Die große Feuerwehr-Challenge: Emergency Error Battle

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Feuerwehrtrupps laufen in Eiltempo durch das Ars Electronica Festival, klettern die alten Paketrutschen der POSTCITY Linz hinauf, springen über Hindernisse und bedienen Brain Computer Interfaces, hochkonzentriert im Einsatz. Ein Medienkunstfestival in Aufruhr – wenn nicht alles nur gespielt wäre. Bei der großen Feuerwehr-Challenge „Emergency Error Battle“ am 8. September 2018 sind Freiwillige Feuerwehren dazu eingeladen, in einer simulierten Notfallsituation ihr Können unter Beweis zu stellen. Die Challenge am Ars Electronica Festival vereint traditionelle Geschicklichkeits- und Einsatzübungen der Feuerwehr mit technologischen Herausforderungen der Moderne.

Als Hauptgewinn winkt ein Erlebnistag bei der Firma Rosenbauer, dem weltweit führenden Hersteller für Feuerwehrtechnik im abwehrenden Brand- und Katastrophenschutz – natürlich mit Exklusivbesichtigung ihres zukunftsweisenden Concept Fire Truck. Noch können sich Freiwillige Feuerweheren zur Challenge anmelden, alle Informationen dafür erfahren Sie hier.

Warum digitale Technologien gleichzeitig Hilfe und auch Herausforderung für die Feuerwehr sind und was die Zukunft für Einsatzkräfte außerdem noch mit sich bringen wird, haben Wolfgang Kronsteiner, OÖ Landesfeuerwehrkommandant, und Festivalleiter Martin Honzik im Interview verraten.

Wie sieht die Zukunft des Helfens aus?

Wolfgang Kronsteiner: Aus meiner Sicht sind wir mittendrin in dieser Zukunft, immer schon gewesen eigentlich. Gefahren verändern sich ständig und je dominanter und rasanter technische Entwicklungen sind, desto mehr Gefahren entstehen. Gleichzeitig aber auch Chancen, sie zu beseitigen! Wir kennen diese Balance genau, die auch die Zukunft des Helfens ausmacht. Wie kann ich neuen Gefahren optimiert begegnen? Wie kann ich auch technologiekritisch an manche Dinge herangehen? Ich denke, das ist ein gesellschaftlicher Auftrag: Darauf zu achten, dass keine Gefahren in die Welt gesetzt werden, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie sie im Eskalationsfall beseitigt werden könnten. Im Moment werden wirtschaftliche Technologien hochgelobt, aber wehe es kommt zum Error. Der steckt aber immer drinnen! Ich habe noch nie eine Technologieentwicklung ohne Mängel gesehen, zumindest in einer längeren oder kürzeren Anlaufphase. Es ist eine gemeinsame, gesellschaftliche Aufgabe, sich zu überlegen, wie man dem Eskalationsfall begegnet.

Technologie eröffnet also neue Möglichkeiten, birgt aber auch Gefahren. Welche Szenarien werden hier für die Feuerwehr besonders relevant sein?

Wolfgang Kronsteiner: Mir gefällt das Beispiel der Kommunikationstechnik sehr gut. In der Übertragungstechnik sind wir sehr sicher, stehen jetzt aber vor dem Problem, dass vieles davon, was kommuniziert wird, falsch ist. Das lässt sich technisch alleine nicht lösen. Was wir dafür schon technisch lösen und nutzen können, was auch für die Feuerwehr sehr wichtig sein wird, ist das Smart Home. Bei der Lageerkundung für einen Einsatz geht es darum, zu erkennen, was passiert ist, um die richtigen Maßnahmen ergreifen zu können. Wenn wir dort durch technische Mittel Unterstützung bekommen, wird uns das Vieles erleichtern. Angefangen vom Bauplan, wo die Einrichtungen sind, wie beheizt wird, welche Gefahren in einem Haus schlummern, wo vielleicht verletzte Personen liegen, wo man den Einsatz beginnen muss – es geht darum, Prioritäten zu setzen. Hier eröffnet die Technik riesige Chancen.

Who Wants to Be Self-driving Car / Joey Lee (US), Benedikt Groß (DE), Raphael Reimann (DE), MESO Digital Interiors, David Leonard (US). Credit: moovellab

Martin Honzik: Ich war vor kurzem in Korea beim Post-City Lab Seoul, das dort von Ars Electronica und ZER01NE veranstaltet wurde. Dort war eine Gruppe von Künstlern, Joey Lee, Benedikt Groß, Raphael Reimann, David Leonard und MESO Digital Interiors, die ein Gefährt gebaut haben, das alle Computerleistung und Sensoriken besitzt, die auch ein autonomes Auto in Zukunft an Technologie haben wird. Sie werden auch zum Festival dieses Jahr kommen. Jedenfalls waren wir in Korea gemeinsam beim Königspalast und sie probierten ihre Technologie aus – auf einmal konnten wir im Umfeld von 200 Metern durch alle Wände durchsehen. Wir zählten 34 Personen. Man steht da und denkt sich: Fantastisch! Gleichzeitig hatte ich sofort mein kritisches Momentum: Das geht ja viel zu weit! Wenn diese Technologie jedes Auto hat, das geht nicht.

Wolfgang Kronsteiner: Ich glaube, wir werden wirklich mehr damit beschäftigt sein, Technologiekritik und gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben zu müssen, als den Einsatz der Technologie selbst!

Martin Honzik: Genau an diesem Punkt sind wir jetzt. Es geht nicht mehr darum, auf die Technologie der Zukunft zu warten. Es geht darum, wie wir mit der bestehenden Technologie unsere Zukunft gestalten. Das, was wir beim Festival sehr provokant in den Raum stellen, ist, dass wir eine neue soziale Intelligenz brauchen. Wir haben es nicht mehr mit Maschinen zu tun, deren Operator wir sind, sondern es sind technologische quasi-Wesen, Kreaturen, die uns auf Augenhöhe begegnen. Die Empathie und die soziale Intelligenz den Maschinen gegenüber ist viel eher die Herausforderung als die nächste technologische Innovation. Wie gehen wir damit um? Welchen Raum geben wir der Technologie? Das ist dasselbe beim Beispiel der Smart Homes – es wird uns als fantastisch verkauft, man kann mit einem Augenzwinkern die Türe aufmachen sozusagen, dabei geht es gar nicht darum. Das ist nur Lifestyle, das braucht die Welt nicht. Was die Welt aber schon braucht, sind Lösungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, Menschen mit eingeschränkter Mobilität, eine alternde Gesellschaft.

Wir setzen als Menschen Dinge in die Welt, ohne uns über die Konsequenzen Gedanken zu machen, meiner Meinung nach Teil des in unserer DNA liegenden Errors. Gleichzeitig ist das aber auch die Triebfeder. Wir sind in der Lage, unsere Leben zu riskieren, Pionierleistungen zu erbringen und über uns hinauszuwachsen, obwohl es in aller Konsequenz vielleicht die eigene Konsequenz kostet. Gleichzeitig ist das die Triebfeder, die uns in die Zukunft bringt, die uns zu Innovationen zwingt.

Wolfgang Kronsteiner: Auf der einen Seite der oder die Einzelne, mit einer Idee, mit einem inneren Trieb, und auf der anderen Seite die unterschiedlichen Gesellschaften, die den Umgang damit steuern. Auf der ganzen Welt gibt es Gruppen, die unterschiedlich mit dieser Frage, mit dieser Herausforderung umgehen.

Martin Honzik: Wir befinden uns in einer Situation, dass die Technologie, die wir ins Leben gesetzt haben, uns als Kultur beeinflusst, aber die Kultur an sich auch die Verwendung der Technologie beeinflusst. Man kann nicht alles über einen Kamm scheren.

Credit: Florian Voggeneder

Was heißt das für die Fähigkeiten, die eine Feuerwehr braucht, um mit diesen Herausforderungen umzugehen?

Martin Honzik: Ich finde, dass darin, wie die Feuerwehr damit umgeht, die Antwort auf diese oft gestellte Frage, was die Zukunft der Mobilität sein wird, steckt. Autos zum Beispiel entwickeln sich zu Teilen eines Netzwerkes, ein Auto wird zu einer mobilen Energiequelle, die eine Person mitnehmen kann, die aber auch andere Rollen in einem Netzwerk einnehmen wird. Bei der Feuerwehr ist das genau dasselbe. Die Rolle der Feuerwehr, zu helfen, wird gleich bleiben, aber die Entwicklungen der Gesamtgesellschaft werden nicht spurlos an ihr vorbeigehen.

Wolfgang Kronsteiner: Was für mich wichtig in der Zukunft der Feuerwehr ist, ist die Frage der Bodenhaftung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht jede technologische Entwicklung aktiv mitmachen, während wir gleichzeitig im Auge behalten, was sich tut. Wir müssen im Handeln herausfinden, woraus wir den größten Nutzen ziehen können, ohne diese doch riesige Organisation zu überfordern. Das würde letztendlich zur Handlungsunfähigkeit führen. Wir müssen uns ein gewisses Maß an kritischer Auseinandersetzungsfähigkeit behalten, aber auch die Offenheit für neue Technologien. Natürlich sind wir sehr traditionsgebunden, wir brauchen Bodenhaftung und das ist wichtig so. Auch, wenn man als Individuum abheben wollte, als Kollektiv muss man am Boden bleiben, weil man die Verantwortung für so viele hat. Das ist die große Herausforderung, der innovative Geist auf der einen Seite und das praktisch-operative Können.

Was erwartet die Feuerwehren, die mitmachen, in der Challenge?

Martin Honzik: Genauso, wie uns die Zukunft uns alle überraschen wird, werden wir bei der Emergency Error Battle einen Parcours legen, der von Überraschungen gespickt ist. Überraschungen, die einerseits damit zu tun haben, dass der Ort, wo die Challenge stattfindet, ein exotischer ist: Die alten Paketrutschen der POSTCITY Linz, auf denen hinauf und hinunter gehastet wird. Andererseits hat es mit neuen Technologien zu tun, wie Brain Computer Interfaces der Firma g.tec medical engineering oder der Raupenmanipulator von Rosenbauer. Tradition trifft Moderne. Es gibt also viele Geschicklichkeitsübungen, wo es um diese neue Kombination von Mensch und Maschine geht, gepaart mit den herkömmlichen Zielsetzungen, nämlich in körperlicher Topform einen Parcours in kürzester Zeit zu absolvieren.

Credit: Tom Mesic

Wolfgang Kronsteiner: Es geht um traditionelle Einsatzformen, Atemschutz, Geräteträgereinsatz, körperlich anstrengend sich vorkämpfen müssen zu jemandem, der zu retten ist, und auf dem Weg dorthin einiges über die Nutzung von neuen Technologien bewerkstelligen können.

Martin Honzik: Es geht auch um das Zusammenwirken von Menschen und Technologie, also wie wir zusammen mit der Technologie einen effizienten Schwarm gründen können, der eine Meta-Intelligenz entwickelt und viele Perspektiven für eine Lösung einfließen lassen kann. Das ist der Fokus: Dass man sich in Kombination mit technologischen Tools in Situationen begeben kann, die ohne diese technische Unterstützung lebensgefährlich gewesen wären. Aber auch lebensgefährlich werden, wenn die technischen Mittel nicht richtig operiert werden können.

Wolfgang Kronsteiner: Wir arbeiten in Trupps, die immer aus zwei Personen bestehen. Drei Trupps ergeben eine Gruppe, mehrere Gruppen machen Züge, so ist das organisiert. Wenn ich in einem Trupp einen Menschen durch eine Maschine oder einen Roboter ersetze, ist es immer noch ein Trupp. Man entwickelt hier also möglicherweise neue Formen von Trupps. Das ist interessant, vielleicht sind in Zukunft nicht genug Leute da, oder es geht an Orte, die für einen Menschen zu gefährlich sind. Teilweise verwenden wir dieses System schon, es gibt zum Beispiel Löschunterstützungsfahrzeuge, die genau solche Aufgaben übernehmen.

Wolfgang Kronsteiner ist seit 2011 OÖ Landesfeuerwehrkommandant. Zuvor, von 2009 bis 2011, war Kronsteiner Stellvertreter von Landesfeuerwehrkommandant Johann Huber.

Martin Honzik Festival Leiter Ars Electronica

Martin Honzik ist Künstler und Leiter des Ars Electronica Festivals, Prix Ars Electronica und Exhibitions. Er studierte visuelles experimentelles Design an der Kunstuniversität Linz (Abschluss 2001) und absolvierte den Masterstudiengang Kultur- und Medienmanagement an der Universität Linz und am ICCM Salzburg (Abschluss 2003). Neben seiner Tätigkeit als freier Künstler in verschiedenen Kunstprojekten war er Mitarbeiter des Ars Electronica Futurelabs, wo er bis 2005 unter anderem Ausstellungsdesign, Kunst in der Architektur, Interfacedesign, Eventdesign und Projektmanagement betreute. Seit 2006 ist Martin Honzik Direktor des Ars Electronica Festivals und des Prix Ars Electronica und verantwortlich für die Ausstellungen im Ars Electronica Center sowie für die internationalen Ausstellungsprojekte der Ars Electronica.

Die Challenge „Emergency Error Battle“ findet am 8. September 2018 in Zusammenarbeit mit dem OÖ Landesfeuerwehrverband und Rosenbauer mitten am Ars Electronica Festival statt. Sie richtet sich an Freiwillige Feuerwehren, die Teilnahme ist gratis. Alle Informationen und den Link zur Anmeldung finden Sie auf unserer Webseite.

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