Es geht darum, Dinge auszuprobieren

Warum es mehr braucht als virtuelle Treffen, um ins Gespräch zu kommen und wie das Ars Electronica Festival versucht, nachhaltig und ressourcenschonend zu werden, erklärt uns Gerfried Stocker im Gespräch.

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Von der Überflutung New Yorks durch den steigenden Meeresspiegel bis zu Mitteleuropa als neue Sahara. Wir haben mittlerweile belastbare Daten darüber wie unsere Welt aussehen wird, wenn wir den Turn nicht schaffen, doch wie wird unsere Welt aussehen, wenn wir es geschafft haben? Welche Technologien werden wir dafür noch entwickeln müssen und welche ökonomischen, sozialen und demokratiepolitischen Veränderungen werden damit einhergehen? Welcome to Planet B – A different life is possible! But How? Das Ars Electroncia Festival widmet sich heuer dem „Planet B“ und begibt sich auf die herausfordernde Suche nach Antworten auf die Widersprüchlichkeiten unserer Zeit. Im Interview geht Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica, der Frage nach, wie sich das Ars Electronica Festival als nachhaltiges Event positionieren will und warum es so wichtig ist, neue Dinge auszuprobieren.

Wie kann man sich der Frage nach dem Sinn eines Festivals in Zeiten wie diesen stellen?

Gerfried Stocker: Den Vorwurf, dass es fragwürdig ist, wie viel CO₂ Ausstoß alleine durch dieses Festival gemacht wird, wollen wir nicht wegwischen, doch die Frage, die sich stellt, ist nicht: Sollen wir aufhören? Ganz im Gegenteil, wir sind der Meinung, dass es umso wichtiger ist ins Gespräch zu kommen. Die letzten zwei Jahre haben uns gezeigt, dass physisches Zusammenkommen unersetzbar ist. Wir Menschen brauchen sozialen Austausch, es gibt nichts, was uns wichtiger ist, als die Notwendigkeit, im Kollektiv zu sein. Diese Notwendigkeit, dass wir Menschen zusammenkommen und gemeinsam eine Grundlage bilden, um unser Verhalten zu ändern, ist absolut notwendig.

Photo showing a group of people sitting in the grass.
Photo: vog.photo

Ob es uns am Ende gelingt, genug Dynamik mit Kunst und Kultur zu erzeugen, oder ob wir dazu betragen, noch mehr Ressourcen zu verschwenden, können wir jetzt nicht beantworten. Ich glaube, dass es für die Zeit jetzt, der wichtigere und am Ende auch konstruktivere Weg ist, dafür zu sorgen, dass wir mit Kunst einen Denkraum schaffen, in dem sich Technologie, Industrie, Wirtschaft mit Gesellschaft, Politik und dem Alltag austauschen können.

„Entweder wir glauben daran, dass Kunst etwas bewirken kann, oder wir sind sowieso alle am falschen Ort.“

Das Ars Electronica Festival macht nur dann Sinn, wenn der Grundkonsens da ist, dass egal wie klein die Wirkung von Kunst auch sein mag, sie eine für sich Besondere ist. Die Bedeutsamkeit der Kunst definiert sich nicht aus der Größe ihrer unmittelbaren Wirkung, sondern aus der Einzigartigkeit dieser Wirkung, denn Kunst ist mehr als ein Produkt künstlerischen Schaffens, Kunst kann als Katalysator wirken und einen Diskurs-Raum erschaffen, den es sonst nicht geben kann.

Und dafür braucht es einen Ort?

Gerfried Stocker: Genau, der Zeitpunkt für einen Wake-Up-Call ist längst vorbei, es wird immer wichtiger einander zu motivieren und zu versichern, dass es immer noch Sinn ergibt, was ich mache und sich auch andere Menschen mit ähnlichen Themen beschäftigen. Genau darum sind Festivals wie die Ars Electronica so wichtig, denn sie bieten Künstler*innen, die mit alternativen Materialien und Kreislaufwirtschaft experimentieren, eine internationale Bühne und die Gelegenheit, ein Bewusstsein zu schaffen, um andere Menschen zu inspirieren und zum Handeln zu bewegen. Es ist ein Ort, wo Menschen zusammen kommen und ein gesellschaftlicher Diskurs entsteht.

Photo showing the project "Squeeze the Orange", a jacket made of vegan fruit leather based on orange peel, by Elisenda Jaquemot, Susana Jurado Gavino y Nuria Bonet Roca.
Remix el Barrio, Food Waste Biomaterial Makers / Anastasia Pistofidou, Marion Real and The Remixers at Fab Lab Barcelona, IaaC (INT), Photo: tom mesic

Get to terms with the digital world?

Gerfried Stocker: Wir müssen das Problem, dass wir mit der digitalen Welt haben, insbesondere das demokratiepolitische, unbedingt in den Griff bekommen. Wir gehen in unserer üblichen Betrachtung der Symptome davon aus, dass die Digitalisierung und die sozialen Medien daran Schuld sind, dass wir solche Missstände haben. Das ist aber nicht notwendigerweise die Schuld der digitalen Technologien, oder der sozialen Medien, sondern der primär kommerziellen, gewinnorientierten Ausbeutung der sozialen Abhängigkeit des Menschen. Die mächtigen Mittel der digitalen Technologie ausschließlich gewinnorientiert auszunutzen, führt dazu, dass wir in diese Missstände geraten. In dieser toxischen Gesprächskultur unserer digitalen Welt können wir gar nicht daran denken, dass wir solche schwierigen Fragen wie die des Klimawandels überhaupt diskutieren können.

„Ausweglosigkeit ist dadurch geprägt, dass ich mich nicht zwischen gut und böse entscheiden kann, weil es diese Entscheidungsmöglichkeit in dieser Form nicht gibt.“

Wie können wir uns diesen Problemen dann nähern?

Gerfried Stocker: Es geht darum, Dinge auszuprobieren, die zuvor noch nicht ausprobiert worden sind, um ein Beispiel zu sein, aus dem andere lernen können. Das Ars Electronica Festival begreift sich als Expeditionsschiff, welches uns mitnimmt auf eine Reise in die Widersprüchlichkeiten unserer Zeit. Es ist mehr als nur eine Bühne um zusammenzukommen, sondern wird zur Sandbox um unterschiedliche Handlungsfelder zu testen und bisherige Denkstrukturen aufzubrechen. Das Problem ist, dass es uns sehr schwerfällt, im öffentlichen Diskurs bestimmte Dinge zu hinterfragen. Wir müssen uns aber diesem Spannungsbogen stellen und damit auseinandersetzen. Deswegen ist auch die Kategorie Digital Communities des Prix Ars Electronica eine große Inspirationsquelle, weil man sieht, wie viele Kollektive sich zusammen tun und sich mit sozialen, kulturellen, ökologischen, bildungspolitischen und politischen Fragen der modernen Gesellschaft befassen. Diese Communities sind ein wesentlicher Bestandteil einer neuen Kultur der Abwägung von Interessen und Möglichkeiten.

Photos showing Impressions of the Ars Electronica Festival 2021 "A New Digital Deal" at the "Kepler's Gardens".
Credit: Ars Electronica – Martin Hieslmair

Welche Schritte werden dieses Jahr unternommen, um das Ars Electronica Festival nachhaltig zu gestalten?

Gerfried Stocker: Das Ars Electronica Festival wird Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen und bearbeitet gemeinsam mit Partner*innen vier unterschiedliche Themenfelder: „Food, Beschaffung & Abfall“, „Eventlocation, Eventausstattung /-technik, Energie, Wasser & Sanitär“, „Soziale Verantwortung“ und „Mobilität“.

The central hotspot of the 2021 Ars Electronica Festival was once again Kepler's Gardens on the campus of Johannes Kepler University Linz.
Photo: Ars Electronica – Martin Hieslmair

Gemeinsam mit Partner*innen arbeiten wir daran, es besser zu machen und unseren gemeinsamen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Unser Maßnahmenkonzept zielt nicht nur auf das Team des Festivals und die mitwirkenden Künstler*innen und Wissenschaftler*innen ab, sondern auch unsere Besucher*innen werden mit einbezogen. Denn um ein Ars Electronica Festival nachhaltig gestalten zu können, müssen wir alle einen Beitrag leisten.

In den kommenden Wochen und Monaten werden wir die Maßnahmen der jeweiligen Themenfelder auf unserem Blog noch genauer vorstellen.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

Gerfried StockerGerfried Stocker ist Medienkünstler und Ingenieur der Nachrichtentechnik. Seit 1995 ist Gerfried Stocker künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von Ars Electronica. Mit einem kleinen Team von Künstler*innen und Techniker*innen entwickelte er 1995/96 die Ausstellungsstrategien des Ars Electronica Center und betrieb den Aufbau einer Forschungs- und Entwicklungsabteilung, dem Ars Electronica Futurelab. Unter seiner Führung erfolgte ab 2004 der Aufbau des Programms für internationale Ars Electronica Ausstellungen, ab 2005 die Planung und inhaltliche Neupositionierung für das 2009 baulich erweiterte Ars Electronica Center, ab 2015 die Expansion des Ars Electronica Festival und im Jahr 2019 die großangelegte thematische und innenarchitektonische Neugestaltung des Ars Electronica Center. Stocker berät zahlreiche Unternehmen und Institutionen in den Bereichen Kreativität und Innovationsmanagement, ist Gastredner auf internationalen Konferenzen und Universitäten. 2019 erhielt er ein Ehrendoktorat der Aalto University, Finnland.