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Nach der Residency im Ars Electronica Futurelab hat sich das Konzept von BlindMaps, dem diesjährigen Gewinner des [the next idea] voestalpine Art and Technology Grants, um 180° Grad gedreht. Die Ideologie dahinter wurde jedoch beibehalten.

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Foto: blindmaps.org

Das Forschungsprojekt BlindMaps war der diesjährige Gewinner des [the next idea] voestalpine Art and Technology Grants, ein Kunst und Technologie Stipendium, das inspirierende, neue, ungewöhnliche Ideen für die Zukunft auszeichnet und deren Weiterentwicklung unterstützt. Wie wir bereits Anfang Juni im Interview mit Markus Schmeiduch erfahren haben, beschäftigt sich das Forschungsprojekt BlindMaps mit der schwierigen Aufgabe eine Navigation für blinde und sehbehinderte Menschen zu entwickeln.

Mit Unterstützung eines Stipendiums in der Höhe von 7.500 Euro, welches von Voest Alpine ermöglicht wurde, konnten die Gewinner gemeinsam mit dem Ars Electronica Futurelab das Projekt in einem Artist-in-Residence-Programm weiter vorantreiben.

Bevor die Residency endete haben wir uns mit Andrew Spitz und Ruben van der Vleuten von BlindMaps getroffen, um mit ihnen über die Fortschritte ihres Projekts zu sprechen. Dabei haben wir erfahren, dass sich das physische Konzept um 180° Grad gedreht hat – die Ideologie dahinter jedoch beibehalten wurde.

Foto: blindmaps.org

Hallo Andrew und Ruben, wie war die Residency bis jetzt?

Andrew Spitz: Wir haben vor etwa einem Monat mit der Residency begonnen. Markus ist am 28. Juli ins Ars Electronica Futurelab gekommen, um hier zu arbeiten. Währenddessen haben wir in unserer Werkstatt in Amsterdam an den Prototypen weitergearbeitet, die wir Markus dann geschickt haben. Er hat diese dann gemeinsam mit Userinnen und Usern getestet. Das hat wirklich gut funktioniert. Es war gut, dass wir uns Zeit nehmen konnten um unsere Idee bzw. unser Konzept in etwas zu verwandeln, das tatsächlich funktioniert.

Ruben van der Vleuten: Wir haben wochenlang nur am Konzept zu BlindMaps geschrieben. Es war dann wirklich toll, endlich auch zum Futurelab zu kommen und ins Feld einzutauchen. Manchmal war es schon etwas verwirrend, weil wir nicht hier waren. Wir mussten aber auch noch an anderen Projekten arbeiten und konnten deswegen nicht schon früher hier sein. Es war dann aber wirklich schön endlich hier zu sein, in der tollen Atmosphäre des Ars Electronica Futurelab.

Foto: blindmaps.org

Wie sehr konntet ihr BlindMaps weiterentwickeln, seit ihr die Residency beim Prix Ars Electronica gewonnen habt?

Andrew Spitz: Als wir mit BlindMaps gestartet haben, haben wir als erstes alle Annahmen abgearbeitet. Wir haben zuvor viele Vermutungen getroffen, die wir aufgrund unseres Vorwissens getroffen haben. Außerdem haben wir viel gemutmaßt, welches Produkt für blinde und sehbehinderte Menschen am geeignetsten sein könnte. Schlussendlich haben wir dann aber enorm viel von den Usertests mit den Prototypen gelernt. Das war Anfang Juli. Dabei haben wir gelernt, dass die Technologie, die wir ursprünglich geplant hatten, absolut unrealistisch war, weil es mit dem heutigen Stand der Dinge einfach noch nicht realisierbar wäre. Da wussten wir, dass wir noch viel Zeit investieren müssen, um unsere Idee umzusetzen und um am Ende ein funktionierendes Produkt zu haben. Wir haben außerdem von den Unserinnen und Usern erfahren, dass es so, wie wir es geplant hatten, nicht wirklich funktionieren würde.

Aus heutiger Sicht, waren unsere Ideen damals sehr idealistisch. Durch unsere Residency im Ars Electronica Futurelab konnten wir diese Ideen aber in etwas verwandeln, das auch realisierbar ist. Unser Projekt hat sich also extrem weiterentwickelt. Das, was wir heute haben, ist wirklich etwas das funktioniert und auch wirklich blinden und sehbehinderten Menschen bei der Navigation helfen kann.

Foto: blindmaps.org

Ruben van der Vleuten: Ja, ich glaube auch, dass sich das physische Konzept seit unserer Residency um 180° Grad gedreht hat. Die Ideologie dahinter, blinden und sehbehinderten Menschen bei der Navigation durch Städte und unbekanntem Terrain zu navigieren, ist aber immer noch gleich geblieben. Nur das Objekt und der physische Output haben sich total verändert. Das basiert auf der Erfahrung, die wir bei den Tests mit den Userinnen und Usern gemacht haben und auch auf den weiteren technologischen Recherchen, die wir durchgeführt haben. Wir haben das Projekt ein gutes Stück weiter gebracht. Von etwas, das fast unmöglich zu konstruieren gewesen wäre, zu etwas wirklich Realistischem und wir erreichen noch immer das ursprünglich geplante Ziel. Das ist großartig!

Andrew Spitz: Wir konnten auch erreichen, dass andere Personen sich in das Projekt einbringen können. Das war auch von Anfang an Teil unseres Plans. Es ist eine Plattform und auch eine Art Gemeinschaft mit Personen, die mit ihren unterschiedlichsten Fähigkeiten am Projekt mitarbeiten können.

Foto: blindmaps.org

 Wie hat sich BlindMaps verändert?

Ruben van der Vleuten: Ich erkläre kurz was passiert ist. Beim ersten Konzept hatten wir die Idee ein Gerät mit Braille-Interface zu konstruieren, bei dem man quasi fühlt, wo man hingehen muss. Das war absolut unrealistisch so etwas mit unserem Budget zu konstruieren und es stellte sich auch heraus, dass es nicht der beste Weg für die Navigation ist. Am Papier hat es sich zwar toll angehört, aber in der Praxis würde es nicht funktionieren. Deshalb haben wir dann einen anderen Ansatz gewählt, der viel realistischer ist. Es ist ein Griff für den Blindenstock, der mit einem Bluetooth-Modul ausgestattet ist und so mit dem Handy verbunden werden kann. Momentan haben wir verschiedene Prototypen mit unterschiedlicher Elektronik. Einer hat einen Knopf mit einem Vibrationsmotor, ein anderer einen Knopf mit zwei Vibrationsmotoren. Bei dem mit zwei Motoren verwendet man dann das iPhone App BlindSquare, das speziell für blinde und sehbehinderte Menschen entwickelt wurde und mittels Audiosignalen funktioniert und verbindet das mit unserem Prototyp. Die zwei Vibrationsmotoren navigieren die Personen dann auf die linke oder rechte Seite. Mit dem Knopf kann man mit dem Handy kommunizieren.

Das ist ein Zugang. Wir haben aber auch noch einen anderen, bei dem verbinden wir den Griff des Blindenstocks mit Signalstationen, damit diese miteinander kommunizieren können. Die Signalstationen können irgendwo auf der Straße, wie zum Beispiel auf Bahnsteigen oder neben Türen, platziert werden und sobald man nahe genug an der Signalstation dran ist, drückt man den Knopf am Griff des Blindenstockes und die Signalstation sagt etwas wie, „Sie befinden Sich auf Bahnsteig vier“ oder „Die Türe befindet sich hier“. Dann können die Userinnen und User hören, wo sie hingehen müssen. Das ist eher für die „nahe“ Navigation gedacht.

Foto: blindmaps.org

Andrew Spitz: Ja, es hilft enorm, wenn man Audiofeedback bekommt. Wenn man etwas hört, kann man sich viel besser vorstellen, wie der Raum um einen herum aussieht und wo sich das Gesuchte befindet. Wenn man nichts sieht und beispielsweise in einen Bus einsteigt, kann man sich nur schwer orientieren, um beispielsweise die Ausgänge zu finden. Dieses Gerät zeigt einem die Richtung an und gibt zusätzlich auch Informationen zur Location.

Ruben van der Vleuten: Wir sind hier also von einer generellen Navigation mit GPS zu einer Navigation auf kleineren Räumen gewechselt, in denen GPS einfach nicht funktionieren würde, weil GPS nur eine Genauigkeit von ca. 10 Metern hat. Mit dem Audiofeedback kann man Personen aber wirklich nahe dort hinbringen, wo sie hin wollen. Das funktioniert, im Gegensatz zu GPS, zentimetergenau. Daran arbeiten wir momentan.

Foto: blindmaps.org

Andrew Spitz: Der Prototyp, der sich mit BlindSquare verbindet arbeitet also mehr mit GPS und ist deshalb für die Navigation in einer Stadt geeignet. Der Prototyp, der mit den Signalstationen verbunden ist, ist mehr für die nahe Orientierung geeignet. In Gebäuden funktioniert es beispielsweise sehr gut, weil man somit kein GPS benötigt, das, wie Ruben schon gesagt hat, innerhalb eines Gebäudes nicht funktionieren würde. Unsere zwei Prototypen behandeln also zwei ganz unterschiedliche Arten von Navigation.

Ruben van der Vleuten: Soweit sind wir bisher. Jetzt müssen wir mit den beiden Prototypen wieder weitere Tests mit Userinnen und Usern durchführen, um herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Am Ende wird es aber vermutlich so sein, dass wir die beiden Prototypen miteinander verbinden. Dann hat man einen Blindenstock, den man sowohl mit dem Handy, als auch mit den Signalstationen verbinden kann.

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