit den Mitteln des Intellekts – und letztlich auch mit den Mittel der Wissenschaft. Was erwarten wir uns von der Wissenschaft? Die Erfindung eines Ventilators, der auf Knopfdruck jedes überflüssige CO2 in der Luft beseitigt? Eigentlich ist die Wissenschaft dafür da, dass wir uns gedanklich mit diesem Problem beschäftigen können und um uns auf die richtige Spur zu setzen. Das geschieht mit unterschiedlichen Mitteln.

„Die Wissenschaft wird das Problem allein aber genauso wenig lösen wie die Kunst. Kunst und Wissenschaft sind aber die Grundvoraussetzung dafür, dass wir überhaupt die Hebel ansetzen.“

In der Kunst geht es einerseits um die Schaffung des Bewusstseins. Ein Punkt, den die Kunst eigentlich bisher sehr erfolgreich erfüllt hat. Aber es ist ja nicht nur die Kunst, sondern im Fall des Klimawandels die Jugendbewegung rund um Greta Thunberg, die uns das Thema und seine Dringlichkeit in letzter Zeit immer wieder vor Augen geführt hat.

Fridays for Future Aktivist*innen beim Ars Electronica Festival 2019 – hier im Bild mit dem österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen, Credit: vog.photo

Das Bewusstsein für die brisante Lage und die unabdingbare Notwendigkeit einer Veränderung, das ist ja bereits da. Es gibt zwar noch genug Leute, die das ignorieren, aber das Bewusstsein wird so schnell nicht mehr verschwinden. Momentan wird das Thema noch massiv unterschwellig wegdiskutiert – vor allem in Bereichen wie der Industrie, wo es darum geht, aus gewinnorientiertem Interesse diese Veränderungen hinauszuschieben.

Wo man es zwar mit einer anderen Form von Verantwortungsgefühl zu tun hat, aber das Thema auch noch eher abwehrt und wegschiebt, ist die politische Welt. Hier ist den Akteur*innen die schiere Größe des Problems und das Wissen über den gesellschaftspolitischen Explosionsstoff, der darin enthalten ist, sicherlich bewusst.

Einen Explosionsstoff, den gewählte Staatslenker*innen nicht so schnell entzünden möchten, zumindest nicht in ihrer Amtszeit.

Gerfried Stocker: Am Beispiel des Ukraine-Kriegs und dem damit im Raum stehenden Gas- und Ölembargo gegen Russland sieht man sehr deutlich, dass es nicht so einfach ist, sich von der Abhängigkeit loszulösen, ohne Opfer in Kauf nehmen zu müssen. Man ist schnell versucht, um das Problem herum zu mäandern und die Situation intuitiv ganz schnell als ausweglos zu bezeichnen. Das Dilemma scheint so groß, dass das dahinterstehende Paradoxon so schwer aufzulösen ist.

Aber schon vor dem Krieg in der Ukraine gab es viele Stimmen, sich von der Gas- und Ölabhängigkeit dieser Regime zu lösen und Länder, die fossile Brennstoffe exportieren, nicht mehr zu unterstützen – vor allem dann nicht, wenn sie keine europäischen Werte vertreten. Sehr schnell entdeckt man, dass es keinen goldenen Mittelweg in Form von Kompromissen gibt. Und das führt wiederum sehr schnell zu einem Gefühl von Ausweg- und Hoffnungslosigkeit.

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Gibt uns die Kunst Hoffnung?

Gerfried Stocker: Die Kunst kann uns nicht diese Ausweglosigkeit nehmen, weil sie auch nicht die Lösung parat hat. Aber künstlerische Arbeit und künstlerisches Denken ist eine Methode des Denkens. Kunst öffnet einen Ort und einen Raum des Denkens, in dem man diese Unauflösbarkeit der Fragestellung aushalten und bearbeiten kann.

In jeder anderen von Rationalitäten geprägten Sphäre – von technisch-wissenschaftlichen Faktenabwägungen bis hin zu sozial-ökonomisch gewinnorientierten Abwägungen – ist diese Unauflösbarkeit des Knotens schlicht nicht auszuhalten. Weil es keinen Raum und keine Methode gibt, damit umzugehen, dass Dinge einfach nicht zusammenpassen. In der Kunst ist das völlig selbstverständlich. Die Geschichte der Kunst ist voll mit genau diesen Dingen, dass sie sich mit den großen Dilemmas und Paradoxons der Menschheit auseinandersetzte.

Dann gibt uns Kunst also den notwendigen Denkraum, den wir brauchen?

Gerfried Stocker: Das ist jetzt vielleicht eine sehr abstrakte Anschauung. Aber wenn nichts anderes mehr geht, dann ist die einzige Chance, die wir haben, dass wir uns die Phänomenologie von Veränderung ansehen. Was heißt Veränderung? Wie kann Veränderung überhaupt passieren? Man muss auf dieser Metaebene über Veränderungsprozesse nachdenken.

„Veränderung ist ja immer das, was notwendig ist, um aus einem Deadlock herauszukommen. Wenn ich Auswege habe, brauche ich nichts ändern. Dann geht man eben etwas mehr links, mehr rechts, man dreht sich kurz um oder bleibt kurz stehen. Veränderung wird dann erst wirklich notwendig, wenn tatsächlich kein Ausweg mehr da ist.“

In Wirklichkeit ist Kunst der gedankliche Ort und Raum für uns Menschen, wo wir mit all den Gegensätzlichkeiten, Clashs und Konflikten umgehen können. Das müssen wir kultivieren, den Umgang damit einüben und uns daran gewöhnen, dass scheinbare Ausweglosigkeit nicht notwendigerweise in Depression oder in Aggression umschlägt.

Und wenn die Clashs und Konflikte dann doch Realität werden?

Gerfried Stocker: Die wirklich große Gefahr der Klimakatastrophe ist ja letztlich – und da möchte ich die dramatische Veränderung der Lebensräume und Lebensbedingungen nicht herunterspielen – dass wir wissen, wie Menschen reagieren, wenn sie in die Ecke gedrängt sind. Wir drängen uns gerade als gesamte Menschheit in die Ecke. Das ist das Schwierige daran – dass wir uns dabei in einem Level von Abstraktion oder einer Metaebene bewegen. Wie und wo soll das sonst diskutiert werden als in den Freiräumen der Kunst?

Gerfried Stocker bei der Themen-Pressekonferenz des Ars Electronica Festival 2022. Credit: Ars Electronica / Robert Bauernhansl

Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man das Feuer nicht brennen – und darum löschen wir es auch nicht.

Gerfried Stocker: Noch tut es uns nicht genug weh. Es gibt Waldbrände, Hochwasserereignisse, aber noch ist die Zahl der Klimakatastrophen pro Jahr in unseren Breiten gering. Aber wir sind in einer Angst- und Schockstarre.

In den letzten Jahren haben wir genug Bilder und Berichte gesehen, dass wir uns die Zukunft von Planet A vorstellen können, wenn wir nicht rechtzeitig handeln. Wir fürchten uns vor den Auswirkungen des Klimawandels und im gleichen Ausmaß vor dieser Unsicherheit.

Welche Risiken und Konsequenzen nehmen wir auf uns? So provokant es klingt, wir müssen uns mit den „Kollateralschäden“ auseinandersetzen, denn eine der zentralen Fragen ist ja: Welche Auswirkungen und Konsequenzen wird all das für uns haben? Wie viel Überzeugungskraft wird notwendig sein? Wie viel Druck, wie viel Zwang? Welche gesellschaftliche Form ist denn am ehesten geeignet, mit diesem Problem umzugehen?

Die Ausweglosigkeit findet sich nicht nur auf technologischer Ebene: Würden wir selbst mit einem Fokus auf Atomkraftwerke den Klimawandel wirklich aufhalten können? Haben wir bei der Herstellung von Solarzellen schon bis ins Detail darüber nachgedacht, wenn es um die dafür notwendige Rohstoffgewinnung oder die Entsorgung geht? Und warum braucht das Bauen von Windkraftwerken immer noch so viel fossile Energie?

Die Ausweglosigkeit stellt sich auch auf gesellschaftlicher Ebene. Denn allein die Vorstellung, dass womöglich ein System wie China besser dafür gerüstet sein könnte, um den Klimawandel zu bremsen, und dass womöglich die demokratische Gesellschaft nicht die Gesellschaftsform ist, die die Klimakatastrophe noch rechtzeitig managen kann, beunruhigt sehr.

Nach der weltweiten Erfahrung mit der Pandemie wird es aber mehr brauchen als sich abermals zu überwinden und für ein paar Wochen eine FFP2-Schutzmaske zu tragen.

Gerfried StockerGerfried Stocker ist Medienkünstler und Ingenieur der Nachrichtentechnik. Seit 1995 ist Gerfried Stocker künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von Ars Electronica. Mit einem kleinen Team von Künstler*innen und Techniker*innen entwickelte er 1995/96 die Ausstellungsstrategien des Ars Electronica Center und betrieb den Aufbau einer Forschungs- und Entwicklungsabteilung, dem Ars Electronica Futurelab. Unter seiner Führung erfolgte ab 2004 der Aufbau des Programms für internationale Ars Electronica Ausstellungen, ab 2005 die Planung und inhaltliche Neupositionierung für das 2009 baulich erweiterte Ars Electronica Center, ab 2015 die Expansion des Ars Electronica Festival und im Jahr 2019 die großangelegte thematische und innenarchitektonische Neugestaltung des Ars Electronica Center. Stocker berät zahlreiche Unternehmen und Institutionen in den Bereichen Kreativität und Innovationsmanagement, ist Gastredner auf internationalen Konferenzen und Universitäten. 2019 erhielt er ein Ehrendoktorat der Aalto University, Finnland.