Virtuelle Weihnachten

Die Weihnachtsgeschichte ist wohl eine der bekanntesten und am häufigsten rezitierten Geschichten der Welt. Sie ist nicht nur die Geschichte biblischer Zukunftserwartung, sondern auch die Geschichte des Ursprungs unserer Gesellschaft. In der Krypta des Linzer Mariendoms und im Deep Space 8K des Ars Electronica Centers wird sie in diesem Jahr virtuelle Realität.

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Via Photogrammetrie digitalisiert und als immersives, audiovisuelles und interaktives Erlebnis neu inszeniert, sollen viele der zuvor behutsam restaurieren Krippenfiguren des Doms vorweihnachtliche Besinnlichkeit in die VR-Headsets der Besucher*innen zaubern. Trotz physischer Distanz und ganz im Zeichen des (Ab)wartens.

Ganz andächtig wird einem zumute, hier: Ein felsengesäumtes Feld, ein Stall und eine dem Original nachempfundene Geburtsgrotte. Rund 30 bereits restaurierte Figuren aus Lindenholz, farblich gefasst und zum Teil auch vergoldet, werden hier vier Wochen lang warten, auf die Ankunft des Herren. Traditionell ist die orientalistische Kulisse in der Krypta des Mariendoms während der Vorweihnachtszeit jedoch noch leer. Ein dramaturgischer Ablauf bestimmt erst nach und nach den Einzug der Figuren in die biblische Inszenierung. Erst an den Feiertagen nehmen die berühmten Protagonist*innen ihre vertrauten Positionen rund um die Krippe ein. Die heilige Familie gesellt sich am 24. Dezember hinzu.

Allein, im Moment wirkt hier alles noch ziemlich profan. Mit feinen Pinseln werden die Landschaftselemente von Restauratorinnen sorgfältig gereinigt, mit Leim neu verklebt und mit Moosen, Flechten und Rinden fein dekoriert. Anstatt heller, harmonischer Engelsstimmchen lässt daneben ein Industriestaubsauger die heiligen Hallen gehörig erbeben.

 

 

Auch das Ars Electronica Futurelab hat heute hier in der Krypta des Linzer Mariendoms ziemlich viel vor. Und weil pandemiebedingt nur zwei Leute ins Taxi dürfen, reist der andere Teil des Futurelab-Teams vom gegenüberliegenden Ufer der Donau eben per pedes an.

 

 

Stefan Mittlböck-Jungwirth-Fohringer, Peter Freudling und Johannes Lugstein vom Ars Electronica Futurelab wurden mit der Umsetzung des ehrgeizigen Digitalisierungsprojekts im Zuge einer behutsamen Restaurierung der über hundert Jahre alten Krippe betraut. Sie ist eine der größten Krippenanlagen weltweit. Eine umfangreiche Begutachtung im Frühjahr 2020 hat den dringenden Restaurierungsbedarf von Seiten des Linzer Mariendoms deutlich gemacht. Seither werden die bis zu einem Meter großen Figuren, die Krippenlandschaft und Malereien behutsam gereinigt, restauriert, ergänzt und konserviert.

Die Vorbereitungen für das technische Setup sind bereits abgeschlossen und heute soll die Installation der Hardware über die Bühne gehen. Vor dem Portal des Linzer Doms werden die Mitarbeiter des Ars Electronica Futurelab von Dommeister Clemens Pichler (Diözese Linz) empfangen und in den Dom begleitet.

 

 

In der Krypta herrscht Kabelsalat und Kistengewirr, doch Expert*innen wissen immer Rat und der Aufbau der Anlage geht zügig voran. Ein ausladendes Projektionstuch entfaltet sich wenig später zu einer Großleinwand und ein stabiler Rahmen aus Metall wird damit bespannt.

 

 

Viel Licht gibt es hier in der Krypta nicht, doch der Projektor mit seinem gewaltigen Objektiv sieht vielversprechend aus. Und schon wenig später bootet Windows mit seinem signifikanten Ton – mit dem Geräusch des Staubsaugers kann es aber trotzdem nicht mithalten.

 

 

Wochenlang hat das Team auf diesen Moment hingearbeitet. Unter Anwendung einer berührungslosen Vermessungs- und Konservierungsmethode – der Photogrammetrie – wurden zuvor 30 der über 80 Krippenfiguren im Zuge eines aufwendigen Prozesses in Zusammenarbeit mit Dominic Juchum photogrammetrisch gescannt und digitalisiert. Auf Basis unzähliger Fotografien aus 360 Perspektiven wurden mit Hilfe dieses Verfahrens Lage und Form der Objekte indirekt bestimmt. Die angefertigten Aufnahmen wurden digital addiert und in eine exakte dreidimensionale Rekonstruktion der Figuren übersetzt. Über hundert Jahre nach ihrer Entstehung wurde die Krippe des Münchner Bildhauers Sebastian Osterrieder durch diesen Prozess in detailreicher Feinarbeit in eine virtuelle Realität transformiert.

“Die Digitalisierung von theologisch, kultur- und kunsthistorisch wertvollem Erbe der Vergangenheit ermöglicht unserer Gesellschaft erweiterte Möglichkeiten der geschichtlichen Deutung. Es ist die Technologie, die es uns erlaubt, die Erzählung in all ihren Details vollkommen neu zu entdecken”

Stefan Mittlböck-Jungwirth-Fohringer, Key Researcher & Artist, Ars Electronica Futurelab

 

3D Modell „Geburt Christi“

 

 

3D Brille aufsetzen, denn nun wird es ernst! Die ersten Tests der Applikation sind am Laufen und fasziniert von diesem Moment stellen die Artists, Researchers und Developers des Ars Electronica Futurelab auch diesmal fest: Die dritte Dimension, sie funktioniert!

Die virtuellen Krippenfiguren könnten ab nun hier in der Krypta des Mariendoms hautnah, in vielen Details und authentischen Farben aus 360 Blickwickeln erlebt und eingehend studiert werden – wenn da nicht noch ein Unsegen aus der Welt zu schaffen wäre: die Pandemie.

 

 

Aber auch dafür ist man gerüstet: Für die Präsentation der immersiven 3D-Inszenierung im Deep Space 8K des Ars Electronica Centers hat das Team die Applikation bereits vorbereitet. Und auch hier verlaufen die ersten Tests sehr erfolgreich. Mit dem Deep Space 8K bietet das Ars Electronica Center seinen Besucher*innen ein ganz besonderes Erlebnis, das es sonst nirgendwo auf der Welt gibt: Die 16 mal 9 Meter große Wandprojektion, die ebenso große Bodenprojektion und ein Lasertrackingsystem machen hier das Erlebnis von 3D-Animationen zu etwas ganz Besonderem. Auch die interaktive Krippenwelt soll hier künftig in das Programm einfließen und für die Besucher*innen in 8K-Auflösung projiziert und erfahrbar gemacht werden.

 

 

Vorerst heißt es allerdings: Abwarten. Doch wie auch immer sich die Covid-19-Infektionskurve in den nächsten Wochen entwickeln wird, der Advent kann kommen. Denn mit der virtuellen Weihnachtskrippe treffen der Linzer Mariendom und das Ars Electronica Futurelab trotz allem ganz den Geist dieser Zeit. Und via Ars Electronica Home Delivery wird das eindrucksvolle Krippenerlebnis kurzerhand zu euch nach Hause gebracht:

Ars Electronica Home Delivery: Deep Space LIVE – Virtuelle Krippe des Mariendoms Linz

Donnerstag, 3. 12.2020 – 17:00

Nächste Woche steht Ars Electronica Home Delivery mit Deep Space LIVE ganz im Zeichen der virtuellen Krippe des Linzer Mariendoms. Die Zuseher*innen haben dabei nicht nur die Möglichkeit, die digitalisierten Krippenfiguren eingehend zu begutachten, sondern von Ing. Mag. Petra Weiss (Bundesdenkmalamt/Abteilung für OÖ) und Dompfarrer Dr. Maximilian Strasser auch Wissenswertes über unterschiedliche theologische und kunsthistorische Aspekte der Krippe zu erfahren. Darüber hinaus wird Stefan Mittlböck-Jungwirth (Ars Electronica Futurelab) Einblick in den Digitalisierungs-Prozess der Figuren geben. Die digitale Version des Krippenensembles von Sebastian Osterrieder wird Besucher*innen aus aller Welt durch neue Einblicke in kunsthistorisches Erbe begeistern und einen neuen interkulturellen und interkontextuellen Anknüpfungspunkt schaffen. Auch für eine jüngere Generation entsteht damit eine neue, lebendige Perspektive auf eine biblische Geschichte und eine alte Tradition.

Wir laden euch also ein, die Vorweihnachtszeit heuer sehr innovativ zu gestalten. Für ein noch authentischeres Erlebnis empfehlen wir im Übrigen, die Heizung auszuschalten und ein wenig Myrrhe zu räuchern. Stay home. Stay save. Save lifes. Merry X-mas!

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