In Vitro Typewriter – Welche Informationen hinterlassen wir?

Die bereits sechste Ausgabe der Ausstellungsreihe „TIME OUT“ eröffnet am 8.6.2016 im Ars Electronica Center! „TIME OUT“ ist eine Zusammenarbeit des Ars Electronica Centers mit der Kunstuniversität Linz, bei der in regelmäßigen Abständen aktuelle Medienkunstprojekte des Studiengangs "Zeitbasierte und Interaktive Medien" präsentiert werden. Eine der Arbeiten von "TIME OUT .06" ist der "In Vitro Typewriter" von Simon Krenn.

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„Welche Informationen hinterlassen wir in unseren Spuren, wie beispielsweise einem einfachen Handabdruck und welche Erkenntnisse können wir wiederum aus diesen Informationen extrahieren?“ Diese Fragen stellt sich Simon Krenn in seiner Arbeit „In Vitro Typewriter“, die ab 8.6.2016 bei TIME OUT .06 im Ars Electronica Center ausgestellt ist.

Simon Krenns Arbeit basiert auf einer Hypothese des tschechischen Medienphilosophen Vilém Flusser, die besagt, dass alle gespeicherten Informationen an einem bestimmten Zeitpunkt im Universum wieder in den allgemeinen Strom Richtung Entropie zurückkehren müssen.

Der „In Vitro Typewriter“ besteht aus einer alten, mechanischen Schreibmaschine, die über ein Arduino-Interface mit zwei Agar-Nährböden in Petrischalen verbunden ist. In diesen wiederum wachsen durch Handabdrücke verursachte Mikroorganismenkolonien. Das Wachstum dieser Kolonien beeinflusst den durch einen Text-Rekombinations-Algorithmus automatisch geschriebenen Text auf der Schreibmaschine: Je mehr die Mikroorganismen sich ausbreiten und mutieren, umso stärker verändert sich auch der historische wissenschaftliche Text über die Evolutionsbiologie und das Prinzip der natürlichen Selektion, indem auf der Schreibmaschine zunehmend fragmenthafte Textkompositionen ausgegeben werden.

Wir haben mit dem Kunstunistudenten gesprochen, wie seine Arbeit mit dieser Hypothese genau zusammenhängt und warum er sich für so ein komplexes Thema entschieden hat.

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Fotocredits: Simon Krenn

Wie bist du auf die Idee zum „In Vitro Typewriter“ gekommen?

Simon Krenn: Am Anfang hatte ich die Idee eine kybernetische und hybride Maschine zu entwickeln, die sich zum Teil aus Biomasse und zum Teil aus elektronischen Schaltungen zusammensetzt. Mein Ziel war es, aus den unterschiedlichen Wachstumsmustern und Morphologien der Zellkolonien eine Art Logik abzuleiten, die man auf einen bestimmten Sachverhalt anwenden kann. Ähnlich wie der von Andrew Adamatzky entwickelte PhyChip – eine biomorphe CPU, die von „Physarum polycephalum“, einem Schleimpilz, angesteuert wird – wollte ich ein bestehendes biologisches System, also dem Wachstum und der Entwicklung einfacher Bakterienzellen, in kleine intelligente Einheiten übersetzen. Ich arbeite derzeit an einem Projekt, in dem ich diesen Gedanken noch etwas weiterführen möchte: Die Integration eines neuronalen Biofeedback Systems, das auf der Wachstumsdynamik von genetisch veränderten Mikroorganismen beruht.

Deiner Arbeit liegt die Hypothese des Medienphilosophen Vilém Flusser zugrunde. Kannst du uns bitte mehr darüber sagen, in welcher Verbindung diese Hypothese zu deiner Arbeit steht?

Simon Krenn: Die Arbeit basiert auf dem Text „Gedächtnisse“ von Vilém Flusser. Unter anderem beschreibt er darin die Entwicklung des Gedächtnisses, ausgehend von der prebiotischen chemischen Evolution bis hin zur Entstehung elektronischer Gedächtnisse.

„Gedächtnis kann als Informationsspeicher definiert werden. So verstanden, sind Gedächtnisse überall in der Natur aufzufinden. Gespeicherte Informationen schweben wie Inseln im allgemeinen Strom zur Entropie hin, sie sind zufällig daraus emporgetaucht, und werden notwendigerweise darin wieder untertauchen. […] Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik sagt, dass in der Natur alle Informationen dazu neigen, vergessen zu werden.“ (Flusser: On Memory – Electronic or Otherwise, 1990)

Alle gespeicherten Informationen müssten demnach an einem bestimmten Zeitpunkt im Universum wieder in den allgemeinen Strom Richtung Entropie zurückkehren. Diesen Gedanken finde ich äußerst spannend, da sich aus dieser Sicht der Gedächtnisbegriff auch beispielsweise auf DNA anwenden lässt und damit eine Verbindung zur Entstehung des Lebens herstellt, wie beispielsweise das Konzept des Hyperzyklus, das den Übergang von chemischer zu biologischer Evolution beschreibt.

Bei den Mikroorganismen, die in den Zellkulturschalen wachsen, handelt es sich um Spuren, die ich an diesem Ort zurückgelassen habe. Also eine Art visualisierte Signatur. Dadurch stellen sich Fragen wie: Welche Informationen hinterlassen wir in unseren Spuren, wie beispielsweise einem einfachen Handabdruck? Welche Erkenntnisse können wir wiederum aus diesen Informationen extrahieren? Mit der Installation möchte ich in Anlehnung an Flusser unter anderem diesen Kreislauf der Informationen visualisieren.

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Je mehr die Mikroorganismen sich ausbreiten und mutieren, umso stärker verändert sich auch der Text. Was bedeutet dieser „Zerfall“ des Textes?

Simon Krenn: Die Mikroorganismen wachsen in einer Zellkulturschale bei Raumtemperatur auf einem dünnen Agar-Nährboden. Der Verlauf der unterschiedlichen Wachstumsmuster wird mithilfe einer Kamera dokumentiert. Die auf die Petrischalen übertragenen Bakterienzellen beginnen sich zu teilen und bilden schlussendlich kleine sogenannte Kolonie-bildende Einheiten. In Abhängigkeit verschiedener wachstumsspezifischer Parameter, wie pH-Wert, Nährstoffe und Temperatur, beginnen sich diese Kolonien mehr oder weniger auszubreiten und verändern dadurch auch die initiale Form des Handabdrucks. Je mehr diese Form von dem Anfangszustand abweicht, desto mehr kommt es zur Integration zufälliger Mutationen in den Text, der von der Schreibmaschine ausgegeben wird. Der Zerfall des Textes beruht somit zum einen auf dem Verschwinden meines eigenen Handabdrucks und zum anderen auf der sich ausbreitenden und sich replizierenden Biomasse. Bei den Texten handelt es sich um wissenschaftliche Artikel zur Evolutionsbiologie.

Warum wachsen die Mikroorganismenkolonien in Form von Handabdrücken? Hat das eine besondere Bedeutung?

Simon Krenn: Die Handabdrücke beziehen sich auf unsere Interaktion mit Tastaturen, Eingabefeldern, etc. Überall wo Informationen produziert und archiviert oder konserviert werden, finden wir für gewöhnlich diese Form der alphabetischen Informationsverarbeitung wieder, die auf einem Code basiert, welcher die Laute der gesprochenen Sprache in visuelle Zeichen konvertiert. Die Schreibmaschine wird sozusagen nicht von einer Hand, sondern von einem Handabdruck bzw. von den Lebensformen, die aus diesem Handabdruck hervorgegangen sind, bedient.

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Warum hast du dich für eine Schreibmaschine und nicht beispielsweise für einen Computer entschieden?

Simon Krenn: Im Prinzip könnte ich die Schreibmaschine auch durch einen Computer ersetzen, da es sich bei beiden um Werkzeuge zur Archivierung und Konservierung von Informationen handelt. Schlussendlich hat mir die mechanische Schreibmaschine im konzeptuellen Zusammenhang etwas besser gefallen. Schleichende, beinahe unsichtbare Veränderungen auf den Petrischalen werden in laute mechanische Aktionen übersetzt.

Wie sind die Mikroorganismen mit der Schreibmaschine verbunden? Wie funktioniert deine Arbeit aus technischer Sicht?

Simon Krenn: Die Schreibmaschine ist über einen Arduino-Mikrocontroller mit den beiden Petrischalen verbunden. Die mit den Händen inokulierten Nährmedien resultieren nach etwa dreitägiger Inkubation im Hitzeschrank in unterschiedlich von Mikroorganismen bewachsenen Nährböden. Die daraus entstehenden Bakterien- und Pilzkulturen werden mithilfe von einer unter der Platte befestigten Kamera aufgezeichnet und in Echtzeit prozessiert. Die individuellen Wachstumsmorphologien der Kolonien führen dabei zur algorithmischen Rekombination der Textquellen. Dabei wird jeder prozessierte Buchstabe in eine Zahl übersetzt, die wiederum einem Elektromagnet unter der Schreibmaschine zugeordnet ist, wodurch das jeweilige Buchstabenregister der Schreibmaschine ausgelöst wird. Daraus ergibt sich durch eine endlose Rekombination und Umgestaltung der einzelnen Textfragmente eine visuelle Textkomposition.

Die Ausstellung „TIME OUT .06” eröffnet am MI 8.6.2016, 18:30, im Ars Electronica Center Linz: https://ars.electronica.art/center/eroeffnung-time-out-06/