Human Limitations – Limited Humanity: Die Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten

Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt füllen beim Ars Electronica Festival 2019 den Bunker der POSTCITY mit Medienkunst. Die Projekte gehen heuer mit unterschiedlichen Zugängen vor allem der Frage nach den menschlichen Grenzen nach.

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Wie weit können wir als Menschen gehen, wo liegen unsere persönlichen Grenzen, wo liegen die Grenzen meines Körpers? Unter dem Titel „Human Limitations – Limited Humanity“ geht die Themenausstellung des Ars Electronica Festival 2019 nicht nur diesen gleichzeitig sehr individuellen Fragestellungen nach, sondern sie stellt vielleicht die größten Fragen der Gesellschaft selbst. Neue Technologien wie Bioengineering oder Künstliche Intelligenz machen es wichtiger denn je, über die uns selbst auferlegten, moralischen Grundsätze nachzudenken, sind Co-Producer Christl Baur und Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter, überzeugt. Sie nehmen uns mit auf eine Reise tief hinunter in den Bunker der POSTCITY, den Schauplatz der Themenausstellung, auf der wir nicht nur der Sprache, körperlichen Optimierungen, Robotern, die schneller laufen können als wir, oder gar der Liebe begegnen, sondern am Ende unseren menschlichen Grenzen ins Auge schauen müssen.

Das Festivalthema „Out of the Box“ – was bedeutet das im Kontext der Themenausstellungen?

Gerfried Stocker: Beim Thema Out of the Box ist immer der Untertitel ganz wichtig: Die Midlife-Crisis der Digitalen Revolution. Der Ausgangspunkt ist der Beginn dieser sozialen Kolonisierung des digitalen Raums vor 40 Jahren. Das war die Zeit, in der Desktop Computer auf den Markt kamen, der PC – der Personal Computer kam 1981 auf den Markt – und das war der Moment in dem wichtige, wirkungsvolle Technologie in das Leben der Menschen kamen. Und damit auch zu einer privaten Dimension wurden. Genau diese Thematik beschäftigt uns seit 40 Jahren. Nicht die technologische Seite der digitalen Revolution, sondern die kulturelle, die gesellschaftliche. An diesem Punkt stellen wir uns die Frage: Das kann ja nicht alles gewesen sein? Das kann ja nicht sein, dass dieser wunderbare Traum von den neuen Möglichkeiten dieser digitalen Medien, vom globalen Dorf, das die Menschen gleichberechtigt mit Information und Meinungsäußerung versorgt, zum Alptraum einer überwachten, kontrollierten Gesellschaft geworden ist? Die Antwort, die wir versuchen darauf zu geben, ist eine Aufforderung: Out of the Box, raus aus den Kellern, den Löchern, aus der Deckung, aus der Komfortzone. Denn es geht nicht um die Technologie, oder um die Wirtschaft, sondern es geht um die Menschlichkeit. Es werden Fragen nach der Menschenwürde gestellt. Das war die Idee zu 40 Jahren Ars Electronica: Wie haben wir in diesen 40 Jahren den großen Erfolg der digitalen Revolution bewerkstelligt? Wo stehen wir jetzt, sind wir damit zufrieden? und wie müssen wir unser Verhalten ändern, unsere Zielsetzungen ändern? Das ist die Themenstellung von Out of the Box und – ganz typisch Ars Electronica – im Zentrum steht dabei der Mensch.

Dieser Mensch, diese Menschlichkeit führt uns auch gleich zum Thema der Themenausstellung: Unter dem Titel „Human Limitations – Limited Humanity“ begeben wir uns wieder in den Bunker der POSTCITY. Welchen menschlichen Unzulänglichkeiten und Grenzen des Menschlichen begegnen wir dabei?

Gerfried Stocker: Die Grundfrage, bevor wir in die Ausstellungen eintauchen, ist, warum entwickeln wir Technologien? Und es gibt zwei interessante Grundmuster dafür. Das eine ist ganz praktisch und pragmatisch: Wir sind als Menschen begrenzt. Wir haben diese Limitations unserer Menschlichkeit, unserer Körperlichkeit. Schönstes Beispiel ist, wenn man ohne Fell auf die Welt kommt und es ist Winter, wird man nur überleben, wenn man Technologie hat. Deswegen entwickeln wir seit Jahrtausenden Werkzeuge, um unsere Grenzen, unsere Einschränkungen – die realen wie oft auch die empfundenen – zu überwinden. Gleichzeitig ist die Entwicklung von Technologie, die Erforschung, die Wissenschaft und die Kunst – das bringt sie so eng zusammen – immer auch verbunden mit der Idee, der Vorstellung, über uns hinauszuwachsen. Nicht nur operativ im Sinne der Werkzeuge, sondern in einem philosophischen, spirituellen Sinn. Das war der Ausgangspunkt, hier anzusetzen, wenn wir in die Epoche der Künstlichen Intelligenz gehen – von der Automation zur Autonomisation der Dinge – was heißt das für unser Menschenbild. Am Anfang muss natürlich eine Befragung unseres Menschenbildes stehen – das ist es, das der Ausstellung zugrunde liegt.

Christl Baur: Wir haben uns darauf fokussiert, die beiden wesentlichen Technologien infrage zu stellen, die, bei denen wir glauben, dass sie in der nächsten Zeit unser Menschenbild, unser Bild der Gesellschaft, grundlegend verändern werden: Künstliche Intelligenz, wie aber auch Biotechnologien verändern die Fragestellungen, was der Mensch an sich, was sein Körper bedeutet? Wie nehmen wir uns wahr, wo sehen wir Einschränkungen? KI, diese Technologie wird uns als Gesellschaft ganz wesentlich beeinflussen. Wie gehen wir am Ende des Tages damit um? Wie können wir diese Technologien, diese Entwicklung zum jetzigen Zeitpunkt noch so beeinflussen, dass wir einen Weg finden, gemeinschaftlich damit zu leben? Wie können wir als Mensch Freiräume, subversive Räume schaffen, in denen wir uns innerhalb der Ziele und Gedanken eines menschlichen Zusammenlebens weiterhin definieren können – unabhängig von der Technologie oder im Austausch mit der Technologie?

Gerfried Stocker: Es geht um den Bereich des Verständnisses dessen, was unser Menschenbild im 21. Jahrhundert ist und die Frage der Handlungsoptionen: Bleiben wir als Menschen im Zentrum der Kontrolle dessen, was wir entwickeln, was wir mit KI anzetteln? Der Schlüssel heißt Verantwortung, ohne dafür Verantwortung zu übernehmen – dafür braucht man natürlich auch Erkenntnis, Kompetenz – das ist der schöne Kreislauf, in dem diese künstlerischen Projekte sich bewegen. Eine interessante Reflexion der Frage: Wo stehen wir als Mensch jetzt, an dieser Schwelle im 21. Jahrhundert in eine – auch wenn das übertrieben klingt – aber wir stehen an einer Schwelle zu einer Zeit der künstlichen Intelligenz, der autonomen Systeme. Das gilt es zu reflektieren, daran gilt es zu arbeiten. Die künstlerischen Projekte bieten Orientierung, der Begriff des Kompasses bietet sich wieder an. Wie kann man sich in dieser Neuorientierung selbst positionieren?

Radiosands, Thom Kubli (DE/CH) with ZHAW/ Sven Hirsch (DE), photo: Aya Imamura

Gibt es innerhalb der Themenausstellung wiederum Schwerpunkte oder Unterteilungen?

Christl Baur: Besonders in der Auseinandersetzung mit den künstlerischen Arbeiten – die übrigens zu einem Großteil aus den Einreichungen des Prix Ars Electronica stammen – haben sich mehrere Fokuspunkte herauskristallisiert, mit denen sich die KünstlerInnen offensichtlich sehr beschäftigen und die durch diese Entwicklung auch zu wesentlichen Elementen der Themenausstellung geworden sind. Einer davon ist das Thema Sprache. Sprache ist etwas, worüber wir uns als Menschen stark definieren, die Art, wie wir miteinander kommunizieren, die Empathie, einer anderen Person, eines Tieres, einer Pflanze gegenüber. Aber auch Sprache in Form eines Schriftstückes, das wir archivieren – damit sind wir in der Lage, menschliches Wissen über Jahrtausende hinweg weiteren Generationen zugänglich zu machen. Das unterscheidet uns von anderen Lebewesen und ihren Kommunikationswegen.

Dieses Thema Sprache wurde aber auch jahrhundertelang in autoritären Systemen verwendet, um Menschen zu manipulieren, um Sprache für gewisse Ziele und Zwecke zu verwenden. Eine sehr schöne Arbeit in diesem Kontext ist Radiosands von Thom Kubli, der die Technologie des Radios verwendet, die vor allem in den 30er-, 40er-, 50er-Jahren dazu verwendet wurde, Menschenmassen zu beeinflussen und sich gefügig zu machen. Vor allem im Austausch mit den heutigen künstlichen Systemen schaffen wir KI-Systeme, die in der Lage sind, Texte zu schreiben, mit uns zu kommunizieren, so, dass wir als Menschen keinen Unterschied mehr wahrnehmen, ob ein realer Mensch mit uns kommuniziert oder ein System. Dahinter steckt die Gefahr, dass wir nicht wissen, woher die Information kommt, da jede Art von Information verarbeitet werden kann. Hier der Hinweis Fake News – das ist mittlerweile jedem bekannt. Aber es stellt sich auch ganz klar die Frage: Auf welche Informationen verlassen wir uns? Was ist am Ende des Tages die Essenz unseres Urteilsvermögens? Das ist ein wichtiger Themenaspekt.

„Besonders in der Auseinandersetzung mit den künstlerischen Arbeiten – die übrigens zu einem Großteil aus den Einreichungen des Prix Ars Electronica stammen – haben sich mehrere Fokuspunkte herauskristallisiert, mit denen sich die KünstlerInnen offensichtlich sehr beschäftigen und die durch diese Entwicklung auch zu wesentlichen Elementen der Themenausstellung geworden sind.“

Gerfried Stocker: Auch die Wertschätzung. Das Interessante daran ist, dass wir in einer Situation sind, in der wir nicht mehr unterscheiden können, ob es von einem Menschen oder einer Maschine kommt, obwohl sich alle Menschen einig sind, dass das für uns ganz wichtig sein wird. Dass wir dem mehr Wertschätzung entgegenbringen, was von einem anderen Menschen kommt, als dem, was von der Maschine kommt. In dem Moment, wo wir nicht mehr unterscheiden können, ist ein grundlegendes Axiom unseres Wertesystems infrage gestellt. Das ist etwas, das bei unseren durchaus auch experimentellen Projekten infrage gestellt wird.

Christl Baur: Wir müssen unser Wertesystem infrage stellen, wie wir auf Situationen reagieren, die nicht mehr den Alltagssituationen der letzten 50 Jahre entsprechen und wie sich die Gesellschaft an dieses veränderte Wertesystem anpasst.

Institute for Inconspicuous Languages: Reading Lips, Špela Petrič (SI), photo: Miha Fras

Du hast Sprache als ein Unterthema erwähnt, gibt es noch weitere?

Christl Baur: Ein zweites Unterthema, das die Human Limitations in Form eines individuellen Zugangs weiter auffasst, sind die Limitations des Körpers selbst. Wir sind durch Biotechnologien, durch genetische Modifizierung und in diesem Zusammenhang stehende Technologien in der Lage, nicht nur an unserem Körper etwas zu verändern – etwa in Form von Prothesen oder Tattoos – sondern unsere genetische Substanz zu modifizieren und zu verändern. Das wirft die Frage auf: Welche Möglichkeiten haben wir, aber auch welche kritischen Zugänge lassen sich dazu kreieren. Wir haben als Gesellschaft Grenzen des ethisch Zulässigen definiert und innerhalb dieser Grenzen fühlen wir uns sicher und bewegen wir uns. Natürlich kann man diese Grenzen auch diskutieren oder ausweiten, gleichzeitig müssen sie aber auch überarbeitet und neu durchdacht werden – gerade von PhilosophInnen und von EthikerInnen. Was bedeutet es eigentlich, Mensch zu sein? Bedeutet es, dass wir zwei Arme haben, dass wir ein künstliches Herz haben, dass sich ein Marathonläufer ein neues Herz einsetzen lassen kann, damit er schneller laufen kann? Oder bedeutet es, dass sich nur ein Kranker ein neues Herz einsetzen lassen kann um zu überleben?

Auf der anderen Seite sind es genau diese Grenzen, die wir uns selber geschaffen haben, die uns helfen zu navigieren, was richtig und was falsch ist, was wir uns selber erlauben, die auch positiv genutzt werden könnten. Ich möchte hier auf die Eingriffe verweisen, die wir unserer Welt momentan zufügen etwa in Form von Klimawandel oder Migrationsströmen. Können wir unseren Körper so weit modifizieren, dass wir bessere Menschen werden, die sich an die Umweltverträglichkeiten anpassen? Wäre das in diesem Fall eine Technologie, die einen positiven Effekt haben könnte, um noch länger als 50 Jahre auf dieser Erde überleben zu können?

Gerfried Stocker: Ich glaube das ist ein spannendes Paradox in dieser Einfachheit: wir haben noch nie zuvor so viele Möglichkeiten gehabt, über unsere Grenzen hinaus zu gehen. Die typischen Beschränkungen des Menschen können wir mit Technologie aufheben und überwinden. Wir haben Roboter, die schneller laufen können als wir, wir haben KI-Systeme, die bestimmte Dinge wesentlich besser können als wir. Im Moment stellen wir uns die Frage, ob die Menschlichkeit als solche an ihrer Grenze ist? Dieses Paradox, das wir im Überwinden unserer Grenzen an die Grenzen unserer Vorstellung dessen, was Menschlichkeit ist, kommen, das ist genau das, wo wir nüchtern sagen müssen: wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion und einen neuen Konsens darüber, wie wir Menschlichkeit und Menschenwürde im 21. Jahrhundert wieder neu definieren und erfinden, ohne sich dabei auf faule Kompromisse einzulassen. Der Ruf nach Regulierungen im Internet ist durchaus gerechtfertigt, er wird von beiden Seiten laut, aber die große Frage dabei ist, wessen Spielregeln sind das? Wessen Normen und Wertvorstellungen werden in dieser zukünftigen Welt – in der wir das Menschenbild durch KI und Gen- und Biotechnologie grundlegend verändern – wessen Werthaltungen werden wir uns unterwerfen? Worauf wird man sich einigen können? Das ist eine Debatte, die gerade erst beginnt, wo man merkt, dass sich komplett neue Player einbringen. Wir hatten nie zuvor eine Situation, wo Kinder, unter 18-Jährige, die Themenführerschaft in der Debatte um unser Handeln auf dem Planeten übernommen haben. Es ist spannend, wie Entwicklungen konvergieren, die die nächsten Jahrzehnte mit Sicherheit bestimmen werden.

I’am, Luís Graça (PT), Marta de Menezes (PT)

Gehen wir noch ein Stück weiter hinein in die Themenausstellung. Welche Projekte erwarten uns und wie ordnen sie sich dem Titel der Ausstellung unter? Könnt ihr einzelne Projekte hervorheben, die herausstechen?

Christl Baur: Thom Kubli wurde vorher schon erwähnt im Kontext Sprache. Ein zweites Projekt ist nimiia cetii von Jenna Sutela. Sie ist eine finnische Künstlerin, die sich gemeinsam mit Memo Akten dem Thema Sprache aber auch Trans-Species-Communication, der artenübergreifenden Kommunikation, genähert hat und eine sehr schöne, sehr poetische Arbeit geschaffen hat, die diese Übersetzung, dieses Miteinandersprechen in einen extrem schönen Zusammenhang stellt. Man kann – obwohl man nichts versteht – wahrnehmen, wie unterschiedliche Systeme – eine KI, Bakterien, eine bereits ausgestorbene Sprache – es schaffen, miteinander eine eigene, neue Sprache zu kreieren. Zu diesem Ansatz haben wir einige Arbeiten im Bunker, die jede für sich, aber mit einem gemeinschaftlichen Zugang, genau diese Fragen stellen: Wie können wir uns mit anderen Spezies auseinandersetzen? Was ist deren Stärke, deren Schwäche? Pilznetzwerke, Wurzelnetzwerke von Pilzen, wie kommunizieren die beispielsweise miteinander? Das ist für uns Menschen nicht verständlich. Wir wissen nicht, wie sie Informationen transportieren, aber es könnte für unser Überleben von wesentlicher Bedeutung sein. Künstliche Intelligenz könnte durch die schnelle Auffassungsgabe und Analyse von Daten helfen, es zu verstehen oder einen anderen Zugang zu entwickeln.

Gerfried Stocker: Auch bei der Arbeit von Špela Petrič, Institute for Inconspicuous Languages: Reading Lips, ist es total spannend zu sehen, dass es auf der KI-Seite wie auch auf der Biotech-Seite der künstlerischen Arbeit genau diesen gemeinsamen Fluchtpunkt gibt: Nicht nur dieses Autistische auf sich selbst Blicken der Menschheit, sondern das Öffnen und diese spekulative Annahme, dass es künstliche Lebensformen, wie auch immer die sein werden, geben wird. Wie können wir mit denen kommunizieren? Was kann eine Form von Trans-Species Communication sein? Das ist das Tolle daran, weil es uns neue Ideen und Inspirationen gibt, darüber nachzudenken, was das Besondere am Menschen ist und vielleicht die eine oder andere Hochmut zu verlieren. Eine nüchterne Betrachtung, dass wir nur eine von vielen Lebensformen des Planeten sind, kann uns natürlich nicht nur in der weiteren Entwicklung dieser Technologien helfen, sondern vielleicht auch helfen, eine neue Position zu beziehen im Umgang mit den großen Umweltproblemen, die wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten dominierender sein werden als alles, was wir uns im Moment über KI Science-Fiction-mäßig ausmalen.

Christl Baur: Ein anderer Zugang zum Kontext Sprache, den ich für sehr wichtig halte, ist die Wortwahl und die Art, wie wir künstliche Intelligenz beschreiben. Wir schaffen immer Bilder, die uns Menschen sehr ähnlich sind: Wir reden in Form eines Gehirns, in Form von neuronalen Netzwerken oder von Neuronen über eine KI. Wir projizieren ein uns bekanntes Bild auf die KI, um die Vorgänge verstehen zu können. Speculative Artificial Intelligence von Birk Schmithüsen macht genau das – er schafft eine Art erweitertes Gehirn, indem er einzelne Neuronen mittels LED-Spots darstellt und so versucht, eine Art der Kommunikation, des Sprachtransfers über eine visuelle Ebene zu verdeutlichen. Wir brauchen neue Begriffe, wenn wie wir über KI sprechen, damit wir in der Lage sind, die Technologie zu verstehen, aber auch damit wir den größeren Kontext verstehen – in einer philosophischen und ethischen Denkweise.

Gerfried Stocker: Auch I’am, die Arbeit von Marta De Menezes, möchte ich erwähnen. Sie bringt uns sehr schön darauf zurück, dass es am Ende nicht darum geht, Technologie weiterzuentwickeln, sondern dass es um uns selbst und das Miteinander, das von Mensch zu Mensch, geht. Sie und ihr Mann, langjährige Ehepartner, jetzt Künstler, Wissenschaftler, leben und arbeiten zusammen. Dann machen sie ein spannendes aber auch heftiges Experiment, bei dem sie gegenseitig Antikörper ihres Körpers, ihrer Entität, austauschen. Damit verbunden ist die Frage: Wie kann das Miteinander und Gegeneinander von Menschen ausschauen? Sie bringen die Frage damit auf eine ganz essentielle und poetische Dimension.

Christl Baur: Sie bringt das dann außerdem in Verbindung mit dem – sehr menschlichen – Gefühl der Liebe, über das DichterInnen und PhilosophInnen schon unzählige Abhandlungen geschrieben haben. Das ist, neben diesen ganzen Technologien, die sie verwendet und an denen sie und ihr Partner forschen, die Essenz der Arbeit. Es geht um das Thema Liebe, die Empathie zwischen uns Menschen, zwischen uns und anderen Arten und wie wir gemeinsam in Einklang miteinander leben können.

Christl Baur ist Co-Produzentin bei Ars Electronica, Forscherin mit interdisziplinärem Hintergrund in Kunstgeschichte, Kulturmanagement und Naturwissenschaften. Sie interessiert sich besonders für die Verbindung von ästhetischen und sozialen Praktiken, die sich um Kollaboration und Experimentieren drehen und soziale, politische und wirtschaftliche Protokolle herausfordern. Ihr Forschungsgebiet umfasst Themen wie Videokunst, Neue Medientechnologien, Computer, Biotechnologie und Interaktive Kunst und sie arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. In den letzten Jahren hat sie umfangreiche Ausstellungen und Performances, Forschungs-, Residenz- und Publikationsprojekte entwickelt, co-produziert und realisiert – zuletzt in Kooperation mit Universitäten und wissenschaftlichen Verbänden wie Google Arts & Culture, Microsoft, Hyundai wie auch der Chinese University of Art Beijing. Sie arbeitet eng mit KünstlerInnen zusammen, deren Praxis an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technologie liegt.

Gerfried Stocker ist Medienkünstler und Ingenieur der Nachrichtentechnik. 1991 gründete er xspace, ein Team zur Realisierung interdisziplinärer Projekte, das zahlreiche Installationen und Performance-Projekte im Bereich Interaktion, Robotik und Telekommunikation realisiert hat. Seit 1995 ist Gerfried Stocker künstlerischer Geschäftsführer von Ars Electronica. 1995/96 entwickelte er mit einem kleinen Team von KünstlerInnen und TechnikerInnen die richtungsweisenden neuen Ausstellungsstrategien des Ars Electronica Center und betrieb den Aufbau einer eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung, des Ars Electronica Futurelab. Unter seiner Führung wurden ab 2004 das Programm für internationale Ars Electronica Ausstellungen aufgebaut und ab 2005 die Planung und inhaltliche Neupositionierung für das neue und erweiterte Ars Electronica Center aufgenommen und umgesetzt.  Im Jänner 2009 wurde das ausgebaute Ars Electronica Center in Betrieb genommen.

Die Themenausstellung ist dieses Jahr unter dem Titel „Human Limitations – Limited Humanity“ von 5. bis 9. September 2019 am Ars Electronica Festival in der POSTCITY Linz zu sehen. Mehr erfahren Sie auf unserer Webseite.

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