Sieben Milliarden Stimmen

Laina Greene fordert ein Menschenrecht für den Zugang zu digitalen Technologien. Wie wichtig digitale Gemeinschaften sind und welche Chancen in ihnen stecken, erzählt uns die Prix-Jurorin in einem Interview.

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Digitale Plattformen bringen Menschen zusammen. Das Projekt „Refugees United“ erhielt im Rahmen des Prix Ars Electronica 2013 in der Kategorie „Digital Communities“ eine Auszeichnung. Foto: Christopher & Dave Mikkelsen

Es gibt kaum einen anderen Bereich, der unser Leben so verändert hat und in den nächsten noch viel mehr verändern wird, wie die Technologie, die uns Menschen weltweit vernetzt. Das World Wide Web bringt Menschen zusammen, mit ihren Anliegen, mit ihren Problemen und mit ihren Geschichten. Wir haben mit Laina Greene, Jury-Mitglied beim diesjährigen Prix Ars Electronica in der Kategorie „Digital Communities“, darüber gesprochen, warum uns digitale Gemeinschaften voranbringen können, ob wir nicht in die Gefahr laufen, gar nichts mehr zu hören, wenn alle etwas sagen wollen, und wie wichtig der soziale Kontext bei der Bewertung von Projekten ist.

Warum braucht es gerade eine Prix-Kategorie wie “Digital Communities”?

Laina Greene: Das ist eine gute Frage. Wir leben in einer Welt, die sehr digital ist. Schon deshalb ist es wichtig, eine Kategorie zu „Digital Communities“, digitalen Gemeinschaften, zu haben. Ich selbst sehe das Digitale stets als Werkzeug, das helfen kann, die Menschen und die Welt näher zusammenbringen. Das bedeutet aber nicht, dass der „analoge“ Weg der Kommunikation nicht weniger wichtig ist – dieser ist und bleibt sehr wichtig. Aber die Realität heute zeigt uns, dass wir in einer digitalen Welt leben, die sehr urbanisiert ist. Gerade in Städten leben die Menschen immer isolierter und digitale Technologien können dabei ein Mittel sein, um “Communities” aufzubauen, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl fördern und die Wichtigkeit der BürgerInnenverantwortung betonen. „Digital Communities“ sind gerade in einer digitalen Welt wichtig – sie geben den Menschen eine Stimme. Das bedeutet aber auch, wenn man nicht in einer digitalen Gemeinschaft ist, dass diese Stimmen oft verloren gehen. Daher kommt auch meine Vorstellung, dass wir das Unverbundene verbinden – zum Beispiel, wenn es darum geht, die „digitale Kluft“ zu überwinden.

Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die nicht einmal ein einfaches Telefon zuhause haben. Ihre Stimmen werden selten gehört. Meine Vorstellung ist es, sie mit digitalen Technologien auszustatten. Warum? Weil digitale Technologien einen Multiplikatoreneffekt besitzen.

Was meine ich damit? Wenn Sie zum Beispiel eine Schule in einem Entwicklungsland errichten wollen, müssen Sie sich zuerst mit Themen wie Infrastruktur beschäftigen. Dann benötigen Sie auch eine Bibliothek, eine gut gefüllte Bibliothek, sie müssen Straßen bauen, um all die Bücher in die Schulen bringen zu können. Dann müssen Sie LehrerInnen finden, die bereit sind, in diese ländlichen Gegenden zu ziehen, um dort in der Schule zu unterrichten, und Sie sind darauf beschränkt, welchen Zugang die LehrerInnen selbst zu ihrem Wissen haben, und so weiter. Wenn Sie aber eine Schule bauen und sie mit einem digitalen Zugang ausstatten, dann können die LehrerInnen und SchülerInnen einer viel größeren digitalen Gemeinschaft an LehrerInnen und SchülerInnen beitreten, die bereit sind, ihr Wissen zu teilen. Sie haben dann Zugriff auf ein ganzes weltweites Netzwerk an Bibliotheken. Sie können mit anderen SchülerInnen reden. So können Menschen, die sich eine Reise nicht leisten können, einer digitalen Welt an Zusammenarbeit und Wissen betreten. Wenn es nach mir ginge, sollten digitale Technologien ein Menschenrecht sein. Wir leben in einer digitalen Welt, und so wie wir Luft, Wasser und Nahrung haben, müssen wir in Wirklichkeit auch miteinander verbunden sein, um voranzukommen. Genau dadurch können wir eine höhere Lebensqualität für jeden schaffen.

Laina Greene, Foto: Florian Voggeneder

Um noch einmal auf Ihr Ziel zurückzukommen, sehr viele Menschen online zu bringen – ist es dann nicht schwierig, all die Menschen zu hören, wenn so viele ihre Stimmen ergreifen?

Laina Greene: Wenn Sie das mit einem Radiosender vergleichen, wo jeder zur selben Zeit spricht, dann gehen die Stimmen sicher unter. Aber ich denke, das Schöne an digitalen Gemeinschaften ist, dass die Menschen ihre eigenen Radiosender schaffen können. Es gibt nicht nur einen Kanal. Die Medien früher waren natürlich so ausgerichtet – eine Person hat mit Tausenden Menschen kommuniziert. Die digitale Welt heute oder das Internet ermöglicht uns aber, dass viele Menschen mit vielen Menschen sprechen können. Es ist ein Mehrpunkt- zu Mehrpunkt-Netzwerk, das sich sehr von der herkömmlichen Art unterscheidet, wie Kommunikation funktioniert. Und hier gibt es nie genug Kommunikationskanäle. Wenn Sie beispielsweise die Situation in Nigeria hernehmen, wo 165 Mädchen von ihrer Schule entführt und als Bräute verkauft wurden – ohne der digitalen Welt hätte ihre Stimmen niemand gehört. Niemand hätte über ihre Geschichte erfahren. Aber so wissen die Menschen nun davon, es wurde über Facebook und andere soziale Netzwerke geteilt, und die Regierung erfuhr öffentlichen Druck zu handeln und dagegen etwas zu tun. Hoffentlich werden diese Mädchen gerettet. Ich würde sagen, es gibt immer noch viele Stimmen, die nicht gehört werden, aber gehört werden sollten. Herkömmliche Mechanismen sind nicht ausreichend.

Die Jury-MitgliederInnen der Kategorie „Digital Communities“ 2014. Foto: Florian Voggeneder

Wenn wir uns die Projekte ansehen, die zur Kategorie “Digital Communities” eingereicht wurden, auf welche Themen beziehen sie sich besonders?

Laina Greene: Eigentlich waren es sehr unterschiedliche Projekte. Es gab Projekte, die ihren Fokus auf Bildung legten, auf Bürgerrechte und auch auf Menschen, die gegen Zensur ankämpfen.  Wir hatten Projekte, die sich mit Machtbefugnissen beschäftigten, wie zum Beispiel digitale Gemeinschaften, die sich das Ziel gesetzt haben, den armen Menschen zu helfen und die Armut an sich zu beseitigen. Wir hatten auch eine spannende Mischung an Projekten von Entwicklungsländern und Industrieländern. Ein schönes Detail am Rande war auch, dass unsere Jury aus sehr unterschiedlichen und vielseitigen Menschen bestand. Sehr viele von uns hatten einen unterschiedlichen Hintergrund wie ich: Ich komme selbst aus einem Entwicklungsland, da ich in Asien aufgewachsen bin, aber ich habe in Europa und in den USA gelebt – so bezeichne ich mich selbst stets als Weltbürgerin. Ich betrachte mich nicht nur als Inderin oder nur als Singapurerin, da ich eine umfassende Perspektive auf das Leben habe. Mit dabei war auch ein Inder, der in Afrika lebte, in Asien aufwuchs und nun in Österreich wohnt. Wir hatten auch eine Syrerin, die in Galizien in Spanien lebt, wir hatten einen Italiener, der derzeit in Deutschland arbeitet, und so weiter. Das war sehr interessant, weil jedes Jurymitglied andere Perspektiven einbrachte, und deshalb war es uns möglich, einen guten Einblick in jedes einzelne Projekt zu bekommen.

Oft sah ein Projekt schon auf den ersten Blick spannend aus, aber jede Person konnte ihre Erfahrung einbringen, damit wir das Projekt innerhalb seines sozialen Kontexts besser verstehen konnten. Wenn zum Beispiel eine Einreichung aus dem Iran zunächst sehr einfach aussah, wo jemand sagen konnte, „Oh, davon gibt es Tausende in Europa“, wir aber dann den iranischen Kontext miteinbezogen, verstanden wir, wir mächtig das Projekt eigentlich war, da Menschen, die solche Dingen im Iran tun, großen Mut aufbringen müssen. Der soziale Kontext ist sehr wichtig für alle Projekte. Aber auch die Vielfalt unserer Jury, seien es auch die Geschlechter oder die Leidenschaften, war sehr unterschiedlich. Jemand, der aus einer Gegend wie Fukushima kommt und so nahe an einer Naturkatastrophe war, bewertet ein zunächst unscheinbares BürgerInnenprojekt ganz anders. Summa summarum gab es zwar keine bestimmte Gruppe an Projekten, die hervorstach, aber insgesamt hatten wir eine große Vielfalt und dank der Vielfalt in der Jury konnten wir uns den Projekten besonders gut nähern. Da wir den sozialen Kontext berücksichtigten, haben wir gesehen, wie mächtig viele der Projekte waren. Die Wahl der GewinnerInnen war aber keine einfache Aufgabe.

Laina Greene (SG/US)
Laina Raveendran Greene ist Chief Executive Officer von GET-IT, Green Energy Technology and Info-communications Technology, sowie Executive Director eines börsennotierten Telekom-Unternehmens in Indonesien. Sie weist 25 Jahre Erfahrung in der Telekom-Industrie mit Schwerpunkt Green ICT und Überwindung der digitalen Kluft in Entwicklungsländern auf. Außerdem war sie als Secretary General der Asia Pacific Internet Association, Board Director der Globetel Communications Corp und Gastvortragende beim Global Enterprise Marketing-Programm in Stanford tätig und gründete ein interaktives Digital-Media-Unternehmen in Singapur, das sie zehn Jahr lang führte und schließlich verkaufte. Sie wohnt und arbeitet im Silicon Valley, in Singapur und Indonesien und betrachtet sich als Serienunternehmerin und Weltbürgerin.