The Future Rock Show – Ein Beginn

Das Ars Electronica Festival ist unter anderem eine Veranstaltung, bei der neue Wege beschritten werden. The Future Rock Show ist die erste Ausgabe eines neuen Diskussionsformats, im Blog erfährt man alles über dieses neue Format.

| | |

Text von Kristefan Minski

The Future Rock Show – Eine Einführung

The Future Rock Show wurde beim Festival Ars Electronica 2013 vorgestellt. Es handelt sich dabei um einen experimentellen Ansatz, wie eine neue Form des kreativen Dialogs im Festivalkontext aussehen könnte. Das Projekt entstand aus der Zusammenarbeit des Ars Electronica Futurelabs und der US-Band OK Go. Gemeinsam ist man auf der Suche nach der Zukunft der Rock-Show. Beide Partner sind der Meinung, dass diese Zukunft im Zusammenspiel verschiedener Disziplinen, Kunstformen und Technologien zu finden ist, die das Spektrum rund um die Musiker selbst um ein Vielfaches erweitern. Das Festival Ars Electronica zieht seit jeher eine Vielzahl an talentierten und begabten Menschen an und bietet sich somit als ideale Gelegenheit an, diese Ausgangssituation weiter zu ergründen.

Das Projekt wurde von Hakuhodo gesponsert. Da Hakuhodo an der Welt von morgen im Allgemeinen interessiert ist, sind die Gespräche in diesem breit gesteckten Themenfeld von besonderem Interesse. Die Future Rock Show bietet eine ausgezeichnete Gesprächsbasis, schließlich repräsentiert sie die Essenz und Emotion des Live-Entertainments, mit der sich die meisten identifizieren können. Außerdem ist Hakuhodo von der neuen Form des kreativen Dialogs angetan, der wie folgt aussieht:

Das Event wurde in einzelne Segmente geteilt, um formelle und informelle Gesprächssituationen zu schaffen. Die Idee ist es, das Verhältnis zwischen dem Publikum und der Industrie/den Kreativen zu erforschen, in dem man mit physischem Raum, artistisch kuratierten Interventionen und Live-Performances experimentiert.

THE FUTURE ROCK SHOW PART 1 – INSPIRATION

Die Inspirationssession brachte 17 Experten aus verschiedenen Wissensfeldern wie beispielsweise Medienkunst, Tanz, Aktivismus, Mathematik, Architektur, Schauspiel, Fernsehen, Eventproduktion und natürlich Rock und Musik zusammen. Jeder Experte hatte 5 Minuten Zeit, um Ideen, Visionen, Fragen und Statements zu präsentieren.

Der Direktor des Ars Electronica Futurelab, Horst Hörtner, eröffnete und moderierte die erste Session. Aus seiner Sicht ist es eine wichtige Überlegung, dass man bei der Future Rock Show vor und nach den eigentlichen Moment schaut. Vom dem Moment des Ticketkaufs an über alle Prozesse, die zu einem Konzert hinführen, während und sogar nach einem Konzert stattfinden, gibt es viel fruchtbaren Boden zu erforschen. Er hat auch das Interesse und die angewandte Erfahrung des Ars Electronica Futurelab an der Zukunft des Live-Entertainments klargestellt und untermauerte diesen Claim mit einem kurzen Videoteaser über die weltbekannten Spaxels.

Damian Kulash von OK Go stellte im Anschluss die Band vor. Er sprach über den Erfolg ihrer Musikvideos als ein Ergebnis des Neuerfindens des Formats an sich und wie der gleiche Ansatz einen ähnlichen Einfluss auf Live-Konzerte haben könnte. Er sprach über seine Ambition, die kreative Ausrichtung der Band davon abzuziehen, was die Musiker mit ihren Instrumenten auf der Bühne machen können, und herauszufinden, was man mit Tausenden von Leuten in einem Raum alles machen kann. Er zeigte im Anschluss einen kurzen Überblick darüber, wo die Rock-Show früher war, wo sie jetzt ist und stellte die Frage, wo sie in Zukunft sein wird. Eine wertvolle Perspektive, um die Live-Entertainment-Erfahrung zu erfassen, sind Attention Flow – Modelle, mit denen man die 4 fundamentalen Elemente eines Konzerts erfassen kann: Performance, Spektakel, Human Connection und Gruppenerfahrung.

Der taiwanesische Künstler Huang Yi präsentierte eine sehr persönliche Sicht auf seine Entwicklung als Künstler und den positiven Einfluss, den Technologie auf diese Entwicklung hatte. Er sprach über sein Heranwachsen und die Probleme, die sich auf Grund der wirtschaftlichen Situation seiner Eltern ergaben. Trotzallem arbeiteten sie sehr hart dafür, ihm die Mittel für eine Ausbildung zu geben. Ein zentrales Werkzeug für ihn war sein erster Computer, der ihm den Zugang zum Internet ermöglichte. Seine Arbeit versteckt die harten Zeiten, die er in seinem Leben durchstehen musste, und konzentriert sich auf das Zeichnen eines Lebens, das sich durch den Einsatz von Technologie verbessert. Genauso wie seine Arbeit erinnert er uns an das intime Verhältnis, das manche Künstler mit Technologie haben, und wie man dieses Verhältnis kreativ bearbeiten kann.

Der künstlerische Leiter von phase7, Sven Sören Beyer, hat bereits Erfahrung darin, mit Technologien zu experimentieren und sie für seine Produktionen zu adaptieren. Er gab einen Überblick über die manigfaltigen Projekte, die er seit 1994 umgesetzt hat. Sein spezielles Interesse gilt der Frage, was die Leute (das Publikum) tun, sobald sie mit Technologie konfrontiert werden und er geht auch der Frage nach, wie man das Publikum in die Performance einbinden kann. Die aktuellsten Produktionen implementieren Technologien wie 3d-Audio, wodurch Soundevents in einem neuen Raum möglich sind und auch der Raum an sich neu definiert wird und das Publikum mit virtuellen und realen Umgebungen interagiert.

Der Architekt Peter Higgins (Land Design Studio UK) gab einen interessanten Einblick in den Prozess, wie man Orte mit dem Fokus auf Stadtkontexte, Kuration und Förderung gestaltet. Er begann mit dem Beispiel eines Ereignisses, das durch die Rotation der Erde hervorgerufen wurde. Er verfolgte die Idee, dass Städte wie Ereignisse behandelt werden, die Erzählstränge von und für deren Bürger verlangen. Es ging auch um Festivals und deren Bedeutung für Städte und um die Rolle des Kurators, die oft weit mehr umfasst als das Kuratieren alleine, so wie im Fall der Ars Electronica. Er stellte dann weitere in diesem Zusammenhang stehende Themen vor, die Theaterstädte, Medienstädte, Kunststädte, Popup-Städte, Geheimstädte oder gestreamte Städte. All das sollte bewirken, dass man weit außerhalb des Kontexts von Machern und Produzenten nachdenkt und mit anderen Fraktionen (politisch, finanziell, …) zusammenarbeitet, um signifikante Ereignisse zu erschaffen.

Daito Manabe ist Künstler, Programmierer, Designer, DJ, VJ, Komponist und hat einige signifikante Beiträge zu technologiebasierten Musik-Performances erbracht. Seine Präsentation beinhaltete 2 Beispiele seiner Arbeit, die die technologisch progressive japanische Popmusikkultur erfassen. Seine Arbeit mit der Pop-Gruppe Perfume rückt die Kreativität des Publikums (FAN) in den Mittelpunkt, indem 3d-Motioncapture-Daten der tanzenden Bandmitglieder dafür genutzt werden können, eigene Charaktere zu erschaffen, die dann zu Perfurme-Songs tanzen. Er zeigte einige Beispiele die repräsentativ sind für die neue Welle an publikumsgetriebener Pop-Musik-Produktion.

Der experimentelle Perkussionist, Komponist, Soundkünstler und Mitbegründer der Einstürzenden Neubauten FM Einheit ist ein integraler Bestandteil der Industrial-Musik und Kultur. Seine Präsentation begann und schloß mit dem Graben eines Lochs. Er erklärte, dass er nie wirklich über die Zukunft nachdenkt, weil er sehr auf die Arbeit konzentriert ist, die er gerade erledigt. Aber in der Reflexion zu diesem Thema dämmerte ihm, dass der spezielle Part seiner Performances der ist, wenn die Energie des Publikums sich mit der Energie des Performers verbindet und daraus neue Kräfte entstehen. Er gab ein paar klassische Beispiele aus seiner eigenen Performancegeschichte zum Besten, als das Publikum das Kommando übernahm und im Wesentlichen selbst das Konzert gestaltete. Er schloß damit, dass Rockmusiker der Zukunft Ökologen sein müssen und ein Loch graben müssen, was als Metapher für das Erkunden des Verhältnisses zwischen Organismus und Umgebung verstanden werden kann, man nähert sich dadurch dem Kern der Sache.

Farooq Chaudry ist einer der führenden Produzenten von kontemporären Tanz in Europa. Sein künstlerischer Fokus liegt auf innovativen Erzählsträngen, die sich aus der Kollaboration von interkulturellen und interdisziplinären Praktiken ergeben. Er sprach sehr intuitiv über diese Themen und meinte, dass Tanz ein echtes Live-Medium ist, das relativ frei von digitaler Ausbeutung ist. Die Kollaboration zwischen verschiedenen Medien ist entscheidend für den Erfolg seiner Produktionen und er präsentierte sein jüngste Produktion Desh. Weiters sprach er darüber, wie wichtig es sei, Ideen wertzuschätzen und dass in seinen Produktionen alle Ideen gleichwertig behandelt werden, unabhängig von finanziellen Gesichtspunkten. Die Zukunft der Rock Show und anderer Live-Medien sieht Farooq darin, dass Künstler sich als Geschichtenerzähler begreifen und beachten müssen, dass Technologie sehr große Möglichkeiten bietet, aber durch ihre Cleverness auch leicht in Versuchung führen kann.

Chris Müller ist künstlerischer Leiter, Aktivist und Produzent. Neben anderen Dingen studierte er transmediale Räume und interessiert sich dafür, wo Performances stattfinden. Auf gewisse Weise ist die Performance irrelevant, was hingegen interessant ist, ist die Bühne beziehungsweise ihre Neuerfindung. Es wirkt so als würde er die Bühne nicht als ein architektonisches Objekt begreifen, sondern als einen Raum, der für Performance gedacht ist. Ihm ist wichtig, eine Bühne zu finden, und nicht eine bereits existierende zu verwenden. Er zeigte einige seiner Werke, die diese Ideen unterstützen, bei einem beispielsweise wurde kurzerhand eine Bergspitze abgetragen, bei einer anderen Produktion ein Warenhaus als Bühne für spezielle Interventionen verwendet.

Yuri Suzuki ist ein Künstler, der hauptsächlich mit dem Medium Sound arbeitet. Er präsentierte seine Arbeit im Kontext einer Auseinandersetzung eines Konzerts als akustik-visuelle Gesamterfahrung und dem Potential, die zusätzlichen Sensoren des Publikums zu stimulieren, beispielsweise Haptik oder Geschmack. Er zeigte einige seiner Arbeiten, beispielsweise eine Visualisierung, wo Schallwellen zu Feuer werden, primitive analoge Animationstechniken in Verbindung mit sehr experimentellen elektronischen Interventionen, ein Soundtaxi, das durch die Straßen Londons fährt, und einige seiner Arbeiten beinhalten auch die Publikumspartizipation, beispielsweise ein Gerät, das entlang eines Pfades fährt und Farben, die vom Publikum eingezeichnet werden, in Schall umwandelt.

Hans Hoffer ist Direktor des renommierten Max Reinhardt Instituts. Seine Präsentation war ein selbst verfasster poetischer Text, der als Sprachperformance inszeniert wurde, und zwar auf Deutsch, seiner Muttersprache. Es war eine Reise die mit dem Fokus auf Zeit und den Moment begann, unter der Annahme, dass in der richtigen Sekunde das richtige Word einen großen Einfluss erzeugen kann. Danach ging es um Sprache und um den Einfluss von Technologie auf die globale Kommunikation, aber auch auf die physische Kommunikation, Gesten beispielsweise. Danach setzte er fort mit der Wichtigkeit von Lebenszyklen und dass jedes Ereignis im Spannungsfeld zwischen Leben und Tod stattfindet. Zusammenfassend präsentierte Hans ein philosophische Position, die die Wichtigkeit der Performance und des Kontexts, in den sie gesetzt wird, herausstreicht.

Kazuhiko Washio ist Fotograf, Produzent und war 15 Jahre Creative Director einer der weltweit größten Marketingagenturen. Er stellt einen Kontrast her zwischen Live-Experience und traditioneller Werbung, insbesonders auf Grund der mangelnden Risikobereitschaft bei Letzterem. Seiner Meinung nach verändert sich das Spielfeld insofern, als dass moderne Werbung experimenteller sein kann und einen Einfluss auf den Live-Bereich ausüben kann. Seine Frage ist “Wo ist der Ort für eine Live-Erfahrung in der Zukunft?”Um dieser Frage nachzugehen präsentierte er einen sehr interessanten Videomix eines Projekts, das er gemeinsam mit 6 bekannten japanischen Regisseuren durchführte, die den Alltag durch ihr Medium erforschten. Das Video bietet viele Einsichten, wie man die eigene Zeit und den eigenen Raum wertschätzen kann.

Lewis Major und Aakash Odedra sind Tänzer und Choreographen, die im letzten Jahr mit dem Ars Electronica Futurelab zusammenarbeiteten, um neue Möglichkeiten der Geschichtenerzählung zu erforschen. Sie selbst sehen sich als Geschichtenerzähler, die als Medium den Tanz wählen. Obgleich sie schon einiges an Erfolgen verbuchen können, kämpfen sie damit, die enge Demographie ihres Publikums zu erweitern und das ist einer der Gründe, wieso sie die Zusammenarbeit mit dem Futurelab gesucht haben. Aakash präsentierte während seines Talks in einer Performance die intime Natur seiner 2000 Jahre alten Kunstform. Er sprach über die Schwierigkeiten, diese intime Form so zu gestalten, dass sie auch für viele Personen funktioniert, und auch darüber, dass Technologie eine globale Sprache geworden ist und dabei helfen kann, genau solche Schwierigkeiten zu überwinden. Er schloß mit der wohl pointiertesten Frage der Runde: “Wie können wir Menschen berühren, ohne dass wir sie berühren?”

Als Kurator und künstlerischer Leiter vieler großer Veranstaltungen und Festivals begann Jonathan Parsons seine Präsentation mit dem Fokus auf den Publikumsbereich. Er sprach über die Wichtigkeit des Openings und wie das Opening den Rest des Festivals beeinflusst. Er zeigte die vielen verschiedenen Herangehensweisen, auf die er schon zurückgegriffen hat, egal ob F1-11 Kampfjets, eine fliegende Drag-Queen oder robotische Interventionen. Danach sprach er über das Verhältnis zur Location, was widerum zu der Diskussion von kulturellen Abläufen, die an den Zeit und den Ort eines Ereignissen gekoppelt sind, führte. Ein großartiges Beispiel dafür wären die Zeremonien der australischen Ureinwohner, die seit den Olympischen Spielen 2000 in Sidney Bestandteil jedes offiziellen Events in Australien sind. Jonathan versuchte das mit der Art und Weise zu vergleichen, wie Rock Bands von Stadt zu Stadt touren und wie das Verhältnis zur ihrem Publikum davon beeinflusst wird.

Hideaki Ogawa, Key Researcher des Ars Electronica Futurelab, hat bereits einige signifikante Arbeiten im Bereich der Publikumspartizipation erstellt. Das Beispiel, das er präsentiert, ist das ABC Klangwolkenprojekt, das während des Festival Ars Electronica 2012 gezeigt wurde. Das Projekt begann allerdings schon Monate vorher, die Bürger von Linz wurden aufgerufen, eigene Buchstaben zu gestalten. Während des Herstellungsprozesses wurden die Buchstaben mit eigens entwickelten FM-Transmittern mit LED-Modulen ausgestattet. Das erlaubte es, die Buchstaben in verschiedenen Modi zu beleuchten und so eine Lichtlandschaft zu gestalten. Mehr als 5000 Buchstaben wurden produziert, was eine durchaus beachtenswerte Leistung ist. Wie Hideaki ausführte, war der für ihn spannendste Aspekt, wie untereinander die verschiedenen Buchstaben zu immer neuen Kombinationen zusammengebaut wurden. Die Resultate waren ausgezeichnet, der Forschungsbereich Creative Catalyst könnte laut Hideaki eine entscheidende Rolle für die Zukunft des Live-Entertainments spielen.

Salvatore Vanasco ist Literaturwissenschaftlicher, Medienkünstler, Regisseur, Produzent und war in den letzten 3 Jahrzehnten im Bereich der experimentellen Elektronik unterwegs. Er eröffnete seine Präsentation mit der Diskussion seiner frühen Ambitionen, während er mit Massenmedien und Kommunikation herumexperimentierte und an vor allem an dem Konzept von uns und denen interessiert war. Seine Arbeiten (oder seine Beteiligungen) waren oftmals von “denen” getrieben und sollten Denkprozesse in der Gesellschaft auslösen. Er sprach über jahrelange Forschung, Übung und übers Scheitern, bis zu seiner letzten Produktion, die ebenfalls gescheitert ist und deswegen ein gutes Ergebnis lieferte, weil er dabei viel gelernt hat. Er sieht Parallelen zwischen seinem letzten Projekt WIR SIND HIER und dem, was Horst Hörtner in seiner Einführung gesagt hat, nämlich die Phasen vor und nach einem Event. WIR SIND HIER verfolgte sehr stark diesen Ansatz und er zeigte Beispiele der Website, die hin zum Event führte und als Plattform für Partizipation diente.

THE FUTURE ROCK SHOW PART 2 – BRAINSTORMING

Obwohl die zweite Session als Brainstorming genannt wurde, ging es nicht darum, Antworten zu finden oder Probleme zu lösen, sondern darum, ein interessantes Gespräch zu fördern und Fragen und Statements zu entwerfen. Es ging darum, den Rahmen der Diskussion zu erweitern, das Publikum einzubinden und idealerweise mehrere parallele Gespräche zu haben. Gleichzeitig gab es eine Live-Protokoll-Performance, während der das “Liquid Log” des Ars Electronica Futurelab gefeatured wurde, und einige Gruppen an Schreibenden, die widerum neue Texte in den Talon warfen.

Die Session wurde von Gerfried Stocker, dem künstlerischen Leiter der Ars Electronica, eröffnet und moderiert. Er lud das Publikum sofort ein, sich zu beteiligen, obwohl schnell klar wurde, dass der Prozess ein wenig Zeit und einiges an Improvisation beanspruchen würde. Die ersten 30 Minuten wurden somit hauptsächlich vom Mikrofon und von den Fragen des Moderierenden bestritten. Schließlich begann das Publikum, unterstützt von zusätzlichen Moderatoren, sich in das Gespräch einzuklinken und auch die eingeladenen Teilnehmer lockerten auf und nutzten das offene Format für interessantere Gespräche. Als schließlich in den letzten 30 Minuten die PA abgedreht wurde, konnte das ursprüngliche Ziel von mehreren offenen Gesprächen erreicht werden. Naturgemäß wurde es immer schwieriger, die Gespräche zu dokumentieren, das finale Protokoll ist jedenfalls gut verständlich. Es folgt eine Zusammenfassung des Dokumaterials:

Eine Rockbühne und ein Fernseher sind das gleiche. Eine Person spricht zu vielen. Echte Partizipation bedeutet viele zu vielen. Es ist viel komplizierter.

Agenten! Spannung – Unbekanntes – Prekäres. Die Alten haben das gemacht, und die Neuen können das auch, wie macht mans richtig? Das menschliche Element, die Technologie. Das Ausbalancieren der Dinge.

Als Künstler fragt man sich, ob man möchte, dass jemand mit deiner Show herumtut? Wenn ja, wie schauen die Interfaces aus? Am besten sind Trigger, die etwas auslösen und sich dann in etwas komplett anderes verwandeln.

Kommunikation ändert sich nicht, nur das Format. Wie man die private Erfahrung mit dem Publikum strukturiert, das ist die Frage nach der Rock Show der Zukunft. Dieser spezielle “Du und ich” – Moment, der mit anderen geteilt werden kann. Beispielsweise ein Performer mit 1000 Kanälen und ein 1000 köpfiges Publikum mit 1000 Headsets. Das Publikum könnten Schauspieler sein.

Distributierte vs. nicht distributierte Performance. Es kommt immer häufiger vor, dass Leute bei Live-Events auf ihre Telefone schauen und nicht auf die Veranstaltung. Sie sind zu beschäftigt damit, zu zeigen, dass sie dort sind, um wirklich dort zu sein.

Facebook kann live nicht ersetzen, weil das volle Spektrum an sensorischen Erfahrungen fehlt. Es kann nicht erreichen, dass sich der Puls von Leuten, die gemeinsam singen, synchronisiert.

Für mich funktioniert Kunst dann, wenn man sie fühlt. Sie überspringt das Gehirn und geht direkt ins Herz.

Für Musiker sind es immer noch Leute da oben, die Instrumente spielen, oder öfter auch Leute, die lediglich so tun als ob. Also wenn man eh schon nur so tut als ob, wieso nimmt man nicht all die unglaublichen Dinge, die hier an diesem Tisch diskutiert werden, und führt sie zu einem Ereignis von großer Freude zusammen?

Wie transportiert man die Intimität einer Performance zu Leuten, die nicht unbedingt im selben Raum sind? Was sind die Technologien und die Möglichkeiten, um das zu schaffen?

Menschen sind profunde Tiere. Das Erfassen eines kulturellen Events reduziert sich auf mögen oder nicht mögen und die Anzahl an Views und Fans hat eine große Bedeutung.

Wenn sich die Bühne nicht ändert, vielleicht ändern sich die Künstler, beispielsweise Hatsune Miku. Vielleicht sind die Performer jene, die obsolet werden?

Wenn es um Bühnen und Publikum geht, dann ist es ein wenig so wie hier. Wir (das Publikum) fühlen uns ein wenig eingeschüchtert von all diesen intelligenten Menschen am Tisch. Vielleicht hilft es, wenn jemand etwas Dummes sagt, um die Barriere zu durchbrechen und es so für uns leichter zu machen?

Ist Facebook das Woodstock unserer Zeit?

Ist es so sicher, dass das Physische nicht früher ersetzt werden kann, als wir denken? Laufen wir Gefahr, in unseren Clubs und Bars übrig zu leiben, so wie Dinosaurier, während die nächste Generation irgendetwas völlig anderes macht?

Ist das Physische an die Authentizät gebunden? Ist es der Weg zur Kredibilität?

Gibt es immer noch den Hunger nach dem Moment, um dort zu sein? Die nicht-geteilte Erfahrung tatsächlich dort zu sein? Das Gefühl, dass man dort war ist weiterhin nicht zu ersetzen. Das merkt man, wenn man sich bemüht, vor Ort zu sein, aber es nicht schafft, und mit dem umgehen muss, was dann übrig bleibt, wie bei ausverkauften Veranstaltungen, den Olympischen Spielen und so.

Es scheint viele “Ich war dort” Gelegenheiten und Orte zu geben. Es scheint, dass dieses Verlangen das Gleiche ist, aber sie auszuleben wird in der virtuellen und realen Welt immer sichtbarer.

Es geht um die verstärkte Emotion, die man nur in der Gruppe erfahren kann

Es ist auch ein politisches Problem. Was macht dieser Output (Bühne, Musik, Performance und die damit verbundene Technologie) fürs Erschaffen von Kultur? Was ist die Rolle des Künstlers? Die Position ändert sich mit der Technologie und der Partizipation. Was ist der Wert von Partizipation? Musiker machen Musik, oder vielleicht sind Musiker an sich schon überholt.

Es fehlt nichts – Die Freude daran, Dinge zu schaffen, treibt uns an Plätze, wo wir noch nicht waren.

Man sollte das Publikum als Individuen betrachten, nicht als Gruppen, sondern als Gruppen von Individuen, von vernetzten Individuen. Man braucht Werkzeuge, um daraus einen Kontext zu erschaffen. Das ist die Herausforderung.

Schauen Sie sich an, was die erfolgreichen Rock Shows der letzten Jahre waren und wie die gesellschaftlichen Trends zu der Zeit ausgesehen haben, beispielsweise Woodstock. Was damals passierte ist direkt mit dem Erfolg der Veranstaltung verbunden.

Unsere Wahrnehmung von physischem Raum bestimmt was wir darin machen und die Beziehung, die wir mit diesem Raum haben wollen und die Leute (das Publikum), die mit dem Raum interagieren.

Leute sind sich viel mehr dessen bewusst, was bei eine Musikperformance bedarf, auch in Bezug auf Technologie. Es macht es schwieriger, diesen magischen Moment zu erzeugen. AKB48 ist ein interessantes Beispiel, mit dem großer Erfolg erreicht wurde, aber deren Ansatz ist wirklich komplett anders. Das Publikum ist in den Selektionsprozess involviert.

Menschen neigen dazu, die geteilte Erfahrung zu schätzen und brauchen “Abzeichen” für Unteilbares, um anzugeben.

Vielleicht sollten wir in die Vergangenheit schauen, um Formate zu entdecken, die für die Zukunft relevant sind, beispielsweise John Cages offene Werke ohne Ende. Eine Sache ist es, wie man Kunst (oder Musik) darstellt und die andere ist, was sie eigentlich macht.

Rock ist ein limitiertes Format und es gibt ein riesiges Potential um mit anderen Kulturformen zu interagieren und völlig neue Formen des Entertainments zu erschaffen.

Rutschgefahr! Zwischen einem erwarteten Moment und dem nächsten. Rutschgefahr zwischen Beziehungen und den verschiedenen Positionen, zum Beispiel Publikum und Performer. Es passiert ab und an, aber vielleicht ist die Herausforderung die, es öfter geschehen zu lassen.

Manchmal kann das Virtuelle echter werden als die Realität. Beeinträchtigte, die über Geräte einen Moment erfahren, das Physische erweitern. Mensch-geschaffene Technologien als Erweiterung des Körpers. Kamera – Auge, Mikrofon – Ohr, Lautsprecher – Mund.

Eine sehr alte Idee aufzugreifen und sie durch Technologie für heute relevant zu machen kann sehr wirksam sein und macht die kreative Palette sehr breit.

Der Vorteil virtueller Performance-Räume (beispielsweise Metaverse) ist, dass man Architektur umsetzen kann, die in der echten Welt nicht möglich wäre.

Das Publikum braucht nicht nur den Performer und der Performer das Publikum. Das Publkum braucht das Publikum. Das Teilen von kollektiver Energie ist ein fundamentales menschliches Bedürfnis.

Die große Herausforderung darin, Technologie einzubringen, ist es, die menschliche Kommunikation nicht zu banalisieren.

Der Feedback-Loop, der Performer spürt das Publikum und vice versa. Der Performer verlässt sich selbst beinahe auf hyper-individuelle Weise.

Das meiste, was wir lernen, hat mit Hören und Sehen zu tun, aber vielleicht könnte man durch das Erforschen einer vierten Dimension, beispielsweise Berührung, Geschmack, Geruch, die Gefahr der Virtualisierung überwinden.

Das Mikrofon, das Flüstern in das musikalische Element Crooning verwandelte, der Verstärker, der Rockshows überhaupt erst ermöglichte, es ging immer um den technologischen Fortschritt. Die Frage ist jetzt, was wir mit all diesen explodierenden Technologien tun können?

Das Streben nach Neuem ist eine Art Sucht der Menschheit. Ausprobieren (und die Erfahrung haben) und dann weitergehen. Versagen macht nichts. Ohne Versagen gibt es keinen Fortschritt.

Ich denke nach über Partizipation und kulturelle Reflektion. In der japanischen Kultur liegt der Marktfokus auf der Reflexion des täglichen Lebens. Die Leute haben Einfluss. Die Essenz ist, wie man den Traum verwirklicht und das tägliche Leben schützt.

Traditionellerweise war Musik immer Partizipation. Von Anbeginn des menschlichen Daseins war Musik kollaborativ. In letzter Zeit hat es sich zu eine passiven Erfahrung gewandelt, aber vielleicht bewegen wir uns wieder zurück zu einem älteren Kontext. Es ist im Menschen drinnen, sich an Musik beteiligen zu wollen. Menschen wollen befähigt werden.

Wir sind nicht mehr nur auf die Leute mit Instrumenten auf der Bühne reduziert und wir können alles, was wir von all diesen Kunstformen und Technologien gelernt haben, nehmen und etwas Neues, Spannendes, Magisches, Großartiges erschaffen.

Wie steht es ums Verhältnis zur Erinnerung, gerade hier im Festivalkontext? Gehts nicht darum, Erinnerungen/Erfahrungen abzurufen und wie soziale Netzwerke dabei helfen könnten? Zweifelsohne können das oder eben nicht.

Wo kommt diese Faszination in Richtung Publikumsbeteiligung her? Was fehlt dem Performer?

Wieso Partizipation? Weil es gerade cool ist? Es gibt so viele verschiedene Formen, Versuche und Herangehensweisen, wann funktioniert das denn wirklich?

Wieso Rock? Wieso so ein limitiertes Genre? Die Formel ist streng und muss erweitert werden, um mehr Möglichkeiten für Publikumsbeteiligung zu schaffen.

Zusammenfassung

Das Zusammenbringen von so einer Vielzahl verschiedener Experten, noch dazu unter dem unorthodoxen Label “The Future Rock Show”, würde interessante Ergebnisse zu Tage fördern. Ihrem Briefing folgend fokusierten sich viele der Teilnehmer nicht auf die Rock Show an sich, das Ziel war es schließlich, einen Blick auf verschiedene Disziplinen anzubieten. Allein durch die Gespräche am Tisch war es uns möglich, den transdisziplinären Ansatz zu stärken. Außerdem wurden einige Hauptstränge für die Entwicklung der Future Rock Show geflochten. Man kann annehmen, dass diese Stränge auch im größeren Feld der Live-Erfahrung der Zukunft von Relevanz sind. Die folgenden Beispiele zeigen mögliche Startpunkte für die weitere Forschung:

Wann findet die Rock Show statt? Ist die Performance nur der Höhepunkt eines längeren Prozess? Pre-Show, Post-Show?

Ist das limitierende Format von Rock und die damit verbundenen Parameter ein Problem, das geändert werden muss? Wird das Verschmelzen mit anderen Kunstformen etwas völlig Neues ergeben oder kann die Klassifizierung von Rock aufrecht erhalten werden?

Wer sind die zukünftigen Musiker? Werden menschliche Performer obsolet und durch Roboter oder virtuelle Charaktere ersetzt, wie es schon öfter erfolgreich der Fall ist? Oder werden sie weiter performen (oder so tun als ob) und wie können sie das Publikum überraschen?

Wo ist der Ort für eine Future Rock Show? Wird es die Konzerthalle, ein aufblasbares Theater oder ein komplett undefinierter physischer Raum sein? Basieren die Auswahlkriterien auf kultureller Relevanz oder auf unserer Wahrnehmung von Raum? Was wird die Rolle der Institutionen sein, wo diese Events stattfinden?

Was ist die wirkliche Essenz einer LIVE Rock Show? Ist es das Physische? Die Wichtigkeit von Fühlen, dem Fühlen von anderen oder das Fühlen von Kunst im Allgemeinen? Gibt diese Physikalität die Authentizität und die Kredibilität? Kann das der entscheidende Faktor zwischen teilbaren und nichtteilbaren Ereignissen sein? Ist es wichtig, dabei zu sein, oder reicht es, dieses “Ich war dabei” – Gefühl auf virtuellen Wegen zu teilen?

Wieso liegt der Fokus auf Partizipation? Ist es eher ein Trend, weils gerade cool zu sein scheint? Oder liegt es daran, dass es in der menschlichen Natur liegt, über Musik miteinander zu kollaborieren? Kann die Antwort in historischen Kontexten gefunden werden? Was ist die Rolle des Performers und die des Publikums wenn es um die Entwicklung wertvoller Partizipationsmodelle geht? Brauchen sie einander oder braucht das Publikum sich selbst?

Was ist die Rolle von Technologie? Wird sie weiterhin einen Einfluss auf die Erweiterung der Parameter einer Performance haben (PA, …)? Eröffnen die Dinge, vor denen wir uns fürchte, neue Möglichkeiten? Die Mehrheit schaut ein Event durch ein Gerät an, das selbe Gerät kann verwendet werden, um eine eine vernetzte Gruppe von Individuen zu kontextualisieren. Erzeugt diese Kontextualisierung eine interessanteren und demokratischeren Ausdruck? Gibt es Werte im Virtuellen?

tbc

CREDITS: THE FUTURE ROCK SHOW EVENT

INSPIRATIONAL PRESENTERS:
Damian Kulash (US): OK Go
Huang Yi (TW): Artist
Sven Sören Beyer (DE): Phase7
Peter Higgins (UK): Land Design Studio
Daito Manabe (JP): Artist
FM Einheit (DE): Composer / Musician
Farooq Chaudhry (UK): Producer
Chris Müller (AT): Event Producer
Yuri Suzuki (JP): Artist
Hans Hoffer (AT): Director Max Reinhardt Institut
Kazuhiko Washio (JP) : Hakuhodo Inc.
Lewis Major (AU): Dance / Choreography
Aakash Odedra (UK): Dance / Choreography
Jonathan Parsons (AU): Artistic Director ISEA 2013 & Experimenta 2014
Hideaki Ogawa (JP): Ars Electronica Futurelab
Salvatore Vanasco (IT): Media Artist

MEDIATORS:
Horst Hörtner (AT): Director Ars Electronica Futurelab
Gerfried Stocker (AT): Director Ars Electronica
COORDINATOR:
Kristefan Minski (AU): Ars Electronica Futurelab

ARTWORK – LIQUID LOG: Ars Electronica Futurelab: Horst Hörtner, Martina Mara & Veronika Pauser
ARTWORK – KAZAMIDORI: Hideaki Ogawa

TECHNICAL MANAGEMENT:
Joschi Viteka (AT)
Franziska Mucha (AT)

CREDITS: THE FUTURE ROCK SHOW PROJECT

CONCEPT: Horst Hörtner, Kristefan Minski, Hideaki Ogawa & Gerfried Stocker

TEAM: Martina Mara, Kristefan Minski, Hideaki Ogawa & Veronika Pauser
PROJECT MANAGER: Kristefan Minski
ARS ELECTRONICA FESTIVAL DIRECTOR: Martin Honzig
FESTIVAL TEAM: Franziska Mucha & Joschi Viteka

The Future Rock Show Event was sponsored by Hakuhodo

CREDITS: THE FUTURE ROCK SHOW SUMMARY REPORT

AUTHOR: Kristefan Minski
COVER PHOTO: Florian Voggeneder