PANIC – yes/no

Panik, ja oder nein? Sollten wir nicht längst schon in absolute Panik geraten? Warum sind wir es nicht? Die Gründe für Panik scheinen zahllos. Oder ist alles nur Panikmache? Wie lange hält die Hoffnung noch durch, und was kommt danach?

Ars Electronica 2025

Wenn wir die Welt um uns herum nicht mehr verstehen, wenn sich die Dinge schneller ändern, als wir sie einordnen können, dann neigen wir Menschen offenbar dazu, irrational zu werden, der (Laut-)Stärke einer Stimme mehr Aufmerksamkeit zu geben als dem, was sie behauptet, und lieber das für Wahrheit zu halten, was wir gerade hören wollen. Wir finden uns wieder in Platos Höhle und verehren die Schattendeuter.

Nichts scheint beunruhigender als Veränderung, nichts brauchen wir dringender als Veränderung. Doch darüber, was oder wer sich ändern soll und wie es zu bewerkstelligen wäre, darüber können wir uns immer weniger einigen.

…und was meinen wir überhaupt, wenn wir von Umbrüchen reden?

Come gather ‚round people
Wherever you roam
And admit that the waters
Around you have grown
And accept it that soon
You’ll be drenched to the bone
If your time to you is worth savin‘
And you better start swimmin‘
Or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin‘

Als Bob Dylan 1963 diese Zeilen schrieb, die nicht zuletzt angesichts der nun real steigenden Wasserspiegel punktgenau auf unsere Tage zutreffen, war die Bürgerrechtsbewegung in den USA auf einem Höhepunkt angelangt – der Marsch auf Washington, Martin Luther King‘s „I have a dream“ sind ikonisch in die Geschichte eingegangen – und allen war ganz klar, von welchem Umbruch da gesprochen wurde: Aufbruch, Fortschritt, Freiheit, codiert als Ideale der westlichen Welt, schienen so unwiderstehlich überzeugend und unstoppable, dass es nur mehr eine Frage der Zeit sein würde, bis sie sich global durchsetzen würden. 

Es war auch die Zeit, in der sich die USA endgültig als die globale Hegemonialmacht positionieren konnten – militärisch, wirtschaftlich und vielleicht vor allem kulturell setzte sich „The American Way of Life“ in der freien Welt durch. Politisch wurde „Ich bin ein Berliner“ von John F. Kennedy (wenige Monate bevor er ermordet wurde) das legendäre Zeichen für ein hegemoniales Verständnis eines beschützenden Souveräns, der nicht unterwirft, sondern durch die Vorzüge und Versprechungen seines Lebensstils zur freiwilligen Gefolgschaft motiviert. So zumindest wollte man es verstanden wissen, war man doch andernorts nicht zimperlich, die militärische Größe und die nukleare Abschreckung sehr wohl als Werkzeuge der Macht einzusetzen. (Der 20 Jahre andauernde Vietnamkrieg, 1955–1975, wurde ja nicht geführt, weil man das Land erobern wollte, sondern um den Führungsanspruch durchzusetzen).

Fehlte eigentlich nur noch der Zerfall der UdSSR nach dem Mauerfall 1989, und die Sache schien besiegelt. Doch man hatte übersehen, dass die wirtschaftlichen Verflechtungen und Abhängigkeiten in Folge der Globalisierung und der weitreichenden Liberalisierung der Märkte – gepaart mit der weltumspannenden digitalen Infrastruktur – auch eine Dezentralisierung von Machtstrukturen mit sich bringen würde; keine Auflösung, aber eine Fragmentierung, in der Macht nicht mehr ausschließlich über direkte Kontrolle oder hierarchische Strukturen ausgeübt wird, sondern zunehmend von Konsensbildung und Interessensausgleich abhängt.

In dem daraus entstandenen hegemonialen Interregnum positionierten sich nicht nur aufstrebende geopolitische Akteure, allen voran China, sondern es vollzog sich zugleich eine massive Verschiebung hin zu Technologiekonzernen, die sich mit ihren eigenen feudalen Machtsphären in vielen Bereichen der staatlichen Regulierung entziehen. Zwar bleiben die USA weiterhin das zentrale Nervensystem der globalen Finanzmärkte, doch auch dieses Machtsymbol hat durch die Dynamiken der Globalisierung und zuletzt durch den Aufstieg der Kryptowährungen sichtbare Erosionserscheinungen erfahren.

Panik entsteht nicht aus der bloßen Angst vor einer Gefahr, sondern aus der Erkenntnis ihrer Unausweichlichkeit – dem Gefühl, ihr schutzlos ausgeliefert zu sein, ohne eine Möglichkeit zur Flucht oder Kontrolle.

Vor diesem Hintergrund ist die irrationale (weil nicht durch Fakten und realitätsbezogene Strategien begründete) Hinwendung zu oligarchisch faschistischen Ideologien, wie wir sie derzeit in den USA sehen, durchaus als Panikreaktion einer Weltmacht zu sehen, die sich vergegenwärtigen muss, dass sie ihre Vormachtstellung verloren hat, bzw. im Begriff ist, sie zu verlieren. Die Frustration über den „American Decline“ ist dementsprechend eine der stärksten Motivationen hinter dem MAGA-Narrativ. Die breite Zustimmung allein mit der Unzufriedenheit über die hohen Eierpreise erklären zu wollen, greift da zu kurz und übersieht die tiefere Psychologie dahinter.

Das aggressiv erratische Verhalten von Trump, seinen Mitläufer*innen und Aufhetzer*innen – diese Luftschlösser aus Wut und Selbstherrlichkeit – tragen in ihrer Wucht und Verbissenheit deutliche Züge eines letzten Aufbegehrens, eines trotzigen Verweigerns der Realität. Wie gefährlich und destruktiv diese Symptome einer Agonie dennoch sind, kennen wir nicht nur von vielen historischen Beispielen, sondern zeigt sich aktuell auch in den kriegerischen Restaurationsbestrebungen Wladimir Putins und der breiten Zustimmung, die seine Politik in Russland erfährt.

Das Gleiche lässt sich natürlich auch über Europas neuen Rechtsextremismus sagen, an dem ja nur die beunruhigend gestiegene Reichweite neu ist und die dumpfe Unempfindlichkeit, mit der wir diesen Auswüchsen gegenüberstehen.

In einer so noch nie dagewesenen vernetzten und digital entgrenzten Welt sucht man plötzlich wieder nach territorialer Abgrenzung und Enge, die Probleme der Migrationsströme sind nur ein Teil der Ursache dafür. Das plötzlich wieder aufwachende Interesse an Landbesitz und physischem Territorium, das sich in der Rhetorik der EU-Aussteiger genauso wiederfindet wie in Trumps Fantasien, sich Grönland und Kanada einzuverleiben, ist eine Reaktion auf den Kontrollverlust, dem man in international und global vernetzen Allianzen ausgesetzt ist. Wer sich in der Weite der Verhandlung und Konsensfindung nicht durchsetzen kann, möchte dann doch lieber an den kleinen Tisch zurück, um mit der Faust drauf zu hauen.

Wovor wir uns fürchten sollten.

Was sich zusammenbraut, ist eine angstgetriebene Stimmung, die sich von diffuser Ablehnung bis zu abgrundtiefem Hass gegen alles richtet, was nach Veränderung riecht. Gegen Zuwanderung, gegen Klimaaktivist*innen, gegen Diversität, gegen Transgender, gegen die Einsicht, dass die Welt viel komplexer ist, als man sie haben möchte.

Hausverstand wird zum Primat über Wissenschaft und Erkenntnis deklariert, und Wahrheit nicht mehr als Übereinstimmung der Aussage mit ihrem Gegenstand, sondern als kleinster gemeinsamer Nenner von Behauptungen, die am ehesten dem entsprechen, was wir uns wünschen und nicht dem, was wirklich vor sich geht. Ungeachtet dessen, dass 2024 das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen war, ungeachtet dessen, dass die Coronaimpfung unzählige Menschen vor schwersten Krankheitsverläufen, vor Long-Covid und auch vor dem Tod bewahrt hat… etc. etc.

Dieser Erosion der Wahrheit, getrieben von den profitorientierten Algorithmen der sozialen Medien, folgt die Erosion des Vertrauens, dem vielleicht wichtigsten Element für den Zusammenhalt einer Gesellschaft.

Was die Angst in Panik umschlagen lässt, mehr noch als die Unberechenbarkeit und Rücksichtslosigkeit der Trump-Administration, ist die aufkommende Orientierungslosigkeit, jetzt da Trump der gesamten freien Welt (auch innerhalb der USA) Loyalität und Solidarität – Grundpfeiler der hegemonialen Ordnung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren – aufgekündigt hat. Eine Orientierungslosigkeit, in deren Folge Europa sich in atemberaubender Geschwindigkeit nun der Kriegswirtschaft verschreibt und sich mit Waffen ausrüstet, die im wirklich entscheidenden Kampf der nächsten Jahrzehnte, dem Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels, weitgehend nutzlos sein werden.

Wenn die Angst nicht mehr klaren Gefahren und Risiken zuzuordnen ist, wird sie zu Panik; das Stresshormon Adrenalin wird ausgeschüttet, der Herzschlag beschleunigt sich, mehr Blut wird durch die Adern gepumpt, und die Muskeln spannen sich an.

Reagieren wir dadurch kopflos oder bündeln wir unsere Kräfte? 

Angst macht klein und mutlos. Wie können wir die Zukunftsdynamik behalten und stärken?

Wie vermeiden wir es, in der Angst vor der Unsicherheit stecken zu bleiben und dabei zu vergessen, dass wir nur durch ständige Veränderung weiterkommen werden? Im Beharren auf dem Status quo berauben wir uns der Kraft der Fantasie und des Mutes, die Zukunft als entwicklungsfähige Perspektive zu sehen, die wir gestalten müssen.

Und genau das ist die Aufgabe künstlerischen Arbeitens und Wirkens in dieser Zeit der tiefen Umbrüche.

Gerfried Stocker,
Co-CEO / Artistic Director Ars Electronica

Gerfried Stocker (AT) ist Medienkünstler und Ingenieur der Nachrichtentechnik. Seit 1995 ist Gerfried Stocker künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von Ars Electronica. Mit einem kleinen Team von Künstler*innen und Techniker*innen entwickelte er 1995/96 die Ausstellungsstrategien des Ars Electronica Center und betrieb den Aufbau einer Forschungs- und Entwicklungsabteilung, dem Ars Electronica Futurelab. Unter seiner Führung erfolgte ab 2004 der Aufbau des Programms für internationale Ars Electronica Ausstellungen, ab 2005 die Planung und inhaltliche Neupositionierung für das 2009 baulich erweiterte Ars Electronica Center, ab 2015 die Expansion des Ars Electronica Festival und im Jahr 2019 die großangelegte thematische und innenarchitektonische Neugestaltung des Ars Electronica Center. Stocker berät zahlreiche Unternehmen und Institutionen in den Bereichen Kreativität und Innovationsmanagement, ist Gastredner auf internationalen Konferenzen und Universitäten. 2019 erhielt er ein Ehrendoktorat der Aalto University, Finnland.

Pressekonferenz zum Festival-Thema

By starting the content, you agree that data will be transmitted to www.youtube.com.
Data Protection Declaration