Die Verbindung zwischen Technologie und Leben

"Digital && Life" ist der Titel der diesjährigen Themenausstellung, die im Rahmen des Ars Electronica Festivals "A New Digital Deal" in den Kepler Gardens stattfindet.

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In unserem Blog-Beitrag präsentieren wir euch nach bereits vorgestellten Projekten wie „Taste your Soil“ oder „Vibrations“ eine umfangreiche Zusammenstellung der Höhepunkte der Ausstellung „Digital && Life“, die es von 9. bis 12. September zu erkunden gibt. Die Kunstwerke der Themenausstellung demonstrieren die Verbindung, die Technologien zu Lebewesen entwickeln. Von den kleinsten Organismen bis hin zu den Methoden zur Untersuchung unserer Körper. Die Reise durch die ausgewählten Werke zeigt auch, wie uns die Technologie mit unserer Umgebung verbindet. Angefangen bei der Wiederherstellung von Meerwasser aus menschlichen Tränen über eintauchen in andere Lebensräume durch eine KI-gesteuerte Klangkulisse bis hin zur Vorhersagung der Zukunft durch Technologie. Nicht zuletzt besteht eine weitere Herausforderung darin, die Kontrolle über scheinbar übermächtige wirtschaftliche Einheiten zurückzugewinnen. Am Schluss dreht sich alles um die Kernfrage: Wie wird unser Leben in der Zukunft nicht nur mit, sondern auch durch unsere Technologie aussehen?

Viele der in der Themenausstellung vorgestellten Projekte wurden im Rahmen mehrerer Residencies im European ARTificial Intelligence Lab1 entwickelt. Die Auswahl umfasst auch Gewinnerprojekte des STARTS Prize2 und des Prix Ars Electronica sowie Arbeiten, die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Telekom und der Johannes Kepler Universität Linz entstanden sind.

„How to make an ocean“ by Kasia Molga (UK/PL)

Bereits letztes Jahr kündigte uns Kasia Molga ihr neues Projekt „How to make an ocean“ in einem Interview an. Nachdem sie im Herbst 2019 einen verheerenden Verlust erlebt hatte, holte sie die Trauer immer wieder ein. Durch das häufige Weinen kam ihr der Gedanke, ihre Tränen für ein sinnvolles Experiment zu nutzen und dabei Selbstheilung zu erfahren. Die Reise zu der uns die Künstlerin einlädt hilft uns den Akt der Trauer zu verstehen und zu umarmen. Gleichzeitig wird auf kreative Weise versucht eine Verbindung zwischen dem menschlichen Körper und den Emotionen in Form von Tränen mit ihrer chemischen Zusamensetzung als mögliche Komponenten des Meeresökosystems zu finden. Die Tränen wurden von der Künstlerin in circa 30 kleinen Fläschchen mit Stichproben der Nordsee abgefüllt. Diese kleinen Ökosysteme wurden gerahmt, beleuchtet und mit dem genauen Datum und dem Grund der Träne (wie zum Beispiel „Kummer“ oder „Angst“) versehen und können vom Besucher betrachtet werden. In einem separaten Raum ist man eingeladen, die Sammlung der Mini-Ozeane durch seine eigene Träne zu erweitern. Dies geschieht durch Videos, die dazu gedacht sind, Tränen hervorzurufen. Die Frage, die Kasia Molga mit ihrem Projekt verfolgt ist dafür umso tröstender: Können wir Tränen, die um das Ende von etwas geweint werden, als positive und lebensbejahende Schaffung eines neuen Mini-Ozeans betrachten?

„The Wandering Mind“ by Gershon Dublon (US), Xin Liu (CN)

Guten Schlaf oder aber eine kreative Anregung um zu meditieren und in sich zu gehen bekommt man bei dem Projekt „The Wandering Mind“ von Gershon Dublon und Xin Liu. Die KI gesteuerte Performance-Plattform haucht unseren Träumen mit den Klängen unserer Welt Leben ein. Das System sampelt und rekomponiert Klangfragmente aus zehntausenden von globalen Feldaufnahmen, die online gefunden wurden. Das Ergebnis sind verschlungene Klangreisen die in kurartierten Performances, Gruppenschlafsessions und geführten Gedankenwanderungen erkundet werden können. In mikro-abgetasteten Klangbädern reisen die Besucher*innen durch Parks und öffentliche Räume auf der ganzen Welt und würdigen diese Lebensräume. Gerade in Zeiten der Pandemie kann ein gedanklicher Ausflug in andere Sphären erfrischend sein und wohltuende Effekte auslösen. Die Projektleiter*innen reagieren damit auf das vergangene Jahr, in dem Aufrufe, zu Hause zu bleiben, alte Gesellschaftsstrukturen zerrissen haben und Massenaufstände neue konstituiert haben, und in dem der digitale und physische öffentliche Raum eine zentrale und transformative Rolle gespielt hat. Durch „The Wandering Mind“ werden die provisorischen Unterkünfte, spärlichen Zufluchtsorte und die frische Luft als auch die Massenaufstände geehrt. Die Entwickler*innen laden ein, den öffentlichen Raum und alle, die ihn bewohnen zu bejahen, indem man sich in den Schlaf treiben lässt, wo immer man sich befindet.

„The Chiromancer“ by Matthias Pitscher (DE), Giacomo Piazzi (IT)

„Vorhersagung“ ist das großes Thema bei dem Projekt von Matthias Pitscher und Giacomo Piazzi. „The Chiromancer“ ist auf den ersten Blick ein Computer, der an einen Scanner und einem Drucker angeschlossen ist. Hinter dem simplen Erscheinungsbild verbirgt sich jedoch eine handlesende künstliche Intelligenz, die eine Prognose bzw. eine Vorhersage zum Leben des Benutzers stellt. Diese Maschine versteht sich selbst als Upgrade der gewöhnlichen Handlesetechnik. Der Nutzer braucht nur seine Hand auf das Glas-Panel zu legen und der Computer generiert eine visuelle Landkarte. Gleichzeitig bedient sich der Text-Generator bei Texten aus dem Internet, die in der Nische von Praktiken des Handlesens und Horoskopen angesiedelt sind. Wie viele andere Geräte speichert, sammelt und extrapoliert auch dieses Daten der jeweiligen Benutzer um eine Antwort zu geben, die vielseitig interpretiert werden kann. In einer Welt voller Geräte, die immer besser darin geworden sind unsere Bedürfnisse zu antizipieren und uns Antworten zu geben, ist es umso wichtiger nicht zu vergessen uns zu fragen, was wir preisgeben und was wir bei jeder Interaktion verinnerlichen. Der künstlerische Aspekt des Projekts erkundet somit die Frage wie Vertrauen, Hoffnungen und auch Wünsche in scheinbar kalte Maschinen gepackt werden. Auf der Webseite der Entwickler*innen stellt sich der „Chiromancer“ auf unterhaltsame Weise persönlich vor.

Codex Virtualis, Interspecifics (INT), Credit: Interspecifics

„Codex Virtualis“ by Interspecifics (INT), AI Lab1

Im Rahmen des AI-Labs1 hatten internationale Künstler*innen die Möglichkeit, sich für Aufenthalte in bedeutenden wissenschaftlichen Einrichtungen weltweit zu bewerben. Eine dieser Einrichtungen ist das City Institute. Dort war die unabhängige künstlerische Forschungsgruppe Interspecifics aus Mexiko-City zu Gast. Interspecifics nutzen Klang und künstliche Intelligenz, um Muster aus der Natur als universelle Form der Kommunikation zu erforschen. Darüber hinaus entwickeln sie Forschungs- und Bildungsinstrumente, die sowohl auf alten Technologien als auch auf modernsten Produktionsformen basieren. Die Gruppe hat eine systematische Verbindung von AI-generierten Hybridorganismen aufgebaut, die lebensecht und selbstorganisiert sind. Diese Hybridwesen zwischen künstlichem und bakteriellem Leben haben die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln und könnten sogar Erkenntnisse darüber liefern, wie das Leben selbst hier auf der Erde und in außerirdischen Lebensräumen entstehen könnte. Sie haben Organismen hervorgebracht, die sich sowohl in morphologischen Formen als auch in algorithmischen Formen manifestieren.

„Data Garden – Grow your own cloud“ by Cyrus Clarke (UK), Monika Seyfried (PL), Jeff Nivala (US), STARTS Prize2

Der Data Garden arbeitet mit der Natur zusammen, um auf die Bedrohung durch die Datenerwärmung zu reagieren und lädt Besucher*innen ein, eine neue Materialität rund um Daten zu erleben. Vor allem aber um eine Welt zu erkunden, in der Datenspeicherung wirklich GRÜN ist. Die kohlenstoffnegative Dateninfrastruktur nutzt als Speichermedium nicht etwa eine Kohlenstoff emittierende Cloud sondern speichert die Daten stattdessen in der DNA von Pflanzen, innerhalb von Organismen, die ihre eigene Energie erzeugen. Das Projekt bietet eine Vision von einer Welt, in der Design eine Zusammenarbeit zwischen Lebewesen, Ökosystemen und Technologie ist. Es bringt die Öffentlichkeit in Kontakt mit Biotechnologie sowie kritischen Themen der „Datenerwärmung“ (der Begriff beschreibt die Verbindung zwischen Kohlenstoffemissionen und Datenspeicherung), genetischer Veränderung und synthetischer Biologie. Die Installation, die es in der Ausstellung zu besichtigen gibt, wurde von „Grow Your Own Cloud“ und dem Wissenschaftler Jeff Nivala entwickelt. Diese organismusbasierte Art von Datenzentrum soll neue Modelle inspirieren, die Prinzipien der Arbeit mit der Natur auf Daten übertragen und regenerative Datenökosysteme schaffen.

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„Moon Rabbit“ by Sarah Petkus (US) and Mark J. Koch (US)

Seit jeher blicken wir Menschen zum Himmel auf und wundern uns über die Natur unserer Existenz. Und wer weiß – vielleicht diskutieren wir diese grundlegende Frage eines Tages sogar mit unseren digitalen Nachkommen? Wenn ja, werden sie uns helfen können, Antworten in den Mustern und Daten zu entdecken, die im Sternenhimmel verborgen sind? In einer mehrmonatigen Forschungs- und Entwicklungsphase versuchen Sarah Petkus und Mark J. Koch, einer Reihe von künstlichen Intelligenzen beizubringen, vertraute Formen und Objekte in Bildern von Sternhaufen, Planetenoberflächen und anderen Himmelskörpern zu erkennen. „Moon Rabbit“ soll dabei helfen, ein Team aus Menschen und “KIs” zu bilden, das sich darauf konzentriert, Bedeutung im Abstrakten zu entdecken. Und wer weiß – vielleicht werden die KIs sogar einmal eigene Persönlichkeiten und Meinungen entwickeln.

DEMYSTIFY AI!, LIT Robopsychology Lab JKU Linz (AT), Credit: Lisa Caligagan

„Demystify AI!“ by LIT Robopsychology Lab (AT)

Das Projekt „Demystify AI“ möchte das Thema „Künstliche Intelligenz“ von Mythen und Missverständnissen befreien und die KI-Kompetenz für die breite Öffentlichkeit  steigern denn zu oft schürt dieses Thema noch diffuse Ängste aufgrund von Unwissen. Das LIT Robopsychology Lab präsentiert deshalb einen interaktiven Bereich, der aus mehreren Installationen besteht. Beim „AI Forest“ finden sich beispielsweise die Besucher*innen in einem Indoor-Wald wieder, in dem sich jede Menge Pilze verstecken. Mit Hilfe einer KI-basierten Identifikations-App soll man einen digitalen Korb füllen. Dabei kann sich jeder selbst ein Bild davon machen, wie gut die App erklären kann, warum sie einen bestimmten Pilz als essbar oder giftig einstuft. In „Serum 13 – A VR Trust Game“ tragen die Spieler*innen ein VR-Headset und lösen knifflige Aufgaben in einem virtuellen Biotech-Labor. Natürlich steht dabei ein KI-Assistent unterstützend zur Seite. Doch wann vertraut man der KI und wann entscheidet man selbst? Die Zusammenarbeit mit entscheidungsunterstützenden Algorithmen wird erlebbar gemacht und regt den Dialog über menschliche Autonomie an. Zu guter Letzt präsentiert die multimediale Installation „Faces of AI“ faszinierende Ergebnisse einer groß angelegten Bildanalyse des LIT Robopsychology Lab und geht auf folgende Fragen ein: Wie wird KI in der Öffentlichkeit visualisiert? Wie viele Gehirne, Roboter oder Menschen erscheinen in welchen Farben? Und wie realitätsnah haben die KI-Studierenden der JKU typische Medienbilder bewertet?

„The virtual Court. Reality.“ by LIT Law Lab (AT)

Der virtuelle Gerichtssaal könnte laut dem Law Lab. des Linzer Instituts für Technologie (LIT) bald zur Realität werden. Die bereits verfügbaren Technologien bieten ein enormes Potenzial für den Rechtsstaat. In der Gegenwart kommen Behörden und Parteien zur mündlichen Verhandlung zusammen. Die Projekte selbst kennen diese nur von Plänen und in Strafprozessen werden beispielsweise Fotos oder Filme vom Tatort gezeigt. Das Projekt „The Virtual Court. Reality.“ zeigt die Möglichkeiten auf, wie diese Verhandlungen in Zukunft geführt werden könnten. Durch Virtual Reality-Technologie wird beispielsweise die ortsungebundene Teilnahme, die Einbeziehung digitaler Quellen, Animationen von Projektplänen oder die Visualisierung von Sachverständigen-Prognosen oder Tatorten mittels 360°-Technologien möglich. Dies ist aber nur ein kleiner Ausschnitt der Optionen, die die virtuelle Realität umsetzen könnte. Bei der Ausstellung tauchen die Besucher in ein virtuelles Gericht der Zukunft ein. Sie finden sich selbst als Parteien in einem virtuellen Saal wieder und können sich für ihre Rechte einsetzen, um dabei die Bedeutung neuer Technologien für den Rechtsstaat mit allen Sinnen und hautnah zu erleben.

Noch vieles mehr erwartet euch!

Das war eine Auswahl an Projekten, die in der Themenausstellung „Digital && Life“ besichtigt werden können. Weitere Höhepunkte wie „Oceans in Transformation“, „Museum of edible Earth“, „Not allowed for algorithmic audiences“ sowie „Made to measure“ oder „In Event of Moon Disaster“ leisten ebenso wertvolle Aufklärungsarbeit rund um die Zukunft. Die unterschiedlichen und kreativen Herangehensweisen der Projektleiter zum Kernthema „Digital && Life“ lassen uns jetzt schon in Diskussionen und Gesprächen versinken. Ob wir für die Zukunft gewappnet sind und wie wir mit ihr umgehen, kann jede/r Besucher/in für sich deuten. Wir freuen uns jedenfalls schon jetzt, durch die verschiedenen Ausstellungen einige Denkanstöße zu geben und damit einen Beitrag für eine verantwortungsvolle Zukunft zu leisten.

Mehr über das Ars Electronica Festival könnt ihr laufend hier auf unserem Blog, auf der Website sowie auf unseren Social Media Kanälen – auf Facebook, Instagram, Twitter und LinkedIn nachlesen.

1 The European ARTificial Intelligence Lab is co-funded by the Creative Europe Programme of the European Union and the Austrian Federal Ministry for Arts, Culture, Civil Service and Sport.

2 The STARTS Prize has received funding from the European Union’s Horizon 2020 research and innovation programme under grant agreement No 956603.