Séra Ildi Creates Her World

Zum u19 – CREATE YOUR WORLD Festival kommen jedes Jahr Künstler und Künstlerinnen von überall aus der Welt. Sie zeigen uns ihre Ideen, probieren sie hier aus und lassen sich selbst zu Neuen inspirieren. Séra Ildi aus der Schweiz arbeitet mit Erinnerungen, die in Menschen, Orten und Dingen gespeichert sind und spinnt sie weiter. Beim Festival wird sie Portraits stricken – hier erzählt sie von ihren Projekten.

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Zum u19 – CREATE YOUR WORLD Festival kommen jedes Jahr Künstler und Künstlerinnen von überall aus der Welt. Sie zeigen uns ihre Ideen, probieren sie hier aus und lassen sich selbst zu Neuen inspirieren. Séra Ildi aus Ungarn arbeitet mit Erinnerungen, die in Menschen, Orten und Dingen gespeichert sind und spinnt sie weiter. Beim Festival wird sie Portraits stricken – hier erzählt sie von ihren Projekten.

Wie können Erinnerungen für andere sichtbar gemacht werden?

Kann ich meine Erinnerungen wie Schmuckstücke tragen?

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knit yourself from Séra Ildi on Vimeo.

Meine Strickporträts sind nach außen gekehrte Persönlichkeiten: Charakterzüge, Erinnerungen, Träume werden in einer Art Maske eingefangen. Die Farben und Materialien werden von den Porträtierten selber ausgewählt, alles andere entsteht durch meine Interpretation. Ich arbeite dabei wie das Gedächtnis: ich nehme die Erzählungen der Porträtierten auf und bearbeite sie, spinne sie weiter, betone einige Elemente mit bunten Farben und ungewöhnlichen Materialien, andere lasse ich verschwinden.

Aus authentischen Erinnerungen und meiner Wahrnehmung entsteht eine gestrickte Erzählung.

Beim Portrait Stricken ist das Zuhören, das Kennenlernen der Person von elementarer Bedeutung. Es sind manchmal ganze Lebensgeschichten, die mir anvertraut werden. So können manche Freundschaften entstehen oder es bleiben glänzende, um sich kreisende Erinnerungen.

Bei der Bizaar, der Aktionsplattform des Festivals „Buskers Bern“ bat ich letztes Jahr die Leute am Ende der Strickaktion mich zu beschenken. Es sind wunderbare, persönliche Geschenke geworden, die ich teilweise noch Wochen später per Post bekam.

Auch bei meiner nächsten Installation „Archäologie der Erinnerungen“ (im Rahmen von „Invisible Zürichs“, ein Projekt des sozial-artistischen Stadtlabors zUrbs in der Südbühne des Theaters Gessnerallee Zürich) suche ich nach Möglichkeiten, Geschichten sichtbar zu machen. In Zürcher Online-Plattformen sammle ich die Erinnerungen von StadtbewohnerInnen, die ich anschließend absorbiere, auseinander schneiden und komprimiere.

So werden sie zu einer Masse, mit der ich arbeiten kann, die ich zu einem Spinnennetz verarbeiten und über die Stadt spanne.

Ich dokumentiere die genauen Orte, fertige so einen Stadtplan der Erinnerungen an. Ich besuche diese Straßen und Plätze und untersuche sie nach Möglichkeiten des Sichtbarmachens der Worte und Sätze – wähle Bäume aus, die sich Ende Oktober statt mit Laub, mit den Erzählungen schmücken – Fäden schlingen sich dann um den Baumstamm herum, Wörter kriechen auf der Rinde auf. Die Geschichten finden zu ihren Entstehungsorten zurück und entfalten dadurch ihre Strahlkraft.

Ich schreibe die Wörter und Sätze der Geschichten auch auf den Asphalt der Gehsteige. Passanten kommen und schreiten über sie drüber.

Der Regen kommt und wischt sie weg.

Die Flüchtigkeit der Kreidebuchstaben steht in enger Verbindung mit der Fragilität und Leichtigkeit der Fäden.

Wiederum geht es um die Ortung der Geschichten, um eine Art Heimkommen der Wörter.

In der Serie „The Story of Z.“ habe ich Erinnerungen erdachter Personen erfunden. Neu in Zürich, war es mein Willkommensgeschenk an die Stadt. Ich wanderte durch die Straßen und ließ mich von den Stimmungen leiten. Es entstanden acht Schwarz-Weiß-Fotografien gepaart mit fragmentarischen Texten.

Mit der Wiener Aktionsgruppe  „Was wohnst du“ habe ich Spuren von unbekannten Menschen untersucht. Unsere Spielwiese war ein verlassenes Haus, wo die letzten MieterInnen ihre Bücher, Hanteln, Röntgenbilder, ihre ganze Bettwäsche in der Wohnung gelassen haben.

Wir haben die Gegenstände als Grundlage für unsere Installation genommen, haben die Erinnerungen, die der Wohnung innewohnten, auf unsere Art und Weise entziffert. Ein Kunstfilm zog in den Schrank, wo früher Mäntel hingen. Groschenromane fanden ihren Weg auf die Bettkästchen. Im Wohnzimmer stand ein Musikinstrument aus Billardtisch und Blechdosen.

Auf den Wänden fand ein Spiel statt: BesucherInnen konnten aus Tausenden von Innenaufnahmen verschiedener Wohnräume wählen, um fotografierten Personen den Hintergrund für ihr imaginäres Leben zu kreieren. So spielten wir während des Festivals „Soho in Ottakring“ in einem Haus, das nach Vergangenheit roch.

In der kArton Galerie in Budapest haben wir mit dem Architekten Thomas Dimov die verborgenen Zeitschichten eines Raumes freigelegt: Die Metamorphosen der Galerieräumlichkeiten selbst wurden zum roten Faden durch die Multimedia- Installation „In one room and a half“.

Vom prächtigen Eingangsbereich eines großbürgerlichen Hauses nach dem Zweiten Weltkrieg in eine Hauswartswohnung umgebaut, zog sich der Raum die ersten Narben zu. Nach 1989 von der Wohnung in eine Galerie verwandelt, bildete sich die interessante, leicht verwirrende Mehrschichtigkeit des Raumes. Erinnerungen an die unterschiedlichen Stadien der Räume wurden durch Klanginstallationen, Videoprojektionen, Literaturfragmente, Fotografien und Designobjekte sichtbar gemacht.

Hier könnte sich der Kreis schließen, wenn es ein Kreis wäre und nicht eine Spirale, eine aus persönlichen und fremden Erinnerungen, aus Menschen und Häusern und Städten und Kontinenten…

Ildikó Séra hat in Wien und Portsmouth Architektur sowie Fotografie studiert. Sie lebt und arbeitet seither in Wien und Zürich. Ihre künstlerischen Arbeiten – oft Rauminstallationen und Dokumentationen de Aufarbeitung von Erinnerungen und Persönlichkeiten – waren bereits in mehreren Ländern in Europa auf Gruppen- und Einzelausstellungen zu sehen.

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Sėra Ildi (geboren 1972 in Ungarn) studierte Architektur und Fotografie an der TU Wien und der University of Portsmouth. Sie gründete 2005 den Verein „in_between : culture“, mit dem sie Literatur- und Multimediaprojekte realisiert. Sie ist in den Bereichen Fotografie, Kunst im öffentlichen Raum und Installationen tätig. Aktuell arbeitet sie an der „Archäologie der Erinnerungen“, einer Installation im öffentlichen Raum in Zürich und an einer Reihe von Kunstaktionen mit der Urban Gardening-Initiative „Merkurgarten“ ebenfalls in Zürich. Sie strickt und stellt aus in Holland, Deutschland, Österreich und Ungarn.

www.seraildi.me
www.inbetween.at